Der streunende Hund war fast am Ende, doch als ich nach dem Kätzchen unter ihm griff, schob er mit letzter Kraft seine Pfote dazwischen.
Er konnte den Kopf kaum noch heben.
Als meine Hand sich dem winzigen grauen Gesicht unter seiner Brust näherte, schob der Hund langsam eine Vorderpfote nach vorn.
Nicht, um nach mir zu schnappen.
Nicht, um mich zu vertreiben.
Er wollte das Kätzchen wieder bedecken.
Die Kleine verschwand hinter seiner Pfote, und der Hund legte sein Kinn über ihren Rücken, als hätte er nur noch eine einzige Aufgabe auf dieser Welt.
Sie zu schützen.
Ich hieß damals Stefan Mertens, war 42 Jahre alt und arbeitete als Hausmeister an einer Gesamtschule in Kassel. Seit meiner Scheidung lebte ich allein in einer kleinen Wohnung. Meine zehnjährige Tochter Lotta war jedes zweite Wochenende bei mir.
An diesem Abend hatte sie Fieber bekommen.
Ich war deshalb kurz vor Mitternacht noch zu einem großen Supermarkt am Stadtrand gefahren, um Hustensaft und ein paar andere Dinge zu holen.
Ich wollte eigentlich nur schnell wieder nach Hause.
Dann hörte ich dieses Geräusch.
Ein dünnes, kaum hörbares Fiepen hinter den Müllcontainern an der Rückseite des Parkplatzes.
Ich blieb stehen.
Zuerst sah ich nur etwas Dunkles zwischen einer Betonwand und einem großen Metallcontainer.
Ich dachte an einen weggeworfenen Teppich.
Dann öffnete sich ein braunes Auge.
Es gehörte zu einem mittelgroßen schwarz-braunen Mischling.
Der Hund lag eng an die Wand gedrückt. Sein Fell war nass und verklebt. An einem Ohr hatten sich kleine Eisklumpen gebildet, und seine Pfoten sahen wund aus.
Doch das war nicht das Seltsamste.
Unter seinem Bauch bewegte sich etwas.
Ich ging langsam in die Hocke.
Da sah ich sie.
Ein winziges grau-weißes Kätzchen, vielleicht sieben oder acht Wochen alt.
Ein Auge war fast vollständig verklebt. Die Rippen zeichneten sich deutlich unter dem Fell ab. An einem Hinterbein klebte getrocknetes Blut.
Das Kätzchen lag so dicht unter dem Hund, dass ich es zunächst kaum erkennen konnte.
Er hatte seinen ganzen Körper um sie gelegt.
Sein Rücken zeigte zur offenen Seite des Platzes.
Sein Bauch bedeckte ihren Rücken.
Die Vorderbeine lagen rechts und links von ihr.
Sein Schwanz war um ihre Hinterbeine gekrümmt.
Nur ihre Nase war frei.
Mir wurde sofort klar, dass diese Haltung kein Zufall war.
Der Hund hatte sich absichtlich so hingelegt.
Er fror für sie.
Ich zog die Handschuhe aus und streckte vorsichtig eine Hand aus.
Genau da schob er seine Pfote dazwischen.
Es war eine schwache Bewegung.
Fast lächerlich schwach.
Aber sie sagte alles.
„Schon gut“, murmelte ich. „Ich nehme euch beide mit.“
Sein Auge blieb auf mir.
Ich weiß bis heute nicht, ob ein Hund bestimmte Worte wirklich versteht.
Aber ich weiß, dass er meinen Ton verstand.
Trotzdem ließ er mich nicht einfach an das Kätzchen heran.
Also ging ich zurück zu meinem Wagen und holte eine alte Wolldecke, die ich für Notfälle im Kofferraum hatte. Außerdem nahm ich einen leeren Karton mit, in dem vorher Einkäufe gelegen hatten.
Ich stellte den Karton neben die beiden.
Zuerst wollte ich das Kätzchen hineinsetzen.
Das war ein Fehler.
Kaum hatte ich die Kleine vom Körper des Hundes gelöst, fing sie an zu schreien.
Kein richtiges Miauen.
Es war ein schrilles, verzweifeltes Geräusch, das mir sofort durch den ganzen Körper ging.
Der Hund hob den Kopf.
Dann versuchte er aufzustehen.
Seine Vorderbeine zitterten.
Die Hinterbeine gaben sofort nach.
Er fiel wieder auf die Seite.
Ich dachte, jetzt würde er liegen bleiben.
Doch er begann, sich mit den Vorderpfoten über den Boden in Richtung Karton zu ziehen.
Zentimeter für Zentimeter.
Da verstand ich plötzlich etwas.
Ich hatte gesagt: „Ich nehme euch beide mit.“
Für mich war es nur ein Satz gewesen.
Für ihn offenbar nicht.
Also legte ich die Decke flach auf den Boden und setzte das Kätzchen zurück zu ihm.
Sofort kroch sie unter sein Vorderbein.
Der Hund drückte seine Nase kurz gegen ihre Stirn.
Erst danach ließ er mich die beiden gemeinsam auf die Decke ziehen.
Sie waren erschreckend leicht.
Vor allem der Hund.
Unter dem nassen Fell konnte ich fast jede Rippe spüren.
Im Auto legte ich sie auf die Rückbank.
Ich drehte die Heizung höher.
Das Kätzchen fiepte weiter, bis der Hund seinen Körper wieder um sie gelegt hatte.
Dann wurde sie ruhig.
Erst als sie aufgehört hatte zu zittern, schloss er die Augen.
Ich fuhr direkt zu einer tierärztlichen Notfallpraxis.
Dort standen sofort zwei Behandlungstische bereit.
Einer für den Hund.
Einer für das Kätzchen.
Diese Trennung hielt vielleicht dreißig Sekunden.
Eine Helferin hob die Katze auf den anderen Tisch.
Der Hund reagierte sofort.
Sein Atem wurde schneller.
Er hob den Kopf und versuchte erneut aufzustehen.
Dabei rutschte er auf dem Boden weg.
Dann kroch er los.
Wieder auf den Vorderbeinen.
Wieder in ihre Richtung.
Auf dem anderen Tisch begann das Kätzchen zu schreien.
Die Tierärztin, eine Frau namens Dr. Neumann, sah erst den Hund an, dann die Katze.
„Zusammen“, sagte sie.
Die Helferin setzte das Kätzchen wieder neben ihn.
Innerhalb weniger Sekunden war Ruhe.
Die Kleine drückte ihren Kopf gegen seine Brust.
Der Hund legte die Schnauze über ihren Rücken.
Seine Atmung wurde langsamer.
Dr. Neumann schüttelte ungläubig den Kopf.
„Dann behandeln wir sie eben nebeneinander.“
Die Untersuchungen dauerten lange.
Der Hund hatte eine schwere Atemwegsinfektion, entzündete und eingerissene Pfotenballen, Parasiten und war stark unterernährt.
Das Kätzchen war unterkühlt, ebenfalls unterernährt und hatte eine Infektion am Auge. Die Verletzung am Hinterbein war zum Glück nicht tief.
Beide hatten keinen Chip.
Niemand wusste, woher sie kamen.
Am nächsten Morgen meldete ich den Fund bei den zuständigen Stellen und fragte in der Umgebung herum.
Niemand vermisste sie.
Keine Suchmeldung.
Keine passenden Fotos.
Nichts.
Ich besuchte sie nach der Arbeit.
Am ersten Tag lag der Hund noch fast bewegungslos auf seiner Decke.
Das Kätzchen saß direkt zwischen seinen Vorderbeinen.
Am zweiten Tag hob er den Kopf, als ich den Raum betrat.
Am dritten wedelte er einmal mit dem Schwanz.
Wir mussten ihnen irgendwann Namen geben.
Lotta entschied.
„Der Hund sieht aus wie ein Rudi“, sagte sie.
Also wurde aus ihm Rudi.
Das Kätzchen bekam den Namen Mieke.
Warum?
„Weil sie so klein ist, aber trotzdem frech guckt“, erklärte Lotta.
Für eine Zehnjährige war die Sache damit entschieden.
Rudi blieb mehrere Tage unter intensiver Behandlung.
Mieke erholte sich schneller.
Doch egal, wie viel Kraft sie zurückbekam, sie entfernte sich nie weit von ihm.
Wenn sie fraß, schaute Rudi zu.
Wenn sie schlief, lag mindestens eine Pfote an seinem Fell.
Und wenn jemand Mieke aus dem Raum trug, hob Rudi sofort den Kopf.
Einige Tage später bekam ich einen Anruf vom Sicherheitsdienst des Supermarkts.
Sie hatten die Aufnahmen der Kameras überprüft.
Ich fuhr nach der Arbeit hin.
Was ich dort sah, veränderte noch einmal meine Sicht auf die ganze Sache.
Rudi war drei Nächte vor meinem Fund bereits auf den Aufnahmen zu sehen.
Allein.
Er lief durch den hinteren Bereich des Parkplatzes, suchte zwischen Kartons und Müllsäcken nach Futter und verschwand wieder.
Am nächsten Abend kam er zurück.
Doch diesmal trug er etwas im Maul.
Ein kleines graues Tier.
Mieke.
Später fanden wir heraus, dass sie wahrscheinlich aus einem leer stehenden Haus einige Straßen weiter gekommen war.
Wie Rudi sie dort entdeckt hatte, wusste niemand.
Aber auf den Aufnahmen konnte man sehen, wie vorsichtig er sie trug.
Er biss nicht fest zu.
Er hielt sie so behutsam im Maul, als wäre sie sein eigenes Junges.
Vier Straßen weit.
Dann brachte er sie hinter die Container.
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