Als Don Schneeball eines Morgens nicht auftauchte, wurde aus unserem kleinen Hauswitz plötzlich etwas, das uns allen die Kehle zuschnürte.
Am Anfang dachte ich noch, er sei nur beleidigt.
Das passte zu ihm.
Vielleicht hatte jemand die Wasserschale zwei Zentimeter zu weit nach links gestellt. Vielleicht hatte einer seiner schwarzen Wächter beim Frühstück geschmatzt. Vielleicht hatte Don Schneeball einfach beschlossen, dass wir Menschen wieder einmal eine Lektion in Geduld brauchten.
Aber um kurz nach sieben war der Platz hinter dem Waschraum leer.
Kein weißer Kater.
Keine schwarzen Begleiter.
Nur die kleinen sauberen Schalen unter dem überdachten Holzbrett und das Schild, das inzwischen schon ein bisschen schief hing.
Miau-Mafia Gemeinschaftstisch
Unter Aufsicht von Don Schneeball
Frau Berger stand daneben.
In ihrer blauen Jacke.
Mit dem Futterbeutel in der Hand.
Sie tat so, als würde sie nur prüfen, ob genug Wasser da war. Aber ihre Finger zitterten.
„Der kommt bestimmt gleich“, sagte ich.
Sie nickte.
„Natürlich“, sagte sie.
Aber ihre Stimme klang, als hätte sie diesen Satz schon dreimal zu sich selbst gesagt und kein einziges Mal geglaubt.
Die schwarzen Katzen kamen kurz danach.
Erst zwei.
Dann drei.
Dann alle vier.
Sie setzten sich nicht sofort an die Schalen.
Das machte mich nervös.
Normalerweise warteten sie auf Don Schneeball, als wäre er der Vorsitzende einer sehr strengen Frühstückskommission. Ohne ihn rührte niemand etwas an.
An diesem Morgen saßen sie einfach da und sahen zur Ecke hinter den Mülltonnen.
Frau Berger presste die Lippen zusammen.
„Vielleicht ist er im Keller“, sagte sie.
Also gingen wir nachsehen.
Ich mit meiner Tasse Kaffee in der Hand, weil ich offenbar dachte, Koffein sei eine angemessene Ausrüstung für eine Katzenvermisstenaktion.
Frau Berger langsam neben mir.
Ihre Knie machten ihr an diesem Morgen besonders zu schaffen.
Der Keller roch wie immer nach Waschpulver, feuchten Wänden und dieser einen Maschine, die klang, als würde sie Schrauben verschlucken.
Wir riefen leise.
„Schneeball?“
Nichts.
„Don Schneeball?“, sagte ich dann.
Frau Berger sah mich an.
„Müssen Sie ihn wirklich so nennen?“
„In Krisenzeiten braucht man den richtigen Titel.“
Da lächelte sie kurz.
Nur kurz.
Dann war es wieder weg.
Wir suchten hinter dem Waschraum, bei den Fahrrädern, im Hof, unter den Büschen neben dem Eingang. Herr Klein aus dem Erdgeschoss kam dazu, weil er uns vom Fenster aus gesehen hatte.
Herr Klein war ein Mann, der normalerweise nur zwei Gesichtsausdrücke hatte: „Ich habe Rückenschmerzen“ und „Das Paket ist nicht für mich“.
Aber an diesem Morgen zog er seine Jacke über und sagte: „Ich schau mal bei den Garagen.“
Ohne großes Gerede.
Einfach so.
Dann kam Frau Yilmaz aus dem ersten Stock herunter. Sie hatte noch Lockenwickler im Haar und Hausschuhe an.
„Was ist los?“, fragte sie.
„Der Don ist weg“, sagte ich.
Sie verstand sofort.
Das hätte mir vor ein paar Monaten niemand geglaubt.
Dass eine ganze Wohnanlage in Kassel an einem grauen Morgen ernsthaft unruhig werden würde, weil ein dicker weißer Kater nicht zum Frühstück erschienen war.
Aber genau so war es.
Um halb acht standen sechs Menschen im Hof.
Um acht waren es zehn.
Jemand brachte eine Taschenlampe.
Jemand anderes holte eine alte Decke.
Frau Berger wollte mitgehen, aber nach ein paar Schritten hielt sie sich an der Wand fest.
„Ich kann“, sagte sie sofort.
Dieses „Ich kann“ kannte ich.
Es war nicht nur ein Satz.
Es war eine Mauer.
Eine Mauer, die ältere Menschen manchmal bauen, damit niemand merkt, wie müde sie sind.
Ich sagte vorsichtig: „Sie bleiben hier beim Gemeinschaftstisch. Falls er zurückkommt, muss jemand Wichtiges da sein.“
Sie sah mich an.
Dann den leeren Platz.
Dann nickte sie.
„Ja“, sagte sie leise. „Falls er zurückkommt.“
Ich ging mit Herrn Klein zu den Garagen.
Die schwarzen Katzen folgten uns nicht.
Sie blieben bei Frau Berger.
Das sagte mir mehr als alles andere.
Wir fanden Don Schneeball nicht.
Nicht hinter den Garagen.
Nicht unter den Autos.
Nicht im kleinen Durchgang zur Straße.
Einmal raschelte etwas in einem Busch, und Herr Klein machte einen Satz zurück, der für seinen Rücken sicher nicht vorgesehen war.
Es war nur eine Plastiktüte.
„Die hätte ich fast gerettet“, murmelte er.
Ich lachte, obwohl mir nicht danach war.
Gegen neun hingen die ersten selbst gemachten Zettel im Hausflur.
Nicht mit Drama.
Nicht mit riesigen roten Buchstaben.
Einfach:
Weißer Kater vermisst.
Rundes Gesicht. Sehr wichtiges Auftreten.
Hört vermutlich nicht auf seinen Namen.
Gehört irgendwie zu uns allen.
Darunter meine Telefonnummer.
Frau Yilmaz hatte den letzten Satz vorgeschlagen.
Ich fand ihn erst ein bisschen übertrieben.
Dann sah ich Frau Berger, wie sie den Zettel las und mit dem Daumen über die Worte strich.
Gehört irgendwie zu uns allen.
Da sagte ich nichts mehr.
Der Tag zog sich.
Ich arbeitete kaum.
Mein Laptop stand offen auf dem Küchentisch, aber jedes Mal, wenn draußen etwas raschelte, sprang ich auf wie ein Mensch, der plötzlich an Katzenzeichen glaubt.
Mittags brachte ich Frau Berger eine Suppe rüber.
Sie wollte erst ablehnen.
Natürlich wollte sie das.
„Ich habe genug da“, sagte sie.
„Ich auch“, sagte ich. „Deshalb müssen Sie mithelfen, sie zu vernichten.“
Das überzeugte sie eher als Fürsorge.
Wir saßen an ihrem kleinen Küchentisch.
Die Wohnung roch nach Kamillentee, alten Möbeln und einem Lavendelsäckchen, das wahrscheinlich schon seit Jahren tapfer seinen Dienst tat.
An der Wand hing ein Foto von ihr und Rolf.
Beide jünger.
Beide vor einem Campingstuhl.
Rolf hielt eine getigerte Katze auf dem Arm, als wäre sie ein Pokal.
„Er hätte den ganzen Hof abgesucht“, sagte Frau Berger.
„Rolf?“
Sie nickte.
„Er hat immer gesagt, wer einmal Hunger hatte, erkennt Hunger bei anderen schneller.“
Ich wusste nicht, ob sie die Katzen meinte.
Oder sich selbst.
Vielleicht beides.
Am Nachmittag kam der erste Anruf.
Eine Frau aus dem Nebenhaus hatte einen weißen Kater gesehen.
Wir liefen rüber.
Es war nicht Don Schneeball.
Dieser Kater war schlank, sauber und sah aus, als würde er im Leben keine Verantwortung übernehmen.
Frau Berger entschuldigte sich bei ihm trotzdem.
„Verzeihung“, sagte sie. „Sie sind nicht der Richtige.“
Der Kater sah sie an und ging weiter.
Ich schwöre, sogar fremde Katzen in Kassel haben Haltung.
Gegen Abend wurde es kalt.
Nicht bitterkalt.
Nur dieses feuchte, unangenehme Kalt, das einem in die Ärmel kriecht und sagt: Du hättest bessere Socken anziehen sollen.
Die Nachbarn kamen nach und nach wieder von der Arbeit.
Und etwas Seltsames passierte.
Niemand ging einfach an Frau Berger vorbei.
Herr Klein fragte, ob sie Tee wolle.
Frau Yilmaz brachte eine Wärmflasche.
Ein junger Mann aus dem dritten Stock, dessen Namen ich bis dahin nicht kannte, sagte: „Ich kann später nochmal mit dem Fahrrad die Straße runter.“
Er hieß Martin.
Ich wohnte seit vier Jahren in diesem Haus und erfuhr seinen Namen, weil ein Kater verschwunden war.
Das musste man auch erst einmal sacken lassen.
Um kurz vor neun saßen Frau Berger und ich im Hof auf zwei alten Klappstühlen.
Die schwarzen Katzen lagen nicht weit von uns entfernt.
Sie hatten gefressen, aber weniger als sonst.
Ich bildete mir ein, dass sie uns Vorwürfe machten.
„Vielleicht ist er irgendwo eingesperrt“, sagte Frau Berger.
„Dann hören wir ihn.“
„Schneeball schreit nicht.“
„Natürlich nicht“, sagte ich. „Er lässt schreien.“
Sie sah mich an.
Dann lachte sie.
Und diesmal kamen ihr gleichzeitig Tränen.
Ich reichte ihr ein Taschentuch.
Sie nahm es, ohne sich zu bedanken.
Manchmal ist das der schönste Dank.
Am nächsten Morgen war Don Schneeball immer noch weg.
Das Haus war anders.
Leiser.
Selbst die Waschmaschine im Keller klang weniger beleidigend. Oder vielleicht achtete ich einfach weniger auf sie.
Frau Berger kam nicht zum Gemeinschaftstisch.
Das machte mir mehr Sorgen als der leere Platz.
Ich klingelte bei ihr.
Erst nichts.
Dann Schritte.
Langsame Schritte.
Sie öffnete in ihrem Morgenmantel.
„Ich habe verschlafen“, sagte sie sofort, als hätte sie etwas falsch gemacht.
„Gut“, sagte ich.
Sie blinzelte.
„Gut?“
„Ja. Dann hat Ihr Körper endlich mal eine Entscheidung getroffen, ohne Sie vorher um Erlaubnis zu fragen.“
Sie wollte widersprechen, aber da musste sie sich am Türrahmen festhalten.
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