Der kleine Junge bat den Pharmachef um Hilfe – dann sah dieser die nasse Medikamentenschachtel

Am nächsten Morgen glänzte die Sonne an den Glaswänden des Konzerns.

Im Sitzungssaal standen Kaffee, Mineralwasser und silberne Kannen bereit. Auf den Bildschirmen stiegen Kurven nach oben.

Die Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit schob ihm eine Mappe hin.

„Es gibt Gerüchte über die Nacht. Wir könnten daraus eine starke Geschichte machen. Ein nahbarer Vorstandsvorsitzender hilft einer kranken Mutter.“

Konrad schob die Mappe zurück.

„Nein.“

Er sah den Finanzchef an.

„Ich will echte Zahlen. Wie viele Patienten halbieren Neurovalen eigenmächtig? Wie viele Anträge lehnen wir ab? Wie viele Menschen unterbrechen die Therapie, weil eine Kasse prüft oder ein Formular fehlt?“

Der Finanzchef räusperte sich.

„Diese Daten gehören nicht in die Quartalssitzung.“

Konrad beugte sich vor.

„Dann ist vielleicht unsere Strategie darauf ausgelegt, die Menschen nicht zu sehen, die sie verletzt.“

Unruhe ging durch den Raum.

Der Aufsichtsratsvorsitzende, ein 68-jähriger Mann mit silbergrauem Haar, hob die Hand.

„Wir sind hier nicht die Bösewichte“, sagte er. „Das Mittel behandelt eine seltene Krankheit. Die Forschung war teuer. Wenn Sie die Einnahmen zerstören, gefährden Sie künftige Therapien.“

Niemand im Raum lag völlig falsch.

Und trotzdem wurden draußen Menschen zermahlen.

Konrad dachte an die gelben und roten Klammern am Kühlschrank.

„Ich senke heute nicht den Grundpreis“, sagte er. „Aber ich ändere den Zugang.“

Er zählte an den Fingern ab.

„Der Antrag wird von dreiunddreißig Seiten auf drei gekürzt. Fehlende Nachweise dürfen nachgereicht werden. Bei laufender Prüfung liefern wir eine kostenlose Übergangsdosis.“

Der Finanzchef schnaubte.

Konrad fuhr fort.

„Für schwankende Einkommen gibt es eine feste Obergrenze. Und jedes Quartal veröffentlichen wir einen unabhängigen Bericht über Therapieabbrüche und Ablehnungen.“

„Wer bezahlt die Einführung?“, fragte jemand.

„Wir.“

Konrad sah in die Runde.

„Der Bonuspool der Führungsebene wird gekürzt.“

Die Stille war beinahe körperlich.

Der Aufsichtsratsvorsitzende stand auf.

„Wenn Sie das durchsetzen, stimmen wir über Ihre Abberufung ab.“

Der Stuhl an der Spitze des Tisches war Konrads Erbe.

Sein Vater hatte den Konzern aus einem kleinen Betrieb aufgebaut. In Konrads Kindheit war die Firma ständig mit am Esstisch gewesen.

Sein Vater hatte ihm beigebracht, dass ein Mann seine Verantwortung nicht abgibt.

Aber vielleicht hatte Konrad Verantwortung immer mit Macht verwechselt.

Er knöpfte sein Jackett zu.

„Dann stimmen Sie ab.“

Er wandte sich an die Rechtsabteilung.

„Die neue Regelung liegt bis Mittag auf meinem Tisch.“

Als er den Sitzungssaal verließ, kam seine Assistentin auf ihn zu.

Ihr Gesicht war bleich.

„Das Video aus der Apotheke ist im Netz.“

Konrad blieb stehen.

„Ich habe gesagt, dass nichts veröffentlicht wird.“

„Es kommt nicht von uns.“

Sie reichte ihm das Tablet.

Das Video war geschnitten.

Man sah Konrad auf den Knien vor Miriam. Dann, in einer anderen Szene, wie er die Kreditkarte über den Tresen schob.

Darüber stand: Pharmachef will kranke Mutter kaufen.

Der Ton fehlte.

Respekt war in Demütigung verwandelt worden.

In der Wäscherei liefen die großen Maschinen.

Miriam kam zur Nachtschicht und sah drei Kolleginnen hinter dem Faltetisch über ein Telefon gebeugt.

Als sie aufsahen, lag Mitleid in ihren Gesichtern.

Bei einer auch Misstrauen.

Miriam blickte auf den Bildschirm.

Sie war nicht mehr Laborantin, Mutter oder Patientin.

Sie war nur noch „die kranke Frau“ in der Geschichte eines reichen Mannes.

Sie ging durch die Hintertür in den Hof und rief Konrad an.

Er nahm sofort ab.

„Sie haben versprochen, dass es keine Geschichte gibt.“

„Ich habe das nicht veröffentlicht.“

„Männer wie Sie müssen Geschichten nicht veröffentlichen“, sagte Miriam. „Andere bauen sie um Sie herum.“

Dann legte sie auf.

Im Konzern zeigte die Medienleiterin auf eine Wand voller Schlagzeilen.

„Wir können das drehen. Sie gehen ins Fernsehen. Sie sprechen über Mitgefühl und Verantwortung. Vielleicht sitzt Frau Seidel neben Ihnen.“

Konrad sah das angehaltene Bild.

Miriam wich darauf vor einer Kamera zurück.

Da verstand er, dass auch öffentlich ausgestelltes Mitgefühl eine Form von Ausbeutung sein konnte.

„Nein.“

„Das ist eine einmalige Gelegenheit.“

„Lassen Sie alle Aufnahmen mit dem Gesicht des Jungen entfernen. Keine Namen. Keine Adresse. Keine Einladung. Keine Pressemitteilung über diese Frau.“

Seine Stimme wurde leise.

„Und wer ihren Namen für Werbung benutzt, kann seine Sachen packen.“

Am Abend warteten Reporter vor der Wäscherei.

Blitze zuckten, als Miriam herauskam.

„Hat er Sie bezahlt?“

„Gab es eine Schweigevereinbarung?“

„Werden Sie vom Konzern unter Druck gesetzt?“

Miriam wich zurück, bis die Mauer hinter ihr war.

Dann kam Konrad in den Hof.

Er stellte sich nicht heldenhaft vor sie.

Er trat seitlich, zog die Reporter zu sich und ließ zwischen ihnen und der Tür einen freien Weg.

Eine Möglichkeit zu gehen.

Ein Mikrofon wurde ihm entgegengestreckt.

„Haben Sie diese Frau bezahlt, damit sie schweigt?“

„Nein.“

Die Reporter warteten.

„Sie hat mein Geld abgelehnt“, sagte Konrad. „Und sie hatte recht damit.“

Der Hof wurde still.

„Die Frage ist nicht, ob ich einer Frau vor einer Apotheke geholfen habe. Die Frage ist, warum sie dort überhaupt Hilfe brauchte.“

Miriam blieb an der Tür stehen.

Zum ersten Mal sah sie keinen Mann, der eine Gewinnspanne verteidigte.

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