Klara schob sie Margarete hin.
„Du brauchst sie mehr.“
Margarete kniete sich vor das Mädchen.
„Nein. Diese Mütze passt auf dich auf.“
„Mich passt Papa auf.“
Margarete sah zu Thomas.
Dann setzte sie Klara die Mütze wieder auf.
„Und du passt auf deinen Papa auf.“
Klara nickte ernst.
„Besuchst du uns?“
Margarete wollte nichts versprechen.
Versprechen waren gefährlich, wenn man nicht einmal wusste, wo man in vier Tagen schlafen würde.
„Ich versuche es.“
Klaras Gesicht wurde hart.
„Erwachsene sagen immer ‚ich versuche es‘, wenn sie Nein meinen.“
Margarete spürte einen Stich.
„Dann sage ich etwas anderes. Ich komme am Samstag um drei Uhr.“
„Wirklich?“
„Wirklich.“
Sie kam.
Sie hätte fast abgesagt.
Die Übergangseinrichtung war laut. Eine Frau schnarchte die ganze Nacht, eine andere führte stundenlang Selbstgespräche. Margaretes Tasche wurde durchsucht, obwohl nichts fehlte.
Am Samstagmorgen schämte sie sich für ihren geliehenen Mantel.
Sie schämte sich für ihre Hände.
Für ihren Geruch, obwohl sie geduscht hatte.
Für ihre gesamte Existenz.
Doch um fünf vor drei stand sie vor Thomas’ Haustür.
Klara riss die Tür auf.
„Du bist gekommen!“
Dieser Satz enthielt so viel Staunen, dass Margarete beinahe wieder gegangen wäre.
Nicht, weil sie unerwünscht war.
Sondern weil jemand so wenig erwartet hatte und sich so sehr freute.
Auf dem Küchentisch lag Mehl.
Thomas versuchte, Plätzchenteig auszurollen. Er klebte am Nudelholz, an seinen Fingern und an einer Zeitung, die er untergelegt hatte.
„Das sieht aus wie Tapetenkleister“, sagte Margarete.
Thomas sah sie an.
Dann lachte er.
Es war ein rostiges Lachen. Eines, das lange nicht benutzt worden war.
„Meine Frau konnte das.“
„Das sagen Männer immer, wenn sie etwas nie gelernt haben.“
„Ich wollte es lernen.“
„Dann hätten Sie weniger Mehl und mehr Geduld nehmen müssen.“
Margarete band sich eine Schürze um.
Drei Stunden später standen vier Bleche mit Sternen, Herzen und schiefen Tannenbäumen auf dem Tisch.
Klara verzierte jeden zweiten Keks mit zu vielen Zuckerperlen.
Thomas kochte Kaffee.
Für einen Nachmittag fühlte sich Margarete nicht wie eine Frau ohne Adresse.
Sie fühlte sich gebraucht.
Danach kam sie jeden Samstag.
Manchmal auch mittwochs.
Thomas fuhr sie nicht jedes Mal. Margarete nahm den Bus, selbst wenn sie dafür einen Teil ihres wenigen Geldes ausgeben musste.
Sie las Klara vor.
Sie stopfte ein Loch in ihrem Pullover.
Sie brachte ihr bei, wie man einen Knopf annäht und Kartoffeln schält, ohne die halbe Kartoffel wegzuschneiden.
Im Gegenzug zeigte Klara ihr, wie man auf einem alten Tablet Stellenanzeigen öffnete.
„Du musst hier drücken“, erklärte sie.
„Ich drücke doch.“
„Nein, du hältst.“
„Wo ist der Unterschied?“
Klara verdrehte die Augen.
„Du bist wirklich alt.“
„Ich bin achtundfünfzig.“
„Eben.“
Thomas half Margarete bei den Formularen.
Nicht ohne Streit.
„Sie müssen hier angeben, warum Sie Ihre letzte Stelle aufgegeben haben.“
„Das geht die nichts an.“
„Doch. Leider.“
„Dann schreibe ich: Weil meine Mutter nicht allein sterben sollte.“
Thomas schwieg.
„Schreiben Sie es“, sagte er schließlich.
Sie formulierten den Lebenslauf neu.
Nicht „arbeitslos und pflegend tätig“.
Sondern: Organisation häuslicher Pflege, Terminplanung, Medikamentenübersicht, Haushaltsführung, Begleitung im Alltag.
„Das ist doch Schönfärberei“, sagte Margarete.
„Nein“, antwortete Thomas. „Das ist Arbeit, die niemand bezahlt hat.“
Zum ersten Mal sah sie diese Jahre nicht als Loch in ihrem Leben.
Sondern als Leistung.
Thomas arbeitete als Lehrer an einer Berufsschule. Seit dem Tod seiner Frau erledigte er nur noch das Nötigste.
Er unterrichtete.
Er kaufte ein.
Er wusch Wäsche, meistens zu spät.
Er brachte Klara ins Bett und saß danach stundenlang im dunklen Wohnzimmer.
Margarete bemerkte Dinge, über die niemand sprach.
Die vertrockneten Pflanzen auf der Fensterbank.
Die ungeöffneten Briefe auf dem Schreibtisch.
Das Foto einer lachenden Frau, das mit dem Gesicht nach unten in einer Schublade lag.
Sie stellte es nicht auf.
Sie fragte nicht.
Manche Trauer brauchte keine Ratschläge. Nur jemanden, der sie nicht wegredete.
Drei Wochen nach Weihnachten bekam Margarete einen Platz in einem betreuten Wohnprojekt.
Ein kleines Zimmer mit Gemeinschaftsküche.
Die Wände waren weiß, der Boden aus grauem Linoleum. Es gab ein Bett, einen Schrank und ein Fenster zum Hinterhof.
Margarete stand mitten im Raum und weinte.
„Es ist nicht besonders schön“, sagte Thomas.
„Es hat einen Schlüssel.“
Sie hielt ihn fest in der Hand.
„Das ist das Schönste, was ich seit Langem gesehen habe.“
Klara schenkte ihr ein selbst gemaltes Bild.
Drei Menschen vor einem Haus.
Die größte Figur hatte gelbe Haare. Die mittlere schwarze. Die kleinste trug eine graue Mütze.
Über ihnen stand in krakeligen Buchstaben:
WIR FINDEN UNS WIEDER.
Margarete hängte das Bild über ihr Bett.
Im Februar fand sie eine Teilzeitstelle in einer kleinen Stadtteilbibliothek.
Die Leiterin war eine Frau kurz vor der Rente, die Margaretes Lebenslauf lange betrachtete.
„Sie haben früher im Buchhandel gearbeitet?“
„Siebzehn Jahre.“
„Und dann Angehörige gepflegt?“
„Ja.“
„Warum wollen Sie zurück?“
Margarete überlegte.
Die alte Antwort wäre gewesen: Weil ich Geld brauche.
Die neue lautete:
„Weil Bücher mir früher das Gefühl gegeben haben, dass kein Leben nur aus dem Kapitel besteht, in dem man gerade feststeckt.“
Die Leiterin sah sie prüfend an.
„Das klingt ein wenig pathetisch.“
„Stimmt.“
„Aber auch wahr.“
Margarete bekam die Stelle.
Vier Vormittage pro Woche.
Sie sortierte Rückgaben, half älteren Besuchern am Kopierer und las einmal wöchentlich Kindern vor.
Am ersten Arbeitstag kamen Thomas und Klara unangekündigt vorbei.
Klara setzte sich in die erste Reihe.
Margarete las die Geschichte eines kleinen Vogels, der glaubte, sein Flügel sei für immer gebrochen.
Als sie fertig war, klatschte Klara so laut, dass sich alle nach ihr umdrehten.
„Das ist meine Margarete“, verkündete sie.
Nicht meine Mama.
Nicht unsere Freundin.
Einfach: meine Margarete.
Es war genug.
Mit der Zeit veränderten sich die Samstage.
Thomas kochte besser.
Margarete lachte öfter.
Klara begann, die Mütze zu Hause abzusetzen.
Eines Tages saß sie am Küchentisch, während Margarete ihr Haar kämmte.
Ganz vorsichtig.
Strähne für Strähne.
Klara hielt still.
Thomas blieb in der Tür stehen.
Seine Augen füllten sich mit Tränen.
Margarete legte den Kamm sofort hin.
„Entschuldigung.“
„Nein“, sagte er.
Er drehte sich kurz weg.
„Bitte machen Sie weiter.“
Im März bekam Margarete eine eigene kleine Wohnung.
Nur ein Zimmer und eine winzige Küche.
Der Balkon ging zur Straße hinaus. Der Herd hatte zwei Platten. Im Bad musste man seitlich an der Waschmaschine vorbeigehen.
Für Margarete war es ein Palast.
Die ersten Nächte schlief sie schlecht.
Sie wachte auf und suchte nach ihrer Tasche.
Dann erinnerte sie sich, dass die Tür abgeschlossen war.
Dass niemand sie vertreiben würde.
Dass die Tasse auf dem Tisch ihr gehörte.
Dass die Jacke an der Garderobe am nächsten Morgen noch da sein würde.
Thomas und Klara halfen beim Einzug.
Die Möbel stammten aus einem Gebrauchtwarenlager.
Ein Tisch hatte Brandflecken.
Das Sofa war grün und an einer Ecke durchgesessen.
Klara sprang darauf herum.
„Es ist perfekt!“
„Es ist hässlich“, sagte Thomas.
„Das schließt sich nicht aus“, erwiderte Margarete.
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