Als sie den beinamputierten Gemeindeleiter rauswarfen, standen plötzlich siebzehn Arbeiter vor der Tür

Als sie an Heiligabend den beinamputierten Gemeindeleiter samt Frau und Neugeborenem vor die Tür setzen wollten, kamen siebzehn Männer in Arbeitsjacken – und plötzlich änderte sich alles.

Uwes Handy klingelte, als wir gerade die letzten Kisten aus dem Transporter gehoben hatten.

Wir waren siebzehn Männer zwischen Ende fünfzig und vierundsiebzig. Ehemalige Schlosser, Maurer, Elektriker, Lkw-Fahrer, Mechaniker. Ein paar noch im Beruf, die meisten längst in Rente.

Einmal im Jahr reparierten wir in unserer kleinen Werkstatt alte Fahrräder, Holzspielzeug und Kinderroller und brachten sie kurz vor Weihnachten dorthin, wo Familien nicht viel Geld hatten.

Keine große Sache.

Zumindest redeten wir uns das immer ein.

Uwe stand plötzlich zwischen zwei Kisten und sagte kein Wort mehr.

Ich kannte ihn seit fast dreißig Jahren. Einen ehemaligen Fernfahrer mit Händen wie Schraubstöcke, grauem Schnurrbart und einer Stimme, die selbst in einer lauten Werkhalle durch jede Maschine ging.

Aber jetzt hörte ich nur:

„Lena, langsam. Ich verstehe dich nicht.“

Dann wurde sein Gesicht blass.

„Was heißt, sie räumen alles raus?“

Wir schauten einander an.

Uwe ging ein paar Schritte zur Seite.

„Wo ist Daniel?“

Pause.

„Und Miriam?“

Noch eine Pause.

Dann sagte er sehr leise:

„Das Kind ist fünf Tage alt.“

Heinrich Kruse, den alle nur Henne nannten, stellte seine Kaffeetasse ab.

Henne war dreiundsiebzig, früher Maurermeister, knapp eins neunzig groß, breiter Rücken, knochiges Gesicht. Seine Hände sahen auch nach acht Jahren Ruhestand noch so aus, als könnte er damit Betonplatten tragen.

„Was ist passiert?“

Uwe steckte das Handy ein.

„Die wollen das Hoffnungshaus räumen.“

Keiner sagte etwas.

Das Hoffnungshaus war eine kleine freie Gemeinde in einem alten Gewerbegebäude am Rand von Duisburg. Kein prachtvoller Kirchenbau. Ein ehemaliges Ladenlokal mit einfachen Stühlen, einer kleinen Küche und zwei Räumen im hinteren Bereich.

Vor allem war es ein Ort, an dem Menschen auftauchten, wenn sie sonst nicht wussten, wohin.

Uwe kannte den Gemeindeleiter Daniel Ahrens gut.

Sehr gut.

„Der Verwalter ist da“, sagte Uwe. „Mit einem Schlüsseldienst und Leuten, die schon Möbel raustragen. Daniel sitzt draußen im Rollstuhl. Miriam steht mit dem Baby daneben.“

„Räumungstitel?“, fragte ich.

Uwe zuckte mit den Schultern.

Ich war achtundsechzig und hatte mein halbes Leben als Betriebsschlosser gearbeitet. Von Mietrecht verstand ich nicht viel.

Aber ich wusste, dass man in Deutschland normalerweise nicht einfach an Heiligabend auftauchte und Leute samt Möbeln vor die Tür setzte.

Henne zog seine alte Arbeitsjacke an.

„Fahren wir hin.“

Mehr sagte er nicht.

Das war Henne.

Wenn andere noch diskutierten, hatte er meistens schon den Schlüssel in der Hand.

Zwanzig Minuten später standen drei Transporter, zwei Kombis und ein alter Kleinbus vor dem Hoffnungshaus.

Keine Motorräder.

Keine Lederkutten.

Keine martialische Show.

Nur siebzehn Männer in Arbeitshosen, Sicherheitsschuhen, ausgewaschenen Jacken und mit Gesichtern, denen man ansah, dass sie nicht ihr Leben lang am Schreibtisch gesessen hatten.

Und trotzdem verstummten die Männer vom Räumdienst, als wir ausstiegen.

Daniel Ahrens saß neben dem Eingang in seinem Rollstuhl.

Neununddreißig Jahre alt.

Kurze dunkle Haare, schmaler Oberkörper, beide Beine unterhalb der Knie amputiert.

Früher war er Berufssoldat gewesen. Bei einem Unfall während eines Auslandseinsatzes hatte er beide Unterschenkel verloren.

Danach hatte er, wie er selbst einmal sagte, zwei Jahre gebraucht, um nicht mehr jeden Morgen wütend aufzuwachen.

Neben ihm stand Miriam.

Eine kleine Frau mit dunklen Augenringen, die eine Babyschale mit beiden Händen hielt.

„Du solltest gar nicht so lange stehen“, sagte Uwe zu ihr.

Sie versuchte zu lächeln.

„Ich sollte im Moment vieles nicht.“

Vor dem Eingang lagen zwei Kartons mit Kinderbüchern, ein zusammengeklappter Tisch, ein Regalbrett und mehrere Kisten mit Geschirr.

Ein Mann in einem dunklen Mantel stand daneben und telefonierte.

Als er uns bemerkte, beendete er das Gespräch.

„Was soll das jetzt?“

„Das wollte ich Sie gerade fragen“, sagte Henne.

Der Mann musterte ihn von oben bis unten.

„Klaus Wendt. Hausverwaltung.“

„Heinrich Kruse.“

Henne streckte ihm nicht die Hand hin.

„Und weshalb tragen Ihre Leute hier Möbel raus?“

Wendt verzog den Mund.

„Weil diese Herrschaften ihre Verpflichtungen nicht erfüllen.“

Daniel rollte näher.

„Die Miete ist bezahlt.“

„Zu spät.“

„Vier Tage.“

„Der Vertrag sagt zum Monatsanfang.“

„Die Überweisung ging raus.“

Wendt schnaubte.

„Darum geht es längst nicht mehr nur.“

Er deutete auf das Gebäude.

„Hier schlafen ständig fremde Leute. Das wurde nicht vereinbart. Das ist eine Gemeinde und keine Unterkunft.“

Daniel sagte ruhig:

„Es waren Menschen, die sonst keine Bleibe hatten.“

„Nicht mein Problem.“

Bei diesem Satz sah ich, wie Uwes Kiefer arbeitete.

Ich kannte diesen Blick.

Vor zehn Jahren hätte ich Uwe jetzt am Arm gepackt.

Heute brauchte ich das nicht mehr.

Er blieb stehen.

Wendt fuhr fort.

„Die Eigentümer wollen ordentliche gewerbliche Nutzung. Keine Matratzenlager. Keine Leute, die nachts kommen und gehen. Keine Beschwerden.“

„Von wem?“, fragte ich.

„Wie bitte?“

„Wer hat sich beschwert?“

Wendt sah mich an.

„Das geht Sie überhaupt nichts an.“

Dann zeigte er auf uns.

„Und Sie alle verschwinden jetzt bitte. Das hier ist Privatgelände.“

Henne blickte zu den Männern vom Räumdienst.

Einer hielt ein Regalbrett in der Hand.

„Jungs“, sagte Henne, „stellt das bitte wieder hin.“

Wendt lachte kurz.

„Sie geben hier keine Anweisungen.“

Der Mann mit dem Regalbrett sah zwischen uns hin und her.

Dann stellte er es tatsächlich ab.

Vielleicht lag es daran, wie Henne dastand.

Er drohte niemandem.

Er wurde nicht laut.

Aber ein ehemaliger Maurermeister, der vierzig Jahre lang auf Baustellen mit Gerüsten, Betonpumpen, Termindruck und drei Generationen von Polieren gearbeitet hat, entwickelt irgendwann eine bestimmte Art zu schauen.

„Ich wiederhole es“, sagte Wendt. „Gehen Sie.“

Uwe trat an ihm vorbei und hockte sich vor Daniels Rollstuhl.

„Alles okay?“

Daniel nickte.

Dann schaute er zu Miriam.

„Mir schon.“

Man hörte, was er nicht sagte.

Uwe stand wieder auf.

„Klaus Wendt, richtig?“

„Herr Wendt.“

„Na gut, Herr Wendt. Sie wollen also einen Mann im Rollstuhl, seine Frau fünf Tage nach der Geburt und ihr Baby an Heiligabend vor die Tür setzen.“

„Ich setze niemanden vor die Tür. Ich beende ein Mietverhältnis.“

„Heute?“

„Das Datum suche ich mir nicht aus.“

Da lachte Henne zum ersten Mal.

Nicht freundlich.

„Doch“, sagte er. „Genau das tun Sie.“

Wendt drehte sich zu ihm.

„Wollen Sie mir erklären, wie Immobilienverwaltung funktioniert?“

„Nein.“

Henne steckte beide Hände in seine Jackentaschen.

„Ich will nur wissen, wie viel Geld offen ist.“

„Das spielt keine Rolle.“

„Wie viel?“

Wendt zögerte.

„Die Dezembermiete beträgt 2.800 Euro. Dazu kommen Nebenkosten, Mahnkosten und Schäden.“

Daniel fuhr herum.

„Welche Schäden?“

„Nutzung über das vereinbarte Maß hinaus.“

„Welche Schäden?“

Wendt antwortete nicht.

Henne zog sein Handy heraus.

„Sagen wir fünftausend.“

„Was?“

„Wenn ich Ihnen heute fünftausend überweise, lassen Sie die Sachen drin?“

Wendt musterte ihn.

Dann kam dieses Lächeln.

Ich kannte solche Lächeln.

Man sieht einen älteren Mann in verschlissener Arbeitsjacke und glaubt, man wisse alles über ihn.

„Sie wollen fünftausend Euro bezahlen?“

„Wenn Geld das Problem ist.“

„Geld ist nicht das Problem.“

„Eben klang das anders.“

Wendt wurde ungeduldig.

„Es geht um die Leute, die hier übernachten.“

Uwe sagte plötzlich:

„Ich war einer davon.“

Niemand bewegte sich.

Nicht einmal Wendt sagte sofort etwas.

Uwe stand mitten zwischen uns, beide Hände locker an den Seiten.

„Vor sechs Jahren.“

Seine Stimme war nicht mehr laut.

„Meine Frau war weg. Mein Sohn wollte nichts mehr von mir wissen. Nach dreißig Jahren Fernverkehr hatte ich keinen Führerschein mehr, keine Wohnung und vor allem keine Lust mehr, morgens aufzuwachen.“

Daniel sah zu Boden.

Uwe sprach weiter.

„Ich habe getrunken. Viel.“

Ich wusste einiges davon.

Aber nicht alles.

„Eine Nacht saß ich vor diesem Haus. Daniel kannte mich nicht. Er fragte nicht nach meiner Vergangenheit. Er fragte nicht, warum ich stank oder weshalb ich zitterte.“

Uwe schluckte.

„Er gab mir eine Matratze, eine Schüssel Suppe und sagte: Schlaf erst mal.“

Wendt verdrehte leicht die Augen.

Das war sein Fehler.

Uwe sah es.

„Am nächsten Morgen war ich immer noch da.“

Er blickte Daniel an.

„Und sechs Monate später auch.“

„Uwe“, sagte Daniel leise.

„Nein. Heute sage ich es.“

Uwe zeigte auf den Boden des Gemeinderaums.

„Ich habe da hinten geschlafen. Zweiundvierzig Nächte.“

Dann trat Jürgen vor.

Ehemaliger Werkzeugmacher. Siebzig.

„Ich auch.“

Ich drehte mich zu ihm.

Das hatte ich nicht gewusst.

„Nach Renates Tod“, sagte er. „Ich konnte meine Wohnung nicht ertragen. Drei Wochen lang bin ich abends hierhergekommen.“

Dann kam Mehmet.

Vierundsechzig, früher Schweißer.

„Meine Werkstatt war weg. Ehe kaputt. Schulden bis unters Dach. Daniel hat mir geholfen, wieder einen Tagesrhythmus zu finden.“

Klaus, der alte Elektriker, hob eine Hand.

„Ich war nur vier Nächte hier.“

„Vier reichen“, sagte Uwe.

Am Ende standen acht Männer vor Wendt.

Acht von siebzehn.

Alles Männer, die ich seit Jahren kannte.

Männer, mit denen ich Wände gestrichen, Fahrräder repariert, Geburtstage gefeiert und Beerdigungen besucht hatte.

Ich hatte keine Ahnung gehabt, dass fast die Hälfte von ihnen irgendwann auf dem Boden dieses kleinen Gemeindehauses geschlafen hatte.

Daniel wischte sich mit der Hand über die Augen.

„Ihr müsst das nicht erzählen.“

„Doch“, sagte Jürgen. „Vielleicht mussten wir das längst.“

Wendt schüttelte den Kopf.

„Das bestätigt doch genau, was ich sage. Das hier ist keine geeignete Einrichtung für—“

„Für was?“, fragte Henne.

Wendt verstummte.

„Für Männer wie uns?“

Henne trat einen Schritt vor.

„Für Leute, die vierzig Jahre gearbeitet haben und irgendwann trotzdem unten liegen?“

„So habe ich das nicht gesagt.“

„Aber gedacht.“

Zum ersten Mal wirkte Wendt unsicher.

Dann fing er sich wieder.

„Das ändert nichts. Die Kündigung besteht.“

Eine Stimme kam vom Gehweg.

„Welche Kündigung?“

Wir drehten uns um.

Eine Frau Anfang vierzig kam auf uns zu, dunkle Hose, langer Mantel, Ledertasche unter dem Arm.

Lena, Uwes Nichte, lief hinter ihr.

„Das ist Frau Feldmann“, sagte Lena. „Sie hilft der Gemeinde manchmal bei Verträgen.“

Die Frau stellte sich neben Daniel.

„Nora Feldmann. Rechtsanwältin.“

Wendt atmete hörbar aus.

„Ach, wunderbar.“

„In der Tat“, sagte sie.

Sie nahm mehrere Blätter aus ihrer Tasche.

„Herr Ahrens hat mir die Unterlagen geschickt.“

Wendt winkte ab.

„Dann wissen Sie ja, dass der Vertrag gekündigt wurde.“

„Ich sehe eine Kündigung.“

„Sehr gut.“

„Was ich nicht sehe, ist ein Räumungstitel.“

Wendt sagte nichts.

Frau Feldmann blickte auf den Schlüsseldienst.

„Und ich sehe auch keinen Gerichtsvollzieher.“

Der Mann vom Schlüsseldienst sah plötzlich sehr beschäftigt mit seiner Werkzeugtasche aus.

Wendt räusperte sich.

„Der Mietvertrag ist beendet.“

„Selbst wenn er das wäre, können Sie nicht eigenmächtig die Räume leeren.“

„Die Gemeinde hat zugestimmt.“

Daniel sah ihn fassungslos an.

„Nein.“

„Sie haben heute Morgen gesagt, Sie wollten keinen Ärger.“

„Das ist keine Zustimmung.“

Frau Feldmann nickte.

„Richtig.“

Wendt wurde rot.

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