Der Bauer gab Fremden sein letztes Wasser – Wochen später geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte

Der Bauer gab den Fremden sein letztes Wasser – Wochen später standen dieselben Menschen vor seinem Hof, und das ganze Dorf verstummte

„Wenn du denen auch nur einen Kanister von unserem Brunnen gibst, brauchst du morgen im Dorf nicht mehr um Hilfe zu bitten.“

Karl Brenner blieb stehen.

Sein Knecht Ludwig hatte den Satz so leise gesagt, dass nur das Summen der Fliegen und das trockene Knacken der Erde dazwischenlagen.

Vor ihnen, am Rand eines ausgebrannten Feldwegs in der Eifel, saßen acht Menschen im Schatten zweier alter Buchen.

Drei ältere Männer.

Zwei Frauen.

Ein Ehepaar um die sechzig.

Und ein Junge, vielleicht zwölf Jahre alt, der seinen leeren Blechbecher mit beiden Händen hielt, als wäre darin noch etwas zu retten.

Es war der Sommer 1959.

Ein Sommer, über den die Alten noch Jahrzehnte später sprechen würden.

Wochenlang kaum Regen.

Die Wiesen gelb.

Die Kartoffelstauden schlaff.

Die kleinen Bäche nur noch dunkle Streifen zwischen Steinen.

Auf den Höfen wurde jeder Eimer Wasser zweimal überlegt.

Karl war damals 54 Jahre alt.

Ein breitschultriger Mann mit grauen Schläfen, rauen Händen und einer Angewohnheit, beim Nachdenken die Lippen zusammenzupressen.

Sein Hof lag außerhalb des kleinen Ortes Niederfels, dort, wo die Straße schmal wurde und sich zwischen Feldern und Fichten verlor.

Er hatte den Hof von seinem Vater übernommen.

Und sein Vater von dessen Vater.

Im Dorf bedeutete das etwas.

Man kannte seinen Namen.

Man wusste, wann die Brenners geheiratet hatten, wer mit wem verwandt war und wer bei welcher Beerdigung zu spät gekommen war.

In einem solchen Dorf konnte ein Mensch vierzig Jahre lang anständig leben.

Ein falscher Nachmittag genügte trotzdem, damit alle über ihn redeten.

Karl blickte zu den Fremden.

Ihre Schuhe waren staubig.

Auf einem kleinen Handwagen lagen Decken, ein Kochtopf und zwei Taschen.

Sie waren zu Fuß unterwegs, nachdem ihr alter Lieferwagen einige Kilometer entfernt liegen geblieben war.

Woher sie genau kamen, wusste Karl nicht.

Es interessierte ihn in diesem Moment auch nicht.

Er sah nur den Jungen.

Das Kind hob den Becher an die Lippen.

Aus Gewohnheit.

Obwohl nichts darin war.

Karl wandte sich zu Ludwig.

„Hol zwei Kanister.“

Ludwig starrte ihn an.

„Karl.“

„Zwei Kanister.“

„Der Brunnen ist schon fast einen Meter gefallen.“

„Ich weiß.“

„Und wenn August genauso wird wie Juli?“

Karl sah wieder hinüber.

Eine der Frauen hatte ein feuchtes Tuch auf die Stirn des ältesten Mannes gelegt.

Das Tuch war kaum noch feucht.

Karl sagte:

„Dann haben wir im August ein Problem.“

Er deutete auf die Menschen am Weg.

„Die haben ihres heute.“

Ludwig fluchte leise, drehte sich um und ging zum Traktor.

Eine Viertelstunde später stand der erste Kanister auf dem Boden.

Niemand stürzte darauf zu.

Das überraschte Karl.

Der ältere Mann, der offenbar zu der Gruppe gehörte, trat zu ihm und fragte:

„Wie viel dürfen wir nehmen?“

Karl sah ihn an.

„So viel, wie Sie brauchen.“

Der Mann schwieg einen Moment.

„Das ist in diesem Sommer keine kleine Antwort.“

Karl zuckte mit den Schultern.

„Durst wird nicht kleiner, nur weil Wasser teuer ist.“

Der Mann hieß Jakob Winter.

62 Jahre alt.

Früher hatte er in Steinbrüchen gearbeitet, später als Waldarbeiter.

Seine Hände waren fast so vernarbt wie Karls.

Er bedankte sich nicht überschwänglich.

Er machte keine große Geste.

Er legte Karl lediglich kurz die Hand auf den Unterarm und sagte:

„So etwas vergisst man nicht.“

Karl dachte damals nicht weiter darüber nach.

Noch am selben Abend wusste jedoch halb Niederfels davon.

Am nächsten Morgen das ganze Dorf.

Karl erfuhr es beim Bäcker.

Er wollte zwei Brote holen.

Als er die Tür öffnete, verstummte das Gespräch.

Frau Gerlach hinter der Theke wickelte gerade ein Graubrot ein.

Am Fenster standen Metzger Schulte und der pensionierte Bahnbeamte Wilhelm Haag.

Karl kannte beide seit seiner Kindheit.

Wilhelm räusperte sich.

„Na, Brenner. Großzügig geworden?“

Karl wusste sofort, worum es ging.

„Morgen, Wilhelm.“

„Man hört, du betreibst jetzt eine Herberge.“

Karl legte Geld auf den Tresen.

„Zwei Roggenbrote.“

Frau Gerlach griff schweigend ins Regal.

Metzger Schulte schnaubte.

„Wir werden alle sehen, wie großzügig du bist, wenn unsere Brunnen leer sind.“

Karl drehte sich zu ihm.

„Wie viel Wasser habe ich dir weggenommen?“

„Darum geht es nicht.“

„Worum dann?“

Schulte machte diese Handbewegung, die Karl von Männern kannte, die etwas behaupten wollten, ohne es aussprechen zu müssen.

„Man kennt die Leute nicht.“

Karl antwortete:

„Sie hatten Durst.“

„Das weißt du doch gar nicht.“

Karl musste fast lachen.

„Doch. Das konnte man sehen.“

Wilhelm schüttelte den Kopf.

„Du bist zu gutgläubig.“

Karl nahm seine Brote.

Dann blieb er an der Tür stehen.

„Vielleicht.“

Er blickte zurück.

„Aber wenn ich irgendwann am Straßenrand sitze und keinen Tropfen mehr habe, hoffe ich, dass mir auch ein gutgläubiger Mensch begegnet.“

Damit ging er.

Doch es blieb nicht bei zwei Kanistern.

Karl ließ die Gruppe auf seinem Hof übernachten.

Seine Frau Margarete stellte Kartoffelsuppe auf den Tisch.

Nicht viel.

Kartoffeln, Möhren, Zwiebeln, ein Stück Speck.

Das, was man damals kochte, wenn mehrere Menschen satt werden sollten.

Margarete war 51.

Sie hatte Karl schon morgens angesehen, als wüsste sie, dass er wieder eine Entscheidung getroffen hatte, die ihnen Ärger bringen würde.

„Wie viele?“, hatte sie gefragt.

„Acht.“

„Natürlich acht.“

„Es hätten auch zwölf sein können.“

„Sag so etwas nicht.“

Trotzdem holte sie zusätzliche Teller aus dem Schrank.

Sie schnitt das Brot dünner.

Nicht geizig.

Praktisch.

Menschen ihrer Generation hatten gelernt, dass man mit einem Brot mehr Leute satt bekam, wenn man nicht zu dick schnitt.

Der Junge hieß Emil.

Er saß beim Essen neben Karl und versuchte, möglichst langsam zu löffeln.

Nach der ersten Schale stellte er den Löffel hin.

Margarete fragte:

„Bist du satt?“

Der Junge nickte.

Sein Blick blieb aber am Topf hängen.

Margarete kannte diesen Blick.

Sie hatte ihn nach dem Krieg oft genug gesehen.

Bei ihren Geschwistern.

Bei Nachbarskindern.

Bei sich selbst.

Sie nahm seine Schale.

„Hier wird nicht höflich gehungert.“

Dann füllte sie sie wieder.

Emil lächelte zum ersten Mal.

Später saßen Karl und Jakob vor dem Stall auf einer Holzbank.

Die Luft war immer noch warm.

Über dem Hof lagen der Geruch von Heu, Kuhmist und trockenem Staub.

Jakob rauchte eine selbstgedrehte Zigarette.

„Ihre Leute mögen uns nicht“, sagte er.

Karl sah ihn von der Seite an.

„Meine Leute?“

„Das Dorf.“

„Das Dorf mag grundsätzlich niemanden, den es noch nicht seit mindestens drei Generationen kennt.“

Jakob lachte leise.

„Dann haben wir schlechte Karten.“

Eine Weile schwiegen sie.

Aus dem Haus hörte man Margaretes Geschirr.

Dann sagte Jakob:

„Sie werden Ärger bekommen.“

Karl zog die Schultern hoch.

„Ärger hatte ich schon vorher.“

„Wegen uns anderen.“

„Dann ist wenigstens Abwechslung drin.“

Jakob sah ihn prüfend an.

Karl merkte, dass der Mann wissen wollte, ob er sich lustig machte.

Tat er nicht.

Nach einer Weile sagte Jakob:

„Es gibt Menschen, die helfen einem, solange es nichts kostet.“

Karl nickte.

„Das ist einfach.“

„Und dann gibt es Menschen, die helfen, obwohl sie wissen, dass sie dafür bezahlen.“

Karl sah hinaus auf die dunklen Felder.

„Warten Sie erst einmal ab. Vielleicht schicke ich Ihnen morgen eine Rechnung.“

Jakob grinste.

Am nächsten Morgen waren sie fort.

Der Motor des alten Lieferwagens lief wieder notdürftig.

Jakob bot Karl Geld an.

Karl lehnte ab.

Jakob versuchte es ein zweites Mal.

Karl wurde ungeduldig.

„Stecken Sie es ein.“

„Aber—“

„Wenn ich Ihnen Wasser verkauft hätte, hätte ich vorher einen Preis genannt.“

Jakob steckte den Geldschein zurück.

Bevor er einstieg, sagte er:

„Falls Sie einmal etwas brauchen…“

Karl unterbrach ihn.

„Ich habe einen Hof. Zwei Kühe, Schweine, Hühner, einen Brunnen und eine Frau, die glaubt, ich wäre sturer als ein alter Bock.“

Margarete, die in der Tür stand, rief:

„Glaubt?“

Karl verzog den Mund.

Jakob lachte.

Dann fuhr die Gruppe davon.

Karl glaubte, die Sache sei damit erledigt.

Er irrte sich.

In den folgenden Tagen wurde das Gerede schlimmer.

Beim Stammtisch hieß es, Karl würde Wasser verschenken, während andere Vieh verkaufen müssten.

Beim Kirchplatz wechselten zwei Nachbarinnen plötzlich das Thema, als Margarete vorbeikam.

Ein Landwirt, der Karl sonst regelmäßig seine Ballenpresse lieh, erklärte, die Maschine sei dieses Jahr „leider ständig gebraucht“.

Karl verstand.

Margarete auch.

„Es geht vorbei“, sagte er.

„Du kennst unser Dorf“, antwortete sie.

„Dann geht es langsam vorbei.“

Der August kam.

Und brachte keinen Regen.

Die Erde bekam Risse, in die ein Kinderfuß gepasst hätte.

Die Weiden wurden knapp.

Karl musste einen Teil seiner Rinder weiter hinauf Richtung Wald treiben, wo in einer abgelegenen Senke noch Gras stand.

Dafür schickte er Ludwig und zwei jüngere Männer los.

Peter, 27.

Heinz, 31.

Beide stammten aus dem Dorf.

Beide waren verheiratet.

Peter hatte gerade sein erstes Kind bekommen.

Heinz‘ Frau erwartete im Herbst ihr zweites.

Sie sollten zwei Tage bleiben.

Am dritten Morgen waren sie nicht zurück.

Karl wartete bis Mittag.

Dann fuhr er mit dem Traktor den Waldweg hinauf.

Ein umgestürzter Baum zwang ihn nach fünf Kilometern anzuhalten.

Er ging zu Fuß weiter.

Am Nachmittag fand er die Rinder.

Allein.

Keine Männer.

Keine Pferde.

Nur eine zerrissene Ledertasche am Rand eines schmalen Felspfades.

Karl spürte, wie ihm der Magen hart wurde.

Er rief ihre Namen.

„Ludwig!“

Nichts.

„Peter!“

Nur das Echo.

„Heinz!“

Ein Eichelhäher flog aus einem Baum.

Karl lief weiter.

Dann sah er die Steine.

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