Als meine Frau endlich gehen durfte, begann mein schwerster Weg zurück ins Leben

Nach Helgas Brief dachte ich, das Schlimmste sei vorbei. Dann fand ich etwas in ihrer alten Marmeladenschublade, das mich noch einmal völlig zerbrach.

Zwei Tage nach dem Brief stand ich morgens in der Küche und starrte auf den Kühlschrank.

Drei Marmeladengläser standen darin.

Erdbeere.

Aprikose.

Sauerkirsche.

Alle offen.

Früher hätte ich den Kopf geschüttelt.

“Helga, ein Glas reicht doch.”

Dann hätte sie gesagt: “Klaus, das Leben ist zu kurz für nur eine Marmelade.”

Ich stand da, in Schlafanzughose, ungewaschen, mit kaltem Kaffee in der Hand, und plötzlich tat mir dieser Satz weh.

Nicht ein bisschen.

Richtig.

Weil ich begriff, dass ich mich nicht nur an ihre Schmerzen erinnerte.

Ich erinnerte mich wieder an sie.

An die ganze Helga.

Nicht nur an das Pflegebett.

Nicht nur an die Medikamente.

Nicht nur an den letzten Atemzug.

Sondern an die Frau, die im Supermarkt zehn Minuten vor dem Marmeladenregal stehen konnte, als würde sie eine wichtige Lebensentscheidung treffen.

Ich nahm das Sauerkirschglas aus dem Kühlschrank.

Es klebte am Rand.

Natürlich klebte es.

Helga hatte nie den Rand abgewischt.

Ich setzte mich an den Küchentisch, schmierte mir ein Brot und aß den ersten Bissen.

Dann fing ich an zu weinen.

Nicht so laut wie am Abend mit dem Brief.

Leiser.

Müder.

Aber nicht mehr voller Hass auf mich selbst.

Eher so, als würde etwas in mir langsam auftauen.

Am Nachmittag klingelte Frau Meier.

Sie kam nicht einfach rein.

Das hätte Helga gemacht.

Frau Meier stand im Treppenhaus, hielt ihre Handtasche vor dem Bauch und fragte: “Darf ich?”

Ich nickte.

Sie sah die Geranien auf dem Balkon.

“Die sehen gut aus”, sagte sie.

“Sie leben noch”, sagte ich.

“Das ist manchmal schon viel.”

Wir saßen am Küchentisch.

Ich stellte Kaffee hin.

Sie brachte wieder Plätzchen mit, obwohl ich ihr sagte, sie müsse das nicht.

“Doch”, sagte sie. “Ich bin 79. Ich darf Sachen tun, die keiner bestellt hat.”

Das war so trocken gesagt, dass ich lachen musste.

Zum ersten Mal lachte ich vor jemand anderem.

Es erschreckte mich fast.

Als hätte ich etwas Verbotenes getan.

Frau Meier sah mich an und sagte nur: “Sie dürfen lachen, Herr Klaus.”

Nicht Klaus.

Herr Klaus.

So nannte sie mich immer, obwohl das keinen Sinn ergab.

Ich sagte: “Manchmal fühlt es sich falsch an.”

Sie nickte langsam.

“Alles fühlt sich am Anfang falsch an. Essen. Schlafen. Fernsehen. Der erste Tag, an dem man nicht weint. Der erste Tag, an dem man doch weint.”

Dann schwieg sie.

Und dieses Schweigen war angenehm.

Nicht leer.

Nicht peinlich.

Einfach da.

Bevor sie ging, blieb sie an der Küchentür stehen.

“Helga hat mir noch etwas gesagt.”

Mir wurde sofort kalt.

“Was?”

Frau Meier zögerte.

“Sie sagte, wenn Sie anfangen, wieder nur herumzusitzen, soll ich Sie an den Schrebergarten erinnern.”

Ich schaute weg.

Unser Schrebergarten.

Eigentlich war es Helgas Garten.

Ich war nur der Mann, der schwere Säcke trug, den Wasserhahn reparierte und so tat, als wüsste er, wann man Tomaten ausgeizen muss.

Seit der Diagnose war ich nicht mehr dort gewesen.

Die Nachbarparzelle hatte ab und zu gegossen.

Mehr nicht.

“Der Garten ist bestimmt verwildert”, sagte ich.

“Dann passt er ja gerade gut zu Ihnen”, sagte Frau Meier.

Ich sah sie an.

Sie verzog keine Miene.

Und wieder musste ich lachen.

Am nächsten Morgen fuhr ich hin.

Nicht mutig.

Nicht hoffnungsvoll.

Nur, weil Frau Meier recht hatte und Helga wahrscheinlich irgendwo die Augen verdreht hätte, wenn ich es nicht getan hätte.

Der Weg zum Garten kam mir länger vor als früher.

Alles sah gleich aus.

Und doch nicht.

Das kleine Tor quietschte noch.

Der Rosenbogen hing schief.

Das Beet vorne war voller Unkraut.

Die Gartenlaube stand da wie jemand, der lange auf eine Antwort gewartet hatte.

Ich schloss auf.

Drinnen roch es nach Holz, Staub und alten Sommern.

Auf dem Tisch lag noch Helgas Sonnenhut.

Gelb mit ausgefranster Kante.

Ich setzte mich auf die kleine Bank und konnte mich nicht bewegen.

Ich sah sie fast vor mir.

Wie sie mit dreckigen Knien aus dem Beet kam.

Wie sie sagte: “Klaus, hol mal den Eimer.”

Wie ich brummte.

Wie ich den Eimer holte.

So war Liebe bei uns oft gewesen.

Kein großes Gerede.

Eimer holen.

Türen aufhalten.

Die gute Seite vom Brot für den anderen übrig lassen.

Ich stand auf und öffnete die Schublade neben dem kleinen Herd.

Darin lagen Bindfaden, alte Pflanzschilder, eine stumpfe Schere und ein Notizheft.

Helgas Notizheft.

Ich wusste sofort, dass es ihres war.

Vorne stand in ihrer Schrift:

“Für später. Falls Klaus wieder so tut, als bräuchte er nichts.”

Ich musste mich setzen.

Meine Hände zitterten so sehr, dass ich das Heft kaum aufbekam.

Auf den ersten Seiten standen Gartendinge.

Tomaten nicht zu eng.

Geranien erst raus, wenn kein Frost mehr kommt.

Klaus daran erinnern, dass Gießen nicht Ertränken bedeutet.

Ich lachte und weinte gleichzeitig.

Dann kam eine Seite, die anders war.

Oben stand:

“Wenn du das liest, bist du wahrscheinlich sauer auf mich.”

Ja, Helga.

War ich.

Ein bisschen.

Weil sie mich immer noch erwischte.

Sogar aus dem Tod heraus.

Darunter schrieb sie:

“Der Garten soll kein Denkmal werden. Ich will nicht, dass du hier sitzt und dich bestrafst. Pflanz etwas, das du magst. Nicht nur meine Geranien. Und wenn du gar nichts magst, pflanz Kartoffeln. Die verzeihen viel.”

Ich legte das Heft auf den Tisch und sah durch das kleine Fenster hinaus.

Kartoffeln.

Typisch Helga.

Sie hätte sogar aus Trauer einen praktischen Vorschlag gemacht.

Ich blieb fast drei Stunden im Garten.

Ich riss ein bisschen Unkraut aus.

Nicht viel.

Gerade genug, dass man sah: Hier war jemand.

Dann ging ich zum kleinen Gartencenter am Rand der Siedlung.

Ich stand vor den Pflanzen wie ein Mann vor einer fremden Sprache.

Eine junge Verkäuferin fragte: “Kann ich Ihnen helfen?”

Ich wollte sagen: Nein.

Das sagte ich fast immer.

Stattdessen hörte ich mich sagen: “Meine Frau ist gestorben. Sie kannte sich mit Pflanzen aus. Ich nicht.”

Die Verkäuferin wurde nicht peinlich.

Sie sagte nicht diesen Satz mit “mein Beileid” in der Stimme, bei dem alle so klingen, als hätten sie Angst vor einem.

Sie nickte nur und sagte: “Dann nehmen wir etwas, das robust ist.”

Robust.

Das Wort blieb bei mir hängen.

Ich kaufte Kartoffeln zum Setzen.

Zwei Lavendel.

Und eine kleine, krumme Tomatenpflanze, die etwas schief im Topf hing.

“Die sieht nicht gut aus”, sagte ich.

“Doch”, sagte die Verkäuferin. “Die braucht nur einen größeren Topf.”

Ich dachte: Das kenne ich.

In den nächsten Wochen fuhr ich jeden zweiten Tag zum Garten.

Am Anfang nur kurz.

Dann länger.

Ich machte Fehler.

Ich goss zu viel.

Dann zu wenig.

Ich trat auf eine Pflanze, die ich selbst eingesetzt hatte.

Einmal beschimpfte ich laut einen Gartenschlauch, der sich verknotet hatte.

Der Nachbar von der Parzelle nebenan, ein Mann namens Rolf, schaute über den Zaun und sagte: “Mit dem Schlauch gewinnen Sie nicht.”

Ich sagte: “Ich weiß.”

“Gut. Dann sind Sie weiter als ich damals.”

So fing unser Gespräch an.

Rolf war Witwer.

Seit sechs Jahren.

Seine Frau hatte kein Pflegebett im Wohnzimmer gehabt, sondern einen Schlaganfall auf dem Weg zum Bäcker.

Ganz anders.

Und doch kannte er diesen Blick.

Diesen Blick von Männern, die nicht wissen, wohin mit ihren Händen, wenn niemand mehr da ist, für den man etwas tun kann.

Wir redeten nicht lange.

Er fragte nicht zu viel.

Ich auch nicht.

Manchmal saßen wir einfach auf unseren Seiten des Zauns und tranken Kaffee aus Thermoskannen.

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