Das sagte sie nicht zu ihrer Verteidigung. Sie sagte es so, als würde sie nachts keinen anderen Satz mehr hören.
„Ich hätte nachfahren müssen.“
Ich sah ihre Hände an.
Mir fiel ein, wie oft ich Mareike gesagt hatte, wir würden am nächsten Wochenende etwas unternehmen.
Nicht alles war vergleichbar. Aber das Gefühl, eine versäumte Gelegenheit nicht zurückholen zu können, kannte ich.
Renate sah zur Tür.
„Ich bin nicht gekommen, um sie Ihnen einfach wegzunehmen.“
Ich brachte erst nach einer Weile eine Antwort heraus.
„Ich habe Kaffee gemacht.“
Ihre ersten Treffen mit Leni wurden begleitet. Renate brachte keine großen Geschenke mit, nur ein kleines Fotoalbum, das vorher besprochen worden war.
Darin war ein Bild von Lenis Mutter als junges Mädchen.
Eines Tages saß Leni auf dem Teppich, hielt das Foto hoch und sagte: „Mama.“
Renate nickte.
Dann fing sie an zu weinen, ganz still.
Leni betrachtete sie eine Weile. Schließlich schob sie ihr ein Taschentuch hin.
Ich stand in der Tür und verstand, wie wenig Liebe mit Besitz zu tun hatte. Diese Frau musste keine Gegnerin werden, damit ich Lenis Zuhause bleiben konnte.
Renate konnte Leni aus gesundheitlichen Gründen nicht selbst großziehen. Sie sagte das offen, obwohl es sie sichtbar Kraft kostete.
Aber sie konnte ihre Großmutter sein.
Sie schickte Postkarten mit großen Buchstaben und kam regelmäßig zu Besuch. Später telefonierten sie, anfangs oft nur eine Minute lang.
Leni hatte einen Menschen mehr.
Als sich das Strafverfahren dem Ende näherte, musste ich als Zeuge aussagen. Ich erzählte von der Kurve, meinem Bremsmanöver und dem Kind am Straßenrand.
Es gab Verurteilungen. Keine davon machte ungeschehen, was Leni erlebt hatte.
Frau Seidel sorgte dafür, dass wir erfuhren, was für ihren Alltag wichtig war. Den Rest besprach ich mit Mareike, wenn Leni schlief.
Wir stellten keine Nachrichten neben ihre Müslischale.
Im dritten Jahr wurde über ihre langfristige Perspektive entschieden.
Ich war inzwischen einundsiebzig. Mein Knie war nicht besser geworden, und bei einem Arzttermin wurde mir geraten, mich mehr zu schonen.
Diesmal sagte ich nicht, das werde schon gehen.
Ich setzte mich mit Mareike an den Tisch und wir schrieben auf, was tatsächlich geregelt werden musste.
Wer holte Leni ab, wenn ich krank wurde? Wo konnte sie schlafen? Wer kannte ihre Abendroutine, ihre Termine und das Bilderbuch, das sie nur an bestimmten Tagen sehen wollte?
Mareike war längst eine feste Bezugsperson geworden. Auch die begleitende Pflegefamilie kannte Leni gut.
Trotzdem hatte ich Angst, dass mein Alter gegen mich sprechen würde.
Bei einem Gespräch fragte ich Frau Seidel, ob sie mich von Anfang an für zu alt gehalten habe.
„Ich habe mich gefragt, ob Sie bereit sind, sich helfen zu lassen.“
„Und?“
Sie lächelte kurz.
„Am Anfang nicht.“
Leni sollte dauerhaft bei mir leben, mit weiterer Begleitung und regelmäßiger Prüfung dessen, was sie brauchte. Ich blieb ihr Pflegevater.
Auf den Papieren stand also nicht genau das, was ich mir zuerst ausgemalt hatte.
Aber als wir nach dem entscheidenden Gespräch nach Hause kamen, stellte Leni ihre Schuhe neben meine und fragte nach Kartoffeln mit Quark.
Ich setzte den Topf auf.
Für diesen Abend war alles geklärt.
Mit der Zeit begann sie mehr zu sprechen. Erst einzelne Wörter, dann kurze Sätze.
Bei fremden Menschen blieb sie oft still. Zu Hause konnte sie mir inzwischen sehr genau erklären, warum ein grüner Becher etwas völlig anderes war als ein blauer.
Wir hatten Unterstützung durch eine Therapeutin und später durch die Kita. Niemand versprach, dass irgendwann jede Angst verschwinden würde.
Ich lernte, nicht ständig nach Zeichen zu suchen, dass nun endlich alles gut war.
Ein Kind durfte auch schlechte Laune haben, weil die Banane zerbrochen war.
Als Leni fünf war, blieb ich wegen einer Untersuchung eine Nacht im Krankenhaus. Wir hatten das vorbereitet, und sie übernachtete bei Mareike.
Trotzdem stand sie bei meiner Rückkehr im Flur und sah mich an, als müsse sie prüfen, ob ich vollständig war.
„Du bist wieder da.“
„Ja.“
„Auch morgen?“
Ich ging vor ihr in die Hocke.
Früher hätte ich sofort gesagt: Immer.
Jetzt sagte ich: „Morgen früh machen wir zusammen Frühstück. Und wenn ich irgendwohin muss, sage ich dir Bescheid. Mareike weiß auch immer, wo ich bin.“
Sie dachte darüber nach.
Dann nahm sie meine Hand und führte mich in die Küche.
Heute ist Leni sieben. Ich bin vierundsiebzig.
Sie besucht die zweite Klasse und findet, dass ich beim Vorlesen manche Tiere falsch spreche. Besonders meine Hühner seien unglaubwürdig.
In meinem Garten steht eine Schaukel. Daneben hat Mareike ein Beet angelegt, um das sich vor allem die Schnecken kümmern.
Sie kommt sonntags oft zum Essen. Manchmal bleibt sie danach sitzen, obwohl schon alles abgeräumt ist.
Neulich sagte sie: „Du hörst heute anders zu.“
Ich wusste erst nicht, was ich antworten sollte.
Dann fragte ich, ob ich das früher wirklich so selten getan hätte.
„Manchmal“, sagte sie. „Aber jetzt fragst du wenigstens nach.“
Renate verbringt die Feiertage gelegentlich bei uns. Sie und ich können uns darüber streiten, ob Leni eine zweite Portion Nachtisch braucht, ohne dass jemand Angst haben muss, dadurch seinen Platz zu verlieren.
Ralf, der Lastwagenfahrer, kommt auch noch vorbei.
Er bringt meistens etwas mit, das laut wird. Zuletzt war es eine Fahrradklingel.
„Die hat gefehlt“, behauptete er.
Leni ließ sie den ganzen Nachmittag nicht los.
Die Arbeitsjacke von jener Nacht hängt inzwischen hinten im Schrank. Sie ist sauber, aber an einer Stelle fehlt ein Knopf.
Ich habe einen neuen daneben angenäht, ohne den alten Abdruck ganz zu verdecken. Leni hatte irgendwann gefragt, ob es wirklich dieselbe Jacke sei.
Sie wollte sie behalten.
Vor einigen Wochen sollten die Kinder in der Schule einen Menschen vorstellen, der ihnen wichtig war.
Leni suchte ein Foto aus, auf dem sie neben mir an ihrem Fahrrad stand. Ich hatte ihr gerade gezeigt, wie man einen Reifen aufpumpt. Mein Kopf war halb abgeschnitten, und sie hatte die Augen zu.
„Wir könnten ein schöneres nehmen“, sagte ich.
„Das ist schön.“
Also klebten wir es auf einen Bogen Papier.
Ihre Lehrerin fragte vorher, was Leni über ihre Familie erzählen dürfe und wobei sie Unterstützung brauche. Wir besprachen das mit ihr, und Leni entschied selbst, was auf dem Blatt stehen sollte.
Am Tag danach holte ich sie von der Schule ab. Die Lehrerin bat mich kurz zur Seite.
„Leni hat gestern sehr viel erzählt.“
Ich schaute zum Schulhof. Sie versuchte gerade, ihre Mütze aus dem Ärmel zu ziehen.
„Über das Fahrrad?“
„Auch.“
Die Lehrerin lächelte.
„Sie hat gesagt: Das ist mein Hartmut. Er wartet, bis ich fertig bin.“
Auf dem Heimweg fragte ich Leni, ob der Vortrag gut gewesen sei.
„Ja.“
„Warst du aufgeregt?“
„Ein bisschen.“
Dann blieb sie vor einer Bäckerei stehen und zeigte auf die Auslage. Das Gespräch war für sie beendet.
Für mich noch lange nicht.
Manchmal werde ich gefragt, warum ich mir das in meinem Alter angetan habe. Meistens meinen die Leute es nicht böse.
Sie sehen die Termine, meine Müdigkeit und die Jahre, die vor diesem Kind noch liegen.
Ich sehe das auch.
Es gibt Abende, an denen ich nach dem Zubettbringen in der Küche sitze und zu erschöpft bin, um mir noch ein Brot zu machen. Es gibt Nächte, in denen Leni wieder dicht bei mir sein muss.
Dann rufe ich Mareike an. Oder nehme die Unterstützung an, die längst zu unserem Leben gehört.
Ich habe nicht noch einmal angefangen, jung zu sein. Ich habe gelernt, mein Alter ehrlich mitzudenken.
Gestern saß Leni an meinem Küchentisch und machte Hausaufgaben. Ich hatte eine alte Schublade ausgehängt, deren Führung klemmte.
„Hartmut?“
„Ja?“
„Warst du früher auch schon so alt?“
Ich musste lachen.
„Als ich dich gefunden habe? Fast.“
Sie malte einen Buchstaben nach, radierte ihn aus und versuchte es noch einmal.
„Hattest du da Angst?“
Ich legte den Schraubendreher hin.
„Ja. Sehr.“
„Ich auch.“
Ich setzte mich neben sie. Eine Weile schauten wir beide auf das Heft.
Dann schob sie es zu mir.
„Kannst du warten? Ich bin noch nicht fertig.“
Ich zog den zweiten Stuhl näher an den Tisch.
„Ja“, sagte ich. „Ich warte.“






