Ich wartete zwei Tage lang an der Bundesstraße, weil ich glaubte, mein Frauchen hätte nur den Weg zurück vergessen.
Das war der einzige Gedanke, der mir geblieben war.
Nicht der Hunger.
Nicht die Angst.
Nicht die schweren Laster, die den Boden unter meinen Pfoten zittern ließen.
Nur dieser eine Gedanke.
Sie kommt zurück.
Sie hatte mich am Straßengraben abgesetzt, zusammen mit meinem alten blauen Handtuch. Es roch nach unserer Wohnung. Nach Waschmittel. Nach dem Sofa, auf dem ich immer an ihrem Bein gelegen hatte, während sie abends fern sah.
Einmal hatte sie mir noch über den Kopf gestrichen.
Dann fiel die Autotür zu.
Dann wurde das Auto kleiner.
Ich blieb genau dort sitzen.
Am Anfang dachte ich, sie holt nur Futter. Vielleicht hatte sie meine Transportbox vergessen. Vielleicht war sie traurig und brauchte kurz Luft. Menschen machen so etwas. Sie gehen aus Zimmern. Sie schlagen Türen zu. Sie weinen in ihre Hände.
Aber sie kommen wieder.
Also wartete ich.
Die erste Nacht war kalt. Das Gras war nass. Immer wieder fuhren Scheinwerfer über mich hinweg, grell und hart wie Blitze.
Jedes Mal, wenn ein Auto langsamer wurde, sprang ich auf.
Einmal sah ein dunkler Wagen fast aus wie ihrer.
Ich rannte bis zum Rand der Straße und miaute, bis mir der Hals weh tat.
Er hielt nicht an.
Am zweiten Tag fühlte sich mein Bauch an, als würde er sich selbst fressen. Meine Zunge klebte an meinem Gaumen. Eine Plastiktüte flog über die Straße, und ich erschrak so sehr, dass ich mich unter einen Busch drückte.
Trotzdem ging ich nicht weg.
Denn was, wenn sie zurückkam und ich nicht da war?
Kurz vor Sonnenuntergang hielt wieder ein Auto an.
Es war staubig und hatte hinten eine kleine Delle. Eine Frau stieg langsam aus. Sie hatte braunes Haar mit grauen Strähnen und ein müdes Gesicht.
Kein hartes Gesicht.
Nur müde. So, als hätte das Leben schon viel von ihr verlangt.
Sie ging in die Hocke.
„Na, Kleiner“, sagte sie leise. „Du bist ja immer noch hier.“
Immer noch hier.
Das hieß, sie hatte mich schon vorher gesehen.
Sie öffnete eine kleine Dose Futter. Der Geruch traf mich so stark, dass mir fast die Beine nachgaben.
Fisch.
Weiches, feuchtes, sicheres Futter.
Ich machte einen Schritt.
Dann blieb ich stehen.
Wenn ich fraß, würde mein Frauchen dann denken, dass ich sie nicht mehr brauchte?
Die Frau schob die Dose ein Stück näher.
„Ich heiße Karin“, sagte sie. „Ich tue dir nichts.“
Ich wollte ihr glauben.
Wirklich.
Aber als ihre Hand sich bewegte, wurde die ganze Welt plötzlich laut. Reifen. Wind. Das Zuschlagen der Autotür in meinem Kopf.
Ich fauchte.
Karin blieb sofort stehen.
Dann versuchte sie es noch einmal. Langsamer.
Ich kratzte sie.
Nicht nur ein bisschen. Ich spürte, wie meine Krallen ihre Haut erwischten. Sie gab einen kleinen Laut von sich, aber sie schrie nicht. Sie schlug nicht nach mir.
Sie flüsterte nur: „Ich weiß. Ich weiß, mein Kleiner.“
Als sie mich in ihre Jacke wickelte, geriet ich völlig außer mir.
Ich schrie.
Ich wand mich.
Ich biss ihr in die Hand.
Ich wollte nicht böse sein.
Ich wollte bleiben.
Ich wollte ihr sagen, dass mein Frauchen zurückkommen würde und dass ich genau hier sein musste, wenn sie kam.
Karin hielt mich trotzdem fest an ihrer Brust. Ihr Herz schlug schnell.
„Es tut mir leid“, sagte sie. „Aber ich lasse dich nicht an dieser Straße.“
Ihr Zuhause war klein und ruhig. Es roch nach Kaffee, alten Decken und Zitronenreiniger.
Sie setzte mich ins Bad. Dort standen Futter, Wasser, ein weiches Handtuch und ein sauberes Katzenklo.
Ich hasste alles daran.
Ich weinte an der Tür, bis meine Stimme brach. Ich stieß den Wassernapf um. Das erste Futter kam wieder hoch, weil mein Magen leer war und meine Angst größer als mein Körper.
Karin saß lange vor der Badezimmertür.
Sie zwang mich zu nichts.
Sie redete einfach.
Sie erzählte mir, dass sie jetzt allein lebte. Dass das Haus viel zu still geworden war, seit ihr Mann gestorben war. Sie erzählte, dass sie viele Autos an mir hatte vorbeifahren sehen. Manche wurden langsamer. Manche schauten nur kurz.
Dann fuhren sie weiter.
„Ich hätte es fast auch gemacht“, sagte sie leise. „Ich hätte mir fast eingeredet, dass schon jemand anderes anhält.“
Ihre Stimme brach.
„Aber niemand hat angehalten.“
In dieser Nacht schlief ich unter dem Waschbecken.
Am Morgen lag mein blaues Handtuch neben mir.
Karin hatte es von der Straße mitgebracht.
Ich roch daran, und etwas in mir ging kaputt.
Sie hatte mich meinem Frauchen nicht weggenommen.
Sie hatte das Einzige mitgebracht, was mir von meinem alten Leben geblieben war.
Drei Tage lang fraß ich nur, wenn Karin wegsah.
Fünf Tage lang rannte ich jedes Mal weg, wenn draußen ein Auto vorbeifuhr.
Eine ganze Woche saß ich abends am Fenster und starrte auf die Straße, als wäre mein Herz daran festgebunden.
Dann kam Karin eines Abends mit Staub an den Schuhen nach Hause.
Straßenstaub.
Derselbe Geruch wie an dem Ort, an dem ich gewartet hatte.
Sie setzte sich auf den Boden und hielt mir ihre Hand hin.
„Ich war noch mal dort“, sagte sie. „Ich habe nachgesehen, mein Kleiner. Niemand ist gekommen.“
Ich verstand ihre Stimme besser als ihre Worte.
Niemand ist gekommen.
Langsam ging ich zu ihrer Hand.
Meine Beine waren noch dünn. Mein Fell roch noch ein wenig nach Angst. Aber ich senkte den Kopf und berührte ihre Finger.
Da weinte Karin.
Ganz leise, damit sie mich nicht erschreckte.
Ich erinnerte mich immer noch an mein Frauchen.
An ihr Lachen.
An unser Sofa.
An ihre Hand auf meinem Kopf.
Liebe verschwindet nicht einfach, nur weil jemand einen zurücklässt.
Aber in dieser Nacht, als Karin die Lampe ausschaltete und das kleine Haus still wurde, kletterte ich neben sie aufs Sofa.
Nicht, weil ich vergessen hatte.
Sondern weil ich müde war, auf ein Auto zu warten, das nie zurückkam.
Und zum ersten Mal seit zwei Tagen, dann drei, dann sieben…
blieb ich bei dem Menschen, der angehalten hatte.
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