In der Nacht, in der ich endlich auf Karins Sofa blieb, hörte ich draußen wieder ein Auto langsamer werden.
Mein ganzer Körper wurde hart.
Die Pfoten unter mir.
Der Rücken.
Sogar mein Atem.
Ich lag neben Karin, eingewickelt in den alten Geruch ihres Sofas und in den leisen Klang ihres Schlafs. Ihre Hand ruhte nicht auf mir. Sie lag nur neben mir auf der Decke, offen, still, als würde sie sagen:
Du musst nichts.
Aber das Auto draußen rollte langsam an unserem Haus vorbei.
Zu langsam.
Für einen Moment war ich wieder am Straßengraben.
Nasses Gras.
Licht.
Laster.
Mein blaues Handtuch unter mir.
Ich sprang vom Sofa, bevor ich wusste, dass ich sprang.
Meine Krallen rutschten über den Holzboden. Ich rannte zum Fenster und drückte meinen Kopf zwischen Vorhang und Scheibe.
Draußen war nur eine dunkle Straße.
Ein Briefkasten.
Ein kahler Busch.
Und Rücklichter, die kleiner wurden.
Karin wachte auf.
„Kleiner?“
Ihre Stimme war rau vom Schlaf.
Ich miaute nicht.
Ich starrte nur.
Denn ein Teil von mir hoffte immer noch, dass das Auto umdrehen würde.
Karin stand langsam auf. Nicht hastig. Nicht laut.
Sie setzte sich neben mich auf den Boden, obwohl ihr Knie dabei knackte.
„Du musst nicht mehr draußen warten“, flüsterte sie.
Ich sah sie nicht an.
Ich konnte nicht.
Wenn ich sie ansah, fühlte es sich an, als würde ich jemanden verraten.
Also blieb ich am Fenster, bis der Morgen hell wurde.
Karin blieb neben mir.
Nicht die ganze Zeit wach.
Manchmal nickte sie ein, den Rücken gegen die Wand gelehnt, eine alte Strickjacke über den Schultern. Aber jedes Mal, wenn ich mich bewegte, öffnete sie die Augen.
Als würde sie auf mich aufpassen.
So, wie ich vorher auf ein Auto aufgepasst hatte.
Am nächsten Tag stellte sie mein Futter nicht ins Bad.
Sie stellte es in die Küche.
Nicht weit vom Fenster weg.
„Nur, wenn du möchtest“, sagte sie.
Ich wollte nicht.
Dann wollte ich doch.
Ich schlich hin, fraß drei Bissen und rannte zurück unter den Stuhl.
Karin tat so, als hätte sie es nicht gesehen.
Das war ihre Art.
Sie machte aus kleinen Dingen keine großen.
Wenn ich fraß, sagte sie nicht: „Na endlich.“
Wenn ich mich näherte, griff sie nicht nach mir.
Wenn ich wieder weglief, seufzte sie nicht so, dass es wehtat.
Sie ließ die Tür offen.
Immer.
Das Bad.
Die Küche.
Das Wohnzimmer.
Nur die Haustür blieb geschlossen.
Am dritten Morgen holte sie einen kleinen Korb aus der Abstellkammer. Innen lag mein blaues Handtuch.
Ich sah sofort hin.
Mein Herz machte diesen alten Sprung.
Karin bemerkte es.
„Ich muss mit dir zur Tierärztin“, sagte sie leise. „Nur nachsehen lassen. Ich verspreche dir, ich bringe dich wieder nach Hause.“
Nach Hause.
Sie sagte dieses Wort so vorsichtig, als wäre es aus Glas.
Ich ging nicht in den Korb.
Natürlich nicht.
Ich fauchte ihn an.
Ich schlug mit der Pfote danach.
Ich versteckte mich hinter der Waschmaschine, wo es nach Staub und altem Weichspüler roch.
Karin setzte sich auf den Küchenboden.
„Ich weiß“, sagte sie. „Körbe sind schlimm.“
Dann erzählte sie mir von ihrem Mann.
Nicht alles.
Nur kleine Stücke.
Dass er früher immer gesagt hatte, jedes Tier im Haus brauche einen eigenen Stuhl.
Dass er meine Vorgängerin geliebt hatte, eine alte getigerte Katze mit krummen Ohren.
Dass nach ihrem Tod der Napf noch drei Wochen in der Ecke gestanden hatte, weil Karin ihn nicht wegräumen konnte.
Ich verstand nicht jedes Wort.
Aber ich verstand die Pause danach.
Diese Pause kannte ich.
Sie klingt bei Menschen anders als bei Katzen, aber sie ist gleich.
Etwas fehlt.
Und keiner weiß, wohin mit den Händen.
Irgendwann kam ich hinter der Waschmaschine hervor.
Nicht wegen des Korbs.
Wegen Karin.
Sie sah so klein aus auf dem Küchenboden.
Ich ging drei Schritte.
Dann noch einen.
Der Korb stand offen.
Mein blaues Handtuch lag darin.
Ich stieg nicht hinein, weil ich mutig war.
Ich stieg hinein, weil das Handtuch roch wie früher.
Und weil Karins Stimme roch wie jetzt.
Die Fahrt war schlimm.
Ich will nichts beschönigen.
Das Auto brummte unter mir, und jeder Blinker klang wie eine Warnung. Ich presste mich flach in den Korb und schrie, bis Karin an einer roten Ampel anfing zu weinen.
„Ich weiß“, sagte sie immer wieder. „Ich weiß, mein Kleiner. Gleich sind wir da.“
In der Praxis war es hell.
Zu hell.
Es roch nach Hunden, Desinfektionsmittel und fremder Angst.
Eine ältere Tierärztin mit ruhigen Händen untersuchte mich.
Sie sagte, ich sei zu dünn.
Dehydriert gewesen.
Meine Krallen eingerissen.
Mein Fell voll kleiner Dornen.
„Er hat Glück gehabt“, sagte sie.
Karin hielt den Rand des Korbs so fest, dass ihre Finger weiß wurden.
„Er hat gewartet“, antwortete sie.
Die Tierärztin sah Karin einen Moment lang an.
Dann mich.
„Dann wartet er jetzt hoffentlich nicht mehr allein.“
Sie suchte nach einem Chip.
Es gab keinen.
Sie sah in meine Ohren, hörte mein Herz ab und gab Karin ein kleines Tütchen Futter mit.
„Viel Ruhe“, sagte sie. „Geduld. Keine schnellen Erwartungen.“
Karin lachte kurz.
Nicht fröhlich.
Eher müde.
„Das kann ich.“
Auf dem Heimweg schrie ich weniger.
Nicht gar nicht.
Aber weniger.
Als Karin die Haustür aufschloss, roch ich es sofort.
Kaffee.
Zitronenreiniger.
Alte Decken.
Unser stilles Haus.
Ich sprang aus dem Korb und rannte nicht ins Bad.
Ich rannte ins Wohnzimmer.
Zum Fenster.
Karin blieb in der Tür stehen.
„Du bist zurückgekommen“, sagte sie.
Ich verstand ihre Worte nicht ganz.
Aber ich verstand, was sie meinte.
Ich war weggefahren.
Und ich war wieder hier.
Vielleicht war das der Anfang von etwas.
In den nächsten Tagen änderte sich wenig.
Und genau das half.
Morgens kochte Karin Kaffee.
Dann stellte sie mir Futter hin.
Dann öffnete sie das Fenster einen Spalt, damit ich die Straße riechen konnte, ohne hinauszumüssen.
Ich saß oft davor.
Manchmal eine Stunde.
Manchmal länger.
Wenn ein Auto langsam fuhr, zuckte ich zusammen.
Wenn eines anhielt, versteckte ich mich.
Einmal parkte ein rotes Auto gegenüber.
Nicht ihr Auto.
Nicht einmal ähnlich.
Trotzdem drückte ich mich hinter den Sessel und blieb dort bis zum Abend.
Karin stellte mir Wasser daneben.
Sie sagte nichts.
Später schob sie mein blaues Handtuch halb unter den Sessel.
Als würde sie sagen:
Auch Verstecke dürfen weich sein.
Am zehnten Tag berührte ich sie zum ersten Mal von selbst.
Nicht mit dem Kopf.
Das wäre zu viel gewesen.
Nur mit der Schwanzspitze.
Sie saß am Tisch und machte ein Kreuzworträtsel. Ihre Brille hing tief auf ihrer Nase, und ihre Lippen bewegten sich leise bei den schweren Wörtern.
Ich ging vorbei.
Meine Schwanzspitze strich an ihrem Bein entlang.
Ganz kurz.
Karin hielt den Stift in der Luft.
Sie atmete nicht.
Dann tat sie so, als wäre nichts passiert.
Ich mochte sie dafür.
Am zwölften Tag gab sie mir einen Namen.
Nicht plötzlich.
Nicht feierlich.
Sie stand vor dem Regal und suchte eine Dose Suppe, während ich auf dem Teppich saß.
„Ich kann dich doch nicht ewig Kleiner nennen“, sagte sie.
Ich sah sie an.
Sie sah mich an.
„Wie wäre es mit Emil?“
Ich blinzelte.
Sie nickte.
„Ja. Emil. Das passt. Ein bisschen altmodisch. Ein bisschen stur.“
Sie lächelte das erste Mal richtig.
„Und irgendwie würdevoll, auch wenn du gerade Futter am Kinn hast.“
Ich putzte mich sofort.
Karin lachte.
Es war kein großes Lachen.
Aber es füllte den Raum.
Ich erschrak nicht davor.
Das war neu.
Von da an war ich Emil.
Manchmal sagte sie es leise, wenn sie durch das Haus ging.
„Emil, wo steckst du?“
„Emil, das ist mein Stuhl.“
„Emil, du kannst nicht auf der Zeitung liegen, solange ich sie lese.“
Ich lag trotzdem darauf.
Nicht aus Bosheit.
Aus Prinzip.
Karin ließ mich.
Sie fing an, wieder lauter zu leben.
Nicht laut im schlimmen Sinn.
Sie summte beim Abwasch.
Sie stellte zwei Tassen auf den Tisch und räumte eine davon wieder weg, aber nicht mehr so schnell.
Sie zog die Vorhänge morgens früher auf.
Einmal sprach sie mit dem Foto auf dem Regal.
„Du hättest ihn gemocht“, sagte sie.
Ich saß neben dem Sofa und sah zu ihr hinauf.
Auf dem Foto war ein Mann mit freundlichen Augen und einer Mütze, die ihm nicht stand.
Karin wischte mit dem Daumen über den Rahmen.
„Er wäre bestimmt dein Diener gewesen.“
Ich wusste nicht, was ein Diener war.
Aber ich mochte den Ton.
Nach drei Wochen kam der erste Besuch.
Ein Nachbar.
Herr Lenz.
Er brachte einen Apfelkuchen, weil Karin früher oft Kuchen mit ihm und seiner Frau geteilt hatte. Seine Frau lebte noch, aber sie konnte nicht mehr gut laufen.
Ich roch seine Schuhe, bevor ich ihn sah.
Fremder Flur.
Nasses Laub.
Hund.
Ich verschwand sofort unter dem Sofa.
Herr Lenz blieb in der Tür stehen.
„Ach“, sagte er. „Da ist er also.“
Karin stellte sich ein wenig vor das Sofa.
Nicht viel.
Nur so, dass ich es merkte.
„Er entscheidet selbst, ob er rauskommt.“
Herr Lenz nickte.
„Natürlich.“
Er setzte sich weit weg.
Er sprach nicht mit hoher Stimme.
Er lockte mich nicht.
Er machte nicht dieses Schnalzgeräusch, das manche Menschen für unwiderstehlich halten.
Er aß Kuchen und erzählte Karin, dass im Ort alle über den Kater von der Bundesstraße sprachen.
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