Menschen nickten, wenn er einen Besprechungsraum betrat.
Aber wann hatte zuletzt jemand etwas von ihm gebraucht, das nichts mit Zahlen zu tun hatte?
Er ging in die Hocke.
„Ich versuche es.“
Klara dachte darüber nach.
Dann nickte sie ernst.
„Meine Mama heißt Jana.“
„Klara!“
„Ist doch so.“
Martin musste lächeln.
„Und du bist Klara.“
„Ja. Und das ist Lotta. Die schreit viel.“
„Sie ist fünf Monate alt“, sagte Jana verlegen.
„Fast.“
Als die Einkäufe bezahlt waren, nahm Jana die Tüten.
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“
„Gar nichts.“
„Doch.“
Sie blickte ihn direkt an.
„Danke.“
Dieses eine Wort klang nicht leicht.
Es kostete sie etwas.
Martin kannte auch das.
Sie gingen gemeinsam hinaus.
Novemberluft lag über dem Parkplatz.
Jana lief mit den Kindern Richtung Bushaltestelle.
Martin blieb stehen.
„Sie fahren jetzt Bus?“
„Drei Stationen.“
„Mit zwei Kindern und den Taschen?“
„Das geht schon.“
Da war er wieder.
Dieser Satz.
Das geht schon.
„Ich fahre Sie.“
Jana lachte kurz auf, fast erschöpft.
„Sie haben mir gerade Essen für eine Woche gekauft.“
„Dann wäre es doch Unsinn, wenn ich jetzt dabei zusehe, wie Sie mit einem hungrigen Baby zwanzig Minuten an einer Haltestelle stehen.“
„Ich steige nicht einfach zu einem fremden Mann ins Auto.“
Martin hob beide Hände.
„Das ist vernünftig.“
Er deutete zurück zum Markt.
„Wenn es Ihnen lieber ist, fragen wir die Kassiererin nach meinem Namen, fotografieren mein Kennzeichen und schicken es jemandem.“
Jana musterte ihn.
Dann sah sie Klara an, die bereits gähnte.
„Wo steht Ihr Wagen?“
Zehn Minuten später saß Jana hinten zwischen den beiden Kindersitzen, die Martin mit Mühe aus ihrer alten Tasche und mit Hilfe einer Anleitung befestigt hatte.
Er fuhr langsam.
Jana wohnte in einem älteren Mehrfamilienhaus in einem Viertel, das früher einmal Arbeiterfamilien beherbergt hatte.
Martin kannte solche Straßen aus seiner Kindheit.
Sein Vater war Werkzeugmacher gewesen.
Seine Mutter hatte halbtags in einer Bäckerei gearbeitet.
Auch bei ihnen hatte das Geld nicht auf Bäumen gewachsen.
Es hatte nur gereicht.
Und „es reicht“ war damals fast schon ein Lebensprinzip gewesen.
Während der Fahrt erzählte Jana wenig.
Lottas Vater sei kurz vor der Geburt gegangen.
„Er sagte, er könne das alles nicht.“
„Und jetzt?“
„Jetzt kann ich es eben für uns beide.“
Sie sagte es ohne Hass.
Das machte Martin traurig.
„Haben Sie Arbeit?“
„Bis vor fünf Wochen.“
Sie hatte in einem kleinen Café gearbeitet.
Der Betrieb war geschlossen worden.
Seitdem Bewerbungen.
Gespräche.
Absagen.
„Mit zwei kleinen Kindern wird jedes Vorstellungsgespräch irgendwann zu einem Gespräch über Betreuung.“
Sie lachte bitter.
„Und Betreuung kostet Geld, bevor man Geld verdient.“
Martin nickte.
„Familie?“
„Meine Mutter lebt zweihundert Kilometer entfernt und pflegt meinen Vater. Freunde helfen, wenn sie können.“
Sie sah aus dem Fenster.
„Ich brauche keinen Retter. Nur ein bisschen Zeit.“
Dieser Satz blieb bei Martin.
Keinen Retter.
Nur Zeit.
Vor dem Haus half er ihr mit den Taschen.
„Sie müssen nicht hochkommen.“
„Ich trage nur.“
Die Wohnung lag im zweiten Stock.
Eineinhalb Zimmer.
Sauber.
Eng.
An den Wänden hingen Kinderzeichnungen mit Klebestreifen.
Auf der Fensterbank stand ein kleiner Topf mit einer fast vertrockneten Geranie.
Klaras Bett war offenbar im Schlafzimmer der Mutter.
Neben dem Sofa stand ein Babybett.
In einer Ecke hing bereits ein selbst gebastelter Adventsstern.
Es war kein trauriger Ort.
Es war ein Ort, an dem jemand jeden Tag hart daran arbeitete, dass zwei Kinder nicht merkten, wie knapp alles war.
Jana stellte die Babynahrung auf die Küchenzeile.
Dann begann sie zu weinen.
Ganz still.
Sie drehte sich weg.
„Entschuldigung.“
Martin kannte diesen Reflex ebenfalls.
Sich sogar für Tränen entschuldigen.
„Sie müssen sich nicht entschuldigen.“
„Ich weine normalerweise nicht vor Fremden.“
„Ich normalerweise auch nicht.“
Sie sah ihn überrascht an.
Martin zog eine schlichte Visitenkarte aus seiner Jacke.
Keine großen Logos.
Nur sein Name, seine Position und eine Telefonnummer.
„Falls Sie etwas brauchen.“
Jana las.
Dann sah sie ihn an.
„Sie sind Geschäftsführer?“
„Kaufmännischer.“
„Und Sie kaufen um neun Uhr abends Tiefkühlnudeln?“
Zum ersten Mal seit Wochen lachte Martin laut.
„Leider ist beruflicher Erfolg kein Beweis für vernünftige Ernährung.“
Jana lächelte.
Dann wurde sie wieder ernst.
„Warum machen Sie das?“
Martin hatte keine vorbereitete Antwort.
Also sagte er die Wahrheit.
„Weil meine Frau gestorben ist.“
Janas Gesicht wurde weich.
„Das tut mir leid.“
„Achtzehn Monate.“
Er schaute durch die kleine Wohnung.
„Wir waren 31 Jahre verheiratet.“
„Kinder?“
Martin schüttelte den Kopf.
„Wir konnten keine bekommen.“
Stille.
Aus dem Nebenraum kam Klaras Stimme.
„Mama, darf ich Brot?“
„Natürlich.“
Jana wollte losgehen.
Martin hielt sie kurz zurück.
„Noch etwas.“
Er nahm sein Telefon.
„Geben Sie mir Ihre Kontonummer.“
Sofort schüttelte sie den Kopf.
„Nein.“
„Jana.“
„Nein.“
„Viertausend Euro.“
Sie wich einen Schritt zurück.
„Sind Sie verrückt?“
„Möglich.“
„Ich nehme keine viertausend Euro von einem fremden Mann.“
„Dann nennen Sie es ein Darlehen.“
„Das kann ich niemals—“
„Ohne Zinsen. Sie zahlen es zurück, wenn Sie wieder auf den Beinen sind. Zehn Euro im Monat, wenn es Ihnen wichtig ist.“
Jana starrte ihn an.
„Warum?“
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