Eine Achtjährige wollte nur ihre Geschwister schützen und brachte einen schweigsamen Handwerker zum Weinen

Die Achtjährige stellte sich vor ihre drei Geschwister und sagte: „Wenn Sie einen von uns mitnehmen, müssen Sie uns alle nehmen.“ Mein Freund begann zu weinen.

„Wir nehmen heute überhaupt niemanden mit“, sagte ich.

Das Mädchen glaubte mir kein Wort. Sie schob den kleinen Jungen hinter ihren Rücken und hielt die Hand ihrer jüngsten Schwester so fest, dass die Finger ganz weiß wurden.

Neben mir stand Uwe in seiner ausgewaschenen Arbeitsjacke. Unter seinen Nägeln saß noch dunkler Schmutz, obwohl er sich vor der Fahrt zweimal die Hände geschrubbt hatte. Er war einen Kopf größer als ich, hatte einen grauen Vollbart und ein Gesicht, das selbst freundlich noch streng aussah.

Normalerweise brachte ihn nichts aus der Ruhe. Aber jetzt musste er sich wegdrehen und tat so, als hätte er etwas im Auge.

Wir standen im Besucherzimmer eines Hospizes am Rand einer Kleinstadt in Hessen. Vor uns saß eine fünfunddreißigjährige Frau im Rollstuhl, die wir bis zu diesem Abend nur von einem unscharfen Foto kannten.

Sie hieß Miriam. Die Kinder hießen Jule, Ben, Leni und Ida. Acht, sechs, vier und zwei Jahre alt.

„Entschuldigen Sie“, sagte Miriam leise. „Jule denkt, jeder neue Erwachsene kommt, um etwas zu entscheiden.“

„Dann setzen wir uns erst mal“, sagte Uwe. „Im Stehen sieht das hier aus wie eine Kontrolle.“

Er zog einen Stuhl heran, langsam, damit die Beine nicht über den Boden kratzten. Dann setzte er sich mit etwas Abstand vor die Kinder und legte die großen Hände auf seine Knie.

Jule blieb stehen. Sie hatte vier kleine Rucksäcke neben der Tür aufgereiht, jeden direkt am nächsten.

Drei Tage zuvor hatte ihre Tante Anja bei mir angerufen.

Sie kannte mich von einer Aktion unseres Handwerkerstammtischs. Wir reparierten einmal im Monat Fahrräder, zogen lockere Schranktüren fest oder machten Wohnungen für Menschen zurecht, denen dafür das Geld oder die Kraft fehlte.

Nichts Großes. Ein paar Männer mit zu viel Werkzeug und der Angewohnheit, Hilfe lieber anzubieten, während sie schon die Ärmel hochkrempelten.

„Sie waren doch der mit dem Kinderbett“, hatte Anja gesagt.

Das stimmte. Ich hatte ihr im Frühjahr ein gebrauchtes Bett aufgebaut, weil ihre Schwester nach einer Behandlung nicht mehr schwer tragen konnte.

Damals hatte ich nicht gewusst, wie krank Miriam war.

Jetzt sagte Anja am Telefon: „Meine Schwester wird nicht wieder gesund. Und sie hat solche Angst um ihre Kinder, dass sie nachts nicht mehr schlafen kann.“

Ich setzte mich auf einen umgedrehten Farbeimer in meiner Werkstatt.

Die Kinder waren inzwischen gemeinsam in einer Wohngruppe untergebracht. Miriam brauchte rund um die Uhr Pflege. Ihr Mann saß im Gefängnis und konnte sie nicht versorgen. Die Großeltern lebten nicht mehr.

Anja selbst hatte eine chronische Erkrankung, arbeitete nur noch wenige Stunden und kam an manchen Tagen kaum aus dem Bett. Sie besuchte die Kinder, so oft sie konnte. Vier Kinder dauerhaft aufzunehmen, schaffte sie nicht.

„Es wird nach einer Lösung gesucht“, sagte sie. „Aber niemand kann uns bisher sagen, ob alle vier zusammenbleiben können.“

„Und was kann ich da tun?“

Darauf hatte sie lange nicht geantwortet.

„Miriam hat gefragt, ob die beiden Männer von dem Kinderbett sie besuchen würden. Sie sagt, ihr habt damals erst aufgehört, als wirklich jede Schraube fest war.“

Ich hatte Uwe angerufen, meinen ältesten Freund.

Wir hatten fast dreißig Jahre zusammen auf Baustellen gearbeitet. Ich als Elektriker, er als Anlagenmechaniker. Wir kannten uns mit kaputten Leitungen, undichten Rohren und Menschen aus, die behaupteten, der Fehler könne unmöglich bei ihnen liegen.

Mit vier kleinen Kindern kannten wir uns nicht aus.

„Wann fahren wir?“, hatte Uwe gefragt.

Nicht, ob wir fahren. Wann.

Jetzt saßen wir vor Miriam, und ich sah, wie viel Kraft es sie kostete, aufrecht zu bleiben. Über ihren Knien lag eine Decke. Auf dem Tisch stand ein Becher Tee, den sie nicht mehr halten konnte.

„Anja hat mir erzählt, dass Sie helfen“, sagte sie.

„Wenn wir können“, antwortete ich.

„Ich brauche keinen neuen Schrank.“

„Das haben wir verstanden.“

Sie sah zu ihren Kindern. Ben ließ ein kleines Spielzeugtier über die Naht seines Ärmels laufen. Leni stand so dicht an Jule, dass die beiden wie zusammengewachsen wirkten.

„Ich brauche jemanden, der nicht nach zwei Wochen wieder verschwindet“, sagte Miriam.

Niemand antwortete sofort. Aus dem Flur kam das Klappern eines Geschirrwagens.

Dann fragte Ben: „Seid ihr jetzt unsere neuen Papas?“

Uwe beugte sich ein Stück vor.

„Wir sind erst mal Uwe und Rainer. Eure Mama hat gefragt, ob wir euch kennenlernen möchten.“

„Und?“, fragte Jule.

„Deswegen sind wir hier.“

Sie betrachtete uns noch immer misstrauisch. Dann zog sie einen fünften Stuhl heran, ohne etwas zu sagen.

Das war unsere erste Erlaubnis.

Wir blieben knapp eine Stunde. Länger konnte Miriam an diesem Abend nicht.

Sie erzählte uns Dinge, die auf keinem Formular standen. Dass Ben Dinosaurier liebte, aber Angst vor dem lauten Händetrockner auf öffentlichen Toiletten hatte. Dass Leni zum Einschlafen Licht im Flur brauchte.

Dass Ida ihren Stoffhasen „Nase“ nannte, weil von seinem Gesicht fast nur noch die Nase heil war.

„Jule sagt immer, sie mag alles“, fügte Miriam hinzu. „Aber das stimmt nicht. Sie isst keine Pilze. Sie will bloß keinen Ärger machen.“

Jule starrte auf ihre Schuhe.

Miriam griff nach ihrer Hand und schaffte es erst beim zweiten Versuch.

„Du darfst sagen, wenn du etwas nicht magst.“

„Ich weiß.“

„Auch später.“

Das Mädchen presste die Lippen zusammen.

Auf dem Heimweg sagte Uwe lange nichts. Erst auf einem Parkplatz kurz vor unserem Ort stellte er den Motor ab.

„Ich kann da nicht einfach wieder hinfahren, ein paar Geschenke hinstellen und dann nach Hause gehen.“

Ich sah durch die Windschutzscheibe auf den geschlossenen Imbiss.

„Ich auch nicht.“

Wir waren zwei alleinstehende Männer Anfang und Mitte fünfzig. Ich lebte seit meiner Scheidung allein. Meine Tochter und ich telefonierten an Geburtstagen, manchmal auch zu Weihnachten, wenn keiner von uns den Anruf zu lange hinausschob.

Uwe hatte seine Frau und seinen kleinen Sohn bei einem Unfall verloren. Das lag viele Jahre zurück. Trotzdem stand in seinem Flur noch immer ein Schuhschrank, dessen unterstes Fach leer blieb.

Unsere Wohnungen waren ordentlich. Unsere Kühlschränke enthielten Senf, Aufschnitt und Dinge, deren Haltbarkeit wir durch Riechen feststellten.

Es gab gute Gründe, uns keine vier Kinder anzuvertrauen.

Am nächsten Vormittag saßen wir bei Frau Seidel vom Pflegekinderdienst.

Sie ließ uns ausreden. Das rechne ich ihr bis heute hoch an, denn wir redeten anfangs wie Männer, die glaubten, Entschlossenheit sei schon ein Betreuungskonzept.

„Wir haben beide Platz“, sagte ich.

„Und wir können unsere Arbeitszeit ändern“, ergänzte Uwe.

Frau Seidel legte ihren Stift hin.

„Wie stellen Sie sich den Alltag vor?“

„Gemeinsam“, sagte ich.

„In zwei Wohnungen? Was passiert morgens? Wer bleibt bei einem kranken Kind? Wer begleitet die anderen? Wer hilft Jule dabei, wieder Schwester zu sein, statt für alle Verantwortung zu tragen?“

Darauf hatten wir keine fertigen Antworten.

„Ich sage Ihnen heute weder zu noch ab“, erklärte sie. „Aber ich werde diesen Kindern keine weitere Enttäuschung zumuten, nur weil zwei Erwachsene es gut meinen.“

Auf der Fahrt zurück war ich wütend. Nicht auf sie. Darauf, dass jede ihrer Fragen berechtigt gewesen war.

Am Abend rief ich meine Tochter an.

Nora meldete sich mit einem vorsichtigen: „Ist etwas passiert?“

Ich erzählte ihr von Miriam. Von den Kindern. Von dem Gedanken, der seit dem Besuch nicht mehr aus meinem Kopf ging.

Sie hörte zu, ohne mich zu unterbrechen.

Dann sagte sie: „Für vier fremde Kinder willst du plötzlich dein ganzes Leben umstellen?“

Der Satz traf mich härter, als ich erwartet hatte.

„Nora …“

„Ich war auch mal acht, Papa.“

Ich saß am Küchentisch und sah auf einen alten Brandfleck in der Tischplatte. Den hatte sie als Jugendliche mit einem heißen Topf verursacht. Ich hatte damals mehr über den Tisch gesprochen als darüber, warum sie überhaupt für sich allein kochen musste.

„Du hast recht“, sagte ich.

Sie schwieg.

„Ich kann dir nicht erzählen, dass ich alles richtig gemacht habe. Habe ich nicht.“

„Du warst immer arbeiten.“

„Ja.“

„Und wenn du zu Hause warst, warst du müde.“

Ich wollte ihr erklären, warum. Die Kredite, die Aufträge, die Angst, nach der Trennung auch noch beruflich den Boden zu verlieren.

Stattdessen sagte ich: „Das muss einsam gewesen sein.“

Am anderen Ende hörte ich sie ausatmen.

Wir telefonierten fast eine Stunde. Zum ersten Mal seit Jahren sprachen wir nicht nur darüber, ob das Auto noch lief und ob bei der Arbeit alles in Ordnung war.

Zum Abschied sagte sie: „Mach das nicht, weil du etwas wiedergutmachen willst.“

„Ich weiß.“

„Und tu nicht so, als wüsstest du alles.“

„Das hat Frau Seidel heute schon erledigt.“

Da lachte sie kurz. Es war ein kleines Lachen, aber ich hatte es vermisst.

In den nächsten Wochen lernten wir, wie wenig wir wussten.

Wir führten Gespräche, besorgten Unterlagen, ließen uns untersuchen und setzten uns mit unserer eigenen Vergangenheit auseinander. Uwe musste über seinen Sohn sprechen. Ich musste erklären, warum der Kontakt zu meiner Tochter so dünn geworden war.

Manche Fragen taten weh. Aber irgendwann verstand ich, dass genau das nötig war.

Wir suchten ein Haus zur Miete, in dem wir gemeinsam wohnen konnten. Kein großes Anwesen, nur ein älteres Haus mit mehreren kleinen Zimmern, einer sicheren Treppe und einem Garten, den wir von der Küche aus sehen konnten.

Wir rechneten unsere Einnahmen durch. Ich wollte meine Arbeitszeit deutlich reduzieren. Uwe besprach mit seinem Betrieb feste freie Tage und kürzere Einsätze.

Unser Stammtisch half beim Renovieren.

Dieter strich die Kinderzimmer und diskutierte zwanzig Minuten darüber, ob ein Grün freundlich genug sei. Klaus baute Regale, deren Kanten so gründlich geschliffen waren, dass man sie mit verbundenen Augen hätte anfassen können.

Niemand veranstaltete eine große Sammlung mit Bildern der Kinder. Wir erzählten nur so viel, wie Miriam ausdrücklich erlaubt hatte.

Als jemand meinte, eine Zeitung könne vielleicht Druck machen, schüttelte Uwe den Kopf.

„Die brauchen ein Zuhause. Kein Publikum.“

Währenddessen besuchten wir die Kinder regelmäßig in ihrer Wohngruppe. Anfangs saß immer eine Betreuerin dabei. Später gingen wir gemeinsam auf den Spielplatz oder kochten in der Küche.

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