Ich wusste, in unserer Wohnanlage stimmte etwas nicht, als ein dicker weißer Kater mit vier schwarzen Wächtern über den Hof kam.
Er lief nicht.
Er trat auf.
Das ist ein Unterschied.
Ich wollte nur den Müll rausbringen. Es war kurz nach sieben, ich trug eine alte Jogginghose, einen verwaschenen Pullover und nur einen Hausschuh, weil mein Leben an manchen Tagen eben nicht nach Plan lief.
In der einen Hand hielt ich den Müllbeutel.
Meine Würde lag vermutlich noch irgendwo unter dem Küchentisch.
Da sah ich ihn.
Einen großen weißen Kater mit rundem Gesicht, ernster Miene und dem Blick eines Mannes, der genau weiß, wer hier welchen Parkplatz benutzt.
Links und rechts neben ihm gingen vier schwarze Katzen.
Nicht zufällig.
Nicht verspielt.
Sie begleiteten ihn.
Sie überquerten den Innenhof unserer Wohnanlage, als hätten sie einen wichtigen Termin hinter dem Waschraum.
Der weiße Kater blieb kurz stehen, sah mich direkt an und blinzelte einmal.
Ich erstarrte.
Ich sage nicht, dass ich Angst vor einer Katze hatte.
Ich sage nur, ich zeigte angemessenen Respekt.
„Morgen“, sagte ich leise.
Er drehte sich weg, als wäre ich entlassen.
An diesem Tag nannte ich ihn Don Schneeball.
Ich wohnte damals in einer kleinen Wohnanlage am Rand von Kassel. Nichts Besonderes. Dünne Wände, quietschende Briefkästen, ein Waschraum im Keller, in dem eine Maschine klang, als würde sie Kieselsteine waschen.
Die meisten von uns kannten sich kaum.
Man nickte sich im Treppenhaus zu, hielt vielleicht mal die Tür auf und verschwand dann wieder in seiner Wohnung.
So war das eben.
Ich arbeitete von zu Hause aus. Das klingt angenehm, bis man merkt, dass man manchmal drei Tage lang keine echte Stimme hört, außer aus dem Laptop.
Also fing ich an, Dinge zu beobachten.
Und nachdem ich Don Schneeball einmal gesehen hatte, konnte ich nicht mehr aufhören.
Jeden Morgen um kurz nach sieben tauchte er auf.
Immer mit seinen schwarzen Begleitern.
Manchmal waren es vier.
Manchmal fünf.
Einmal wollte ein rot getigerter Kater dazukommen. Don Schneeball sah ihn zwei Sekunden lang an. Der rote Kater setzte sich sofort hin, als hätte man ihm die Mitgliedschaft verweigert.
Ich schickte Fotos an meine Schwester.
Sie schrieb zurück: „Der hat bestimmt irgendwo ein Konto mit Thunfischgeld.“
Ich stellte ein Bild in unsere Hausgruppe und schrieb darunter:
„Die Miau-Mafia ist echt. Ihr Chef wohnt hinter dem Waschraum.“
Bis mittags lachten die ersten Nachbarn darüber.
Am Abend nannte jemand ihn „Der Pate auf Pfoten“.
Ein anderer schrieb: „Der kassiert bestimmt freitags Leckerli-Schutzgeld.“
Zum ersten Mal seit langer Zeit lachte ich so sehr, dass mir der Kaffee fast aus der Nase kam.
Doch dann fiel mir etwas auf.
Don Schneeball führte seine kleine Truppe nicht einfach herum, um wichtig auszusehen.
Er ging immer zu derselben Stelle hinter dem Waschraum.
Ein paar Tage später brachte ich abends meine Wäsche runter. Der Flur roch nach Waschpulver, alten Rohren und irgendetwas Angebranntem aus einer Nachbarwohnung.
Durch das kleine Fenster hinten sah ich Frau Anneliese Berger.
Sie wohnte mir gegenüber im zweiten Stock. Ende sechzig, graue Haare, steife Knie, immer dieselbe blaue Jacke. Sie hatte so ein Gesicht, bei dem man spürte, dass sie mehr erlebt hatte, als sie erzählte.
Sie trug einen kleinen Beutel Katzenfutter.
Don Schneeball saß neben ihr, als würde er die Ausgabe überwachen.
Frau Berger beugte sich langsam herunter und füllte ein paar saubere Schalen. Die schwarzen Katzen warteten im Halbkreis.
Keine drängelte.
Keine fauchte.
Ich öffnete die Hintertür.
„Na“, sagte ich, „Sie machen also die Buchhaltung für die Miau-Mafia.“
Sie erschrak kurz, dann lachte sie.
Es war ein kleines Lachen. Etwas eingerostet, als hätte sie es länger nicht benutzt.
„Lassen Sie sich von dem Weißen nicht täuschen“, sagte sie. „Der tut nur so wichtig.“
„Wie heißt er denn?“
„Schneeball.“
„Mit Verlaub, Frau Berger. Dieser Kater heißt Don Schneeball.“
Da lachte sie noch einmal.
Und diesmal blieb das Lachen ein bisschen länger.
Von da an redeten wir öfter.
Ihr Mann, Rolf, war zwei Jahre zuvor gestorben. Früher hatten sie die Streuner gemeinsam gefüttert. Nicht wild, nicht schmutzig, sagte sie. Nur ein paar Schalen, danach wurde alles wieder sauber gemacht. Frisches Wasser, wenn es nötig war.
„Nach Rolfs Tod“, sagte sie und sah dabei nicht mich an, sondern die Katzen, „waren sie an manchen Tagen der einzige Grund, warum ich überhaupt rausgegangen bin.“
Ich wusste nicht, was man darauf sagt.
Also sagte ich die Wahrheit.
„Dann ist es gut, dass die Katzen Sie hatten.“
Sie nickte schnell, als wollte sie verhindern, dass ihr die Tränen in die Quere kamen.
Ein paar Wochen lang wurde Don Schneeball unser kleiner Hauswitz.
Wenn ich Frau Berger an den Briefkästen traf, fragte ich, ob der Don meine Nebenkostenabrechnung schon genehmigt habe.
Sie sagte dann: „Er prüft noch.“
Dann hing eines Freitags ein Zettel am Waschraum.
Bitte keine Tiere hinter dem Haus füttern.
Gemeinschaftsflächen sind freizuhalten.
Frau Berger stand lange vor diesem Zettel.
Am nächsten Morgen kam Don Schneeball wieder.
Pünktlich.
Mit seinen schwarzen Wächtern.
Aber die Schalen waren weg.
Er setzte sich vor die leere Ecke und starrte hin.
Plötzlich sah er gar nicht mehr wie ein kleiner Chef aus.
Sondern einfach nur wie ein alter Kater, der nicht verstand, warum sein Frühstück verschwunden war.
Das traf mich.
Nicht nur wegen der Katzen.
Sondern weil ich Frau Berger oben hinter ihrer Gardine sah. Eine Hand vor dem Mund.
Ich hatte wegen eines lustigen Katers gelacht.
Sie hatte wegen ihm morgens weitergemacht.
Also schrieb ich etwas in unsere Hausgruppe.
Ganz schlicht.
Ich schrieb, dass die Katzen kein Problem seien. Dass Frau Berger alles sauber halte. Dass sie kranke Tiere bemerke und Hilfe hole. Dass diese Wohnanlage vielleicht nicht nur Regeln brauche, sondern auch ein bisschen Herz.
Dazu stellte ich ein Foto von Don Schneeball, auf dem er aussah, als sei er schwer enttäuscht von uns allen.
Am Sonntag antworteten die ersten Nachbarn.
Eine Frau bot eine kleine überdachte Futterstelle an.
Ein Mann aus dem Erdgeschoss brachte Wasserschalen.
Jemand hatte alte Handtücher übrig.
Sogar die Nachbarin, die sich beschwert hatte, schrieb: „Ich wusste nicht, dass Frau Berger jeden Tag sauber macht.“
Am Montagmorgen stellte ich hinter dem Waschraum ein kleines Holzschild auf.
Darauf stand:
Miau-Mafia Gemeinschaftstisch
Unter Aufsicht von Don Schneeball
Frau Berger sah es und hielt sich beide Hände vors Gesicht.
„Ach, Sie Liebe“, flüsterte sie.
Dann weinte sie.
Ich tat so, als müsste ich unbedingt das Schild gerade rücken. Manchmal ist Freundlichkeit leichter, wenn man sie nicht direkt anstarrt.
Don Schneeball kam herüber, rieb seinen dicken weißen Kopf an Frau Bergers Bein und sah mich dann an, als wäre ich endlich zu etwas zu gebrauchen.
Heute haben wir immer noch dünne Wände.
Die Waschmaschine klingt immer noch furchtbar.
Aber die Leute grüßen sich jetzt.
Frau Berger bekommt Hilfe mit ihren Einkaufstaschen.
Hinter dem Waschraum bleibt alles sauber.
Und jeden Morgen kurz nach sieben erscheint Don Schneeball mit seinen Wächtern.
Das Internet dachte, er sei ein kleiner Mafiaboss.
Vielleicht stimmte das sogar.
Denn irgendwie hat dieser dicke weiße Kater unser ganzes Haus übernommen.
Nicht mit Angst.
Sondern mit Frühstück.
Und mit dem seltsamen kleinen Wunder, dass einsame Menschen sich wieder daran erinnern, dass sie Nachbarn sind.
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