Der Bauer gab Fremden sein letztes Wasser – Wochen später geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte

Ein Teil des Hanges war abgerutscht.

Felsbrocken, Erde und entwurzelte Bäume versperrten den Weg.

Hinter diesem Hang lag eine alte Schlucht.

Eng.

Steil.

Früher hatten dort Steinbrecher gearbeitet.

Seit Jahren ging kaum noch jemand hinein.

Karl rannte zurück.

Noch am Abend suchte das halbe Dorf.

Männer kamen mit Schaufeln.

Jemand brachte Seile.

Der Förster wurde verständigt.

Später kamen Helfer aus den umliegenden Orten.

Doch die Felswand war instabil.

Jeder Versuch, die Steine zu bewegen, löste neues Geröll.

Ein alter Waldarbeiter sagte:

„Wenn sie dahinter sind, kommen wir von hier nicht durch.“

Peter Bergers Frau, Anna, stand am Waldrand und hielt ihr Baby im Arm.

Sie sagte kaum etwas.

Sie fragte nur immer wieder:

„Lebt er?“

Niemand konnte antworten.

Nach zwei Tagen wurde die Hoffnung kleiner.

Die Männer hatten nur begrenzt Wasser mitgenommen.

Bei dieser Hitze wusste jeder, was das bedeutete.

In der zweiten Nacht saß Karl allein vor seinem Haus.

Margarete stellte ihm Kaffee hin.

Er rührte ihn nicht an.

„Du kannst nichts dafür“, sagte sie.

Karl blickte auf seine Hände.

„Ich habe sie losgeschickt.“

„Weil die Tiere Futter brauchten.“

„Ich hätte mitgehen können.“

„Dann würdest du vielleicht jetzt dort sitzen.“

Karl schwieg.

Margarete setzte sich neben ihn.

Nach fast dreißig Ehejahren wusste sie, wann ein Mann keine Lösung brauchte, sondern jemanden, der aushielt, dass es gerade keine gab.

Am Morgen des dritten Tages erschien ein Lieferwagen auf dem Hof.

Alt.

Staubig.

Der Motor klapperte.

Karl erkannte ihn.

Jakob Winter stieg aus.

Hinter ihm kamen vier Männer und eine Frau.

Alle trugen feste Schuhe, Rucksäcke, Seile und Werkzeug.

Karl stand langsam auf.

„Woher wissen Sie…“

Jakob schloss die Tür.

„Ein Mann aus Niederfels war gestern im Nachbarort.“

Karl starrte ihn an.

„Wir suchen seit zwei Tagen.“

„Ich weiß.“

„Der Zugang ist verschüttet.“

„Von Ihrer Seite.“

Karl runzelte die Stirn.

Jakob zog eine zerknitterte Karte aus der Jackentasche.

„Ich habe vor fast zwanzig Jahren dort oben gearbeitet.“

Karl sah auf die Karte.

Sie war voller Bleistiftlinien.

„Es gibt einen alten Pfad über die Nordseite.“

„Der ist seit Jahren zugewachsen.“

„Deshalb kennt ihn kaum jemand.“

Karl blickte Jakob an.

„Kommt man damit in die Schlucht?“

Jakob deutete auf eine Stelle.

„Wenn der Hang noch hält.“

„Wenn?“

„Ich verspreche Ihnen nichts.“

Karl griff bereits nach seiner Jacke.

„Ich komme mit.“

Jakob schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Ludwig arbeitet seit achtzehn Jahren bei mir.“

„Genau deshalb bleiben Sie hier.“

Karl trat einen Schritt näher.

„Das entscheiden Sie nicht.“

Jakob blieb ruhig.

„Der letzte Kilometer ist kein Weg. Es ist ein alter Steig. Einer meiner Männer ist Bergführer gewesen. Zwei kennen das Gelände.“

Er zeigte auf Karls Stiefel.

„Sie kennen Ihre Felder.“

Dann auf die bewaldeten Höhen.

„Wir kennen so etwas.“

Karl wollte widersprechen.

Margarete stand plötzlich hinter ihm.

„Karl.“

Nur sein Name.

Mehr nicht.

Er wusste, was sie meinte.

Sturheit rettete niemanden.

Also blieb er.

Es waren die längsten neun Stunden seines Lebens.

Das Dorf hatte inzwischen erfahren, wer gekommen war.

Menschen versammelten sich am Hof.

Auch Metzger Schulte.

Auch Wilhelm Haag.

Auch jene, die Wochen zuvor gesagt hatten, Karl habe sein Wasser verschwendet.

Niemand sprach darüber.

Gegen Mittag wurde Peter Bergers Frau gebracht.

Sie setzte sich auf einen Stuhl in Karls Küche.

Das Baby schlief in ihren Armen.

Margarete schnitt Brot.

Niemand aß.

Um drei Uhr nachmittags glaubte Karl Motorengeräusch zu hören.

Alle liefen hinaus.

Es war nur ein Traktor auf der Landstraße.

Um vier Uhr begann jemand zu beten.

Leise.

Um fünf Uhr ging Karl zum Tor.

Dann wieder zurück.

Um halb sechs hörte Margarete plötzlich etwas.

„Still.“

Alle verstummten.

Aus Richtung Wald kam ein Ruf.

Nicht laut.

Aber eindeutig.

Dann ein zweiter.

Karl lief los.

Auf dem Feldweg erschienen zuerst zwei Männer.

Einer davon war Jakob.

Hinter ihm kam Heinz.

Gestützt von einem Fremden.

Dann Peter.

Seine Kleidung war zerrissen.

Sein Gesicht eingefallen.

Aber er ging.

Anna schrie seinen Namen.

Peter hob den Kopf.

Sie rannte auf ihn zu, das Kind im Arm.

Karl suchte weiter.

„Ludwig?“

Jakob deutete hinter sich.

Zwei Männer trugen Ludwig zwischen sich.

Karl spürte für einen Moment keine Beine mehr.

Er rannte zu ihnen.

„Lebt er?“

„Er lebt.“

Ludwig öffnete die Augen.

Seine Lippen waren rissig.

„Chef.“

Karl kniete sich neben ihn.

„Du Idiot.“

Ludwig versuchte zu grinsen.

„Hab den Urlaub anders geplant.“

Karl lachte.

Und plötzlich liefen ihm Tränen über das Gesicht.

Er schämte sich nicht dafür.

Später erfuhren sie, was passiert war.

Der Hang war abgerutscht, als die Männer mit den Tieren durch die Schlucht zogen.

Ein Pferd hatte sich losgerissen.

Die Männer waren hinter einer Felsnase eingeschlossen worden.

Der direkte Weg zurück war komplett verschüttet.

Am ersten Tag hatten sie noch genug Wasser gehabt.

Am zweiten nur noch wenige Schlucke.

Ludwig hatte sich beim Geröllsturz das Bein verletzt.

Dann hatte Jakob mit seinen Leuten die Schlucht über den alten Nordsteig erreicht.

Aber das war noch nicht alles.

„Wir wären trotzdem nicht rausgekommen“, erzählte Heinz später.

„Nicht alle.“

Karl verstand nicht.

„Warum?“

Heinz sah zu Jakob.

„Wasser.“

Jakob hatte eine Quelle gekannt.

Keine große.

Nur einen schmalen Austritt zwischen zwei Felsen.

Früher hatten Waldarbeiter dort ihre Feldflaschen gefüllt.

Der Weg dorthin war fast vollständig überwachsen.

Ohne Jakob hätten sie ihn niemals gefunden.

Die Männer konnten trinken.

Sie konnten Ludwig versorgen.

Sie konnten Kraft sammeln.

Und am nächsten Morgen führte Jakob sie über einen alten Holzfällerpfad aus der Schlucht.

Als die Geschichte im Dorf die Runde machte, geschah zunächst etwas Merkwürdiges.

Niemand sagte viel.

Gerade jene, die vorher am lautesten gewesen waren, wurden still.

Beim Bäcker sprach Wilhelm Haag Karl drei Tage lang nicht an.

Dann begegneten sie sich vor der Tür.

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