Drei Tage nach Mannis letztem Atemzug stand plötzlich wieder jemand an meinem Fenster.
Ich dachte zuerst, Trauer würde so aussehen, dass man jeden Tag weint.
Aber bei mir sah sie anders aus.
Sie sah aus wie zwei Näpfe, von denen einer plötzlich überflüssig war.
Wie eine blaue Decke neben meinem Bett, die ich nicht wegräumen konnte, obwohl ich jedes Mal den Atem anhielt, wenn ich sie sah.
Wie eine Wohnung, die auf einmal zu still war, obwohl sie vorher auch nie laut gewesen war.
In den ersten Tagen nach Mannis Tod bewegte ich mich darin wie eine Besucherin.
Ich machte Kaffee und vergaß, ihn zu trinken.
Ich schaltete das Licht im Bad an und drehte mich noch halb um, weil ich erwartete, ihn im Türrahmen sitzen zu sehen.
Abends hob ich beim Aufstehen vom Sofa automatisch die Beine ein Stück an, damit ich nicht auf ihn trat.
Es ist seltsam, wie lange der Körper an einer Liebe festhält, selbst wenn der Kopf längst begriffen hat, dass sie fort ist.
Ich redete immer noch mit ihm.
Nicht richtig.
Eher so in Sätzen, die einfach herausfielen.
„Pass auf, heiß.“
„Ich bin gleich wieder da.“
„Na, was guckst du denn so.“
Und jedes Mal, wenn mir einfiel, dass da niemand mehr war, tat es wieder neu weh. Nicht wie ein Schlag. Eher wie etwas, das leise nachgibt. Wie dünnes Eis.
Frau Krüger klingelte am zweiten Tag.
Ich öffnete in Socken, mit verquollenen Augen und diesem Gesicht, das man bekommt, wenn man länger allein war, als gut ist.
Sie hielt mir eine Schüssel mit Kartoffelsuppe hin, als wäre das die natürlichste Sprache der Welt.
„Ich hab zu viel gemacht“, sagte sie.
Es war offensichtlich gelogen. Aber gute Lügen erkennt man daran, dass man dankbar dafür ist.
Ich ließ sie rein.
Sie stellte die Schüssel auf den Tisch, sah sich kurz um und sagte nichts zu den Näpfen auf dem Boden. Nichts zu der Decke. Nichts zu meinem Gesicht.
Dafür mochte ich sie in diesem Moment mehr, als ich sagen konnte.
„Schlimm?“, fragte sie irgendwann.
Ich nickte.
Dann sagte sie: „Ja.“
Nicht: Das wird schon.
Nicht: Jetzt hat er es besser.
Nicht: Du musst nach vorn schauen.
Einfach nur: „Ja.“
Es tat gut, dass sie nicht versuchte, etwas glattzustreichen, das nun mal scharf war.
Sie blieb nicht lange.
Bevor sie ging, blieb sie an der Wohnungstür stehen und sah zur Fensterbank hinüber, auf die Manni früher immer gesprungen war.
„Sie wissen“, sagte sie langsam, „nach meinem Ernst damals hab ich monatelang immer noch die zweite Tasse rausgestellt.“
Ich sah sie an.
Sie zuckte ein wenig mit den Schultern.
„Man wird davon nicht verrückt. Man liebt nur nicht auf Knopfdruck anders.“
Dann ging sie.
Dieser Satz blieb.
Wie der andere auch.
Manchmal halten sie länger für uns durch als für sich selbst.
Man liebt nicht auf Knopfdruck anders.
In der Woche darauf fing ich an, Dinge wegzuräumen.
Nicht alles.
Nur das, was ich konnte.
Die halb leeren Futterdosen im Kühlschrank. Den alten Kamm. Die Tabletten, die er zuletzt nehmen sollte und auf die ich mit einer Wut blickte, die gar nicht den Tabletten galt.
Die Näpfe ließ ich stehen.
Zwei Tage lang.
Dann nahm ich einen weg.
Der andere blieb.
Ich weiß nicht warum. Vielleicht, weil ein ganz leerer Platz schwerer anzusehen gewesen wäre als ein halber.
Am Freitagmorgen saß ich wieder an seinem Fenster.
Es war kalt draußen. Der Himmel so grau, dass man ihn kaum vom Beton unterscheiden konnte.
Unten ging ein junger Mann vorbei, der seinen Hund an der Leine führte. Ein schwarzer Mischling, vielleicht zehn Kilo, mit diesem federnden Gang, den nur Tiere haben, die noch völlig überzeugt davon sind, dass jeder Tag etwas mit ihnen vorhat.
Als sie außer Sicht waren, blieb mein Blick trotzdem unten hängen.
Neben den Mülltonnen stand ein Kinderrad.
Am Zaun klebte ein zerfledderter Zettel.
Im Eingangsbereich des Hauses gegenüber stritt jemand leise ins Telefon.
Alles normal.
Alles gewöhnlich.
Und genau das war es, was weh tat.
Dass die Welt sich nicht im Geringsten verändert hatte, obwohl meine es getan hatte.
Später, gegen Abend, hörte ich ein Geräusch im Hausflur.
Ein kurzes, hohes Kratzen.
Dann Stille.
Dann wieder.
Nicht laut. Nur so, als würde etwas ganz Vorsichtiges nicht sicher sein, ob es stören darf.
Ich dachte erst an einen Karton, den jemand über den Boden zog.
Als ich die Tür öffnete, war niemand da.
Nur im Treppenhaus, eine Etage tiefer, stand etwas Kleines, Graues.
Es war eine Katze.
Keine schöne auf die Art, wie Menschen Schönheit meistens meinen.
Zu dünn.
Ein Ohr an der Spitze eingerissen.
Das Fell am Rücken stumpf, als hätte der Winter es schon vor Wochen müde gemacht.
Sie sah zu mir hoch, und in ihrem Blick lag keine Niedlichkeit. Nur Erschöpfung. Und eine Art misstrauische Würde.
Ich blieb reglos.
Sie auch.
Dann hörte ich Frau Krüger hinter ihrer Tür.
„Ist sie wieder da?“, rief sie.
„Wer?“
Sie öffnete einen Spalt breit.
„Na, die Kleine. Die streicht hier seit drei Tagen rum. Lässt sich von niemandem anfassen. Herr Meier aus dem Erdgeschoss wollte ihr Wurst hinlegen, da ist sie geflüchtet, als hätte er sie beleidigt.“
Ich sah die Katze an.
Sie sah mich an.
Dann drehte sie sich um und verschwand langsam die Treppe hinunter.
Ich schloss die Tür wieder.
Und stand noch eine Weile im Flur.
Es war nichts passiert.
Wirklich nichts.
Und trotzdem hatte ich das Gefühl, als hätte etwas ganz leise angeklopft.
Am nächsten Morgen stand sie wieder da.
Diesmal unten vor der Haustür, halb unter dem schwarzen Brett, wo normalerweise Zettel für verlorene Schlüssel oder Babysitter hingen.
Ich hatte gerade den Müll rausgebracht.
Als sie mich sah, lief sie nicht weg. Sie spannte sich nur an, bereit.
Ich ging zurück hoch, holte eine kleine Schale Wasser und etwas von dem Futter, das noch übrig war. Nicht viel. Nur einen Löffel.
Ich stellte es mit Abstand hin und setzte mich auf die unterste Treppenstufe.
Sie wartete.
Ich auch.
Es ist erstaunlich, wie viel man in der Gegenwart eines Tieres wieder lernt.
Zum Beispiel, dass Vertrauen nicht dadurch entsteht, dass man es fordert.
Nur dadurch, dass man bleibt.
Nach einer Weile kam sie näher.
Nicht direkt zur Schale. Erst einen halben Meter. Dann noch einen.
Sie roch.
Sah zu mir.
Roch wieder.
Dann fraß sie, schnell und angespannt, als müsste sie damit rechnen, dass ihr jemand alles wieder wegnimmt.
Ich spürte sofort dieses Ziehen in der Brust.
Nicht nur Mitgefühl.
Auch Angst.
Weil ich wusste, wie schnell das Herz aus einer kleinen Gewohnheit wieder Hoffnung macht.
Und Hoffnung ist nach einem Verlust etwas Zartes. Sie fühlt sich fast an wie Verrat.
Als sie fertig war, hob sie den Kopf.
Für einen Moment dachte ich, sie würde kommen.
Aber sie drehte nur ab und verschwand nach draußen.
Den ganzen Tag über war ich unruhig.
Ich sagte mir, es sei nur eine streunende Katze. Mehr nicht.
Ich sagte mir, ich würde sie vielleicht nie wiedersehen.
Ich sagte mir, ich wollte das auch gar nicht.
Am Abend stand ich trotzdem öfter am Fenster als sonst.
Am dritten Tag war sie wieder da.
Diesmal wartete sie schon im Eingangsbereich, als hätte sie beschlossen, dass dieses Haus zumindest nicht das schlechteste der Welt war.
Ich hatte das Futter schon in der Hand, bevor ich es mir selbst eingestand.
Frau Krüger kam gerade vom Briefkasten und blieb stehen.
„Na also“, sagte sie. „Sie haben jetzt Besuch.“
„Das heißt gar nichts“, sagte ich zu schnell.
Sie zog die Brauen hoch.
„Natürlich nicht.“
Dann beugte sie sich ein wenig zu mir und sagte leise: „Manchmal schickt das Leben nichts Großes. Manchmal nur jemanden, der auch nicht weiß, wohin.“
Sie ging weiter, bevor ich etwas sagen konnte.
Die graue Katze blieb diesmal länger.
Nachdem sie gefressen hatte, setzte sie sich in die Ecke neben die Heizung im Eingangsbereich und wickelte den Schwanz um die Pfoten.
Sie sah nicht aus, als gehöre sie irgendwem.
Aber auch nicht ganz so, als gehöre sie der Straße.
Eher wie etwas Dazwischen.
Wie ich.
In den nächsten Tagen wurde daraus ein stilles Ritual.
Morgens stellte ich ihr unten etwas hin.
Abends manchmal auch.
Wenn ich von der Wohnungstür aus die Treppe hinabsah und sie war da, wurde etwas in mir ruhiger. Nicht heil. Aber weniger verloren.
Ich sprach kaum mit ihr.
Nur kleine Sätze.
„Langsam.“
„Ist gut.“
„Ich tu dir nichts.“
Einmal blinzelte sie mir zu.
Langsam. Ein Auge, dann das andere.
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