Sonne legte sich grundsätzlich dort hin, wo jemand gerade hinwollte.
Wenn Herr Brandt mit einem Schraubenzieher vor dem Schrank kniete, saß Sonne auf seinem Fuß.
„Du bist keine Hilfe“, sagte Herr Brandt.
Sonne schnurrte.
„Doch“, sagte ich. „Er ist moralische Unterstützung.“
Herr Brandt nickte ernst.
„Dann hat er eine Festanstellung.“
So wurden aus zwei Wohnungen langsam drei Leben, die sich nicht mehr ganz voneinander fernhielten.
Trotzdem hatte ich manchmal Angst.
Nicht vor Herrn Brandt.
Nicht vor den Katzen.
Vor dem, was Nähe mit einem macht.
Wenn man lange allein war, wird Alleinsein irgendwann nicht mehr nur ein Zustand. Es wird eine Gewohnheit. Fast wie ein Möbelstück, über das man nicht mehr stolpert, weil man genau weiß, wo es steht.
Nähe räumt dieses Möbelstück um.
Und plötzlich stößt man sich wieder.
Ich merkte es an kleinen Dingen.
Wenn Herr Brandt einen Tag nicht klopfte, horchte ich auf Geräusche im Treppenhaus.
Wenn Sonne länger bei ihm blieb, fühlte meine Wohnung sich für einen Moment wieder zu still an.
Wenn Wolke vor der Tür saß, fragte ich mich, ob er lieber drüben wäre.
Dann schämte ich mich.
Weil Liebe keine Rechnung ist.
Das hatten mir diese beiden doch schon beigebracht.
An einem Sonntagmorgen brachte Herr Brandt die Katzen zurück. Er hielt Sonne vorsichtig auf dem Arm, als trüge er etwas sehr Wertvolles.
Wolke lief neben ihm her.
„Ich wollte fragen“, sagte er an meiner Tür. „Nicht, dass ich mich aufdrängen möchte.“
So fangen Sätze an, die einem alten Menschen besonders schwerfallen.
„Ja?“
Er sah an mir vorbei ins Wohnzimmer.
„Im Tierheim gibt es Besuchstage. Für Menschen, die Tiere nicht adoptieren können oder wollen. Man kann vorlesen. Füttern. Einfach da sein.“
Ich blinzelte.
„Woher wissen Sie das?“
„Ich habe angerufen.“
Das überraschte mich so sehr, dass ich nichts sagte.
Herr Brandt strich Sonne über den Kopf.
„Ich wollte fragen, ob Sie mitkommen.“
Ich dachte an den Katzenraum.
An die Metallboxen.
An Wolke hinter den Gitterstäben.
An Sonne, der beim Abschied dieses leise, fragende Geräusch gemacht hatte.
Ein Teil von mir wollte nicht zurück.
Ein anderer Teil wusste, dass genau dort etwas begonnen hatte.
„Ja“, sagte ich. „Ich komme mit.“
Wir gingen am nächsten Dienstag.
Nicht, um noch eine Katze zu holen.
Das sagte ich sehr deutlich.
Herr Brandt sagte es auch sehr deutlich.
Natürlich glaubte uns niemand.
Die Frau im Tierheim lächelte nur, als wir hereinkamen.
Der Katzenraum war noch derselbe.
Und doch sah ich ihn anders.
Beim ersten Mal hatte ich nach einer Katze gesucht, die meine Leere füllen sollte.
Diesmal sah ich die Tiere an und fragte mich, wen sie vielleicht vermissten.
Ein grau getigerter Kater lag mit der Pfote durch die Gitterstäbe. Eine alte Schildpattkatze saß aufrecht wie eine Dame, die niemandem zeigen wollte, dass sie müde war. Zwei junge Katzen schliefen so eng aneinander, dass man nicht sah, wo die eine aufhörte und die andere anfing.
Herr Brandt blieb vor ihnen stehen.
Er schluckte.
„Zusammen“, sagte er leise.
Die Mitarbeiterin nickte.
„Ja. Die beiden geben wir auch nur zusammen ab.“
Ich sah zu Herrn Brandt.
Er sah nicht mich an.
Er sah die Katzen an.
„Gut“, sagte er.
Mehr nicht.
Aber in diesem einen Wort lag so viel.
Einmal in der Woche gingen wir nun ins Tierheim.
Herr Brandt las den alten Katzen aus der Zeitung vor. Nicht, weil sie die Nachrichten brauchten. Sondern weil seine Stimme dabei ruhiger wurde.
Ich saß bei den scheuen Katzen und tat nichts.
Das klingt wenig.
Aber manchmal ist Nichtstun das Freundlichste, was man tun kann.
Einfach da sein.
Nicht greifen.
Nicht retten wollen, bevor jemand bereit ist.
Wolke und Sonne blieben in dieser Zeit zu Hause.
Beim ersten Mal hatte ich ein schlechtes Gewissen.
Als wir zurückkamen, lagen beide auf meinem Sofa und taten so, als hätten sie nie an uns gezweifelt.
Natürlich hatten sie das nicht.
Tiere prüfen uns nicht wie Menschen.
Sie merken nur, ob wir wiederkommen.
Mit der Zeit wurde meine Wohnung voller.
Nicht mit Dingen.
Mit Geräuschen.
Mit Schritten im Flur. Mit Herrn Brandts trockenem Husten hinter der Wand. Mit Sonnes Schnurren auf dem Sofa. Mit Wolkes Pfoten auf den Dielen.
Und manchmal mit meinem eigenen Lachen.
An einem Abend, viele Monate nachdem ich Wolke aus dem Tierheim geholt hatte, saßen Herr Brandt und ich in meiner Küche.
Die beiden Katzen lagen unter dem Tisch.
Wolke hatte seinen Schwanz über Sonnes Rücken gelegt.
Sonne schlief mit offenem Mund.
Es sah nicht besonders würdevoll aus.
Herr Brandt betrachtete sie lange.
Dann sagte er: „Wissen Sie, was ich damals gedacht habe, als Ihre Katzen vor meiner Tür saßen?“
„Dass Ihre Nachbarin verrückt geworden ist?“
Er lächelte.
„Auch.“
Dann wurde sein Gesicht weich.
„Ich dachte, Liesel hätte sie geschickt.“
Ich sagte nichts.
Manche Sätze muss man nicht prüfen.
Man darf sie einfach stehen lassen.
Er räusperte sich.
„Heute glaube ich, sie haben mich gehört.“
„Die Katzen?“
Er nickte.
„Oder das Leben. Keine Ahnung. Irgendwas hat wohl gemerkt, dass es so nicht weitergeht.“
Ich sah unter den Tisch.
Sonne hatte im Schlaf eine Pfote auf Wolkes Bauch gelegt.
Wolke öffnete ein Auge, als hätte er mitgehört.
Dann schloss er es wieder.
„Vielleicht“, sagte ich, „haben die beiden einfach Erfahrung damit, auf jemanden zu warten.“
Herr Brandt nickte langsam.
„Und damit, dass jemand zurückkommt.“
Dieser Satz blieb lange in mir.
Denn genau darum ging es.
Nicht darum, dass alles wieder gut wird, wie es früher war.
Das wird es nicht.
Meine Ehe kam nicht zurück.
Herrn Brandts Liesel kam nicht zurück.
Die Jahre, in denen wir uns hinter geschlossenen Türen versteckt hatten, kamen auch nicht zurück.
Aber manchmal kommt etwas anderes.
Nicht als Ersatz.
Ersatz ist ein hartes Wort für ein lebendiges Herz.
Manchmal kommt eine zweite Tasse Tee.
Ein Klopfen an der Wand.
Ein Kater, der sich auf den falschen Fuß legt.
Eine Tür, die nicht mehr nur trennt, sondern verbindet.
Kurz vor Weihnachten stellte Herr Brandt ein kleines Körbchen vor meine Wohnungstür.
Darin lagen zwei Spielmäuse, eine Tüte Leckerchen und ein handgeschriebener Zettel.
Für Wolke und Sonne.
Darunter stand:
Danke, dass ihr an meiner Tür gekratzt habt.
Ich las den Satz dreimal.
Dann musste ich mich an den Türrahmen lehnen.
Nicht, weil ich traurig war.
Weil Dankbarkeit manchmal auch schwer wiegt.
Ich nahm den Zettel und hängte ihn innen neben meine Tür.
Genau dort, wo Wolke damals elf Tage lang gesessen hatte.
Manchmal bleibt er davor stehen und schaut hoch, als könnte er lesen.
Vielleicht kann er das nicht.
Vielleicht versteht er trotzdem mehr als ich.
Heute sind Wolke und Sonne älter.
Nicht alt, aber ruhiger.
Sonne hat ein kleines Bäuchlein bekommen, das Herr Brandt liebevoll „Wohlstand“ nennt.
Wolke tut immer noch so, als sei er für alles verantwortlich.
Wenn jemand im Treppenhaus zu laut ist, sitzt er sofort im Flur.
Wenn Herr Brandt krank wirkt, legt er sich vor dessen Tür.
Wenn ich zu lange still am Küchentisch sitze, springt er auf den Stuhl neben mir und schaut mich an, bis ich seine Stirn berühre.
Sonne macht weniger Kontrolle.
Er macht Wärme.
Er legt sich dorthin, wo ein Herz gerade zu schwer geworden ist.
Auf meinen Schoß.
Auf Herrn Brandts Zeitung.
Zwischen zwei Tassen.
Mitten in das Leben hinein.
Vor ein paar Tagen war ich wieder im Tierheim.
Allein diesmal.
Herr Brandt hatte einen Termin und konnte nicht mit.
Ich brachte Futter vorbei und blieb einen Moment vor den Käfigen stehen.
In einem davon saßen zwei alte Katzen.
Eng aneinander.
Eine grau, eine schwarz.
Auf dem Zettel stand: Bitte nur zusammen.
Ich lächelte.
Früher hätte ich gerechnet.
Heute rechnete ich auch.
Aber anders.
Ich dachte nicht nur an Futter, Streu und Verantwortung.
Ich dachte an Türen, die aufgehen.
An Tassen, die nicht mehr leer bleiben.
An alte Männer, die wieder lachen.
An Wohnungen, die nicht laut sein müssen, um lebendig zu sein.
Ich konnte die beiden nicht mitnehmen.
Nicht diesmal.
Aber ich setzte mich vor ihren Käfig und sprach mit ihnen.
„Keine Sorge“, sagte ich. „Ich habe lange gebraucht, aber ich habe es verstanden.“
Die graue Katze blinzelte langsam.
Die schwarze legte ihren Kopf auf ihre Schulter.
Als ich später nach Hause kam, saßen Wolke und Sonne nicht an der Tür.
Sie lagen auf dem Sofa.
Zusammen, natürlich.
Herr Brandt hatte den Ersatzschlüssel benutzt, um sie zu füttern, wie abgesprochen.
Auf dem Tisch stand eine Tasse Tee für mich.
Daneben ein Zettel:
Bin drüben. Klopfen Sie, wenn es zu still wird.
Ich setzte mich aufs Sofa.
Wolke hob den Kopf.
Sonne gähnte.
Ich legte eine Hand auf jeden von ihnen.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich nicht das Gefühl, dass mein Zuhause weniger leer war, weil jemand hineingekommen war.
Ich hatte das Gefühl, dass es größer geworden war.
Groß genug für zwei Katzen.
Groß genug für einen Nachbarn.
Groß genug für Erinnerungen, die nicht mehr nur wehtun.
Und groß genug für die Wahrheit, die Wolke und Sonne mir beigebracht haben:
Ein Zuhause ist nicht immer der Ort, an dem man allein sicher ist.
Manchmal ist es der Ort, an dem jemand merkt, dass du fehlst.
Und manchmal beginnt alles mit einer Katze, die elf Tage lang auf eine geschlossene Tür starrt.






