Ein ausgemusterter Polizeihund buddelt wie verrückt im eisigen Schnee. Was er dort findet und wen ich wenige Minuten später anrufen musste, ließ mir augenblicklich das Blut in den Adern gefrieren.
Kaiser riss mir fast die Leine aus der Hand.
Mein Schäferhund war elf Jahre alt und seit knapp zwei Jahren nicht mehr im Dienst. Acht Jahre lang hatte er mit mir gearbeitet. Er reagierte sonst auf jedes leise Kommando.
An diesem Morgen nicht.
Ich hatte an einer kleinen Raststätte angehalten, weil Kaiser unruhig geworden war. Kaum waren wir ausgestiegen, zog er den Kopf hoch, schnupperte kurz und lief plötzlich los. Ich rief seinen Namen. Er reagierte nicht.
Das hatte er noch nie getan.
Hinter den Müllcontainern blieb er stehen und begann mit beiden Vorderpfoten zu graben. Der Boden war hart. Trotzdem arbeitete er sich Stück für Stück vor, als hätte er nur noch diesen einen Gedanken.
Dann legte er sich flach hin und gab ein tiefes, angespanntes Winseln von sich.
Als ich bei ihm ankam, sah ich zuerst nur einen dunklen Fleck unter einem Busch. Dann bewegte sich etwas.
Dort lag ein kleiner Hund.
Er war kaum größer als ein Dackelmischling, hatte braunes, verfilztes Fell und einen viel zu dünnen Körper. Seine Rippen waren deutlich zu sehen. Die Pfoten waren wund, und an mehreren Stellen war das Fell verklebt.
Kaiser schob sich dicht an ihn heran. Er legte seinen großen Körper halb um den kleinen Hund und begann, ihm vorsichtig über den Kopf zu lecken.
Ich kniete mich daneben und legte zwei Finger an den Hals des Tieres. Der Puls war schwach, aber da.
„Bleib bei uns, Kleiner“, sagte ich.
Der Hund öffnete für einen Moment die Augen. Er sah mich nicht richtig an. Sein Blick ging an mir vorbei, als würde er nach jemand anderem suchen.
Um seinen Hals hing ein altes Lederband. Daran war eine zerkratzte Marke befestigt. Ich wischte sie mit dem Ärmel sauber.
Auf der Vorderseite stand nur ein Name.
Kuno.
Auf der Rückseite las ich: „Wenn ich mich verlaufe, bitte Jenny anrufen.“ Darunter waren zwei Telefonnummern eingraviert.
Ich nahm mein Handy heraus und wählte die erste Nummer. Eine automatische Ansage erklärte mir, dass der Anschluss nicht mehr vergeben sei.
Also rief ich die zweite Nummer an.
Es klingelte lange. Ich wollte gerade auflegen, als sich ein Mann meldete.
„Ja?“
Seine Stimme klang müde und vorsichtig.
Ich stellte mich vor und sagte, dass ich einen Hund namens Kuno gefunden hätte. Dann fragte ich, ob er eine Frau namens Jenny kenne.
Am anderen Ende wurde es still.
So still, dass ich kurz dachte, die Verbindung sei abgebrochen.
Dann hörte ich ein scharfes Einatmen. Danach begann der Mann zu weinen.
Nicht leise. Nicht zurückhaltend.
Er weinte so, wie Menschen weinen, wenn etwas in ihnen aufbricht, das sie jahrelang fest verschlossen hatten.
„Wo ist er?“, brachte er schließlich hervor. „Bitte sagen Sie mir sofort, wo Kuno ist.“
Ich erklärte ihm den Ort und beschrieb den Zustand des Hundes.
Der Mann hieß Manfred, war zweiundsiebzig und lebte viele Kilometer entfernt. Jenny war seine Frau gewesen. Sie war vor drei Jahren nach langer Krankheit gestorben.
Kuno hatte ihr gehört. Eigentlich hatte er beiden gehört, aber zwischen Jenny und dem kleinen Hund hatte es eine besondere Verbindung gegeben. Kuno hatte jeden Tag neben ihrem Sessel gelegen. Später hatte er an ihrem Bett geschlafen und den Raum nur verlassen, wenn Manfred ihn hinausführte.
„Er hat immer gemerkt, wenn es ihr schlecht ging“, sagte Manfred. „Noch bevor ich etwas gesehen habe.“
Nach Jennys Tod sei in seinem Haus alles still geworden.
Manfred hatte damals kaum gegessen und fast niemanden hereingelassen. Kuno war ihm ständig gefolgt, hatte an Jennys Decke gerochen und nachts vor der Schlafzimmertür gewartet.
In seinen Augen sah Manfred immer wieder seine Frau.
„Ich konnte das damals nicht ertragen“, sagte er. „Heute schäme ich mich dafür. Aber ich war völlig neben mir.“
Jennys jüngere Schwester Julia hatte angeboten, Kuno zu sich zu nehmen. Sie wohnte weit im Norden und kannte den Hund seit seiner Welpenzeit.
Manfred hatte zugestimmt.
Julia versprach ihm, gut auf Kuno aufzupassen. Anfangs schickte sie Fotos. Später wurden ihre Nachrichten seltener. Bei Manfreds Nachfragen behauptete sie jedoch, Kuno sei gut versorgt.
Nun lag derselbe Hund vor mir und war nur noch Haut und Knochen.
Ich fragte Manfred nach Julias Nummer.
Er zögerte kurz. Dann gab er sie mir.
Bevor wir auflegten, sagte er: „Bitte lassen Sie ihn nicht allein. Ich komme. Egal wie.“
Ich versprach es ihm.
Julia ging nach dem dritten Klingeln ans Telefon. Im Hintergrund hörte ich Stimmen und Musik. Sie klang freundlich, bis ich Kunos Namen sagte.
Dann veränderte sich ihre Stimme.
„Wo haben Sie ihn gefunden?“
Ich nannte ihr die Raststätte.
Wieder folgte eine Pause.
„Das kann nicht sein“, sagte sie.
Ich fragte sie, wann sie Kuno zuletzt gesehen habe.
Zuerst wich sie aus. Sie sprach von einem Umzug, von ihrer Arbeit und davon, dass sie mit einem alten Hund überfordert gewesen sei. Kuno habe schlecht allein bleiben können. Er habe nachts vor der Tür gesessen und oft nicht fressen wollen.
„Das beantwortet meine Frage nicht“, sagte ich. „Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?“
Schließlich erzählte sie mir, was passiert war.
Vor etwa vier Monaten war Julia in eine kleinere Wohnung gezogen, in der Kuno nicht dauerhaft bleiben konnte. Über Bekannte fand sie eine erfahrene Frau, die ihn aufnehmen wollte. Julia gab ihr Kunos Decke, Futter, Medikamente und Papiere mit.
Am ersten Abend war Kuno jedoch durch ein nicht richtig geschlossenes Gartentor entwischt.
Die neue Besitzerin hatte Julia sofort angerufen. Beide hatten gesucht, Zettel aufgehängt und in der Umgebung nachgefragt. Auch mehrere Helfer hatten sich beteiligt.
Doch Kuno blieb verschwunden.
Julia hatte Manfred nichts davon erzählt.
„Ich wollte ihn nicht noch mehr belasten“, sagte sie leise. „Und ich dachte, wir finden Kuno schnell wieder.“
Aus einem Tag wurden mehrere Tage. Dann Wochen.
Julia schämte sich. Je länger Kuno verschwunden blieb, desto schwerer fiel es ihr, Manfred die Wahrheit zu sagen. Also behauptete sie bei seinen seltenen Nachfragen weiterhin, der Hund sei in Ordnung.
Ich war wütend.
Nicht, weil sie Kuno in ein neues Zuhause geben wollte. Sie hatte versucht, eine Lösung zu finden. Aber sie hatte Manfred monatelang glauben lassen, Kuno sei sicher.
„Von welchem Ort ist er weggelaufen?“, fragte ich.
Als sie mir die Adresse nannte, öffnete ich auf dem Handy die Karte.
Ich musste zweimal hinsehen.
Zwischen diesem Ort und der Raststätte lagen mehr als vierhundert Kilometer.
Julia wurde am Telefon plötzlich ganz still.
„Das ist unmöglich“, flüsterte sie.
Aber Kuno lag direkt vor mir.
Niemand konnte sagen, welchen Weg er genommen hatte. Sicher war nur: Die Raststätte lag an einer Strecke in Richtung von Manfreds Heimat.
Kuno hatte sich auf den Rückweg gemacht.
Nicht zu Julia. Nicht zu der Frau, die ihn aufnehmen wollte.
Er wollte nach Hause.
Ich beendete das Gespräch und rief Manfred noch einmal an.
Es fiel mir schwer, ihm alles zu erzählen. Ich sagte ihm, dass Julia Kuno nicht absichtlich hatte verschwinden lassen, aber dass sie seinen Verlust verschwiegen hatte.
Dann erklärte ich ihm, wie weit Kuno offenbar gelaufen war.
Manfred sagte lange nichts.
„Er wollte zu mir“, flüsterte er schließlich.
Danach begann er wieder zu weinen.
Diesmal hörte ich neben Trauer auch etwas anderes. Reue.
„Ich habe ihn fortgegeben, obwohl er genauso um Jenny getrauert hat wie ich“, sagte er. „Ich habe nur meinen eigenen Schmerz gesehen.“
Ich sagte ihm, dass dafür später Zeit sei. Jetzt müsse Kuno zuerst behandelt werden.
Gemeinsam mit Kaiser hob ich den kleinen Hund vorsichtig hoch. Er wog erschreckend wenig.
Kaiser wich keinen Schritt von uns weg.
Im Auto legte ich Kuno auf eine Decke. Kaiser setzte sich daneben und hielt seinen Kopf dicht an Kunos Körper. Normalerweise mochte er es nicht, wenn ein anderer Hund seinen Platz einnahm. An diesem Tag war ihm das völlig egal.
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