Am nächsten Morgen dachte ich nicht mehr an den Besenstiel vor Niklas’ Tür.
Ich dachte nur noch an das kleine, heiße Gesicht seiner Tochter, das im Schein meines alten Heizlüfters endlich ruhig geworden war.
Ich hatte in dieser Nacht kaum geschlafen.
Immer wieder saß ich im Sessel, lauschte auf das leise Atmen der Kleinen vom Sofa her und auf das unruhige Husten von Niklas, der im Sitzen eingenickt war, als hätte sein Körper irgendwann einfach aufgegeben.
Als es draußen langsam hell wurde, sah mein Wohnzimmer aus wie ein provisorisches Lager.
Auf dem Couchtisch standen zwei halbleere Tassen Kräutertee, daneben ein zerknülltes Taschentuch, eine offene Packung Zwieback und das Fieberthermometer, das ich seit Jahren in der Schublade hatte.
Die Kleine hieß übrigens Mila.
Das hatte Niklas irgendwann gegen vier Uhr gesagt, ganz leise, als hätte er Angst, ihren Namen zu laut auszusprechen.
„Mila“, murmelte er und strich ihr über die Stirn. „Sie schläft sonst nie ein, wenn es ihr schlecht geht.“
Ich nickte nur.
Mir fiel nichts Kluges ein. Und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, dass Schweigen nicht Feigheit war, sondern Anstand.
Gegen sieben Uhr öffnete Mila die Augen.
Sie sah mich erst erschrocken an, dann den Heizlüfter, dann ihren Vater. Erst da schien sie zu begreifen, dass sie in Sicherheit war.
„Warm“, flüsterte sie.
Nur dieses eine Wort.
Niklas schluckte schwer und sah weg.
Ich stand auf, ging in die Küche und tat so, als müsste ich dringend nach dem Wasserkessel sehen. In Wahrheit brauchte ich nur einen Moment, damit der Junge sich sammeln konnte, ohne dass ich ihn dabei ansah.
Als ich mit frischem Tee zurückkam, saß Mila aufrecht unter der Decke und hielt meinen alten Stoffhasen im Arm.
Der Hase lag seit Jahren in einer Schublade. Meine Frau hatte ihn einmal für unsere Nichte aufgehoben, aber dann war er einfach geblieben. Ich wusste selbst nicht, warum ich ihn in der Nacht herausgesucht hatte.
Kinderhände finden Dinge, die Erwachsene längst vergessen haben.
„Der heißt Moritz“, sagte ich.
Mila nickte ernst.
„Jetzt heißt er Hopsi“, sagte sie.
„Dann heißt er eben Hopsi“, erwiderte ich.
Zum ersten Mal lächelte sie.
Es war nur ein kleines, mattes Lächeln in einem müden Gesicht. Aber es reichte, um den ganzen Raum heller zu machen.
Später, als Mila noch einmal eingeschlafen war, saßen Niklas und ich am Küchentisch.
Ohne Geschrei. Ohne Vorwürfe. Ohne Holgers Stimme zwischen uns.
Nur zwei Männer mit zu wenig Schlaf und zu viel Kälte in den Knochen.
„Ich hätte früher bei Ihnen klingeln sollen“, sagte Niklas.
„Ich auch“, antwortete ich.
Dann schwiegen wir wieder.
Es ist erstaunlich, wie schnell Menschen einander falsch einschätzen können, wenn ein Dritter dauernd kleine Giftspuren legt.
Ich hatte mir Niklas als rücksichtslosen Bengel vorgestellt. Einen, der nachts Musik hört, Türen knallt und alte Leute auslacht.
Vor mir saß aber kein Bengel.
Vor mir saß ein Vater, vielleicht Ende zwanzig, mit rissigen Händen, müden Augen und dieser bleiernen Art von Erschöpfung, die nicht von einer schlechten Nacht kommt, sondern von vielen.
Er erzählte mir nach und nach, was in den letzten Wochen passiert war.
Nicht auf einmal. Eher in kleinen Stücken, wie einer, der lange niemanden hatte, der wirklich zuhört.
Er arbeitete tagsüber in einer Großküche am anderen Ende der Stadt. Frühschicht, oft schon vor Sonnenaufgang. Mila war tagsüber in einer Betreuung, solange sie gesund war.
Seit drei Wochen aber war sie dauernd krank.
Erkältung, Husten, Fieber, wieder Husten. Und in einer Wohnung, die nachts auskühlte wie ein Keller, wurde es natürlich nicht besser.
„Holger kam manchmal hoch“, sagte Niklas und starrte in seine Tasse. „Er wirkte erst hilfsbereit. Hat gesagt, er kümmert sich. Dann meinte er, ich solle mich nicht wundern, wenn ältere Mieter empfindlich reagieren. Dass man mit so einem weinenden Kind schnell aneckt.“
Ich spürte, wie mir der Tee bitter im Mund wurde.
„Und dann?“
Niklas lachte kurz. Es war kein richtiges Lachen. Mehr ein Luftstoß.
„Dann sagte er, Sie würden dauernd über uns reden. Dass Sie im Haus schon alle gegen mich aufgebracht hätten.“
Ich schüttelte langsam den Kopf.
„Und mir hat er erzählt, Sie würden nachts am Hauptventil herumdrehen.“
Wir sahen uns an.
Es war ein stiller, schmerzhafter Blick. Einer von der Sorte, bei dem beide merken, wie leicht sie lenkbar gewesen waren.
„Die Geranie“, sagte ich dann.
Niklas runzelte die Stirn.
„Welche Geranie?“
„Die im Flur. Von meiner Frau. Der Topf war gestern Abend zerschmettert.“
Er sah mich ehrlich verständnislos an.
„Ich war gestern den ganzen Abend mit Mila oben. Sie hatte fast vierzig Fieber. Ich bin nicht mal raus, außer einmal zum Briefkasten.“
Da wusste ich plötzlich, noch bevor er es aussprach, dass Holger auch dabei seine Finger im Spiel hatte.
Nicht weil ich Beweise hatte.
Sondern weil sich dieses widerliche Muster immer deutlicher zeigte: erst flüstern, dann deuten, dann nicken, bis der andere die Lücke selbst mit Wut füllt.
Kurz vor neun brachte ich eine Decke in mein Schlafzimmer, damit Mila dort weiter schlafen konnte. Es war der wärmste Raum in der Wohnung.
Niklas wollte protestieren, aber ich hob die Hand.
„Junger Mann“, sagte ich, „in meinem Alter darf man Befehle geben. Das ist der einzige Vorteil am Altwerden.“
Da musste er tatsächlich lachen.
Ein richtiges Lachen diesmal. Müde, aber echt.
Es tat gut, das zu hören.
Gegen zehn Uhr klopfte es an meiner Tür.
Ein kurzes, sachliches Klopfen. So klopft niemand, der einen besuchen will. So klopft jemand, der kontrollieren will, ob alles noch nach seinem Plan läuft.
Ich ging zur Tür und öffnete.
Holger stand draußen, den Wischmopp in der Hand, als wäre er mit dem Ding verwachsen. Die Zigarette klebte wie immer im Mundwinkel, obwohl sie gar nicht brannte.
„Na“, sagte er und blickte an mir vorbei in die Wohnung, „alles ruhig heute?“
Ich trat keinen Schritt zur Seite.
„Erstaunlich ruhig“, sagte ich.
Sein Blick huschte doch noch an mir vorbei. Er sah den zweiten Becher auf dem Tisch, die kleinen Kinderschuhe neben der Heizung und dann Niklas, der gerade aus der Küche kam.
Für einen ganz kurzen Moment veränderte sich Holgers Gesicht.
Es war nur ein Zucken. Aber es genügte.
Der Moment, in dem ein Mensch merkt, dass sein Spiel vorbei ist.
„Ach“, sagte er dann gedehnt. „So, so.“
Niklas stellte sich neben mich.
Nicht aggressiv. Nicht laut. Einfach da.
Es war merkwürdig, wie sehr sich ein Flur verändert, wenn zwei Menschen plötzlich nicht mehr gegeneinander, sondern nebeneinander stehen.
„Wir haben geredet“, sagte ich.
Holger zog die Augenbrauen hoch.
„Na, das ist ja schön.“
„Ja“, sagte Niklas. „Sehr schön sogar.“
Wieder dieses Zucken um Holgers Mund.
Er tat, was solche Leute immer tun, wenn ihre Geschichte nicht mehr funktioniert: Er wurde beleidigt.
„Dann verstehen Sie sich ja jetzt prächtig“, murmelte er. „Kann ich ja nichts für, wenn die Heizung alt ist.“
„Das haben wir inzwischen auch verstanden“, sagte ich.
„Und das mit den Beschwerden“, sagte Niklas ruhig. „Oder mit dem Ventil. Oder mit dem Thermometer. Das war dann wohl auch nur ein Missverständnis?“
Holger hob die Schultern.
Zu hoch. Zu schnell.
„Ich hab nur weitergegeben, was man so hört.“
„Von wem denn?“, fragte ich.
Da kam nichts mehr.
Er murmelte irgendetwas von viel Arbeit und drehte sich weg. Der Wischmopp schlackerte ihm hinterher wie eine weiße Fahne, die er nie freiwillig gehisst hätte.
Ich schloss die Tür.
Hinter mir sagte Niklas leise: „Jetzt weiß ich, warum meine Mutter immer meinte, die schlimmsten Brandstifter laufen mit einem Eimer Wasser herum.“
Ich nickte.
„Ihre Mutter klingt vernünftig.“
„Ist sie auch. Nur wohnt sie in Rostock.“
„Schade“, sagte ich. „Die hätte ich gern kennengelernt.“
An diesem Vormittag beschlossen wir, etwas zu tun, was wir beide viel früher hätten tun sollen:
Wir gingen durchs Haus und klingelten.
Nicht überall.
Aber bei den Leuten, die alt genug waren, um sich noch an Zeiten zu erinnern, in denen man Nachbarn nicht nur an den Schritten im Treppenhaus erkannte, sondern an ihren Vornamen.
Zuerst bei Frau Seidel aus dem Vorderhaus. Dann bei dem Ehepaar Krüger im zweiten Stock. Dann bei Herrn Banaszak, der immer so tat, als wolle er mit niemandem reden, aber seine Wohnungstür grundsätzlich schon nach dem zweiten Klingeln öffnete.
Wir machten kein Theater daraus.
Wir erzählten einfach, dass die Heizung nicht wegen eines Mieters spinnt. Dass Holger widersprüchliche Dinge gesagt hat. Dass wir endlich gemeinsam eine ordentliche Mängelmeldung schreiben sollten, statt uns im Flur anzukeifen.
Erstaunlicherweise brauchten wir niemanden groß zu überzeugen.
Denn kaum war das erste Misstrauen weg, kamen bei den anderen dieselben Geschichten hoch.
Frau Seidel sagte, Holger habe ihr eingeredet, Familie Krüger würde ständig den Trockenraum blockieren.
Herr Krüger behauptete, Holger habe erzählt, Frau Seidel würde absichtlich die Fenster im Keller offenlassen, damit Schimmel entstehe und alle sich gegenseitig beschuldigen.
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