An Heiligabend fragte ein obdachloser Junge nur nach dem Weihnachtsmann – dann blieb ein Fremder plötzlich stehen

Familie.

Freunde.

Menschen, die nicht anriefen, weil sie etwas wollten.

„Es kam nicht automatisch“, sagte er.

„Nein“, antwortete Katharina. „Tut es selten.“

Martin setzte sich wieder.

„Als Jonas mich gefragt hat, ob der Weihnachtsmann seine neue Adresse kennt …“

Er brach ab.

Katharina blickte auf ihren Sohn.

„Ich wusste nicht, was ich ihm sagen sollte.“

„Sie haben ihm gesagt, alles sei ein Abenteuer.“

„Weil die Wahrheit zu hässlich klang.“

„Vielleicht war es trotzdem richtig.“

„Er glaubt noch daran, dass morgen alles wieder gut wird.“

Ihre Stimme zitterte.

„Ich weiß nicht, wie lange ich ihm das noch versprechen kann.“

Martin sah sie an.

„Vielleicht müssen Sie es nicht allein versprechen.“

In dieser Nacht schlief Martin kaum.

Gegen halb zwei stand er in seiner Küche und dachte an Jonas.

An die Frage nach dem Weihnachtsmann.

Dann tat er etwas, das er normalerweise für irrational gehalten hätte.

Er bestellte Weihnachtsgeschenke über einen Lieferdienst, der noch in der Nacht zustellte.

Eine warme Winterjacke.

Kinderbücher.

Buntstifte.

Eine kleine Stofffigur in Form eines Rentiers.

Für Katharina bestellte er nichts.

Nicht weil er nicht wollte.

Sondern weil er fürchtete, ihre Würde mit zu viel Großzügigkeit zu verletzen.

Kurz nach drei legte er die Päckchen unter den kleinen Baum, den seine Haushälterin zwei Wochen zuvor aufgestellt hatte.

Zum ersten Mal erschien ihm diese Dekoration nicht lächerlich.

Am nächsten Morgen wurde Martin von Kinderlachen geweckt.

Er zog eine Jogginghose an und ging ins Wohnzimmer.

Jonas stand am Fenster.

„Martin!“

Das „Herr“ war bereits verschwunden.

„Guck mal! Alles weiß!“

Katharina stand in der Küche.

Ihre Haare waren noch ungeordnet, und sie hielt eine Kaffeetasse mit beiden Händen.

„Entschuldigung. Ich konnte ihn nicht länger ruhig halten.“

„Es ist neun Uhr.“

„Für mich ist das früh.“

„Für Eltern nicht.“

Jonas drehte sich plötzlich um.

Dann sah er den Weihnachtsbaum.

Und die Päckchen.

Er erstarrte.

„Mama.“

Katharina blickte zu Martin.

Er hob nur die Schultern.

Jonas ging langsam auf den Baum zu.

„Er hat uns gefunden.“

Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

Dann rannte er los.

„Mama! Ich hab’s doch gesagt!“

Katharina presste die Lippen zusammen.

Martin sah, wie ihre Augen feucht wurden.

Jonas öffnete zuerst die Stofffigur.

„Ein Rentier! Für Bruno!“

Er setzte das neue Rentier neben seinen alten Bären.

Dann kam die Jacke.

Dann die Bücher.

Jedes Geschenk behandelte er, als wäre es etwas Unbezahlbares.

Nicht wegen des Preises.

Sondern weil es bedeutete, dass jemand an ihn gedacht hatte.

Martin stand daneben.

Und plötzlich erinnerte er sich an ein Weihnachtsfest seiner Kindheit.

Er war sechs gewesen.

Sein Vater hatte damals monatelang Überstunden gemacht, weil das Geld knapp war.

Unter dem Baum hatte ein gebrauchter Holzzug gelegen, den der Vater selbst abgeschliffen und neu lackiert hatte.

Martin hatte ihn geliebt.

Irgendwann, viele Jahre später, hatte er geglaubt, schöne Weihnachten hätten mit teuren Dingen zu tun.

Nun stand ein fünfjähriger Junge vor ihm und bewies das Gegenteil.

Nach dem Frühstück räusperte Martin sich.

„Katharina, ich möchte Ihnen etwas vorschlagen.“

Sie stellte ihre Tasse ab.

„Noch mehr?“

„Hören Sie es sich wenigstens an.“

Sie nickte vorsichtig.

„Meine Firma sucht tatsächlich eine erfahrene Buchhalterin.“

Katharina starrte ihn an.

„Nein.“

„Sie kennen die Stelle noch gar nicht.“

„Ich will keinen Job aus Mitleid.“

„Bekommen Sie auch nicht.“

„Martin.“

„Ich habe heute Morgen mit unserem Personalchef gesprochen.“

„Heute Morgen? Es ist Weihnachten.“

„Er hat vier Kinder. Er war ohnehin seit sechs Uhr wach.“

Katharina musste kurz lächeln.

„Er hat Ihren beruflichen Werdegang anhand der Angaben geprüft, die Sie mir gestern genannt haben. Ihre bisherigen Zeugnisse sind sehr gut.“

Sie wurde ernst.

„Sie haben mich überprüft?“

„Ja.“

„Ohne mich zu fragen?“

Martin hielt inne.

„Das war vermutlich nicht besonders respektvoll.“

„Nein.“

„Dann entschuldige ich mich.“

Sie sah ihn lange an.

„Aber die Stelle gibt es wirklich?“

„Ja.“

„Und Sie hätten sie auch ohne mich besetzt?“

„Definitiv.“

„Gehalt?“

Martin nannte eine Zahl.

Katharina blinzelte.

„Das sind fast dreißig Prozent mehr als vorher.“

„Mehr Verantwortung.“

„Und wenn ich nicht gut genug bin?“

„Dann stellt man Sie nicht ein.“

„Sie würden mich wirklich ablehnen?“

„Wenn Sie ungeeignet wären, ja.“

Sie verschränkte die Arme.

„Das klingt fast beruhigend.“

„Soll es.“

Martin lehnte sich vor.

„Ich biete Ihnen kein Geschenk an. Ich biete Ihnen die Chance auf ein Vorstellungsgespräch.“

„Heute?“

„Natürlich nicht heute.“

„Gut.“

„Außerdem haben wir zwei Übergangswohnungen für Mitarbeiter, die kurzfristig umziehen müssen.“

Ihre Miene veränderte sich sofort.

„Martin …“

„Eine davon steht leer.“

„Ich kann mir wahrscheinlich nicht einmal die Miete leisten.“

„Die ersten drei Monate übernimmt die Firma.“

„Warum?“

„Weil das Teil unseres bestehenden Programms ist.“

„Nicht extra für mich?“

„Nein.“

Er verschwieg, dass das Programm ursprünglich für Führungskräfte gedacht gewesen war und er vorhatte, die Regelung am nächsten Arbeitstag auf alle Beschäftigten auszuweiten.

Katharina stand auf und ging zum Fenster.

„Gestern um diese Uhrzeit wusste ich nicht, wo mein Sohn heute schlafen wird.“

Martin sagte nichts.

„Und jetzt erzählen Sie mir etwas von Arbeitsplatz und Wohnung.“

„Ich erzähle Ihnen von Möglichkeiten.“

„Warum?“

Martin dachte lange nach.

Dann sagte er:

„Weil ich kann.“

Sie drehte sich zu ihm.

„Das reicht mir nicht.“

„Dann die längere Antwort.“

Er sah zu Jonas, der auf dem Teppich saß und seinem Bären aus einem neuen Buch vorlas.

„Weil ich gestern begriffen habe, wie oft ich in meinem Leben Möglichkeiten hatte, etwas Gutes zu tun, und mich entschieden habe, es nicht zu tun.“

Katharina schwieg.

„Nicht aus Bosheit. Aus Bequemlichkeit.“

Martin setzte sich.

„Ich habe Stellen gestrichen. Leute entlassen. Abteilungen geschlossen. Manche Entscheidungen waren notwendig. Manche vielleicht nicht.“

„Sie geben sich jetzt die Schuld für alles?“

„Nein. Aber ich möchte endlich verstehen, dass hinter jeder Zahl jemand sitzt.“

Er nickte in Richtung Jonas.

„Jemand, der vielleicht an Weihnachten eine neue Adresse hat und hofft, dass ihn trotzdem jemand findet.“

Katharina wischte sich über die Augen.

„Sie sind gefährlich.“

Martin hob die Brauen.

„Wieso?“

„Weil Sie genau im falschen Moment die richtigen Dinge sagen.“

„Das wurde mir bisher noch nie vorgeworfen.“

Sie lachte.

Dann wurde sie wieder ernst.

„Ich nehme das Vorstellungsgespräch an.“

„Gut.“

„Und die Übergangswohnung.“

„Noch besser.“

„Aber nur im Rahmen des normalen Programms.“

„Einverstanden.“

„Und ich zahle Ihnen alles zurück, falls irgendwo Kosten entstehen, die nicht dazugehören.“

„Darüber sprechen wir später.“

„Nein. Darüber sprechen wir jetzt.“

Martin hob beide Hände.

„Einverstanden.“

Katharina setzte sich wieder.

Dann streckte sie ihm die Hand entgegen.

„Abgemacht.“

Martin schlug ein.

Jonas sah auf.

„Worüber redet ihr?“

Katharina ging zu ihm und kniete sich hin.

„Wir haben vielleicht bald wieder eine Wohnung.“

Jonas dachte kurz nach.

„Mit Fenster?“

Katharina lachte durch ihre Tränen.

„Ja. Mit Fenster.“

„Und kann Martin uns besuchen?“

Stille.

Katharina sah zu Martin.

Martin sah zu Katharina.

„Wenn er möchte“, sagte sie.

„Ich würde sehr gern.“

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