Der Junge, der einen Hund hasste, bis Egon sein Leben rettete

Dieser 12-jährige Junge quälte den riesigen Hund des Nachbarn jeden Tag. Doch als er im Wald dem Tod begegnete, opferte sich genau dieses angebliche Monster für ihn.

„Hau ab! Verschwinde, du widerliches Monster!“

Felix hielt den Gartenschlauch fest umklammert und zielte direkt auf den Gehweg. Das Wasser schoss quer über die Einfahrt und spritzte bis an die Pfoten des großen schwarzen Hundes.

Auf der anderen Seite stand Holger, ein älterer Mann mit tiefen Falten im Gesicht. In seiner Hand hielt er die dicke Lederleine von Egon.

Egon war ein gewaltiger Hund mit breiten Schultern, einem massiven Kopf und kräftigen Beinen. Manche Nachbarn wechselten die Straßenseite, wenn Holger mit ihm unterwegs war.

Doch Egon bellte nicht. Er zog nicht an der Leine. Er sah Felix nur mit seinen ruhigen, bernsteinfarbenen Augen an.

„Du sollst verschwinden!“, schrie Felix noch einmal.

Holger legte Egon eine Hand auf den Nacken.

„Komm, mein Großer“, sagte er leise. „Wir gehen weiter.“

Dann sah er kurz zu Felix hinüber. Kein Vorwurf. Keine Wut. Nur ein stiller Blick, der Felix noch mehr reizte.

„Der gehört eingesperrt!“, rief der Junge.

Holger antwortete nicht.

Das war fast jeden Tag so. Felix schlug mit einem Kochlöffel gegen einen alten Topf, warf Steinchen vor Egons Pfoten oder malte durchgestrichene Hundeköpfe auf die Einfahrt.

Egon reagierte nie aggressiv. Genau das machte Felix noch wütender. Er wollte, dass der Hund böse wurde. Dann hätte er einen Beweis dafür gehabt, dass sein Hass berechtigt war.

Vor fast einem Jahr hatte Felix seinen Vater verloren.

Es war auf einer Landstraße passiert. Ein großer, nicht angeleinter Hund war plötzlich aus einem Gebüsch auf die Fahrbahn gelaufen.

Felix’ Vater hatte das Lenkrad herumgerissen, um das Tier nicht zu erfassen. Sein Wagen kam von der Straße ab und prallte gegen einen Baum.

Er überlebte den Unfall nicht.

Von diesem Tag an war für Felix nichts mehr wie vorher.

Früher war Felix laut und neugierig gewesen. Er hatte ständig Fragen gestellt und über jeden schlechten Witz seines Vaters gelacht.

Nach dem Unfall verstummte dieses Lachen. Felix zog sich zurück. Trost machte ihn wütend, und wenn seine Mutter weinte, schloss er sich in seinem Zimmer ein.

Felix konnte den Gedanken nicht ertragen, dass sein Vater wegen eines Hundes gestorben war. Also machte er aus jedem großen Hund einen Feind. Egon, der nur zwei Häuser weiter wohnte, wurde zum einfachsten Ziel.

Sabine, Felix’ Mutter, schämte sich für das Verhalten ihres Sohnes. Mehrmals entschuldigte sie sich bei Holger.

„Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll“, sagte sie eines Abends. „Er redet kaum noch. Und sobald Egon vorbeikommt, rastet er aus.“

„Felix ist kein böser Junge“, antwortete Holger. „Er ist verletzt. Manche Menschen werden still, wenn sie trauern. Andere werden laut.“

„Aber Egon kann nichts dafür.“

„Das weiß Egon. Er spürt, dass Felix Angst hat, und nimmt ihm seine Wut nicht übel.“

„Und du?“

„Ich auch nicht.“

Einige Wochen später jährte sich der Tod von Felix’ Vater.

Schon am Morgen war das Haus voller angespannter Stille. Verwandte kamen vorbei, sprachen leise und sahen Felix mit einem Blick an, den er nicht mehr ertragen konnte.

Mitleid.

Seine Tante wollte ihn umarmen. Felix wich zurück.

Seine Mutter fragte, ob er mit ihr zum Friedhof gehen wollte.

„Nein.“

„Felix, vielleicht würde es dir guttun.“

„Ich habe Nein gesagt.“

Sabine atmete tief durch.

„Wir müssen nicht lange bleiben.“

„Lasst mich einfach in Ruhe!“

Er riss seine Jacke vom Haken, steckte die alte silberne Taschenuhr seines Vaters in die Innentasche und verließ das Haus.

Niemand konnte ihn aufhalten.

Felix lief bis zum Waldrand und ging weiter. Früher war er oft mit seinem Vater hier gewesen.

Doch diesmal verließ er die bekannten Wege. Er wollte weit weg von den Stimmen, den Blicken und den Erinnerungen.

Bald wurde das Gelände unübersichtlich. Schmale Pfade teilten sich und verschwanden zwischen Gestrüpp und umgestürzten Stämmen.

Felix merkte, dass er nicht mehr wusste, wo er war. Sein Handy hatte keinen Empfang.

Er versuchte zurückzugehen, stand aber kurz darauf vor einer Böschung, an die er sich nicht erinnern konnte.

„Ganz ruhig“, murmelte er. Doch jeder Weg sah falsch aus.

Als es zwischen den Bäumen dunkler wurde, wuchs seine Panik. Er dachte an seine Mutter.

Sie würde inzwischen nach ihm suchen. Vielleicht hatte sie schon die Polizei gerufen.

Felix wollte schneller gehen.

Dabei übersah er eine schmale Kante, die unter Laub und Ästen verborgen lag.

Der Boden unter seinem rechten Fuß gab nach.

Felix rutschte ab.

Er griff nach einem Ast, bekam ihn kurz zu fassen, doch seine Hände glitten weg.

Er stürzte mehrere Meter eine steile Böschung hinunter, schlug gegen Wurzeln und Steine und blieb schließlich in einer schmalen Senke liegen.

Für einen Moment bekam er keine Luft. Dann schoss ein heftiger Schmerz durch sein rechtes Bein. Sein Knöchel stand schief. Felix wusste sofort, dass etwas gebrochen war.

Er versuchte, sich aufzurichten, doch schon die kleinste Bewegung ließ ihm schwarz vor Augen werden.

„Hilfe!“, rief er.

Seine Stimme verlor sich zwischen den Bäumen.

Er rief wieder, doch niemand antwortete. Das Display seines Handys war gesprungen. Empfang hatte er weiterhin nicht.

Er versuchte, die Böschung hinaufzuklettern. Mit beiden Händen zog er sich ein Stück hoch, doch sein verletztes Bein stieß gegen einen Stein.

Felix schrie auf und rutschte zurück.

Da begriff er, wie ernst die Lage war.

Die Senke lag abseits der Wege. Von oben war sie kaum zu erkennen. Er konnte nicht laufen. Er konnte niemanden anrufen.

Und niemand wusste, wohin er gegangen war.

In der Stadt suchten Sabine und mehrere Nachbarn bereits nach ihm. Als Felix nicht zurückkam, meldete sie ihn als vermisst.

Rettungskräfte und Freiwillige durchkämmten die bekannten Wege und die Stellen, an denen Kinder manchmal spielten.

Auch Holger kam.

Egon saß neben ihm, wirkte aber ungewöhnlich angespannt. Er schnupperte immer wieder an Felix’ Jacke, die Sabine den Helfern gegeben hatte. Dann zog er in Richtung Wald.

Ein Helfer bemerkte es.

„Kann Ihr Hund einer Spur folgen?“

„Er ist kein Rettungshund“, sagte Holger. „Aber seine Nase ist außergewöhnlich gut.“

„Dann versuchen wir es gemeinsam. Sie bleiben bei uns.“

Holger beugte sich zu Egon hinunter und ließ ihn erneut an der Jacke riechen.

„Such Felix“, sagte er ruhig. „Finde den Jungen.“

Egon setzte sich sofort in Bewegung.

Zwei Helfer gingen mit Holger hinter ihm her. Der Hund blieb zunächst auf einem breiten Pfad, bog dann abrupt ab und zog zwischen dichtem Gestrüpp hindurch.

Mehrmals verlor Egon kurz die Spur. Dann prüfte er die Luft und lief weiter. Holger musste sich anstrengen, Schritt zu halten.

In der Senke war Felix inzwischen erschöpft.

Seine Stimme war heiser. Sein Bein pochte. Er hatte versucht, mit einem Ast eine Schiene zu bauen, aber seine Hände zitterten zu stark.

Er zog die Taschenuhr seines Vaters hervor.

Das Glas war zerkratzt. Der kleine Sekundenzeiger bewegte sich noch.

Felix drückte die Uhr an seine Brust.

„Papa“, flüsterte er. „Ich will hier nicht sterben.“

Da hörte er ein Geräusch.

Ein Rascheln oberhalb der Böschung.

Felix hielt den Atem an.

„Hallo?“

Das Rascheln kam näher.

Dann tauchte ein großer schwarzer Kopf über der Kante auf.

Felix erstarrte.

Egon.

Der Hund sprang vorsichtig die Böschung hinunter und kam direkt auf ihn zu.

Felix wich zurück, so weit es sein Bein zuließ.

„Nein“, stieß er hervor. „Geh weg.“

Egon blieb stehen.

Felix sah auf die breiten Pfoten, den massiven Kopf und die kräftigen Zähne. In seinem Kopf tauchten all die Momente auf, in denen er den Hund angeschrien, nass gespritzt und mit Steinen erschreckt hatte.

Jetzt waren sie allein.

Niemand konnte Egon zurückhalten.

„Bitte“, sagte Felix. „Tu mir nichts.“

Egon senkte den Kopf.

Dann leckte er Felix über die Hand.

Der Junge starrte ihn an.

Egon drückte seine Schulter vorsichtig gegen Felix’ Oberkörper und legte sich dicht neben ihn. Sein Körper stützte den Jungen, damit er nicht weiter zur Seite rutschte.

Felix begann zu weinen.

Nicht laut. Nur still.

Er legte eine Hand auf Egons Nacken.

„Warum bist du hier?“, flüsterte er. „Nach allem, was ich gemacht habe?“

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