Oskar kratzte an der unteren Seitenverkleidung.
„Was machst du denn da?“
Er hörte kurz auf.
Dann kratzte er weiter.
Ich dachte, er wollte seine Krallen wetzen.
Also ging ich zurück in die Küche.
Wenige Sekunden später hörte ich einen dumpfen Schlag.
Dann noch einen.
Als ich wieder ins Wohnzimmer kam, hatte Oskar sich seitlich gegen den Sessel geworfen.
Er sprang auf, duckte sich und scharrte erneut am unteren Rand.
Ich wurde ungeduldig.
„Du machst das Ding noch kaputt.“
Oskar sah mich an und miaute.
Dann steckte er seine Pfote unter den Sessel.
Diesmal blieb ich stehen.
Irgendetwas an seinem Verhalten war anders.
Er wollte nicht spielen.
Er wollte auch nicht gestreichelt werden.
Er wollte unbedingt an etwas unter diesem Sessel heran.
Ich schob das schwere Möbelstück ein Stück von der Wand weg.
Oskar sprang sofort herunter und kroch darunter.
Dabei hörte ich wieder dieses hektische Kratzen.
„Na gut. Dann schauen wir eben nach.“
Ich kniete mich auf den alten Teppich.
Der Boden war staubig. Meine schwarze Hose bekam sofort graue Flecken.
Unter dem Sessel hing ein schwarzer Stoffbezug, der an einer Ecke eingerissen war.
Ich wusste nicht, ob Oskar den Riss verursacht hatte oder ob er schon länger dort gewesen war.
Ich hob den Stoff an.
Meine Finger tasteten über Holz, Metall und alte Polsterung.
Dann berührte ich etwas Glattes.
Papier.
Es steckte tief zwischen dem Holzrahmen und der Unterseite des Sitzpolsters.
Ich zog vorsichtig daran.
Ein Umschlag kam zum Vorschein.
Ein vergilbter, weißer Briefumschlag, an einer Seite leicht zerknittert.
Auf der Vorderseite stand nur ein einziges Wort.
„Kathrin“.
Mein Name.
In Opas Handschrift.
Ich setzte mich auf den Teppich.
Oskar kroch unter dem Sessel hervor, setzte sich direkt neben mich und starrte auf den Umschlag.
Plötzlich zitterten meine Hände.
Ich weiß nicht, warum.
Vielleicht, weil ich seit dem Anruf von Herrn Krüger nur noch funktioniert hatte.
Vielleicht, weil ich zum ersten Mal etwas in der Hand hielt, das Opa ganz bewusst für mich hinterlassen hatte.
Ich öffnete den Umschlag.
Darin lag ein gefalteter Brief.
Und Geld.
Keine großen Scheine.
Zehner, Zwanziger, ein paar Fünfziger. Sorgfältig geglättet und mit einem Gummiband zusammengehalten.
Dazu mehrere kleine Quittungen.
Von einer Apotheke.
Von einem Lebensmittelgeschäft.
Von Überweisungen.
Ich erkannte meinen Namen auf einem der Belege.
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
Ich entfaltete den Brief.
„Meine liebe Kathrin“, stand ganz oben.
Schon diese drei Worte trafen mich.
Niemand nannte mich mehr so.
Opa hatte das immer getan.
Ich begann zu lesen.
Er schrieb, dass er schon lange bemerkt hatte, wie schwer mein Leben geworden war.
Bei unseren Telefonaten hätte ich immer behauptet, alles sei in Ordnung.
„Mach dir keine Sorgen, Opa. Ich komme schon klar.“
Diesen Satz hatte ich unzählige Male gesagt.
Opa schrieb, dass ich ihn meistens viel zu schnell ausgesprochen hätte.
Er habe meine Müdigkeit in meiner Stimme gehört.
Er habe gewusst, dass ich manchmal nicht genug Geld bis zum Monatsende hatte.
Und er habe gewusst, dass ich niemals direkt um Hilfe bitten würde.
Dann schrieb er etwas, das mir den Atem nahm.
Er hatte mir bereits geholfen.
Mehrmals.
Ohne dass ich davon wusste.
Einmal hatte er eine offene Apothekenrechnung übernommen, nachdem ich ihm von meinen teuren Medikamenten erzählt hatte.
Ein anderes Mal hatte er heimlich meine Stromnachzahlung bezahlt.
Ich erinnerte mich sofort daran.
Damals hatte ich bei der Verwaltung angerufen, weil ich sicher war, dass ein Fehler vorlag.
Die Frau am Telefon hatte nur gesagt, der Betrag sei bereits beglichen.
Ich hatte gedacht, ich hätte den Überblick verloren.
Opa war es gewesen.
Auch die Lebensmittel, die eines Tages vor meiner Wohnungstür standen, kamen von ihm.
Damals hatte ich angenommen, meine Nachbarin hätte sie dort abgestellt.
Ich hatte sogar eine kleine Dankeskarte bei ihr eingeworfen.
Sie hatte sich später darüber gewundert.
Jetzt verstand ich warum.
Opa hatte seine Hilfe so organisiert, dass ich sie annehmen konnte, ohne mich schämen zu müssen.
In dem Brief stand, dass er jeden Monat ein bisschen Geld beiseitegelegt hatte.
Manchmal zehn Euro.
Manchmal zwanzig.
Manchmal gar nichts, wenn die eigenen Rechnungen zu hoch gewesen waren.
Er hatte nicht viel.
Seine Rente war überschaubar, und das Haus verschlang ständig Geld.
Trotzdem hatte er gespart.
Für mich.
Ich las weiter.
„Du hast mich in den letzten Jahren oft gefragt, ob ich noch allein zurechtkomme. Ob ich nicht lieber in eine kleinere Wohnung ziehen möchte.“
Das stimmte.
Ich hatte es gut gemeint.
Zumindest dachte ich das.
„Manchmal hatte ich das Gefühl, dass du in mir nur noch einen alten Mann siehst, der langsam nichts mehr kann.“
Ich musste schlucken.
„Vielleicht bin ich wirklich alt geworden. Vielleicht brauche ich inzwischen länger, um die Treppe hinaufzugehen. Und vielleicht vergesse ich manchmal, warum ich in die Küche gelaufen bin.“
Ich lächelte unter Tränen.
Das war so typisch Opa.
Dann kam der Satz, an dem ich zerbrach.
„Aber eines sollst du nie vergessen, mein Mädchen: Auch wenn ich in deinen Augen alt und schwach geworden bin, habe ich nie aufgehört, dein Opa zu sein.“
Ich musste den Brief weglegen.
Die Tränen kamen so plötzlich, dass ich kaum noch Luft bekam.
Ich saß auf dem staubigen Teppich und weinte wie ein kleines Kind.
Nicht leise.
Nicht würdevoll.
Ich weinte, bis mein ganzer Körper zitterte.
All die Monate hatte ich geglaubt, Opa sei einfach ein einsamer, eigensinniger alter Mann gewesen.
Einer, der seine Prospekte aufhob, Angebote verglich und jede leere Marmeladendose ausspülte.
Ich hatte manchmal die Augen verdreht, wenn er mir erzählte, wo es diese Woche Kartoffeln günstiger gab.
„Opa, du musst nicht wegen fünfzig Cent durch die halbe Stadt fahren.“
Er hatte dann nur gelächelt.
„Wer den Pfennig nicht ehrt, mein Mädchen.“
Ich hatte nie verstanden, warum er so sparsam war.
Jetzt lag die Antwort auf meinen Knien.
Er hatte nicht nur für sich gespart.
Er hatte für mich gespart.
Während ich versuchte, irgendwie über die Runden zu kommen, hatte er sich Gedanken gemacht, wie er mir helfen konnte.
Und ich?
Ich hatte manchmal tagelang nicht zurückgerufen.
Weil ich müde war.
Weil die Arbeit stressig war.
Weil ich dachte, wir hätten noch Zeit.
„Nächste Woche komme ich vorbei, Opa.“
Wie oft hatte ich das gesagt?
Und wie oft war aus der nächsten Woche ein ganzer Monat geworden?
Plötzlich spürte ich etwas an meinem Bein.
Oskar.
Der Kater hatte sich vorsichtig auf meinen Schoß geschoben.
Das hatte er noch nie gemacht.
Früher war er immer zu Opa gegangen. Mich hatte er höchstens kurz an der Hand beschnuppert.
Jetzt setzte er sich auf meine Knie und drückte seinen Kopf gegen meine Brust.
Ich legte eine Hand auf seinen Rücken.
Er schnurrte.
Ganz ruhig.
Zum ersten Mal seit der Beerdigung wirkte er nicht mehr aufgeregt.
Ich weiß nicht, ob Oskar wusste, was in diesem Umschlag steckte.
Vielleicht hatte er beobachtet, wie Opa ihn dort versteckte.
Vielleicht kannte er einfach den Geruch des Briefes und wollte an diesen Teil des Sessels heran.
Vielleicht suchte er nur verzweifelt nach etwas, das noch nach seinem Menschen roch.
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