Der Bestatter wollte die Handwerker wegschicken, dann sah er die wartende Großmutter

„Sie konnte unheimlich stur sein“, sagte sie. „Wenn eine Strumpfnaht gedrückt hat, kamen wir nirgendwohin.“

Sie erzählte von einem Mädchen, das Käfer mit einem Esslöffel aus dem Treppenhaus trug. Das bei Mensch ärgere Dich nicht schummelte und anschließend empört abstritt, überhaupt zählen zu können.

Von Sonnenblumen, die es so gern mochte, weil sie aussahen „wie Gesichter mit schlechter Frisur“.

Erst beim Abschied griff Ingrid nach meinem Ärmel.

„Ich habe damals auch etwas falsch gemacht.“

Ich blieb stehen.

„Als sie es mir zum ersten Mal sagen wollte, habe ich gesagt, wir reden nach dem Abwasch. Ich dachte, es geht um Streit mit ihrer Mutter.“

Sie sah auf ihre Hände.

„Es waren vielleicht zehn Minuten. Aber ich höre mich heute noch.“

Ich setzte mich wieder.

„Haben Sie ihr danach zugehört?“

Sie nickte.

„Und ihr geglaubt?“

Wieder nickte sie.

„Dann bleiben diese zehn Minuten nicht das Einzige, was Sie für sie getan haben.“

Ingrid weinte, ohne ein Geräusch zu machen.

Ich schob ihr die Schachtel mit den Taschentüchern hin und blieb, bis der Kaffee kalt war.

Als Thomas Winter starb, erschien eine Traueranzeige.

Sie sprach von einem Bruder und Verwandten, von Abschied und stiller Trauer. Lena wurde nicht erwähnt.

Ingrid rief mich am Vormittag an.

„Freitag. Vierzehn Uhr.“

„Möchten Sie immer noch, dass wir kommen?“

Diesmal antwortete sie sofort.

„Ja.“

Wir vereinbarten unsere Gedenkstunde für Viertel nach zwei. Ingrid wollte an diesem Tag ohnehin bei Lena sein. Sie wollte nur nicht wieder allein zusehen müssen, wie auf der anderen Seite des Friedhofs Menschen zusammenkamen.

Ich sprach mit der Friedhofsverwaltung. Wir bekamen einen Platz am breiten Weg neben Lenas Grab. Der Zugang zur Trauerhalle musste frei bleiben, ebenso die Wege für andere Besucher.

„Wir machen keinen Krach“, versprach ich.

„Das hoffe ich“, sagte die Frau.

Anne half mir, die Einladung zu formulieren.

Kein Foto des Vaters. Keine Beschreibung seiner Taten. Nur Lenas Vorname, ein Bild von ihr mit einer Sonnenblume und die Worte, die Ingrid ausgesucht hatte:

„Wir möchten an Lena erinnern. Alle, die still dabei sein möchten, sind willkommen.“

Eine Reporterin der örtlichen Zeitung fragte an. Ingrid wollte mit ihr sprechen, aber keine Kamera vor dem Gesicht haben, wenn sie weinte.

Die Reporterin versprach, Abstand zu halten.

Am Freitag brachte ein Gärtner sechsundneunzig Sonnenblumen in Wassereimern.

Er war einer von Ernsts früheren Lehrlingen.

„Mehr hab ich so kurzfristig nicht zusammenbekommen“, sagte er.

„Wir sind genau sechsundneunzig.“

Er zog die Augenbrauen hoch.

„Dann hab ich ja ausnahmsweise richtig gezählt.“

Wir trafen uns auf dem Parkplatz neben dem Friedhof.

Da standen ehemalige Schweißer neben Verkäuferinnen, zwei Pflegekräfte neben einem Mann, der vierzig Jahre Lastwagen gefahren war. Helga hatte einen Klappstuhl dabei. Willi trug zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, ein Hemd ohne Brandloch.

Wir liefen gemeinsam zum Eingang.

Die meisten von uns redeten wenig. Von außen mag das streng ausgesehen haben, diese Reihe älterer Menschen mit schweren Schuhen und Blumen in den Händen.

So waren wir an die Trauerhalle gekommen.

Und so stand nun der Bestatter vor mir, während Werner Winter sein Handy umklammerte.

„Sie machen aus unserer Trauer eine Schauveranstaltung“, sagte Werner.

Ich merkte, wie Günter hinter mir die Luft einzog.

Ich hob kurz die Hand.

„Wir gehen zu Lena. Der Weg bleibt frei.“

„Ausgerechnet heute.“

„Ja“, sagte ich. „Heute braucht ihre Großmutter jemanden.“

Der Bestatter sah an mir vorbei.

Hinter der Hecke war Ingrid aufgestanden. Sie hielt die Papiertüte vor den Bauch und schaute zu uns herüber, als könne sie noch immer nicht glauben, dass wir tatsächlich gekommen waren.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Sie meinen das Kindergrab am Querweg?“

Ich nickte.

Er trat zur Seite.

„Dort entlang. Bitte lassen Sie den Hauptweg frei.“

Als wir bei Ingrid ankamen, versuchte sie, uns zu begrüßen.

„Ich weiß gar nicht …“

Mehr brachte sie nicht heraus.

Helga stellte ihren Klappstuhl neben die Bank.

„Sie müssen nicht die ganze Zeit stehen.“

Dann setzte sie sich daneben, als hätten die beiden sich schon hundertmal auf diesem Friedhof getroffen.

Das half Ingrid mehr als jede vorbereitete Rede.

Lenas Grab war schlicht. Eine niedrige Einfassung, eine kleine Platte, zwei bepflanzte Schalen.

Auf dem Stein standen ihr Name und die Jahreszahlen. Dazwischen ein Strich, viel zu kurz für das, was ein Leben hätte sein sollen.

Wir verteilten uns entlang des Weges. Niemand stellte sich vor fremde Gräber. Einige blieben weiter hinten, weil Ingrid von ihrem Platz aus alle sehen können sollte.

Ich hatte eine Rede geschrieben.

Anne hatte sie gelesen und drei Sätze durchgestrichen.

Jetzt faltete ich das Blatt auf, sah Ingrid an und steckte es wieder ein.

„Die meisten von uns haben Lena nicht gekannt“, begann ich. „Ich leider auch nicht.“

Neben mir drückte Günter seine Sonnenblume so fest, dass der Stiel knackte.

„Aber ihre Oma hat uns von ihr erzählt. Davon, dass sie Tiere mochte. Dass sie beim Spielen geschummelt hat. Und dass man mit ihr über Strumpfnähte besser nicht diskutiert hat.“

Ein leises Lachen ging durch die Reihe.

Ingrid hielt sich die Hand vor den Mund.

„Heute sind wir hier, weil Lena zu dieser Stadt gehört hat. Und weil Ingrid mit ihren Erinnerungen an sie nicht allein bleiben soll.“

Mehr sagte ich nicht.

Ernst, der zweiundvierzig Jahre unter Tage gearbeitet hatte, trat als Erster vor. Er bückte sich mühsam und legte seine Blume neben die rechte Grabschale.

Dann kamen die anderen.

Eine Frau mit Rollator. Ein junger Mechaniker, den sein Großvater mitgebracht hatte. Zwei Schwestern, die sich an den Händen hielten.

Niemand musste etwas sagen.

Nach einer Weile lag so viel Gelb auf dem schmalen Stück Erde, dass Ingrid flüsterte: „Das hätte ihr gefallen.“

Dann griff sie in die Papiertüte.

Sie holte den Hasen heraus und setzte ihn an den Stein.

„Den habe ich immer wieder mit nach Hause genommen“, sagte sie. „Ich dachte, hier wird er schmutzig.“

Helga nickte, als verstehe sie genau, was damit gemeint war.

„Heute darf er bleiben.“

Etwas später öffnete sich die Tür der Trauerhalle.

Die Trauergäste kamen heraus. Wir hielten den Weg frei, während sie dem Sarg zur anderen Seite des Friedhofs folgten.

Einige schauten herüber. Werner hielt den Blick gesenkt.

Erst auf dem Rückweg blieb eine Frau stehen.

Sie trug einen dunkelblauen Mantel und hielt ihre Handschuhe in einer Hand. Ingrid erkannte sie sofort. Ich merkte es daran, wie sich ihr Rücken versteifte.

„Renate“, sagte sie.

Die Frau nickte.

Lange sprach keine von beiden.

Dann sagte Renate: „Ich habe damals behauptet, Lena hätte eine blühende Fantasie.“

Niemand um uns bewegte sich.

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