Der Bestatter wollte die Handwerker wegschicken, dann sah er die wartende Großmutter

„Ja“, sagte Ingrid.

„Ich war nicht dabei. Ich wusste nichts. Aber ich habe es trotzdem gesagt.“

Ihre Stimme brach.

Ingrid sah sie an.

„Du hast es sogar meiner Tochter gesagt.“

Renate nickte.

Ich hätte am liebsten etwas getan. Einen Stuhl geholt, ein Glas Wasser, irgendetwas, das meine Hände beschäftigen konnte.

Aber dieser Augenblick gehörte mir nicht.

„Es tut mir leid“, sagte Renate.

Ingrid schaute wieder zum Grab.

„Heute kann ich dir darauf nichts geben.“

Renate blieb noch einen Moment stehen.

Dann legte sie ihre weiße Rose zu den Sonnenblumen und ging.

Ingrid atmete langsam aus.

Helga nahm ihre Hand. Sie fragte nicht, ob jetzt alles besser sei.

Zum Glück fragte das niemand.

Als die meisten gegangen waren, standen noch etwa zwanzig Menschen bei der Bank.

Da kam eine junge Frau den Weg entlang. Sie hatte während der ganzen Gedenkstunde etwas abseits gestanden, hinter einem Mann mit grauer Mütze.

Jetzt hielt sie einen gefalteten Zettel in der Hand.

„Frau Winter?“

Ingrid hob den Kopf.

„Ich heiße Mara.“

Die junge Frau schluckte.

„Ich war damals eine von denen, die später ausgesagt haben.“

Ich trat einen Schritt zurück.

Mara sah kurz zu mir und dann wieder zu Ingrid.

„Ich möchte nicht fotografiert werden.“

„Werden Sie nicht“, sagte die Reporterin und ließ ihre Kamera sinken.

Mara hielt den Zettel so fest, dass er an den Rändern zerknitterte.

„Ich habe lange gebraucht. Als ich von Lena hörte, habe ich gedacht: Wenn ein Kind versucht, die Wahrheit zu sagen, dann kann ich vielleicht auch noch einmal zur Polizei gehen.“

Ingrid begann zu zittern.

Mara setzte sich neben sie.

„Ich wollte Ihnen schon vor Jahren schreiben. Aber ich wusste nicht, ob ich damit noch mehr wehtue.“

Sie gab ihr den Brief.

„Sie müssen ihn heute nicht lesen.“

Ingrid strich mit dem Daumen über das Papier.

Dann fragte sie etwas, womit keiner von uns gerechnet hatte.

„Haben Sie heute jemanden bei sich?“

Mara zeigte auf den Mann mit der grauen Mütze.

„Meinen Bruder.“

„Gut“, sagte Ingrid. „Das ist gut.“

Mehr brauchte es zunächst nicht.

Später saßen wir mit sieben Leuten in Ingrids Küche.

Helga schnitt einen mitgebrachten Kuchen an. Günter versuchte, die lockere Schranktür unter der Spüle zu richten. Ingrid sagte zweimal, das müsse doch heute wirklich nicht sein.

Beim dritten Mal hielt sie ihm die Taschenlampe.

Ich sah zu und musste an ihre erste Nachricht denken.

Nicht alles ließ sich reparieren. Aber manches musste auch nicht länger kaputt bleiben.

Der Artikel erschien am nächsten Morgen.

Auf dem Foto sah man unsere Rücken, die Sonnenblumen und Ingrid auf der Bank. Der Vater bekam einen kurzen Absatz. Der größte Teil handelte von Lena.

Ingrid hatte darauf bestanden, dass auch die Geschichte mit der Ziege darin vorkam.

„Sie soll nicht nur das arme Kind sein“, hatte sie der Reporterin gesagt.

Der Beitrag wurde oft geteilt. Menschen aus der Umgebung schrieben, einige schickten Karten. Eine Frau meldete sich, die Lena aus der Grundschule kannte und noch ein Klassenfoto besaß.

Es kamen auch große Versprechen.

Wir lernten schnell, vorsichtig damit umzugehen.

Ingrid wollte kein Denkmal mitten auf dem Marktplatz und ihren Namen nicht auf einer Spendenseite sehen. Sie wollte einen schöneren Stein für Lena, einen festen Platz zum Sitzen und genug Ruhe, um selbst zu entscheiden, wann sie sprechen konnte.

Also halfen wir genau dabei.

Ein Steinmetz machte uns ein Angebot, das wir bezahlen konnten. Kleine Spenden aus der Nachbarschaft kamen dazu. Die Friedhofsverwaltung genehmigte eine Bank am Weg, die auch andere Besucher nutzen konnten.

Lena blieb an ihrem Platz.

Ingrid sagte, sie habe dort inzwischen jeden Baum kennengelernt.

Ein halbes Jahr später wurde der neue Stein gesetzt.

Er war hell und schlicht. Neben dem Namen war eine kleine Sonnenblume eingearbeitet.

Darunter stand:

„Lena. Du gehörst zu uns.“

Ingrid fuhr mit den Fingern über die Buchstaben.

„So ist es richtig“, sagte sie.

Mara kam ebenfalls. Diesmal hatte sie keinen Brief dabei, sondern einen Topf mit gelben Blumen.

Die beiden kannten sich inzwischen besser. Manchmal tranken sie Kaffee, manchmal gingen sie nur ein Stück zusammen. Über manches redeten sie. Über anderes nicht.

Niemand drängte sie.

Auch Renate meldete sich noch einmal.

Ingrid nahm ihren Brief an. Ob sie ihr je verziehen hat, weiß ich nicht. Ich habe sie nicht gefragt.

Werner Winter kam eines Tages in unsere Werkstatt.

Er stand lange in der Tür, während ich an einer Fahrradbremse arbeitete.

„Mein Bruder hat mir auch etwas vorgemacht“, sagte er schließlich.

Ich legte das Werkzeug hin.

„Das mag sein.“

Er blickte auf den Boden.

„Aber ich habe Sachen nicht wissen wollen.“

Darauf hatte ich keine schnelle Antwort.

Er fragte, ob Ingrid mit ihm sprechen würde.

„Das entscheidet sie selbst“, sagte ich.

Er nickte und ging.

Ich gab ihr seine Nachricht. Sie sagte Nein. Damit war die Sache für uns erledigt.

Nicht alles musste mit einer Umarmung enden.

Aus unseren acht Leuten in der Werkstatt wurden keine berühmten Wohltäter. Willi schimpft noch immer über falsch einsortierte Schrauben. Günter kommt regelmäßig zu spät und behauptet, die Uhr an seinem Herd gehe nach.

Aber mittwochs steht jetzt ein zusätzlicher Stuhl am Tisch.

Ingrid bringt manchmal einen Kuchen mit. Manchmal auch keinen. Dann sitzt sie einfach bei uns, während Helga näht und wir uns darüber streiten, ob ein Gerät noch zu retten ist.

Anfangs fragte sie jedes Mal, ob sie störe.

Inzwischen sagt sie: „Der Kaffee ist heute dünn, Rolf.“

Das klingt für mich nach einem guten Zeichen.

Anne kommt auch öfter vorbei.

Einmal saßen wir nach Feierabend noch vor der Werkstatt. Sie trank Kaffee aus einer abgesprungenen Tasse und schaute auf meine Hände.

„Du bist stiller geworden“, sagte sie.

Ich zuckte mit den Schultern.

„Vielleicht höre ich mehr.“

Sie lächelte.

Dann erzählte sie mir von einem schwierigen Tag bei der Arbeit.

Ich gab ihr keinen Rat. Ich hörte zu, bis sie fertig war.

Vor einigen Wochen ging ich mit Ingrid zu Lenas Grab. Sie hatte frisches Wasser dabei, ich eine kleine Schere für die Pflanzen.

Neben dem Stein lag eine Sonnenblume, die nicht von uns stammte.

Ingrid blieb stehen.

„Mittwochs ist oft eine da“, sagte sie. „Ich weiß nicht, von wem.“

Sie stellte ihre Gießkanne ab und rückte den Stoffhasen ein wenig zurecht. Helga hatte ihm inzwischen ein neues Auge angenäht.

Danach setzten wir uns auf die Bank.

Eine Weile erzählte Ingrid von einem Schulfest, bei dem Lena ihren Text vergessen und stattdessen das Publikum gefragt hatte, ob jemand helfen könne. Ich konnte mir das Mädchen inzwischen vorstellen. Das hatte ich am Anfang nicht gekonnt.

Als wir aufstanden, strich Ingrid noch einmal über den Stein.

„Bis nächste Woche, mein Mädchen.“

Auf dem Weg zum Ausgang fragte sie, ob in der Werkstatt noch Kaffee da sei.

„Wenn Günter nicht alles ausgetrunken hat.“

„Dann müssen wir uns beeilen.“

Sie hakte sich bei mir unter. In ihrer anderen Hand trug sie die leere Gießkanne.

An diesem Nachmittag ging sie mit zu uns.

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