Als mein Freund unsere Katze zum ersten Mal im Arm hielt, schwollen seine Augen zu, doch was er später für sie tat, werde ich niemals vergessen.
„Thomas, setz sie bitte ab! Du bekommst ja kaum noch die Augen auf!“
Er stand mitten in meiner Küche, unsere Katze auf dem Arm. Seine Augen waren rot und geschwollen. Er musste immer wieder niesen, und trotzdem lächelte er, während er ihr vorsichtig über den Kopf strich.
„Aber schau doch, wie wohl sie sich bei mir fühlt“, sagte er mit heiserer Stimme.
Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.
Denn genau darin lag unser Problem.
Unsere Katze Miezi hatte meinen Freund vom ersten Tag an ins Herz geschlossen. Und Thomas liebte sie ebenfalls.
Nur sein Körper machte nicht mit.
Thomas war gegen Katzen allergisch. Und zwar so stark, dass schon wenige Minuten in ihrer Nähe ausreichten, um ihm das Leben schwerzumachen.
Damals ahnte ich noch nicht, wie viel uns diese kleine Katze abverlangen würde.
Und noch weniger ahnte ich, was Thomas eines Tages für sie tun würde.
Ich heiße Sabine, bin heute 58 Jahre alt und wohne in einer kleinen Stadt in Niedersachsen.
Miezi kam zu mir, als ich 49 war.
Meine Ehe war damals seit drei Jahren vorbei. Unsere beiden Kinder waren längst ausgezogen. Mein Sohn lebte mit seiner Familie in Hamburg, meine Tochter arbeitete in Süddeutschland.
Ich war nicht völlig allein. Aber manchmal fühlte es sich so an.
Wer schon einmal nach vielen Jahren plötzlich allein in einer Wohnung gelebt hat, weiß vielleicht, was ich meine.
Man kommt von der Arbeit nach Hause, schließt die Tür auf und hört nichts.
Kein Radio im Hintergrund. Niemand fragt, wie der Tag gewesen ist. Niemand beschwert sich darüber, dass die Schuhe im Flur stehen.
Ich arbeitete damals halbtags in einer Bäckerei. Morgens um halb fünf klingelte mein Wecker. Nachmittags erledigte ich den Haushalt, ging einkaufen und setzte mich irgendwann vor den Fernseher.
So vergingen die Tage.
Ich redete mir ein, dass ich zufrieden war.
Aber wenn ich ehrlich bin, hatte ich irgendwann vergessen, wie es sich anfühlt, gebraucht zu werden.
Eines Samstags fuhr ich ins örtliche Tierheim.
Eigentlich wollte ich nur schauen.
Eine Bekannte hatte mir erzählt, dass dort mehrere ältere Katzen auf ein neues Zuhause warteten. Ich hatte schon als Kind Katzen gehabt, aber seit meiner Hochzeit keine mehr.
Eine Mitarbeiterin führte mich durch einen langen Raum mit mehreren Gehegen.
Manche Katzen schliefen. Andere versteckten sich. Einige kamen neugierig an die Gitter.
Und dann sah ich Miezi.
Sie war eine kleine, ziemlich dünne dreifarbige Katze. Ihr weißes Fell war an manchen Stellen grau geworden, und an einem Ohr hatte sie eine kleine alte Verletzung.
Besonders hübsch war sie nicht.
Aber sie hatte diese großen, wachen Augen.
Als ich mich zu ihr setzte, kam sie sofort auf meinen Schoß. Sie drehte sich zweimal im Kreis, legte sich hin und begann zu schnurren.
Die Mitarbeiterin lächelte.
„Na, ich glaube, die Entscheidung ist gefallen.“
Ich musste lachen.
Miezi hob kurz den Kopf, sah mich an und schlief wieder ein.
Drei Tage später zog sie bei mir ein.
Von diesem Tag an war meine Wohnung nicht mehr still.
Miezi begrüßte mich an der Tür. Sie saß morgens neben der Kaffeemaschine und beobachtete jeden Handgriff. Abends legte sie sich neben mich auf das Sofa.
Wenn ich traurig war, kam sie besonders nah.
Manchmal sprach ich mit ihr, als wäre sie ein Mensch.
„Na, meine Kleine, wollen wir uns einen schönen Abend machen?“
Sie antwortete mit einem kurzen Miauen.
Für andere war sie vielleicht nur eine Katze.
Für mich war sie die kleine Seele, die mich durch meine einsamsten Jahre begleitet hatte.
Vier Jahre später lernte ich Thomas kennen.
Er war damals 56, geschieden und arbeitete als Elektriker bei einem mittelständischen Betrieb.
Wir begegneten uns auf dem Geburtstag einer gemeinsamen Bekannten.
Thomas war kein Mann, der mit großen Worten Eindruck machte.
Er war etwas kräftig, hatte graue Haare, Hände voller kleiner Narben von der Arbeit und ein herzliches Lachen.
Als wir uns zum ersten Mal länger unterhielten, fragte er nicht nach meinem Beruf oder danach, warum meine Ehe gescheitert war.
Er fragte, ob ich am nächsten Sonntag Lust hätte, mit ihm Kaffee trinken zu gehen.
Und ich sagte Ja.
Beim dritten Treffen erzählte ich ihm von Miezi.
„Du musst wissen, ich habe eine Katze“, sagte ich.
Thomas lächelte.
„Na und? Ich habe eine alte Werkbank im Keller. Jeder hat doch irgendwas.“
Erst beim vierten Treffen erzählte er mir, dass er eine starke Katzenallergie hatte.
Ich weiß noch, wie ich meine Kaffeetasse abstellte.
„Thomas, warum hast du das denn nicht gleich gesagt?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Weil ich dich erst einmal kennenlernen wollte.“
„Aber bei mir zu Hause wird das schwierig.“
„Dann überlegen wir uns eben etwas.“
Ich dachte damals, das würde nicht funktionieren.
Ich mochte Thomas sehr. Vielleicht sogar mehr, als ich mir eingestehen wollte.
Aber Miezi wegzugeben, kam für mich nicht infrage.
Sie hatte mich gebraucht, als niemand sie haben wollte. Und ich hatte sie gebraucht, als mein Leben auseinandergefallen war.
Ich konnte mir nicht vorstellen, sie wegen eines Mannes fortzugeben.
Doch Thomas dachte offenbar nicht daran, einfach aufzugeben.
An einem Samstag stand er vor meiner Tür.
In seinem Auto lagen zwei Luftreiniger, mehrere Packungen Taschentücher und ein neuer Staubsaugeraufsatz für Tierhaare.
„Was soll das denn alles?“, fragte ich.
Er grinste.
„Ich werde mich doch wohl nicht von einer kleinen Katze besiegen lassen.“
Miezi wog damals gut fünfeinhalb Kilo.
Aber das behielt ich für mich.
In den folgenden Monaten versuchten wir alles, um seinen Aufenthalt in meiner Wohnung angenehmer zu machen.
Wir saugten häufiger. Ich wusch Decken und Kissenbezüge ständig. Thomas achtete darauf, seine Hände nach dem Streicheln gründlich zu waschen.
Nach Rücksprache mit seinem Arzt nahm er Medikamente gegen seine Allergie.
Und wir richteten das Schlafzimmer so ein, dass Miezi dort nicht mehr hineinkam.
Das gefiel ihr überhaupt nicht.
Manchmal saß sie abends vor der Tür und miaute so vorwurfsvoll, dass Thomas lachen musste.
„Sabine, die macht uns noch ein schlechtes Gewissen.“
Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen blieben seine Beschwerden.
Er nieste oft. Seine Augen tränten. Manchmal war seine Nase so verstopft, dass er nachts kaum schlafen konnte.
Anfangs machten wir noch Witze darüber.
Doch irgendwann wurde es ernst.
Ich hörte ihn nachts im Badezimmer husten.
Morgens saß er manchmal schweigend auf der Bettkante und wartete, bis seine Atmung wieder ruhiger wurde.
Ich fand leere Medikamentenschachteln im Badezimmerschrank.
Wenn ich ihn darauf ansprach, winkte er ab.
„Ist schon gut, Sabine. Mach dir keine Gedanken.“
Aber natürlich machte ich mir Gedanken.
Ich liebte diesen Mann inzwischen.
Und ich sah, was er auf sich nahm, nur um bei mir sein zu können.
Eines Abends saßen wir am Küchentisch. Miezi lag auf ihrem Lieblingsstuhl und schlief.
Ich hatte den ganzen Tag darüber nachgedacht, was ich sagen wollte.
Trotzdem fiel es mir schwer.
„Thomas, wir müssen reden.“
Er sah auf.
„Was ist denn los?“
Ich schluckte.
„Wenn es wegen Miezi irgendwann nicht mehr geht, dann finde ich vielleicht jemanden, der sie nimmt.“
Schon beim Aussprechen liefen mir die Tränen.
Thomas legte seine Gabel hin.
„Was hast du gerade gesagt?“
„Ich sehe doch, wie du leidest.“
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