Ich dachte, mit der Beerdigung meines Vaters sei alles vorbei. Dann stand ein fremdes Kind mit einem Brief vor seiner Haustür.
Drei Wochen nach der Beerdigung war ich wieder in Hamburg.
Ich saß in meiner Küche, starrte auf meinen Bildschirm und brachte seit Minuten dieselbe Zeile nicht zu Ende. Draußen fuhr die Straßenbahn vorbei. Drinnen summte der Kühlschrank.
Und trotzdem war ich nicht wirklich dort.
Ich war wieder in Bergfeld. In diesem kalten Flur. Bei dem Eimer unter der braunen Wasserstelle. In der Garage auf dem Betonboden zwischen Kassenzetteln und dem kleinen Heft mit der kantigen Schrift meines Vaters.
Seit dem Begräbnis ließ mich das nicht los.
Nicht die zwölf Euro einundvierzig.
Sondern die Gesichter.
Die alte Frau mit dem Rollator. Timo mit dem kleinen Mädchen auf dem Arm. Die junge Frau in Pflegekleidung. All diese Leute, die meinen Vater nicht als den mürrischen Artur kannten, den ich mein Leben lang gesehen hatte.
Sondern als jemanden, der da war, wenn sonst keiner da war.
Ich arbeitete, schlief schlecht und sagte mir jeden Abend, dass ich bald wieder zur Tagesordnung zurückfinden würde.
Aber dann kam der Brief.
Er lag zwischen Werbung und Rechnungen. Ein schlichter Umschlag. Vorne stand mein Name in ungelenker Druckschrift. Kein Absender. Nur darunter: Bergfeld.
Ich öffnete ihn im Stehen.
Darin war ein Blatt aus einem Schulheft. Auf der Vorderseite hatte ein Kind mit Filzstiften ein Haus gemalt. Schiefes Dach, gelbe Fenster, blauer Himmel. Vor dem Haus stand ein großer Mann mit grauen Haaren. Neben ihm ein kleiner Hund, der eher wie ein Brot aussah.
Auf die Rückseite hatte jemand geschrieben:
Ihr Vater wollte im Frühjahr noch etwas für meine Tochter bauen. Eine kleine Leseecke für ihr Zimmer, weil sie seit ihrer Krankheit viel drinbleiben musste.
Er hatte schon Holz besorgt. Er meinte, er macht es, wenn es wieder wärmer wird. Ich wollte nur nicht, dass Sie es nicht wissen.
Es ist natürlich nicht wichtig.
Aber ich dachte, Sie sollten es wissen.
Kein Vorwurf.
Gerade das traf mich.
Unten stand nur: Sandra.
Ich setzte mich langsam an den Tisch.
Es war merkwürdig. Bei Geld hatte mein Vater nie erklärt, wohin etwas ging. Aber bei so etwas schon gar nicht. Dass er irgendwo in einem anderen Haus gesessen und mit einem Kind über eine Leseecke gesprochen hatte, kam mir plötzlich viel näher als jede Quittung.
Ich sah wieder das gezeichnete Haus an.
Und zwei Tage später fuhr ich nach Bergfeld.
Das Dorf lag grau unter tiefem Himmel. Die Felder waren noch wintermüde. Im Vorgarten meines Vaters klebte altes Laub am Zaun. Als ich den Schlüssel ins Schloss steckte, hatte ich denselben Gedanken wie beim ersten Mal:
Es roch noch immer nach altem Kaffee, Staub und kalter Luft.
Diesmal tat es weniger weh.
Ich ging nicht sofort ins Haus.
Ich ging direkt in die Garage.
Der Metallkasten stand noch dort, als hätte ihn seit Wochen niemand angerührt. Unter der Werkbank lagen Bretter, zwei alte Schubladenfronten, eine Dose mit Schrauben, Schleifpapier, ein Zollstock. An einem Balken hing ein Papierschild.
FÜR S.
Nur diese zwei Buchstaben.
Ich strich mit dem Daumen darüber.
Dann lachte ich einmal kurz und trocken auf.
Natürlich hatte er es schon angefangen.
Natürlich hatte er nicht einfach nur darüber geredet.
Am selben Nachmittag fuhr ich zu der Adresse, die ich mir aus dem Telefonbuch im Flur herausgesucht hatte. Sandra wohnte am anderen Ende des Orts, in einem kleinen Reihenhaus mit verblasster Fassade. Vor der Tür stand ein rotes Kinderfahrrad ohne Klingel.
Sie öffnete vorsichtig.
Erst erkannte sie mich nicht. Dann wurde sie blass.
„Es tut mir leid“, sagte sie sofort. „Ich wollte Sie nicht unter Druck setzen. Wirklich nicht.“
„Tun Sie nicht“, sagte ich. „Ich wollte nur fragen, wie Ihre Tochter heißt.“
Sie sah mich überrascht an.
„Mila.“
Ich nickte.
„Dann war das Holz in der Garage wohl für Mila.“
Zum ersten Mal lächelte sie ein wenig. Müde, aber echt.
Sie bat mich hinein. Das Haus war klein, aber ordentlich. Auf dem Sofa lag eine Decke mit Einhörnern. Auf dem Couchtisch standen Saftgläser, Malstifte und ein halbfertiges Puzzle.
Mila saß am Fenster und malte. Ein schmales Mädchen mit viel zu dünnen Armen und großen ernsten Augen. Als ihre Mutter sagte, wer ich war, schaute sie mich an, als müsste sie etwas Wichtiges prüfen.
„Bist du der Sohn von Artur?“, fragte sie.
Ich musste schlucken.
„Ja.“
Sie nickte nur, als hätte sie eine Vermutung bestätigt.
„Er hat gesagt, du wohnst weit weg und arbeitest viel.“
Das klang so genau nach ihm, dass ich fast wieder lachen musste.
„Ja“, sagte ich. „Das stimmt wohl.“
Mila hielt ihren Stift fest.
„Er hat gesagt, Bücher sind besser, wenn man einen richtigen Platz dafür hat. Nicht nur Bett und Boden.“
„Da hatte er recht“, sagte ich.
Sie dachte kurz nach.
„Kommt er jetzt nicht mehr?“
Kinder fragen Dinge, gegen die Erwachsene sich mit tausend Umwegen schützen.
Ich setzte mich auf den freien Stuhl neben ihr.
„Nein“, sagte ich leise. „Er ist gestorben.“
Sie schaute auf ihr Bild.
„Dann musst du es bauen.“
Es war kein Bitten. Kein Jammern.
Nur eine schlichte Feststellung.
Ich sah zu Sandra. Sie wollte etwas sagen, ließ es aber.
Und ich hörte mich antworten:
„Ja. Das mache ich.“
In den nächsten Tagen war ich jeden Morgen in der Garage meines Vaters.
Ich schleppte Bretter hinaus, sägte, maß aus, fluchte über schiefe Wände und darüber, dass mein Vater zwar alles aufhob, aber nie dort, wo man es suchte. Ich fand in alten Dosen Schrauben aus drei Jahrzehnten, dazu Gummibänder, Knöpfe, Sicherungen und einen eingetrockneten Klebstoff, der vermutlich älter war als ich.
Zwischendurch redete ich mit ihm.
Nicht laut.
Nur so, wie man mit jemandem redet, der nicht mehr antwortet und trotzdem da ist.
„Warum hast du nie was gesagt?“
„Warum warst du immer so schwierig?“
„Und warum zum Teufel beschriftest du eine Kiste mit Kabeln nicht ordentlich?“
Einmal blieb ich mitten in der Arbeit stehen, weil ich plötzlich seinen Satz im Kopf hörte:
Erst messen. Dann sägen. Sonst ärgerst du dich zweimal.
Früher hätte ich die Augen verdreht.
An diesem Tag machte ich es genauso.
Am dritten Abend kam Timo vorbei.
Ich hörte Schritte im Kies und sah ihn in der Garagentür stehen. Ohne Mantel, die Hände in den Taschen, etwas verlegen.
„Ich wollte nur fragen, ob Sie Hilfe brauchen“, sagte er.
Ich lehnte mich gegen die Werkbank.
„Du musst mich nicht siezen.“
Er grinste kurz.
„Gut. Dann nochmal. Brauchst du Hilfe?“
Ich sah auf das Holz, auf die schiefe Skizze meines Vaters, die ich zwischen alten Bedienungsanleitungen gefunden hatte, und dann auf Timo.
„Ja“, sagte ich. „Offenbar schon.“
Also arbeiteten wir zusammen.
Am nächsten Tag kam der Inhaber des kleinen Handwerksbetriebs, bei dem ich nach der Beerdigung gewesen war. Er brachte zwei Schraubzwingen mit.
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