Der Kater, den alle „zu anhänglich“ fanden, traf endlich den Menschen, der ihn brauchte

Zweimal wurde Kater Mats zurückgebracht, weil er „zu anhänglich“ war, dann kam eine 78-jährige Witwe mit Rollator und fragte genau nach ihm.

„Er ist wirklich ein lieber Kater“, sagte die junge Frau. „Aber wir können das nicht.“

Ihr Freund stellte die Transportbox auf unseren Tresen. Beide hielten den Blick gesenkt.

Drei Tage zuvor hatten sie Mats bei uns abgeholt.

Jetzt brachten sie ihn zurück.

Ich arbeite seit vielen Jahren in einem kleinen Tierheim am Rand von Kassel. Rückgaben gehören leider dazu. Allergien. Umzüge. Krankheiten. Familien, die merken, dass ihr Alltag doch nicht zu einem Tier passt.

Aber diese Begründung hörte ich nicht oft.

„Er hängt ständig an uns“, sagte der Mann.

„Wie meinen Sie das?“

Er atmete schwer aus.

Mats folgte ihnen in jedes Zimmer.

Wenn einer in die Küche ging, lief Mats hinterher. Wenn jemand ins Bad ging und die Tür schloss, setzte er sich davor und miaute.

Nicht einmal kurz.

Er blieb dort.

Er rief so lange, bis die Tür wieder aufging.

Nachts hatten sie versucht, ihn in einem eigenen Zimmer schlafen zu lassen. Dort standen sein Futter, Wasser, ein Katzenklo und ein weiches Körbchen.

Doch sobald die Tür ins Schloss fiel, geriet Mats in Panik.

Er kratzte.

Er miaute.

Er warf sich nicht aggressiv gegen die Tür, aber er gab einfach nicht auf.

„Stundenlang“, sagte der Mann. „Wir haben kaum geschlafen.“

Die Frau strich sich nervös über den Ärmel.

„Wir wollten wirklich, dass es klappt.“

Ich glaubte ihr.

Sie wirkten nicht herzlos.

Sie wirkten erschöpft.

Also öffnete ich die Transportbox.

Mats fauchte nicht.

Er schlug nicht nach meiner Hand.

Er machte überhaupt nichts.

Er saß ganz hinten auf der zusammengeknüllten Decke und schaute auf den Boden.

Das war fast schlimmer.

Ich kannte Mats schon einige Monate.

Er war etwa sechs Jahre alt, grau getigert, mit einem weißen Fleck auf der Brust und einem Gesicht, das immer ein bisschen ernst wirkte.

Bei uns war er nie schwierig gewesen.

Nur auffallend menschenbezogen.

Wenn ich morgens an seinem Gehege vorbeiging, stand er sofort auf.

Wenn ich mich hinkniete, kam er nach vorne.

Wenn jemand neben ihm saß, blieb er entspannt.

Wenn alle gingen, wurde er unruhig.

Ich setzte mich vor die Box.

„Komm, Mats.“

Er hob langsam den Kopf.

Dann kam er heraus und drückte seine Stirn gegen meine Hand.

So einfach war das.

Er wollte keinen Streit.

Er wollte Nähe.

Wir brachten ihn zurück in sein Gehege.

An diesem Nachmittag lag Mats direkt an der Tür und beobachtete jeden Menschen, der durch den Gang lief.

Immer derselbe Blick.

Bleibst du?

Oder gehst du auch?

Eine Woche später kam eine Familie zu uns.

Mutter, Vater, zwei Jugendliche.

Sie suchten ausdrücklich einen verschmusten Kater.

„Keinen, der den ganzen Tag unter dem Sofa liegt“, sagte die Mutter lachend. „Wir hätten gern einen richtigen Familienkater.“

Ich dachte sofort an Mats.

Als ich die Tür öffnete, lief er ohne Zögern zu ihr und rieb den Kopf an ihrer Hand.

Die Frau lachte.

„Der ist ja perfekt.“

Ich wollte es glauben.

Sie nahmen Mats mit.

Sieben Tage später stand dieselbe Familie wieder vor mir.

Mit derselben Transportbox.

Mein Magen zog sich zusammen.

Der Vater sprach diesmal zuerst.

„Wir haben es wirklich versucht.“

Ich sagte nichts.

„Er kann nicht allein sein“, fuhr er fort. „Nicht mal fünf Minuten.“

Mats folgte ihnen bis zur Haustür.

Er saß vor dem Badezimmer.

Er miaute, wenn jemand kurz auf den Balkon ging.

Wenn der Vater morgens den Müll hinunterbrachte, wartete Mats laut rufend hinter der Wohnungstür.

„Es ist, als müsste er ständig kontrollieren, ob wir noch da sind“, sagte die Mutter.

Das traf es ziemlich genau.

Mats zerstörte nichts.

Er biss nicht.

Er markierte nicht in der Wohnung.

Er sprang nicht auf Menschen los.

Er hatte nur Angst davor, dass Nähe plötzlich verschwinden konnte.

Nach seiner zweiten Rückkehr veränderte sich etwas.

Nicht dramatisch.

Er fraß.

Er putzte sich.

Er benutzte sein Katzenklo.

Wenn man ihn streichelte, drückte er noch immer den Rücken gegen die Hand.

Aber er kam nicht mehr sofort nach vorne.

Er saß jetzt oft etwas weiter hinten.

Als hätte er gelernt, dass Hoffnung anstrengend sein kann.

Ich weiß noch, wie ich eines Abends vor seinem Gehege hockte.

„Du bist nicht falsch“, murmelte ich.

Mats sah mich nur an.

Natürlich verstand er meine Worte nicht.

Aber vielleicht meine Stimme.

Drei Tage später kam Ingrid.

Sie war 78 und bewegte sich mit einem Rollator langsam durch unseren Eingangsbereich.

An einem der Räder quietschte etwas.

Sie trug eine dunkelblaue Strickjacke, bequeme Schuhe und hatte ihr silbergraues Haar ordentlich zurückgekämmt.

Sie sah nicht aus, als hätte sie irgendeine Vorstellung davon, welche Farbe ihre Katze haben sollte.

Und tatsächlich fragte sie weder nach jungen Katzen noch nach besonders hübschen.

Ihre erste Frage war:

„Haben Sie eine Katze, die gern bei einem Menschen ist?“

Ich sah sie wahrscheinlich etwas zu lange an.

„Wie meinen Sie das?“

Ingrid legte beide Hände auf den Griff ihres Rollators.

„Eine, die Nähe mag.“

Sie schwieg kurz.

Dann sagte sie:

„Bei mir zu Hause ist es still.“

Ich nickte.

„Aber nicht schön still“, fügte sie hinzu. „Leer still.“

Da verstand ich.

Ihr Mann, Karl-Heinz, war knapp ein Jahr zuvor gestorben.

Mehr als fünfzig Jahre waren sie verheiratet gewesen.

Seitdem lebte Ingrid allein in ihrer kleinen Wohnung.

Morgens machte sie Kaffee für eine Person.

Mittags deckte sie nur noch einen Platz.

Abends lief manchmal der Fernseher, obwohl sie gar nicht hinsah.

„Ich brauche keine Katze, die mich ignoriert“, sagte sie. „Ich hätte gern eine, die merkt, dass ich da bin.“

Ich dachte sofort an Mats.

Wir gingen gemeinsam den Gang entlang.

Bei einigen Gehegen blieb Ingrid stehen.

Eine junge Katze spielte mit einem Stoffball.

Ein schwarzer Kater schlief tief und fest.

Zwei andere beobachteten uns aus sicherer Entfernung.

Dann kamen wir zu Mats.

Er saß nicht ganz hinten.

Aber auch nicht vorne.

Ingrid blieb stehen.

Mats hob den Kopf.

Sie beugte sich so weit hinunter, wie es mit ihrem Rollator möglich war, und hielt zwei Finger an das Gitter.

Mats kam langsam näher.

Er schnupperte.

Dann rieb er seine Wange an ihren Fingern.

Einmal.

Noch einmal.

Ingrid lächelte.

Ihre Augen wurden feucht.

„Hallo, mein Junge“, flüsterte sie.

Wir gingen mit Mats in unseren kleinen Besuchsraum.

Ich erwartete, dass er zunächst herumlaufen würde.

Doch Mats marschierte direkt zu Ingrid.

Er strich um ihre Beine.

Dann setzte sie sich auf einen Stuhl.

Mats sprang vorsichtig neben sie.

Er wartete einen Moment.

Dann kletterte er auf ihren Schoß.

Nicht hektisch.

Nicht fordernd.

Er rollte sich einfach zusammen.

Ingrid legte eine Hand auf seinen Rücken.

Lange sagte sie nichts.

Mats begann zu schnurren.

Schließlich flüsterte sie:

„Genau das habe ich vermisst.“

Ich tat so, als würde ich etwas auf meinem Formular lesen.

Manchmal muss man Menschen ein bisschen Privatsphäre lassen, auch wenn man nur zwei Meter entfernt sitzt.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.

Nach oben scrollen