Lea bat den Fahrer anzuhalten.
Zwölf Minuten lang saßen sie dort.
Sie sahen mir zu, wie ich die Pflanzen goss.
Wie ich Erde vom Gehweg fegte.
Wie ich einen vertrockneten Stängel abschnitt.
Dann sah Lea, wie ich den zweiten Gartenstuhl neben meinem berührte.
Walters Stuhl.
Ich hielt ihn immer sauber.
Obwohl seit Monaten niemand mehr darin saß.
Später traf ich den Taxifahrer.
Er hieß Horst und hatte Leas Adresse auf einem alten Kassenbon notiert.
Auf der Rückseite standen kleine Bemerkungen.
„Weißer Zaun – zwei Hunde.“
„Balkon – Katze.“
„Haus mit Fahrrädern.“
Und dann:
„Gelbes Haus – Frau mit Blumen.“
Ich fragte ihn:
„Warum hat sie ausgerechnet mich genommen?“
Horst rührte lange in seinem Kaffee.
„Wegen der kaputten Blumen.“
Ich musste lachen.
„Wegen meiner toten Pflanzen?“
„Nicht ganz.“
Er sah mich an.
„Sie hat gesagt: Die Frau entfernt die vertrockneten Stellen, aber sie wirft die Pflanze nicht weg.“
Dieser Satz traf mich härter, als ich erwartet hatte.
Lea hatte von einem Taxi aus etwas in mir gesehen, das ich selbst kaum noch erkennen konnte.
Sie hatte nicht nach jemandem gesucht, der niemals Verlust erlebt hatte.
Sie suchte jemanden, der trotz Verlust weiter für etwas sorgte.
Am nächsten Morgen kam Horst allein zurück.
Lea war schon zu schwach, um noch einmal mitzufahren.
Sie hatte ihn gebeten, den Koffer unter meinem kleinen Vordach abzustellen.
Vorher sollte er prüfen, ob ich tatsächlich wieder zu meinen Blumen kam.
Um 6:10 Uhr öffnete ich die Tür.
Horst wartete auf der anderen Straßenseite.
Er sah, dass ich draußen war.
Dann fuhr er.
Lea starb am selben Nachmittag.
Emil wusste davon nichts.
Drei Tage lang fraß er kaum.
Jeden Abend legte ich das Fotoalbum auf den Boden.
Emil lag auf seiner Decke.
Ich blätterte langsam durch die Seiten.
Und ich erzählte ihm, was ich sah.
„Da hast du einen roten Pullover an. Begeistert siehst du nicht aus.“
Ein Ohr bewegte sich.
„Hier hat Lea Kuchencreme an der Hand.“
Emil hob den Kopf.
Ich wusste nicht, wie viele meiner Worte er verstand.
Aber jedes Mal, wenn ich Leas Namen sagte, sah er zur Seite.
Als würde irgendwo eine Tür aufgehen.
Am dritten Abend geschah etwas.
Nachdem ich das Album geschlossen hatte, folgte Emil mir zum ersten Mal ins Wohnzimmer.
Er blieb vor Walters leerem Stuhl stehen.
Schnupperte daran.
Dann lief er zurück zum Koffer.
Er schob seine Nase unter die Stoffverkleidung und zog ein gefaltetes Foto heraus, das ich bisher nicht gesehen hatte.
Darauf saß Lea in einem großen Krankenhausstuhl.
Emil lag auf ihrem Schoß.
Er nahm das Foto vorsichtig zwischen die Zähne.
Trug es ins Wohnzimmer.
Und legte es direkt unter Walters leeren Stuhl.
Danach legte er sich daneben.
Ich setzte mich auf meinen eigenen Platz.
Zum ersten Mal sprach ich mit Emil nicht nur über Lea.
Ich erzählte ihm von Walter.
Wie er Pfannkuchen regelmäßig verbrannte.
Wie er alte Radios reparierte, obwohl niemand mehr welche brauchte.
Wie er Liedtexte falsch sang und sich auch nach 46 Ehejahren nicht davon überzeugen ließ, dass er falschlag.
Walter hatte immer einen Hund gewollt.
„Wenn wir irgendwann ruhiger werden“, hatte er gesagt.
Aber dann kamen Arzttermine.
Besuche bei den Kindern.
Kleine Reisen.
Andere Dinge.
Wir glaubten, wir hätten noch Zeit.
Ich sah auf Leas Foto.
„Sie wahrscheinlich auch.“
Emil hob den Kopf.
Am nächsten Morgen ging er zur Futterschüssel.
Er roch daran.
Dann sah er mich an.
Ich setzte mich auf den Küchenboden.
Er nahm einen Bissen.
Dann noch einen.
Bis Mittag war die Hälfte verschwunden.
Am Nachmittag folgte er mir hinaus zu den Blumen.
Von da an änderte sich Emil langsam.
Nicht plötzlich.
Trauer funktioniert nicht so.
In der ersten Woche beobachtete er jede Straße.
Bei jedem haltenden Auto sprang er auf.
In der zweiten Woche saß er morgens neben den blauen Töpfen.
In der dritten Woche sah er nicht mehr auf die Straße.
Er sah zu mir.
Sabine besuchte uns später mit einem zweiten Brief.
Lea hatte ihn für „den Menschen, den Emil auswählt“ zurückgelassen.
Darin erklärte sie seine Medikamente und einige Eigenheiten.
Am Ende schrieb sie:
Bitte entfernen Sie mich nicht aus seinem Leben, nur damit Platz für Sie entsteht. In Emil ist genug Platz für uns beide.
Ich las den Satz zweimal.
Ich hatte tatsächlich überlegt, das Fotoalbum irgendwann wegzustellen.
Ich dachte, Emil müsse Lea vergessen, um wirklich bei mir anzukommen.
Dabei tat ich selbst genau das Gegenteil.
Ich hatte Walters Stuhl nie weggeräumt.
Seine Fotos standen noch im Regal.
Seine alte Jacke hing monatelang im Flur.
Warum sollte ich Emil etwas abverlangen, das ich selbst nicht konnte?
Das Album bekam einen festen Platz im Wohnzimmer.
Unten im Regal.
Jeden Abend sahen wir eine Seite an.
Später kamen neue Fotos dazu.
Emil zwischen meinen Alpenveilchen.
Emil unter Walters Stuhl.
Emil im Garten mit einem viel zu großen Handschuh im Maul.
Ich klebte keines dieser Bilder über Leas Fotos.
Unsere Bilder begannen erst dort, wo ihre aufhörten.
Meine Söhne kamen im Frühjahr zu Besuch.
Eigentlich wollten sie wieder über einen Umzug sprechen.
Dann sahen sie mich im Garten stehen.
Emil trottete hinter mir her.
Zum ersten Mal seit Walters Tod hatten sie aufgehört zu fragen, ob ich jeden Tag genug Gründe hätte aufzustehen.
Sie konnten die Antwort sehen.
Der alte Koffer stand noch sechs Monate neben Emils Bett.
Manchmal schlief er darin.
Manchmal lag nur eine Pfote über dem Rand.
Eines Morgens zog er Leas Decke heraus.
Schleppte sie zu seinem neuen Körbchen.
Dann ging er nie wieder hinein.
Ich stellte den leeren Koffer in den Flurschrank.
Er suchte ihn nicht.
Seitdem sind mehrere Jahre vergangen.
Einmal im Monat besuche ich mit Emil den kleinen Erinnerungsgarten, in dem für Lea ein Baum gepflanzt wurde.
Ich bringe keine Schnittblumen mit.
Ich nehme Wasser.
Emil sitzt daneben, während ich langsam die Erde gieße.
Danach öffnen wir das Fotoalbum.
Nur eine Seite.
Wir bleiben, bis Emil aufsteht.
Er entscheidet, wann wir gehen.
Zu Hause steht Walters Stuhl noch immer neben meinem.
Leas Foto liegt inzwischen nicht mehr darunter.
Emil hat es eines Abends selbst weggetragen.
Es liegt jetzt neben seinem Bett.
Daneben steht ein neueres Bild.
Darauf sitze ich im Garten.
Emil lehnt an meinem Bein.
Manche Menschen sagen, Lea habe mir einen Hund geschenkt.
Andere sagen, Emil habe Walter ersetzt.
Beides stimmt nicht.
Niemand ersetzte jemanden.
Lea suchte einen Ort, an dem Emils Trauer nicht als Problem behandelt würde.
Emil gab mir einen Grund, morgens wieder die Tür zu öffnen.
Der beschädigte Koffer steht noch immer in meinem Schrank.
Eine Ecke ist eingerissen.
Der Verschluss ist rostig.
Ein paar Haare von Emil hängen noch im Innenfutter.
Ich habe ihn nie reparieren lassen.
Manche Dinge dürfen zeigen, welchen Weg sie hinter sich haben.
Eine Frau, der kaum noch Zeit blieb, fuhr durch eine ganze Stadt und suchte jemanden, der vertrocknete Blätter abschnitt, ohne die Pflanze aufzugeben.
Sie konnte nicht wissen, dass ich selbst seit Monaten wie so eine Pflanze lebte.
Nicht tot.
Aber auch nicht bereit, neu auszutreiben.
Heute wacht Emil meistens vor mir auf.
Er wartet neben der Haustür, bis ich meine grüne Gießkanne nehme.
Dann gehen wir gemeinsam hinaus.
Ich gieße die Blumen.
Emil setzt sich neben die blauen Töpfe.
Und wir öffnen jeden Morgen zusammen die Tür.






