„Dann höre ich sie.“
„Du schläfst doch auch.“
„Deshalb steht das kleine Gerät neben meinem Bett.“
Sie sah mich prüfend an und ging weiter.
In der ersten Nacht schliefen schließlich alle vier im selben Zimmer. Ben auf einer Matratze, Jule auf dem unteren Bett, die beiden Kleinen dicht nebeneinander.
Wir hatten uns so viel Mühe mit den anderen Zimmern gegeben. Trotzdem ließ Uwe die Tür leise wieder zu und sagte: „Die Farben laufen nicht weg.“
Unser Haus wurde laut.
Es gab Streit um Becher, verschwundene Socken und die Frage, ob ein angebissener Apfel noch jemand anderem gehören konnte. Ich lernte, dass vier Kinder morgens gleichzeitig Hunger hatten und trotzdem keines dasselbe essen wollte.
Uwe lernte Zöpfe flechten. Die ersten sahen aus wie schlecht verlegte Kabel.
„Das tut weh“, sagte Leni.
„Dann machen wir es noch mal.“
„Mama konnte das.“
„Ja“, sagte er. „Die konnte vieles besser.“
Er übte an Wollfäden, die er an eine Stuhllehne band. Als Dieter ihn dabei erwischte, sagte er nur: „Wenn du lachst, musst du morgen mitmachen.“
Dieter machte am nächsten Tag mit.
Aber es gab auch Abende, an denen wir erschöpft am Küchentisch saßen und keinen Satz mehr zustande brachten.
Ben versteckte Brot in seinem Zimmer. Ich schimpfte zuerst wegen der Krümel, bis unsere Beraterin uns half zu verstehen, was dahinterstecken konnte.
Danach stand eine kleine Dose mit Knäckebrot in der Küche, die immer gefüllt blieb und an die er jederzeit durfte.
Es dauerte Wochen, bis er das Brot unter seinem Kopfkissen nicht mehr brauchte.
Einmal schlug eine Tür laut zu, weil ich sie beim Tragen eines Wäschekorbs mit dem Fuß zugestoßen hatte. Leni zuckte zusammen und versteckte sich unter dem Tisch.
Ich stellte den Korb ab und setzte mich auf den Boden.
„Das war laut“, sagte ich. „Ich habe nicht aufgepasst.“
Sie kam erst nach einer Weile hervor. Seitdem mache ich Türen bewusster zu.
Nora besuchte uns zum ersten Mal an einem Sonntag.
Sie brachte keinen großen Korb mit Geschenken. Nur einen Kuchen, den sie selbst gebacken hatte, und eine Packung Haargummis.
„Die wirst du brauchen“, sagte sie zu Uwe.
Später stand sie neben mir am Spülbecken, während die Kinder mit ihr vertraut gewordenen Freunden im Garten spielten.
„Du hörst ihnen zu“, sagte sie.
Ich nickte.
„Ich wünschte, ich hätte früher verstanden, wie wichtig das ist.“
Sie trocknete einen Teller ab.
„Du kannst mir jetzt auch noch zuhören.“
Seitdem telefonieren wir nicht mehr nur an Geburtstagen.
Vor einem halben Jahr nahm Jule eine Tasse aus dem Schrank, die Miriam gehört hatte. Anja hatte sie zusammen mit einigen anderen Sachen gebracht.
Es war eine schlichte blaue Tasse mit einem kleinen Sprung am Henkel. Jule stellte sie an den freien Platz neben sich.
„Die soll da stehen bleiben“, sagte sie.
„Gut.“
Beim Abendessen stieß Ida mit dem Ellenbogen dagegen. Die Tasse fiel herunter und zerbrach.
Jule schrie sie an.
So heftig, dass Ida vor Schreck losweinte. Uwe nahm die Kleine zu sich, während ich mich zwischen Jule und die Scherben stellte.
„Geh weg!“, rief sie. „Das war Mamas!“
„Ich weiß.“
„Du weißt gar nichts!“
Sie schlug mit beiden Händen gegen meine Brust. Nicht fest, aber immer wieder.
„Ihr macht hier alles anders! Ihr tut so, als wäre das jetzt unser Zuhause!“
Ich hielt ihre Hände nicht fest. Ich blieb nur stehen.
Irgendwann wurden ihre Bewegungen schwächer.
„Wenn es mir hier gefällt“, flüsterte sie, „dann ist Mama ganz weg.“
Ich setzte mich mit ihr auf die Treppenstufe.
„Du hast heute über Uwes kaputten Pfannkuchen gelacht“, sagte ich.
Sie nickte kaum sichtbar.
„Und danach hattest du ein schlechtes Gewissen?“
Da fing sie an zu weinen.
Wir saßen lange dort. Später suchten wir gemeinsam die größeren Stücke der Tasse zusammen und legten sie in eine Schachtel. Nicht alles ließ sich reparieren, auch nicht mit unserem ganzen Werkzeug.
Die Schachtel steht heute bei Miriams Briefen.
Inzwischen wohnen die Kinder seit über einem Jahr bei uns.
Ben kann mich bei Dinosauriern noch immer mühelos bloßstellen. Leni schläft meistens ohne Flurlicht, verlangt aber manchmal, dass es wieder angeschaltet wird.
Ida erinnert sich immer weniger an ihre Mutter. Das tut weh, und wir versuchen nicht, es schönzureden. Wir schauen mit ihr Bilder an, hören Miriams Stimme und erzählen von der grünen Haarfarbe und den schief gesungenen Liedern.
Jule hat eine Freundin gefunden, bei der sie inzwischen gelegentlich übernachtet.
Beim ersten Mal rief sie um neun Uhr an.
„Ist Ida eingeschlafen?“
„Ja.“
„Hat Ben seinen Sportbeutel für morgen?“
„Steht im Flur.“
Sie schwieg.
„Und was machst du gerade?“, fragte ich.
„Wir bauen eine Höhle.“
„Dann geh weiterbauen.“
Ein paar Sekunden blieb sie noch in der Leitung. Dann hörte ich im Hintergrund ein anderes Mädchen rufen, und Jule sagte: „Ich komme!“
Als sie aufgelegt hatte, hielt ich das Telefon noch eine Weile in der Hand.
Manchmal fragen uns Menschen, wie wir uns das in unserem Alter antun konnten. Meistens meinen sie es nicht böse. Sie sehen die Termine, die Wäscheberge und zwei Männer, die früher nach Feierabend einfach ihre Ruhe hatten.
Uwe antwortet dann: „Frag uns am Montagmorgen. Sonntags fällt die Antwort zu freundlich aus.“
Wir sind keine besonders geduldigen Menschen geworden. Wir verlieren Dinge, vergessen Termine und müssen uns entschuldigen, wenn wir ungerecht waren.
Aber wir gehen hin, wenn jemand ruft.
Gestern Abend stand Jule vor mir, als ich gerade die Küche aufräumte. Sie hatte ein Blatt in der Hand, das sie für die Schule ausfüllen sollte.
Oben stand: „Menschen, auf die ich mich verlassen kann.“
Sie hatte Anja aufgeschrieben. Uwe. Mich. Ihre Betreuerin von damals. Nora.
„Mama wollte ich auch hinschreiben“, sagte sie. „Aber sie kann ja nicht mehr kommen.“
Ich zog einen Stuhl für sie heran.
„Du kannst sie trotzdem aufschreiben, wenn du möchtest.“
Jule setzte sich und überlegte. Dann schrieb sie Miriams Namen ganz oben auf das Blatt.
Darunter ergänzte sie in ihrer sorgfältigen Schrift: „Sie hat dafür gesorgt, dass wir zusammenbleiben.“
Ich musste kurz zum Fenster schauen.
Als ich mich wieder umdrehte, stand Jule schon an der Küchentür.
„Rainer?“
„Ja?“
„Morgen früh musst du mich nicht wecken.“
„Warum?“
„Ich habe den Wecker gestellt.“
Sie ging ein paar Schritte, kam dann aber noch einmal zurück.
„Wenn ich ihn nicht höre, kommst du trotzdem, oder?“
„Natürlich.“
Sie nickte zufrieden und ging nach oben. Kurz darauf hörte ich sie mit Leni darüber streiten, wem das letzte saubere Nachthemd gehörte.
Ich blieb noch einen Moment sitzen. Dann stand ich auf und legte für beide frische Sachen vor die Zimmertür.






