Eine Achtjährige wollte nur ihre Geschwister schützen und brachte einen schweigsamen Handwerker zum Weinen

Jule zählte jedes Mal ihre Geschwister, bevor wir losgingen.

„Ben, Leni, Ida“, murmelte sie.

Einmal fragte ich: „Und du?“

Sie sah mich verwundert an.

„Du gehörst auch dazu.“

Sie antwortete nicht. Aber beim nächsten Mal hörte ich: „Ben, Leni, Ida. Und ich.“

Miriam wurde schwächer.

An manchen Tagen konnte sie noch mit uns am Tisch sitzen. An anderen lagen die Kinder neben ihrem Bett und malten, während eine Pflegerin ihr half, sich bequemer hinzulegen.

Eines Nachmittags bat sie Uwe und mich, noch kurz zu bleiben.

„Versprechen Sie mir nichts, was Sie nicht halten können“, sagte sie.

Uwe sah zu mir.

„Das haben wir nicht vor.“

„Aber versprechen Sie mir, dass Sie nicht einfach aufhören. Wenn es schwierig wird. Wenn Jule böse ist oder Ben nachts ins Bett macht. Wenn die Kleine mich irgendwann nicht mehr erkennt.“

Ihre Stimme brach.

„Sie soll wenigstens wissen, dass ich sie gekannt habe.“

Ich zog meinen Stuhl näher.

„Wir werden ihnen von Ihnen erzählen.“

„Auch die gewöhnlichen Sachen?“

„Welche meinen Sie?“

„Dass ich beim Kartoffelschälen gesungen habe. Schief. Dass ich Leni einmal die Haare grün gefärbt habe, weil ich dachte, die Farbe wäre auswaschbar.“

Sie lächelte kurz.

„Und dass ich manchmal genervt war. Ich möchte nicht, dass sie irgendwann nur noch eine Heilige auf einem Foto haben.“

Wir begannen mit einer Kiste.

Miriam sprach kleine Nachrichten auf Anjas Telefon. Für Geburtstage, für den ersten Schultag der Kleinen, für Tage, an denen jemand wütend auf sie sein würde, weil sie nicht mehr da war.

Nicht alles gelang. Manchmal war sie zu erschöpft. Manchmal weinten wir alle und mussten abbrechen.

Aber es gab auch Aufnahmen, auf denen sie lachte.

Auf einer sagte sie: „Ben, wenn Rainer dir erzählt, er kenne alle Dinosaurier, frag ihn nach dem mit dem langen Hals. Er hat ihn letzte Woche Giraffenlurch genannt.“

Das hatte ich tatsächlich.

Drei Wochen später rief Frau Seidel an. Die Kinder konnten vorerst gemeinsam in ihrer Wohngruppe bleiben, während unsere Eignung und die langfristige Perspektive weiter geprüft wurden.

Es war noch keine Zusage für unser Haus. Aber es bedeutete, dass nicht innerhalb weniger Tage getrennte Plätze gefunden werden mussten.

Wir fuhren zu Miriam.

Als wir es ihr sagten, schloss sie die Augen. Ich dachte schon, sie wäre eingeschlafen.

Dann fragte sie: „Alle vier?“

„Alle vier.“

Ihre Finger bewegten sich auf der Bettdecke, als suchten sie etwas. Uwe legte seine Hand daneben, und sie hielt seinen kleinen Finger fest.

„Dann kann Jule heute vielleicht schlafen“, flüsterte sie.

Miriam starb elf Tage später.

Die Kinder waren am Nachmittag bei ihr gewesen. Jule hatte ihr vorgelesen, obwohl Miriam die Augen kaum noch öffnen konnte. Ben hatte seinen Lieblingsdinosaurier auf den Nachttisch gestellt.

Am Abend brachte Anja sie zurück in die Wohngruppe. Uwe und ich blieben, zusammen mit einer Pflegerin, die immer wieder nach Miriam sah.

Kurz vor Mitternacht hörte sie auf zu atmen.

Uwe saß neben dem Bett und hielt noch lange ihre Hand. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, also blieb ich sitzen.

Am nächsten Morgen saßen wir mit Anja und der vertrauten Betreuerin bei den Kindern.

Ida verstand die Worte nicht. Leni fragte dreimal, wann Mama wiederkomme. Ben wurde wütend und schleuderte seinen Hausschuh gegen eine Schranktür.

Jule saß ganz still.

„Ich muss die Sachen von den Kleinen packen“, sagte sie schließlich.

„Heute nicht“, antwortete die Betreuerin.

„Aber irgendjemand muss doch …“

Da brach ihr Satz ab.

Sie weinte nicht schön oder leise. Sie schrie nach ihrer Mutter, und niemand versuchte, sie schnell wieder ruhig zu bekommen.

Bei der Beerdigung kamen unsere Freunde in dunklen Jacken. Manche sahen darin aus, als hätten sie sie seit zwanzig Jahren nicht mehr angehabt.

Jule wollte etwas vorlesen. Wir hatten ihr gesagt, dass sie es jederzeit lassen dürfe.

Sie stand neben Anja, hielt ein zerknittertes Blatt fest und sagte: „Meine Mama konnte aus drei Kartoffeln und einem Ei ein Abendessen machen. Und sie wusste immer, wer von uns etwas brauchte.“

Dann sah sie auf die kleinen Geschwister.

„Wir bleiben zusammen. Das wollte sie.“

Mehr las sie nicht vor. Anja nahm sie in den Arm, und das Blatt sank zwischen ihnen zu Boden.

Nach der Beerdigung wurde es nicht plötzlich leichter.

Ben wollte uns zwei Wochen lang nicht sehen. Leni fragte bei jedem Abschied, ob wir auch sterben würden. Ida zog manchmal am Ärmel einer fremden dunkelhaarigen Frau, bevor sie merkte, dass es nicht ihre Mutter war.

Jule wurde höflich. So höflich, dass es mir Angst machte.

„Nein danke, ich brauche nichts“, sagte sie, wenn ich ihr etwas anbot. „Gehen Sie ruhig nach Hause.“

Wir kamen trotzdem wieder. Zu den vereinbarten Zeiten, ohne sie zu bedrängen.

Eines Tages saß Uwe mit ihr im Garten der Wohngruppe. Er reparierte das Rad einer Schubkarre, während sie auf der Bank saß.

„Dein Kind ist auch tot“, sagte sie plötzlich.

Er legte den Schraubenschlüssel ab.

„Ja.“

„Hast du dann ein neues gebraucht?“

Als er mir später davon erzählte, musste er mitten im Satz aufhören.

„Nein“, hatte er ihr geantwortet. „Mein Sohn bleibt mein Sohn. Und du musst niemanden ersetzen.“

„Auch nicht deine Frau?“

„Niemanden.“

Jule hatte eine Weile mit der Schuhspitze Erde über eine Steinplatte geschoben.

„Ich kann auch nicht immer auf Ida aufpassen.“

„Das sollst du bei uns auch nicht.“

An diesem Nachmittag ließ sie ihn zum ersten Mal allein mit der Kleinen zum Waschbecken gehen.

Bis zum Einzug vergingen noch mehrere Monate.

Es gab weitere Gespräche, gemeinsame Nachmittage, Besuche im Haus und später Übernachtungen. Wir mussten zeigen, wie der Alltag funktionieren konnte, auch dann, wenn einer von uns ausfiel.

Anja blieb ein fester Teil des Plans. Ebenso die Fachkräfte, die uns begleiteten. Ich sollte die Pflegeperson sein, Uwe würde als weitere verlässliche Bezugsperson mit im Haushalt leben und Verantwortung übernehmen.

Auf dem Papier klang das nüchtern. Für uns bedeutete es, dass wir endlich wussten, wer wofür zuständig war.

Als die Zusage kam, saßen Uwe und ich an unserem neuen Küchentisch.

Er las das Schreiben zweimal.

„Jetzt gibt es keine Ausrede mehr“, sagte er.

„Hattest du eine gesucht?“

„Nein. Aber ich hätte gern gewusst, ob du noch eine hast.“

Wir lachten. Danach saßen wir lange still.

Am Tag des Einzugs brachte Jule wieder die vier Rucksäcke mit. Sie stellte sie im Flur nebeneinander.

„Welches Zimmer ist für Ida?“, fragte sie.

Ich zeigte es ihr.

„Und wenn sie nachts weint?“

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