Ich hatte gelesen, dass Katzen das als friedliche Geste machen.
Aber in diesem Moment fühlte es sich nicht nach Wissen an.
Es fühlte sich an wie Antwort.
Eine Woche später regnete es.
Nicht stark. Dieses kalte, hartnäckige Nieseln, das alles grau macht und einen schon beim Hinsehen frösteln lässt.
Ich sah aus dem Fenster und entdeckte sie unten am Haus, zusammengeduckt unter dem kleinen Betonvorsprung am Kellerabgang.
Sie war fast trocken, aber nur fast.
Ich stand eine ganze Weile da.
Dann nahm ich Mannis blaue Decke aus dem Schlafzimmer.
Nicht die ganze.
Nur die dünn gewordene Ecke hatte ich irgendwann abgeschnitten, weil sie sich fast ganz gelöst hatte. Ich hatte sie aufgehoben, ohne zu wissen warum.
Jetzt wusste ich es vielleicht auch nicht. Aber ich nahm sie.
Unten legte ich das Stück Stoff in einen flachen Karton, den ich vom Altpapier geholt hatte, und schob ihn vorsichtig in den geschützten Bereich beim Kellerabgang.
Die graue Katze beobachtete mich aus sicherer Entfernung.
Ich ging wieder hoch, ohne mich umzudrehen.
Als ich eine Stunde später nachsah, lag sie darin.
Nicht entspannt.
Nicht schlafend.
Aber sie lag auf Mannis Decke.
Und ich musste mich an den Türrahmen lehnen.
Nicht weil es magisch war.
Sondern weil es so schlicht war, dass es mich traf.
Etwas, das von Liebe warm geworden war, wärmte jetzt ein anderes Leben.
In dieser Nacht weinte ich zum ersten Mal anders.
Nicht nur aus Schmerz.
Auch aus dieser merkwürdigen, stillen Rührung, die kommt, wenn man merkt, dass etwas in einem kaputten Herzen sich wieder bewegt.
Am Sonntag fragte Herr Meier aus dem Erdgeschoss, wem die Katze denn nun gehöre.
„Niemandem“, sagte ich.
„Dann dem Haus“, sagte er und lachte kurz über seinen eigenen Witz.
Frau Krüger, die gerade mit ihrem Stoffbeutel hereinkam, sagte: „Vielleicht gehört sie sich einfach selbst.“
„Wie heißen Sie denn?“, fragte Herr Meier die Katze, als wäre sie eine Mieterin.
Die Katze würdigte ihn keines Blickes.
„Hat schon Charakter“, murmelte er.
Später saß ich mit Frau Krüger auf der Bank vor dem Haus.
Die graue Katze war irgendwo im Hof unterwegs.
„Hatten Sie nach Ernst noch mal ein Tier?“, fragte ich.
Frau Krüger schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich hätte immer verglichen. Das wäre dem neuen Tier gegenüber nicht fair gewesen.“
„Und jetzt?“
Sie sah nach vorn.
„Jetzt denke ich manchmal, dass das Unsinn war. Liebe ist doch kein Regalplatz, der nur einmal belegt werden darf.“
Wir schwiegen.
Nach einer Weile sagte ich: „Es fühlt sich falsch an. Als würde ich Manni ersetzen.“
„Ersetzen“, wiederholte sie. „Als ob man einen Menschen oder ein Tier austauscht wie einen kaputten Toaster.“
Ich musste trotz allem kurz lachen.
Sie nickte.
„Nein. So ist das nicht. Was war, bleibt. Und was neu kommt, kommt dazu.“
Dieses dazu ging mir lange nach.
Nicht statt.
Dazu.
Ein paar Tage später hing ein Zettel am schwarzen Brett.
Kennt jemand diese graue Katze? Seit Tagen im Haus / Hof. Bitte melden bei Frau Krüger, 2. Stock links.
Ich hatte nicht einmal gewusst, dass sie das vorhatte.
„Falls sie jemand vermisst“, sagte sie knapp.
Es meldete sich niemand.
Drei Tage vergingen.
Dann noch vier.
Dann eine Woche.
Die Katze wurde mutiger.
Nicht zutraulich, aber mutiger.
Sie lief nicht mehr sofort weg, wenn die Haustür aufging.
Sie fraß langsamer.
Einmal setzte sie sich vor meine Wohnungstür im zweiten Stock und blieb dort einfach sitzen, als hätte sie eine Entscheidung getroffen, von der sie mich nur noch in Kenntnis setzte.
Ich öffnete ganz langsam.
Sie blieb.
Ich ging in die Hocke.
Sie sah an mir vorbei in den Flur meiner Wohnung, roch in die Luft und verzog leicht die Nase, als stünde meine ganze Einsamkeit dort im Schuhregal.
Dann machte sie drei Schritte hinein.
Nur drei.
Mehr nicht.
Sie sah sich um, drehte sich wieder um und ging hinaus.
Aber ich lächelte zum ersten Mal seit Wochen so, dass es sich nicht falsch anfühlte.
Von da an kam sie öfter bis in den Flur.
Dann bis in die Küche.
Niemals weiter, solange ich in der Nähe war.
Erst als ich eines Abends bewusst im Wohnzimmer blieb, hörte ich, wie sie durch die Wohnung ging. Vorsichtig. Prüfend.
Später fand ich sie am Fenster sitzen.
An seinem Fenster.
Nicht auf der Bank. Unten auf dem Boden.
Genau dort, wo Manni zuletzt gesessen hatte.
Ich blieb im Türrahmen stehen.
Sie schaute hinaus auf den Parkplatz. Auf den Grünstreifen. Auf ein paar Blätter, die der Wind über den Hof trieb.
Fast musste ich lachen über die schlichte Hartnäckigkeit des Lebens.
Es sucht sich immer wieder dieselben Orte, um weiterzugehen.
An diesem Abend gab ich ihr einen Namen.
Nicht sofort laut.
Erst in Gedanken.
Dann doch.
„Lotti“, sagte ich leise.
Sie drehte nicht einmal den Kopf.
Aber der Name blieb.
Lotti war nicht Manni.
Das war vom ersten Tag an klar.
Sie war nervöser. Wilder. Weniger höflich.
Sie mochte keine schnellen Bewegungen. Sie hasste den Staubsauger mit einer persönlichen Feindseligkeit, die fast beeindruckend war.
Und wenn ich nachts ins Bad ging, stand sie manchmal mitten im Flur und sah mich an, als hätte sie ernste Zweifel an meinem Urteilsvermögen.
Gerade deshalb tat sie mir gut.
Weil ich nichts in sie hineinphantasieren musste.
Sie war ganz sie selbst.
Und ich lernte langsam, dass es genau darauf ankam.
Nicht die Vergangenheit wiederzufinden.
Sondern der Gegenwart zu erlauben, eine eigene Form zu haben.
Eines Morgens sprang Lotti zum ersten Mal aufs Sofa.
Nicht zu mir.
Nur ans andere Ende.
Aber sie blieb liegen.
Ich las eine Weile in einem alten Buch, ohne eine Seite wirklich aufzunehmen, weil ich jeden Moment damit rechnete, dass sie wieder verschwand.
Tat sie aber nicht.
Später, als ich aufstand, blieb auf der Decke eine kleine runde Mulde zurück.
Ich sah sie an und dachte plötzlich an den Satz, den ich am Fenster verstanden hatte.
Liebe geht nicht immer mit Lärm.
Vielleicht gilt das auch für den Weg zurück ins Leben.
Vielleicht kommt er nicht mit Trompeten.
Vielleicht nur mit einer mageren grauen Katze, die beschließt, dass deine Wohnung akzeptabel ist.
Am ersten Abend, an dem sie sich wirklich zu mir legte, war ich müde. So müde, wie man nur wird, wenn man lange traurig war.
Ich saß auf dem Sofa, hatte das Licht nicht angemacht und starrte ins Halbdunkel.
Lotti sprang hoch, drehte sich zweimal und legte sich mit einem Abstand von einer ausgestreckten Hand neben mein Bein.
Nicht an mich.
Aber nah genug, dass ich ihre Wärme spürte.
Ich bewegte mich nicht.
Nach einer Weile merkte ich, dass ich gar nicht mehr ins Leere sah.
Sondern einfach da saß.
Mit ihr.
Mit mir.
Mit allem, was gewesen war und allem, was noch kommen konnte.
Ich dachte an Manni.
Daran, wie er in meiner schlimmsten Zeit einfach dagewesen war.
Leise. Treu. Ohne Aufhebens.
Und plötzlich fühlte es sich nicht mehr an, als würde ich ihn verraten, wenn ich Lotti ansah.
Eher so, als hätte er mich gut genug geliebt, um mir auch diesen nächsten kleinen Schritt zu gönnen.
Als würde Liebe, wenn sie wirklich Liebe war, nicht kleiner werden, nur weil noch etwas Neues dazukam.
Ich streckte ganz langsam die Hand aus.
Lotti hob kurz den Kopf.
Dann legte sie ihn wieder hin.
Und ließ meine Fingerspitzen zum ersten Mal ihr Fell berühren.
Es war nicht weich wie bei Manni.
Eher drahtig. Wachsam. Das Fell eines Tieres, das sich sein Leben nicht hatte bequem machen können.
Trotzdem zitterte mir die Hand.
Nicht vor Angst.
Vor Dankbarkeit.
Später in der Nacht stand ich noch einmal auf und ging zum Fenster.
Unten bewegte sich kaum etwas. Ein Auto fuhr langsam vorbei. Irgendwo schlug eine Tür. Der dünne Baum im Hof bewegte sich im Wind.
Hinter mir hörte ich Lotti vom Sofa springen und in den Flur trotten.
Ich sah nicht sofort nach.
Ich blieb noch einen Augenblick am Fenster stehen, so wie Manni es getan hatte.
Einfach auf die gewöhnliche Welt gerichtet.
Dann sagte ich leise in das stille Zimmer hinein: „Du brauchst nicht mehr auf mich aufzupassen. Ich glaube, ich schaffe das wieder ein bisschen.“
Und zum ersten Mal, seit er gegangen war, klang dieser Satz nicht wie etwas, das ich mir einrede.
Sondern wie etwas, das vielleicht wahr werden konnte.
Am nächsten Morgen stellte ich nur noch einen Napf hin.
Nicht weil ich vergessen hatte.
Sondern weil ich verstanden hatte.
Manche Liebe bleibt.
Andere kommt dazu.
Und beides darf gleichzeitig wahr sein.






