Doch das Mädchen sprach weiter.
„Und wir brauchen jemanden, der beim Abendessen nicht immer so still ist.“
Thomas’ Gesicht veränderte sich.
„Das reicht jetzt.“
Klara sah zu ihrem Vater hoch.
„Mama würde sie nicht hier sitzen lassen.“
Der Satz traf ihn sichtbar.
Für einen Moment sagte niemand etwas.
Busse fuhren ein und wieder ab. Türen öffneten sich zischend. Stimmen drangen aus dem Bahnhofsgebäude.
Thomas setzte sich auf die andere Seite seiner Tochter.
„Meine Frau ist vor sieben Monaten gestorben“, sagte er, ohne Margarete anzusehen. „Klara glaubt seitdem, dass sie jeden traurigen Menschen retten muss.“
„Ich rette nicht jeden“, widersprach Klara. „Nur die, die frieren.“
Thomas rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht.
Dann sah er Margarete direkt an.
„Es gibt eine Notunterkunft zwei Straßen weiter. Ich kann Sie hinbringen.“
Margarete nickte sofort.
Das war vernünftig.
Dort gab es Regeln, Feldbetten, Neonlicht und Menschen, die ihre Taschen fest an den Körper drückten.
Aber es gab ein Dach.
„Heute ist sie voll“, sagte Margarete. „Ich war schon dort.“
Thomas blickte auf ihre Schuhe.
„Und die nächste?“
„Am anderen Ende der Stadt. Ohne Bus komme ich nicht mehr hin.“
„Dann fahren wir.“
„Ich habe kein Geld.“
„Ich habe ein Auto.“
Margarete zog die Hand aus Klaras Fingern.
„Nein. Danke. Sie haben schon genug getan.“
Thomas schwieg kurz.
„Sie können auch mit zu uns kommen.“
Margarete starrte ihn an.
Selbst Klara schien überrascht.
„Nur für heute Nacht“, fügte er schnell hinzu. „Das Gästezimmer ist frei. Die Tür lässt sich von innen abschließen. Morgen früh rufen wir gemeinsam bei der Beratungsstelle an.“
Margarete lachte bitter.
„Sie wissen nicht, wer ich bin.“
„Nein.“
„Ich könnte Sie bestehlen.“
„Ja.“
„Ich könnte lügen.“
„Auch das.“
„Und trotzdem wollen Sie mich mitnehmen?“
Thomas sah zu Klara.
„Ich will es nicht.“
Diese Ehrlichkeit erschreckte Margarete mehr als ein freundlicher Satz.
„Ich habe Angst, etwas Falsches zu tun“, sagte er. „Ich habe eine Tochter. Ich bin verantwortlich für sie.“
„Dann lassen Sie es.“
„Aber ich hätte auch Angst, morgen zu erfahren, dass hier draußen jemand erfroren ist, dem ich eine Tür hätte öffnen können.“
Margarete blickte auf den Schnee zwischen ihren Füßen.
„Ich will kein Almosen.“
„Es ist kein Almosen.“
„Was dann?“
Thomas antwortete erst nach einigen Sekunden.
„Eine Nacht, in der wir uns nicht so verhalten, als ginge uns das Leben eines anderen nichts an.“
Klara griff wieder nach Margaretes Hand.
„Bitte komm mit.“
Margarete hätte Nein sagen sollen.
Die Straße hatte sie Misstrauen gelehrt.
Freundlichkeit konnte einen Preis haben. Ein warmes Zimmer konnte zur Falle werden. Ein hilfsbereiter Mensch konnte sich verändern, sobald eine Tür geschlossen war.
Doch Thomas gab ihr seine Adresse, bevor sie zustimmte.
Er zeigte ihr seinen Ausweis.
Dann rief er vor ihren Augen seine Schwester an und sagte, dass er eine Frau vom Bahnhof für eine Nacht im Gästezimmer unterbringen werde.
„Damit jemand weiß, wo Sie sind“, erklärte er.
Er ließ Margarete selbst bei der Beratungsstelle anrufen und eine Nachricht hinterlassen.
Er fragte nicht nach ihren Papieren.
Er fasste sie nicht an.
Er wartete einfach.
„Nur für heute Nacht“, sagte Margarete schließlich.
Klara lächelte zum ersten Mal.
Nicht breit. Nicht ausgelassen.
Aber in ihrem kleinen Gesicht ging etwas auf, das Thomas seit Monaten vermisst hatte.
Zu Hause bekam Margarete zuerst Handtücher, einen alten Bademantel und warme Wollsocken.
„Die gehörten meiner Frau“, sagte Thomas und stockte. „Ich hoffe, das ist nicht unangenehm.“
„Ich kann auch meine Sachen wieder anziehen.“
„Nein.“
Seine Stimme klang härter, als er beabsichtigt hatte.
„Entschuldigung. Ich meinte nur: Die Sachen sind sauber. Und Sie müssen heute nicht frieren.“
Im Badezimmer stand Margarete lange vor dem Spiegel.
Ohne Mantel wirkte sie noch dünner.
Sie erkannte ihre eigenen Schultern nicht wieder.
Auf dem Waschbecken lag eine kleine Seife in Form eines Herzens. Daneben standen drei Zahnbürstenbecher.
Einer war leer.
Margarete duschte so heiß, bis ihre Haut rot wurde.
Der Schmutz lief in grauen Schlieren in den Abfluss. Sie wusch ihre Haare zweimal und weinte dabei lautlos.
Nicht aus Glück.
Aus Trauer um die Frau, die sie einmal gewesen war.
Nach dem Essen wollte sie sofort ins Gästezimmer gehen.
Doch Klara brachte ein Bilderbuch.
„Papa liest falsch“, sagte sie.
„Ich lese nicht falsch“, protestierte Thomas.
„Du lässt Stimmen weg.“
„Es ist ein Buch über einen Igel.“
„Der Igel braucht eine Stimme.“
Klara drückte Margarete das Buch in die Hände.
Margarete hatte ihrer Mutter in den letzten Monaten oft vorgelesen. Alte Gedichte, Zeitungsausschnitte, Rezepte, manchmal denselben Absatz fünfmal.
Ihre Stimme war eingerostet.
Trotzdem begann sie.
Der Igel bekam eine tiefe, brummende Stimme. Der Hase sprach viel zu schnell. Eine alte Eule klang wie Margaretes frühere Nachbarin.
Klara lachte.
Thomas stand in der Küchentür.
Er lachte nicht. Aber seine Schultern sanken ein wenig, als hätte jemand eine Last von ihnen genommen.
Später lag Margarete im Gästezimmer und konnte nicht schlafen.
Das Bett war weich.
Zu weich.
Sie hatte sich daran gewöhnt, mit einem Ohr wach zu bleiben. Schritte zu hören. Taschen festzuhalten. Fluchtwege zu suchen.
Um kurz nach zwei öffnete sich die Tür einen Spalt.
Margarete setzte sich ruckartig auf.
Klara stand im Flur.
Die graue Mütze saß noch immer auf ihrem Kopf.
„Was ist los?“
„Ich hatte einen Traum.“
„Wo ist dein Papa?“
„Schläft.“
Margarete zögerte.
„Möchtest du ihn wecken?“
Klara schüttelte den Kopf.
„Er sieht morgens immer so müde aus.“
Dieser Satz klang nicht wie der einer Sechsjährigen.
Margarete hob die Bettdecke ein kleines Stück.
„Du kannst dich kurz hier hinsetzen.“
Klara kletterte aufs Bett, blieb aber auf der Decke sitzen.
„Mama war im Auto“, flüsterte sie. „Ich konnte die Tür nicht aufmachen.“
Margarete spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.
„Das war nur ein Traum.“
„Papa sagt das auch.“
„Dann hat dein Papa recht.“
„Aber manchmal sind Träume Erinnerungen.“
Margarete wusste nicht, was sie antworten sollte.
Also nahm sie Klaras Hand.
„Weißt du, was meine Mutter immer sagte, wenn ich Angst hatte?“
Klara schüttelte den Kopf.
„Sie sagte: Die Nacht tut gern so, als würde sie niemals enden. Aber sie lügt.“
„Und wenn sie nicht lügt?“
„Dann warten wir gemeinsam, bis das Licht kommt.“
Klara legte sich neben Margarete.
Fünf Minuten später schlief sie.
Margarete blieb wach und betrachtete das kleine Gesicht.
Sie dachte an das leere Zahnbürstenglas.
An Thomas’ ungeglättetes Hemd.
An die Mütze, die Klara selbst im Bett nicht abnahm.
Dieses Haus war warm.
Aber es war nicht heil.
Am nächsten Morgen stand Thomas im Türrahmen.
Als er Klara neben Margarete sah, erschrak er.
Margarete setzte sich sofort auf.
„Sie hatte einen Albtraum. Ich wollte Sie wecken, aber—“
„Schon gut.“
Er trat näher.
Klara schlief mit offenem Mund, eine Hand noch immer in Margaretes Wollsocke gekrallt.
Thomas betrachtete seine Tochter lange.
„Seit dem Unfall schläft sie fast keine Nacht durch“, sagte er leise.
„Sie will Sie nicht wecken.“
Sein Gesicht verzog sich.
„Sie ist sechs.“
„Kinder merken mehr, als Erwachsene hoffen.“
Thomas nickte.
Beim Frühstück riefen sie die Beratungsstelle an.
Man konnte Margarete für drei Nächte in einer Übergangseinrichtung unterbringen. Danach müsse man weitersehen.
Thomas fuhr sie hin.
Klara bestand darauf mitzukommen.
Vor dem Gebäude nahm sie ihre graue Mütze ab und drückte sie Margarete in die Hände.
„Damit du nicht frierst.“
Margarete erschrak.
Unter der Mütze waren Klaras Haare an einer Stelle kurz und ungleichmäßig abgeschnitten.
Thomas bemerkte ihren Blick.
„Nach dem Tod ihrer Mutter hat sie sich selbst eine Strähne abgeschnitten“, erklärte er leise. „Ihre Mutter hat ihr früher immer die Haare gekämmt. Seitdem trägt sie die Mütze.“
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