Als sie den beinamputierten Gemeindeleiter rauswarfen, standen plötzlich siebzehn Arbeiter vor der Tür

„Dann klären wir das eben nach den Feiertagen.“

„Das wäre vernünftig.“

„Aber diese Leute bleiben nicht.“

„Heute bleiben sie.“

„Das entscheiden nicht Sie.“

Frau Feldmann sah ihn ruhig an.

„Doch. Für heute ziemlich eindeutig.“

Es war kein großer Triumph.

Niemand jubelte.

Niemand klatschte.

Der Schlüsseldienst packte seine Sachen ein. Die beiden Möbelmänner trugen das Regal zurück hinein.

Und plötzlich stand Klaus Wendt allein zwischen den Kisten.

„Freuen Sie sich nicht zu früh“, sagte er zu Daniel.

„Die Eigentümer wollen Sie hier nicht mehr.“

Daniel antwortete:

„Dann sprechen wir mit ihnen.“

„Die sprechen nicht mit Ihnen.“

Da hob Henne den Kopf.

„Wer sind die Eigentümer?“

„Das geht Sie nichts an.“

„Doch“, sagte Frau Feldmann. „Mich inzwischen schon.“

Wendt sah sie an.

„Nach den Feiertagen.“

Dann ging er.

Einfach so.

Kein großes Finale.

Nur ein Mann in einem teuren Mantel, der zu seinem Wagen ging, während siebzehn alte Arbeiter dabei zusahen.

Als er weg war, setzte Miriam die Babyschale vorsichtig auf einen Stuhl.

Ihre Hände zitterten.

„Ich dachte wirklich, wir müssen heute irgendwohin.“

Uwe legte ihr eine Hand auf die Schulter.

„Müsst ihr nicht.“

Daniel sah zu Henne.

„Sie kennen mich gar nicht.“

„Stimmt.“

„Und Sie wollten gerade fünftausend Euro für uns bezahlen.“

„Stimmt auch.“

„Warum?“

Henne zuckte mit den Schultern.

„Weil man eine Frau fünf Tage nach der Geburt nicht zwischen Umzugskartons sitzen lässt.“

Daniel musste lachen.

Nur kurz.

Dann wurde sein Gesicht ernst.

„Das Gebäude hat Probleme.“

„Welche?“

„Heizung. Dach. Die hintere Wand ist feucht. Elektrik teilweise uralt.“

Henne drehte sich um.

„Klaus?“

Der Elektriker hob die Hand.

„Bin schon dabei.“

„Mehmet?“

„Was?“

„Du hast doch noch dein Feuchtigkeitsmessgerät.“

Mehmet grinste.

„Im Auto.“

„Rolf?“

Jetzt war ich dran.

„Ja?“

„Du guckst mit mir nach der Heizung.“

„Ich bin Schlosser.“

„Du redest seit vierzig Jahren so, als könntest du alles.“

„Reden kann ich tatsächlich alles.“

Zum ersten Mal an diesem Tag lachten wir alle.

Wir blieben.

Nicht bis Mitternacht.

Nicht heldenhaft.

Einfach lange genug.

Wir trugen die Kisten zurück.

Schraubten das Regal wieder zusammen.

Klaus klemmte eine lockere Steckdose ab.

Mehmet stellte fest, dass die feuchte Stelle unangenehm, aber nicht dramatisch war.

Jemand holte belegte Brötchen.

Eine Frau aus der Nachbarschaft brachte einen Topf Suppe.

Zwei weitere kamen mit Kaffee.

Gegen Abend saßen fast dreißig Menschen im Gemeinderaum.

Daniel rollte zu uns an den langen Tisch.

„Ich muss euch etwas fragen.“

„Frag“, sagte Uwe.

„Warum kommt ihr jedes Jahr Spielzeug reparieren?“

Ich sah zu Henne.

Henne sah zu mir.

„Weil wir sonst zu Hause unseren Frauen auf die Nerven gehen“, sagte ich.

Wieder Gelächter.

Aber Daniel wartete.

Also sagte Henne irgendwann:

„Weil keiner von uns mehr gebraucht werden will und trotzdem jeder gebraucht werden möchte.“

Danach war es still.

Das war einer dieser Sätze, die Männer wie wir normalerweise nicht sagen.

Jedenfalls nicht nüchtern.

Nicht vor anderen.

Henne starrte in seinen Kaffee.

„Vierzig Jahre habe ich meine Baufirma aufgebaut. Samstags gearbeitet. Sonntags Angebote geschrieben. Meine Tochter hat irgendwann aufgehört zu fragen, ob ich zu ihren Schulaufführungen komme.“

Er rieb mit dem Daumen über den Tassenrand.

„Als ich den Laden verkauft hatte, dachte ich: Jetzt hast du endlich Zeit.“

Er lächelte bitter.

„Da war meine Frau schon tot.“

Niemand wusste, was man darauf sagen sollte.

Also sagte niemand etwas.

„Geld ist noch da“, fuhr Henne fort. „Zeit auch. Nur zurückdrehen kannste nichts.“

Daniel nickte langsam.

„Vielleicht muss man nicht alles zurückdrehen.“

Henne sah ihn an.

„Vielleicht.“

Zwei Tage später standen wir wieder im Hoffnungshaus.

Eigentlich wollten wir nur reparieren.

Dann kam Frau Feldmann.

Sie hatte Neuigkeiten.

„Ich habe mit der Eigentümerfamilie gesprochen.“

Daniel legte den Schraubenzieher weg.

„Und?“

„Herr Wendt ist nur Verwalter. Der Mietvertrag läuft über eine private Eigentümergemeinschaft.“

„Wollen die uns raus?“

„Nicht unbedingt.“

Sie legte einen Ordner auf den Tisch.

„Sie wussten gar nicht, wie viel hier tatsächlich gemacht wird. Herr Wendt hat ihnen mitgeteilt, die Räume würden vertragswidrig genutzt und die Gemeinde sei unzuverlässig.“

Henne schnaubte.

„Natürlich.“

„Allerdings wollen die Eigentümer das Gebäude mittelfristig verkaufen.“

Jetzt wurde Henne aufmerksam.

„Für wie viel?“

Frau Feldmann sah ihn an.

„Heinrich.“

„Ich frage nur.“

„Du fragst nie nur.“

Drei Wochen später saß Henne beim Notar.

Nicht an Heiligabend.

Nicht innerhalb von zehn Minuten.

So funktionieren Immobiliengeschäfte in Deutschland eben nicht.

Aber Henne machte ernst.

Er kaufte das Gebäude über eine kleine Gesellschaft, die er nach dem Verkauf seiner Firma behalten hatte.

Als ich ihn fragte, ob er verrückt geworden sei, sagte er:

„Möglich.“

„Du bist dreiundsiebzig.“

„Danke für die Information.“

„Was willst du mit einem alten Gemeindehaus?“

Er schaute mich an, als sei die Antwort selbstverständlich.

„Reparieren.“

Damit begann alles.

Das Dach war tatsächlich an zwei Stellen undicht.

Die Heizung hatte ihre besten Jahre hinter sich.

Die Elektrik hinten musste komplett erneuert werden.

Aber Wendt hatte übertrieben.

Das Gebäude war kein Sanierungsfall.

Es war einfach alt.

Wie wir.

Und genauso wie bei uns war mehr zu retten, als man auf den ersten Blick dachte.

Wir machten keinen großen Aufruf.

Wir begannen einfach.

Montag kam Klaus mit seinem ehemaligen Lehrling.

Dienstag tauchte Mehmets Sohn auf.

Mittwoch brachte Jürgen zwei Freunde mit.

Am Samstag standen plötzlich vierunddreißig Leute vor der Tür.

Eine Woche später waren es mehr als fünfzig.

Menschen aus der Nachbarschaft.

Ehemalige Besucher.

Rentner.

Ein junger Fliesenleger.

Eine Friseurin, die Wände streichen konnte.

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