Das kleine Mädchen wich vor jedem zurück. Nur an meiner schmutzigen Arbeitsjacke hielt es sich fest, als wäre ausgerechnet ich der letzte sichere Mensch auf dieser Welt.
„Nicht anfassen“, sagte ich.
Der junge Polizist blieb neben mir stehen. Seine Hand schwebte noch über der Schulter des Kindes.
Ich saß auf dem Seitenstreifen, eine kleine Gestalt auf dem Schoß, und hörte meinen eigenen Atem. Hinter uns blinkte das Warnlicht meines alten Transporters. Ein Lastwagen stand ein Stück weiter in einer Zufahrt.
„Wir müssen nachsehen, ob sie verletzt ist.“
„Dann sehen Sie nach. Aber lassen Sie mich sie halten.“
Das Mädchen hatte die Faust so fest in meine Jacke gekrallt, dass ihre Knöchel hell hervortraten. Als der Polizist in die Hocke ging, versteckte sie das Gesicht an meiner Brust.
Zehn Minuten vorher hatte ich noch gedacht, mein Leben sei im Wesentlichen vorbei. Nicht im schlimmen Sinn. Es würde eben nichts Großes mehr passieren.
Ich hieß Hartmut Kröger, war achtundsechzig und hatte zweiundvierzig Jahre als Landmaschinenmechaniker gearbeitet. Seit dem Tod meiner Frau lebte ich allein in einem kleinen Haus am Rand einer sauerländischen Kleinstadt.
Manchmal half ich einem früheren Kollegen in seiner Werkstatt. An diesem Abend hatten wir einen alten Hoflader wieder zum Laufen gebracht. Danach hatte ich noch aufgeräumt, wie ich das mein ganzes Leben getan hatte.
Kurz vor Mitternacht fuhr ich nach Hause.
In einer lang gezogenen Kurve sah ich etwas am Fahrbahnrand. Erst hielt ich es für einen weggeworfenen Sack. Dann hob sich ein Kopf.
Ich bremste so stark, dass die Werkzeugkiste gegen die Trennwand schlug.
Das Mädchen kniete halb auf dem Asphalt, halb im Gras. Sie trug eine Windel und ein dünnes, viel zu großes Unterhemd. Ein Schuh lag neben ihr. Den zweiten gab es nicht.
Ich stellte den Wagen mit Abstand vor ihr ab, schaltete das Warnlicht ein und lief zurück.
„Hallo, du. Bleib mal da.“
Sie bewegte sich trotzdem. Aber nicht von mir weg.
Sie streckte beide Arme aus.
Ich weiß bis heute nicht, warum mich genau das so getroffen hat. Vielleicht, weil ich ein grober, schwerer Mann mit grauen Stoppeln und öligen Händen war. Kinder fanden mich gewöhnlich erst nett, wenn jemand ihnen sagte, dass ich es sei.
Dieses Kind fragte niemanden.
Ich hob sie hoch und ging hinter meinen Wagen. Sie war viel zu leicht.
Der Lastwagenfahrer, der kurz darauf angehalten hatte, rannte mit einer Decke zu uns. Er hieß Ralf, wie ich später erfuhr.
„Ist das wirklich ein Kind?“
„Ruf den Rettungsdienst.“
Während er telefonierte, wickelte ich sie ein. An ihren Knien klebte Schmutz. Auf den Armen waren Spuren, bei denen ich meinen Blick erst einmal abwenden musste.
Um ihren Hals saß ein schmales Lederband mit einem Metallring.
Ich fasste nicht daran. Sie zuckte schon zusammen, als ich nur die Decke höher zog.
„Schon gut“, murmelte ich. „Ich mache nichts.“
Sie weinte nicht laut. Es war ein erschöpftes, heiseres Wimmern.
Ralf kam zurück und kniete sich neben uns.
„Sie schicken jemanden. Soll sie auf keinen Fall auskühlen lassen, haben sie gesagt.“
Er zog seine Jacke aus und legte sie zusätzlich über ihre Beine. Dann drehte er sich weg. Ich sah, wie er mit dem Handballen über den Mund fuhr.
„Wo kommt sie her?“
Auf der anderen Straßenseite lagen Wiesen und eine alte Zufahrt, die hinter Büschen verschwand. Weiter oben stand ein ehemaliger kleiner Hof.
„Keine Ahnung“, sagte ich.
Ich fragte das Mädchen nicht nach ihrer Mutter. Irgendetwas an ihrem Gesicht hielt mich davon ab.
„Ich bin Hartmut“, sagte ich stattdessen. „Du musst jetzt nichts machen.“
Als der Rettungswagen kam, klammerte sie sich noch fester an mich. Eine Sanitäterin setzte sich neben uns auf den Boden, statt gleich nach ihr zu greifen.
„Wir lassen uns Zeit“, sagte sie.
Sie erklärte jeden Handgriff. Erst die kleine Klammer am Finger, dann das Abhören, dann ein vorsichtiger Blick auf die verletzten Knie. Ich hielt die Decke und versuchte, nicht im Weg zu sein.
Schließlich fragte die Sanitäterin, ob ich mitfahren könne.
Mein Transporter konnte stehen bleiben. Ralf nahm den Schlüssel und versprach, sich darum zu kümmern.
In der Kinderklinik roch es nach Desinfektionsmittel und warmem Tee. Eine Schwester brachte mir einen Stuhl.
Das Mädchen saß immer noch auf meinem Schoß.
„Sie können Ihre Jacke ausziehen“, sagte die Schwester.
Ich sah auf die kleine Faust.
„Im Augenblick eher nicht.“
Sie nickte und brachte mir ein Glas Wasser mit einem Strohhalm.
Eine Ärztin untersuchte das Kind. Was behandelt werden musste, wurde behandelt. Für manches gingen wir in einen anderen Raum, für anderes wartete ich draußen.
Niemand erzählte mir Einzelheiten, die mich nichts angingen. Aber ich musste auch nichts Genaueres wissen, um zu verstehen, dass dieses Mädchen über längere Zeit schlecht versorgt und verletzt worden war.
Das Lederband wurde vorsichtig entfernt und einer Polizistin übergeben.
Später saß eine Frau mit kurzen grauen Haaren neben mir. Sie stellte sich als Frau Seidel vom Jugendamt vor.
„Wir kümmern uns jetzt darum, dass sie geschützt ist.“
„Wissen Sie, wie sie heißt?“
„Noch nicht.“
Ich schaute durch die halb offene Tür. Das Mädchen lag in einem Bettchen, eine Schwester direkt daneben. Meine Jacke lag über dem Fußende.
Frau Seidel folgte meinem Blick.
„Die lassen wir vorerst hier, wenn das für Sie in Ordnung ist.“
„Natürlich.“
Zum ersten Mal seit Jahren fuhr ich ohne diese Jacke nach Hause.
Im Flur stand noch immer der Schirm meiner Frau. Ich hatte ihn nie weggeräumt. Acht Jahre war sie tot, und bei manchen Dingen tat ich so, als käme sie gleich wieder.
Ich setzte Wasser auf. Dann vergaß ich den Tee.
Gegen sechs rief ich meine Tochter an.
Mareike meldete sich verschlafen.
„Papa? Was ist passiert?“
Ich erzählte es ihr. Nicht ordentlich, nicht der Reihe nach. Ich erzählte vom Fahrbahnrand und von den Armen, die sich nach mir ausgestreckt hatten.
Am anderen Ende wurde es still.
„Und jetzt?“, fragte sie schließlich.
„Jetzt liegt sie da allein.“
„Sie ist in einer Klinik. Da sind Menschen bei ihr.“
„Ich weiß.“
Aber wissen und aushalten sind verschiedene Dinge.
Am Nachmittag durfte ich nach Absprache wiederkommen. Ich hatte meine Hände gründlicher geschrubbt als vor jeder Familienfeier.
Als das Mädchen mich sah, hob sie den Kopf.
Dann streckte sie die Arme aus.
Die Schwester zog einen Stuhl ans Bett.
„Sie dürfen sich gern eine Weile zu ihr setzen.“
Ich blieb bis zum Abendessen.
In den nächsten Tagen kam ich wieder. Nicht, weil sie ohne mich gar nichts gekonnt hätte, wie ich mir anfangs einredete. Sie ließ inzwischen auch die Schwester an sich heran, die immer leise summte.
Aber wenn ich kam, entspannte sich ihr Rücken. Das sah sogar ich.
Ich erzählte ihr von Schrauben, die sich nicht lösen wollten, und von unserem früheren Hund, der den Briefträger geliebt und den Staubsauger gehasst hatte.
Sie antwortete nicht. Manchmal fuhr sie mit dem Finger über die raue Naht meiner Arbeitshose.
Am vierten Tag bekam sie einen Namen zurück.
Leni.
Sie war gut zwei Jahre alt.
Ihre Mutter war einige Monate zuvor gestorben. Das Mädchen hatte danach bei Verwandten gelebt. Menschen in der Nachbarschaft hatte man erzählt, sie sei vorübergehend anderswo untergebracht.
Die Polizei hatte das Gebäude oberhalb der Landstraße durchsucht. Leni war durch eine offen gebliebene Tür ins Freie gelangt und von dort über die Zufahrt zur Straße gekommen.
Mehr erfuhr ich zunächst nicht.
Es gab Ermittlungen gegen die Erwachsenen, bei denen sie gelebt hatte. Später wurde daraus ein Strafverfahren.
Ich stellte mir vieles vor. Frau Seidel sagte einmal sehr ruhig, dass meine Vorstellungen Leni nicht helfen würden.
„Was ihr hilft, ist ein Erwachsener, der beim nächsten Besuch genauso verlässlich ist wie beim letzten.“
Also brachte ich am nächsten Tag ein Bilderbuch mit einem Traktor mit.
Nicht besonders einfallsreich. Aber damit kannte ich mich aus.
Als von Lenis Entlassung die Rede war, fragte ich, wohin sie kommen würde.
Frau Seidel erklärte mir, dass eine erfahrene Bereitschaftspflegefamilie gesucht werde. Es brauche Menschen, die ihre Bedürfnisse verstehen könnten.
„Und wenn ich mich überprüfen lasse?“
Sie legte den Stift hin.
„Herr Kröger, haben Sie darüber mit Ihrer Familie gesprochen?“
„Ich habe eine Tochter.“
„Dann sollten Sie das zuerst tun.“
Mareike kam am Samstag. Sie stand kaum im Flur, da fing sie schon an.
„Du hast Bluthochdruck. Dein Knie wird seit drei Jahren nicht besser. Du bist fast siebzig.“
„Das weiß ich selber.“
„Dann benimm dich auch so.“
Ich spürte, wie ich hart wurde. Das konnte ich gut. Sobald jemand an eine empfindliche Stelle kam, wurde ich laut oder machte dicht.
„Soll ich mich ins Wohnzimmer setzen und warten, bis ich umfalle?“
„Darum geht es nicht.“
„Worum denn?“
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