Der Hausmeister log uns gegeneinander aus, bis ein krankes Kind alles entlarvte

Ich stand um zwei Uhr nachts vor der Wohnungstür über mir, den Besenstiel fest umklammert, bereit, diesem rücksichtslosen Kerl die Meinung zu geigen.

Seit über vierzig Jahren wohne ich in diesem Berliner Altbau. Ich zahle pünktlich meine Miete, trenne meinen Müll und halte mich an die Hausordnung. Ein ruhiges Leben. Zumindest war es das, bis vor drei Monaten dieser junge Kerl, Niklas, über mir eingezogen ist. Von da an ging alles den Bach hinunter.

Das Hauptproblem war die Heizung. Sie fiel ständig aus, und in meiner Wohnung war es eisig. Wenn man älter wird, kriecht einem die Kälte direkt in die Knochen.

Ich wandte mich an Holger, unseren Hausmeister. Holger ist einer von der Sorte, die immer einen Zollstock in der Latzhose und eine Zigarette im Mundwinkel haben. Er nickte immer verständnisvoll, wenn ich mich beschwerte.

„Wissen Sie“, raunte Holger mir eines Tages im Treppenhaus zu, „das liegt an dem Neuen da oben. Dem Niklas. Der fummelt nachts am Hauptventil herum, um heißes Wasser für sich abzuzapfen. Das ruiniert den ganzen Druck im System. Aber beweisen Sie das mal.“

Das reichte mir. Jedes Mal, wenn ich nachts Schritte über mir hörte, nahm ich meinen Besen und schlug kräftig gegen die Decke. Sollte er wissen, dass ich nicht schlafe.

Die Antwort ließ meist nicht lange auf sich warten: Ein lautes Poltern, das Kratzen von Möbeln über den Dielenboden, manchmal fiel die Haustür mit einem ohrenbetäubenden Knall ins Schloss. Ein regelrechter Krieg war ausgebrochen.

Holger tauchte regelmäßig auf, wischte den Flur und schüttelte den Kopf. Er bestätigte mir immer wieder, was für ein unmöglicher Mieter Niklas sei. „Respektlos gegenüber der älteren Generation“, sagte Holger. „Der macht, was er will.“

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war meine Geranie. Ein Erbstück meiner verstorbenen Frau, das ich zum Überwintern in den Flur gestellt hatte.

Gestern Abend fand ich den Topf zerschmettert auf den Fliesen. Holger stand mit Schaufel und Besen daneben. Er zuckte nur mit den Schultern und meinte leise: „Ich hab den Niklas vorhin hier hochstolpern sehen. Ziemlich betrunken, wenn Sie mich fragen.“

Da riss mir der Geduldsfaden. Und so stand ich nun hier, mitten in der Nacht, mit klopfendem Herzen und zitternden Händen vor seiner Tür. Ich holte tief Luft und hämmerte mit der Faust gegen das Holz. Nicht mit dem Besen, sondern mit meiner bloßen Hand.

„Aufmachen!“, rief ich.

Ich erwartete einen betrunkenen, aggressiven Halbstarken. Jemanden, der mir ins Gesicht lacht oder mich wegstößt.

Das Schloss klickte. Die Tür öffnete sich einen Spalt, dann ganz. Vor mir stand Niklas. Aber er war nicht betrunken. Er sah furchtbar aus. Seine Augen waren rotgerändert, tiefe dunkle Augenringe zeichneten sein Gesicht. Er trug einen dicken Pullover und zitterte. In seiner Wohnung war es noch kälter als bei mir unten.

Aber was mich wirklich verstummen ließ, war das Bündel auf seinem Arm. Eine kleine, vielleicht zweijährige Tochter, eingewickelt in drei dicke Wolldecken. Ihr Gesicht war gerötet, sie atmete schwer und wimmerte leise.

Ich ließ den Besenstiel sinken.

Niklas starrte mich an, und plötzlich brachen die Tränen aus ihm heraus. Völlig erschöpft lehnte er sich gegen den Türrahmen. „Was wollen Sie noch von mir?“, presste er hervor, die Stimme brüchig. „Reicht es nicht, dass Sie sich ständig über mich beschweren, sodass sie mir die Heizung komplett abgedreht haben? Warum haben Sie auch noch das Thermometer vor meinem Fenster zerschlagen? Meine Tochter hat hohes Fieber!“

Ich starrte ihn fassungslos an. „Ich habe mich nie bei der Verwaltung über Sie beschwert“, sagte ich langsam. „Ich habe auch kein Thermometer zerschlagen. Holger hat mir erzählt, Sie würden die Heizung manipulieren.“

Niklas wischte sich über die Augen. „Holger? Holger hat mir gesagt, Sie würden ständig bei der Verwaltung anrufen, weil mein Kind angeblich zu laut weint. Und er meinte, Sie hätten gedroht, mich rauszuekeln.“

Wir standen in der kühlen Zugluft des Flurs und sahen uns an. In diesem Moment fiel es uns wie Schuppen von den Augen. Es gab kein manipuliertes Ventil. Es gab keine Lärmbeschwerden. Die Heizungsanlage war einfach alt und kaputt. Eine neue Anlage würde die Verwaltung ein kleines Vermögen kosten.

Wenn wir Mieter uns hassen, uns gegenseitig das Leben schwer machen und uns die Schuld für alles geben, dann reden wir nicht miteinander. Und wer nicht miteinander redet, schreibt auch keine gemeinsame Beschwerde. Holger hatte uns ganz gezielt gegeneinander ausgespielt, um von dem eigentlichen Problem abzulenken.

Ich dachte an ein Experiment, von dem ich mal gehört hatte. Wenn man hundert rote und hundert schwarze Ameisen in ein Glas sperrt, passiert gar nichts. Sie krabbeln friedlich aneinander vorbei. Aber wenn man das Glas kräftig schüttelt, fangen sie an, sich gegenseitig zu zerfleischen. Die roten denken, die schwarzen seien die Feinde, und umgekehrt.

Dabei ist der wahre Feind derjenige, der das Glas schüttelt.

„Kommen Sie“, sagte ich leise und trat einen Schritt zurück. „Packen Sie ein paar Sachen für die Kleine. Wir gehen runter zu mir.“

Niklas sah mich unsicher an, doch ich nickte ihm ermutigend zu. Unten in meinem Wohnzimmer hatte ich noch einen alten, aber funktionstüchtigen elektrischen Heizlüfter. Seine Heizspiralen glühten rot und verbreiteten eine wohlige Wärme. Ich setzte Wasser auf und machte uns beiden eine große Kanne Kräutertee.

Wir saßen schweigend auf meinem Sofa, das leise Surren des Heizlüfters im Ohr. Niklas wog seine Tochter im Arm, die sich in der Wärme endlich entspannte und einschlief. Ich trank einen Schluck Tee und sah die beiden an. Zwei Fremde, die Feinde sein sollten, saßen nun vereint in der Nacht.

Bevor wir uns auf den Nächsten stürzen, der uns vermeintlich im Weg steht, sollten wir vielleicht öfter mal kurz innehalten. Wir sollten den Kopf heben und ganz genau hinschauen, wer eigentlich gerade unser Glas schüttelt.

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