Eine hochträchtige Hündin wurde mitten im Wald an einen Baum gekettet. Als zwei Polizisten sie befreiten, geschah etwas, das keiner von ihnen jemals vergessen würde.
„Thomas, hol sofort den Bolzenschneider! Die Hündin bekommt ihre Jungen!“
Meine Stimme klang lauter, als ich wollte. Ich kniete neben einer grauen Hündin, deren Körper vor Erschöpfung zitterte. Um ihren Hals lag eine schwere Kette, die so kurz war, dass sie sich kaum hinlegen konnte.
Mein Kollege Thomas Berger fluchte leise.
„Verdammt, Markus. Wer macht denn so etwas?“
Ich hatte keine Antwort.
Wir waren an diesem Morgen zu einem abgelegenen Waldstück im Harz gerufen worden. Ein Spaziergänger hatte zwischen den Bäumen einen Hund entdeckt, der offenbar schon länger dort festgebunden war.
Was uns erwartete, hatte er am Telefon nicht beschreiben können.
Die Hündin war bis auf die Knochen abgemagert. Ihre Rippen zeichneten sich unter dem stumpfen grauen Fell ab. An ihrem Hals waren wunde Stellen zu erkennen, dort, wo die Kette bei jeder Bewegung gescheuert hatte.
Und ihr Bauch war riesig.
„Beeil dich, Thomas!“
Ein metallisches Knacken durchschnitt die Stille.
Die Kette fiel zu Boden.
Zum ersten Mal seit vermutlich mehreren Tagen konnte sich die Hündin vollständig ausstrecken. Sie ließ sich vorsichtig auf die Seite sinken und atmete schwer.
Dann krümmte sich ihr Körper.
Ich sah Thomas an.
„Das sind Wehen.“
Er starrte mich an.
„Du machst Witze.“
„Sehe ich so aus? Ruf eine Tierärztin an. Sofort!“
Ich heiße Markus Weber, bin 43 Jahre alt und arbeite seit fast zwanzig Jahren bei der Polizei. Ich habe in dieser Zeit vieles gesehen, was ich lieber vergessen würde.
Aber bei einer Geburt war ich noch nie dabei gewesen.
Nicht bei einem Menschen.
Und erst recht nicht mitten im Wald bei einer völlig entkräfteten Hündin.
Thomas entfernte sich ein paar Meter, um besseren Handyempfang zu bekommen.
Ich blieb allein bei ihr.
Vorsichtig zog ich meine Dienstjacke aus und schob sie unter ihren Körper. Der Waldboden war feucht, und ich wollte wenigstens verhindern, dass sie direkt auf den kalten Blättern lag.
Sie hob langsam den Kopf.
Ihre dunklen Augen suchten meine.
Ich streckte die Hand aus, hielt aber einen kleinen Abstand. Ich wusste nicht, ob sie Berührungen zulassen würde.
Dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.
Sie schob ihre Schnauze gegen meine Finger.
Ganz vorsichtig.
Als wollte sie prüfen, ob ich wirklich blieb.
„Ist gut, meine Kleine“, flüsterte ich. „Ich bin da.“
Ich wusste nicht, wie sie hieß. Es gab kein Halsband mit einer Adresse, keinen Hinweis auf einen Besitzer.
In meinem Kopf hatte ich ihr längst einen Namen gegeben.
Hoffnung.
Denn etwas anderes brauchte dieses Tier in diesem Moment dringender als alles andere.
Eine weitere Wehe ließ ihren Körper erzittern.
Ich schluckte.
„Bitte, halte durch.“
Thomas kam zurück.
„Ich habe Frau Dr. Neumann erreicht. Sie macht sich sofort auf den Weg. Wir sollen die Hündin möglichst nicht bewegen, solange die Geburt läuft.“
„Wie lange braucht sie?“
„Mindestens eine Stunde. Vielleicht länger. Der Waldweg ist schlecht.“
Ich sah auf meine Uhr.
8.15 Uhr.
Dann blickte ich wieder zu der Hündin.
Wir konnten nur warten.
Und hoffen.
Um 8.32 Uhr wurde der erste Welpe geboren.
Ich werde dieses Geräusch nie vergessen.
Ein winziges, leises Fiepen.
Vor mir lag ein kleines graues Wesen, kaum größer als meine Hand. Seine Augen waren geschlossen, sein Fell noch nass.
Die Hündin war völlig erschöpft.
Trotzdem hob sie sofort den Kopf.
Sie begann, ihr Junges sauber zu lecken.
Langsam und sorgfältig.
Als hätte sie für nichts anderes auf dieser Welt noch Kraft übrig behalten.
Ich saß einfach da und starrte auf die beiden.
Vor wenigen Minuten hatte diese Hündin kaum den Kopf heben können.
Jetzt kümmerte sie sich um ihr Baby.
Thomas ging neben mir in die Hocke.
„Ist das wirklich gerade passiert?“
Ich nickte.
„Ja.“
Mehr brachte ich nicht heraus.
Der kleine Welpe bewegte sich unbeholfen auf dem Stoff meiner Jacke. Seine Mutter schob ihn behutsam näher an ihren Bauch.
Und dann sah sie mich wieder an.
Ich weiß, dass Hunde nicht so denken wie Menschen.
Aber in diesem Blick lag etwas, das ich bis heute nicht vergessen habe.
Es war, als würde sie sagen: Siehst du? Ich habe es geschafft.
Um 8.47 Uhr kam der zweite Welpe.
Ein kleiner, fast schwarzer Rüde.
Thomas hatte inzwischen seine eigene Jacke ausgezogen und sie neben meine gelegt. Außerdem hatte er aus dem Streifenwagen eine Decke geholt.
Wir versuchten, der kleinen Familie einen halbwegs geschützten Platz zu schaffen.
„Ich habe schon viel erlebt“, murmelte Thomas. „Aber so etwas noch nie.“
Um 9.05 Uhr wurde der dritte Welpe geboren.
Um 9.23 Uhr der vierte.
Zwischen den Geburten lag die Hündin still da. Manchmal schloss sie die Augen. Dann beugte sie sich wieder zu ihren Jungen und leckte sie sauber.
Ich hatte Angst, dass ihre Kräfte irgendwann nicht mehr reichen würden.
Sie war so dünn.
So müde.
Und offenbar hatte sie schon viel zu lange ohne ausreichend Wasser und Futter auskommen müssen.
Immer wieder sprach ich mit ihr.
„Du machst das gut, Mädchen.“
„Ganz ruhig.“
„Wir bleiben hier.“
Um 9.46 Uhr kam der fünfte Welpe.
Er war besonders klein.
Für einen kurzen Moment lag er beinahe reglos neben seiner Mutter.
Mein Herz schlug bis zum Hals.
„Thomas …“
Doch bevor ich weitersprechen konnte, begann der Winzling zu fiepen.
Die Hündin hob den Kopf und leckte ihn vorsichtig.
Dann schob sie ihn zu den anderen.
Fünf Welpen.
Drei graue und zwei beinahe schwarze.
Alle lebendig.
Ich setzte mich auf einen umgestürzten Baumstamm und merkte erst jetzt, dass meine Hände zitterten.
Thomas stand neben mir.
Keiner sagte etwas.
Wir hörten nur das Rascheln der Blätter, die kleinen Geräusche der Welpen und den schweren Atem ihrer Mutter.
Nach einer Weile setzte sich Thomas zu mir.
Er rieb sich mit der Hand über das Gesicht.
Seine Augen waren feucht.
„Markus, ich mache diesen Beruf seit fünfzehn Jahren.“
Er schluckte.
„Aber heute habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass ich wirklich etwas Besonderes erlebt habe.“
Ich nickte.
Mir ging es genauso.
Um 10.15 Uhr traf Tierärztin Katharina Neumann ein.
Sie war Mitte fünfzig, hatte kurze graue Haare und trug eine große medizinische Tasche. Ein junger Mitarbeiter begleitete sie.
Als sie die Hündin sah, blieb sie stehen.
„Ach du meine Güte.“
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