An Heiligabend fragte ein obdachloser Junge nur nach dem Weihnachtsmann – dann blieb ein Fremder plötzlich stehen

Martin senkte den Blick.

„Entschuldigung.“

Eine Weile schwiegen sie.

Dann fragte er vorsichtig:

„Was ist passiert?“

Katharina legte beide Hände um ihre Teetasse.

„Ich war Buchhalterin.“

„War?“

Sie nickte.

„Bei einer größeren Immobilienverwaltung hier in der Stadt. Drei Jahre.“

„Und dann?“

„Stellenabbau.“

Sie lachte kurz.

Es war kein fröhliches Lachen.

„So nennt man es jedenfalls, wenn ein Mensch morgens noch eine Arbeit hat und am Nachmittag nicht mehr.“

Martin sagte nichts.

„Mein Chef hat mich eine Woche vor Weihnachten in sein Büro bestellt. Er sagte, man müsse Kosten senken. Meine Stelle werde gestrichen.“

„Abfindung?“

„Zwei Wochen Gehalt.“

Martin verzog das Gesicht.

„Mehr nicht?“

„Mehr nicht.“

Sie sah zu Jonas, der inzwischen seinen Stoffbären mit einem Stück Kartoffelpuffer „fütterte“.

„Ich bin alleinerziehend. Meine Eltern sind tot. Geschwister habe ich keine. Jonas’ Vater ist weg, seit ich schwanger war.“

Martin spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog.

„Die Wohnung war sowieso knapp kalkuliert. Dann kamen in den letzten Jahren zusätzliche Ausgaben. Medikamente, Betreuung, Nachzahlungen … immer irgendetwas.“

„Keine Rücklagen?“

Katharina lächelte bitter.

„Menschen mit gutem Einkommen glauben oft, Rücklagen seien eine Frage der Disziplin.“

Martin wollte etwas erwidern.

Tat es aber nicht.

„Manchmal“, sagte sie, „ist am Monatsende einfach nichts übrig, das man diszipliniert zurücklegen könnte.“

Er nickte.

„Da haben Sie recht.“

Katharina schien überrascht, dass er nicht widersprach.

„Ich dachte, ich finde schnell etwas Neues. Buchhalter werden schließlich gebraucht.“

„Normalerweise ja.“

„Nur nicht unbedingt zwischen Weihnachten und Neujahr.“

Sie strich mit dem Daumen über den Rand ihrer Tasse.

„Die Miete war ohnehin überfällig. Der Vermieter hatte für Januar schon neue Interessenten. Heute musste ich raus.“

Martin sah sie an.

„An Heiligabend?“

„Die Welt hält sich nicht immer an Feiertage.“

Er dachte an sein Büro.

An Entscheidungen, die er selbst unterschrieben hatte.

An nüchterne Tabellen mit Spalten wie „Personalkosten reduzieren“.

Zwölf Prozent.

Sieben Stellen.

Drei Stellen.

Ein Bereich schließen.

Noch nie hatte neben einer Zahl gestanden:

Zwei Kinder.

Pflegebedürftige Mutter.

Kredit.

Scheidung.

Angst.

Er hatte immer gesagt, Geschäft sei Geschäft.

Plötzlich klang dieser Satz erschreckend bequem.

„Ich habe seit dem Nachmittag herumtelefoniert“, sagte Katharina weiter. „Notunterkünfte. Übergangswohnungen. Beratungsstellen. Alles voll oder niemand mehr erreichbar.“

„Und dann sind Sie dort auf der Treppe gelandet.“

Sie nickte.

„Ich dachte, wir sitzen eine Weile irgendwo geschützt. Danach wollte ich sehen, ob eine Kirche offen ist.“

„Mit einem Vierjährigen?“

„Er ist fünf.“

„Das macht es nicht besser.“

„Nein.“

Zum ersten Mal klang ihre Stimme brüchig.

„Aber was soll ich tun?“

Martin sah sie an.

Und wusste plötzlich genau, was er tun wollte.

„Kommen Sie mit zu mir.“

Katharina erstarrte.

„Nein.“

„Sie wissen noch gar nicht, was ich sagen will.“

„Doch. Und nein.“

„Ich habe zwei Gästezimmer.“

„Nein.“

„Beide mit abschließbaren Türen.“

„Herr Berger …“

„Martin.“

„Martin. Ich kenne Sie seit einer Stunde.“

„Das stimmt.“

„Ich werde nicht mit meinem Sohn zu einem fremden Mann nach Hause fahren.“

„Das verstehe ich.“

Sie blinzelte.

„Dann sind wir uns ja einig.“

„Nicht ganz.“

Er holte seine Brieftasche heraus, legte seine Visitenkarte auf den Tisch und schob sie zu ihr.

„Darauf stehen mein vollständiger Name, meine Firma, die Geschäftsadresse und meine Telefonnummer. Sie können alles überprüfen. Sie können dem Kellner sagen, wohin wir fahren. Sie können jemandem ein Foto von meinem Kennzeichen schicken.“

Katharina schaute ihn an.

„Sie haben über solche Situationen nachgedacht?“

„Noch nie.“

„Das merkt man.“

Martin lächelte.

„Ich versuche nur, Ihnen so viele Möglichkeiten wie möglich zu geben, Nein zu sagen.“

Sie nahm die Karte.

Jonas schaute zwischen den beiden hin und her.

„Hat der Weihnachtsmann auch Ihre Adresse?“

Martin atmete hörbar aus.

Katharina schloss die Augen.

Dann lachte sie.

Zum ersten Mal wirklich.

Es war nur ein kleiner Moment.

Aber er veränderte die Atmosphäre am Tisch.

„Eine Nacht“, sagte sie schließlich.

Martin nickte.

„Eine Nacht.“

Seine Wohnung lag im oberen Stock eines modernen Gebäudes am Rand der Innenstadt.

Als sich die Aufzugtüren öffneten, blieb Katharina stehen.

„Sie wohnen wirklich hier?“

„Leider ja.“

„Leider?“

Martin betrachtete das große Wohnzimmer.

Designermöbel.

Kunst an den Wänden.

Glas.

Stein.

Perfekte Ordnung.

Keine Fotos.

Keine Jacke über einer Stuhllehne.

Keine halb gelesene Zeitung.

Keine Hausschuhe.

Nichts, was verriet, dass hier jemand lebte.

„Es sieht besser aus, als es sich anfühlt.“

Jonas war bereits zum Fenster gelaufen.

„Mama! Die Autos sind winzig!“

Martin zeigte ihnen die Gästezimmer.

Katharina nahm das Zimmer mit dem breiteren Bett und legte Jonas’ Taschen daneben.

„Sie schlafen natürlich zusammen, wenn Ihnen das lieber ist.“

„Ja.“

„Frische Handtücher sind im Bad. Zahnbürsten müsste ich irgendwo haben.“

„Sie haben Zahnbürsten für Gäste?“

„Meine Haushälterin denkt offenbar optimistischer über mein Sozialleben als ich.“

Katharina musste wieder lachen.

Später saßen sie im Wohnzimmer.

Jonas hatte darauf bestanden, noch „nur zehn Minuten“ einen Weihnachtsfilm zu sehen.

Aus zehn Minuten wurde fast eine Stunde.

Martin fand Kakao im Küchenschrank und eine Dose Gebäck, die irgendein Geschäftspartner ihm geschickt hatte.

Jonas saß zwischen den Erwachsenen auf dem Sofa.

Er kommentierte jede Szene.

Fragte ständig, warum Menschen in Filmen niemals einfach miteinander redeten.

Und schlief mitten in einem Satz ein.

Katharina zog ihm vorsichtig die Decke bis zum Kinn.

Dann liefen ihr plötzlich Tränen über die Wangen.

Sie wischte sie sofort weg.

„Entschuldigung.“

„Wofür?“

„Ich wollte nicht …“

Ihre Stimme versagte.

„Ich muss funktionieren.“

Martin sagte nichts.

„Ich darf vor ihm nicht zusammenbrechen.“

„Warum nicht?“

Sie sah ihn an, als hätte er eine absurde Frage gestellt.

„Weil ich alles bin, was er hat.“

Der Satz blieb im Raum stehen.

„Sein Vater ist gegangen, als ich im sechsten Monat war“, sagte sie schließlich.

Martin lehnte sich zurück.

„Er sagte, er sei noch nicht bereit für Familie. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.“

„Und Ihre Eltern?“

„Autounfall. Ich war damals 21.“

„Das tut mir leid.“

„Es ist lange her.“

„Lange her bedeutet nicht automatisch vorbei.“

Katharina sah ihn überrascht an.

Martin selbst war überrascht, dass dieser Satz von ihm gekommen war.

„Und Sie?“, fragte sie nach einer Weile.

„Was ist mit mir?“

„Warum machen Sie das?“

Er sah zum schlafenden Jonas.

„Ich weiß es nicht genau.“

„Sie kennen uns nicht.“

„Stimmt.“

„Dann warum?“

Martin stand auf, ging zum Fenster und sah auf die Stadt hinunter.

Von oben wirkte alles friedlich.

Ordentlich.

Fast kontrollierbar.

„Mein Vater hat früher an Heiligabend immer gesagt, ein Haus sei erst dann ein Zuhause, wenn jemand darin auf dich wartet.“

Katharina schwieg.

„Ich fand den Spruch kitschig.“

„Und heute?“

Martin sah sich um.

„Heute glaube ich, mein Vater hatte recht.“

Er atmete tief durch.

„Ich habe fast alles erreicht, was ich mir mit 25 vorgenommen habe.“

„Sie klingen nicht glücklich darüber.“

„Weil ich damals offenbar die falschen Dinge auf die Liste geschrieben habe.“

Katharina lächelte schwach.

„Erfolg ist nichts Schlechtes.“

„Nein.“

„Aber?“

„Aber ich dachte immer, irgendwann kommt der Rest automatisch.“

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