Beim Blind Date hielt sie ihn für einen mittellosen Eigenbrötler – bis sein Gesicht im Fernsehen erschien und ihre größte Angst zurückkehrte
„Der Mantel hat bessere Jahre gesehen“, flüsterte meine Mutter, als der fremde Mann am Fenster des kleinen Cafés aufstand.
Ich warf ihr einen warnenden Blick zu. Sie saß zwei Tische weiter, angeblich nur, weil sie „zufällig noch ein Stück Käsekuchen“ wollte.
Der Mann hatte graues Haar, das an den Schläfen feucht war, abgetragene Schuhe und einen braunen Papierbeutel unter dem Arm. Keine teure Uhr. Kein glattes Auftreten. Nicht einmal einen Regenschirm, obwohl draußen der Himmel über Freiburg dunkel wurde.
Er sah mich an und lächelte vorsichtig.
„Sabine?“
Ich nickte.
„Und Sie sind Martin.“
„So steht es jedenfalls in der Nachricht Ihrer Mutter.“
Meine Mutter tat plötzlich sehr beschäftigt mit ihrer Kuchengabel.
Ich war zweiundfünfzig Jahre alt, Deutschlehrerin an einer Gesamtschule und längst aus dem Alter heraus, in dem eine Mutter Blind Dates organisieren sollte. Doch Helga hatte darauf bestanden.
„Nur ein Kaffee“, hatte sie gesagt. „Du musst ihn ja nicht gleich heiraten.“
Das Wort heiraten hatte mir gereicht, um beinahe abzusagen.
Drei Jahre zuvor war mein Verlobter Ralf zwei Wochen vor unserer Hochzeit verschwunden. Nicht mit einer anderen Frau, wie ich zuerst gedacht hatte. Das wäre beinahe einfacher gewesen.
Er hatte Schulden, ein geheimes Konto und meinen Namen für mehrere Verträge benutzt. Während ich Einladungskarten beschriftete, räumte er bereits seine Wohnung leer.
Seitdem wusste ich, dass gepflegte Hemden, feste Händedrucke und große Versprechen nichts bedeuteten.
Vielleicht war deshalb Martins alter Mantel kein Nachteil.
Vielleicht war er sogar beruhigend.
Wir setzten uns an einen Tisch am Fenster. Zwischen uns stand eine kleine Vase mit einer einzelnen Nelke, deren Blütenblätter schon an den Rändern braun wurden.
„Kaffee?“, fragte er.
„Kamillentee.“
„Freiwillig?“
„Seit dreißig Jahren.“
Er hob anerkennend die Augenbrauen.
„Dann müssen Sie sehr geduldig sein.“
„Ich unterrichte Jugendliche. Geduld ist keine Tugend mehr. Es ist eine Überlebensstrategie.“
Zum ersten Mal lachte er. Nicht laut, nicht aufgesetzt. Es war dieses kurze, warme Lachen eines Menschen, der nichts beweisen wollte.
Er bestellte schwarzen Kaffee und ein Rosinenbrötchen.
Als die Bedienung den Teller brachte, teilte er das Brötchen in zwei Hälften. Eine Hälfte schob er zurück in den Papierbeutel.
„Für später?“, fragte ich.
Er deutete zum Fenster.
Draußen saß ein alter Mischlingshund unter der Bank. Das Fell war stumpf, eine Vorderpfote hielt er leicht angehoben. Er gehörte einem wohnungslosen Mann, der häufig vor der Buchhandlung gegenüber saß.
Martin ging zur Tür, kniete sich hin und legte das Brötchen vor den Hund. Danach gab er dem Besitzer seinen Kaffee und bestellte sich selbst einen neuen.
Er sagte kein Wort darüber.
Als er wieder am Tisch saß, sah ich ihn genauer an. Sein Hemd war sauber, aber an einem Ärmel fehlte ein Knopf. Seine Hände waren rau. Am rechten Daumen verlief eine feine Narbe.
„Was machen Sie beruflich?“, fragte ich.
Er blies über den Kaffee.
„Ich arbeite im Bildungsbereich.“
„Lehrer?“
„Nein. Mehr im Hintergrund. Finanzierung, Schulprojekte, Verwaltung.“
„Klingt geheimnisvoll.“
„Klingt langweiliger, als es ist.“
Ich wartete auf den Satz, den Männer früher oder später sagten.
Ob ich nicht an eine Privatschule wechseln wolle. Ob sich mein Beruf finanziell überhaupt lohne. Ob ich mit zweiundfünfzig wirklich noch so viel Energie in fremde Kinder stecken müsse.
Martin fragte stattdessen: „Unterrichten Sie gern?“
„Meistens.“
„Dann ist es vermutlich das Richtige.“
„So einfach ist das nicht.“
„Die wichtigen Dinge sind oft einfach. Nur selten leicht.“
Ich sah ihn an.
Ralf hatte ständig von Erfolg gesprochen. Von Eigentumswohnungen, Renditen und Bekannten, die „es geschafft hatten“. Martin trug einen Mantel, dessen Taschen an den Kanten ausfransten, und sprach über Arbeit, als dürfe sie auch einen Sinn haben.
Wir redeten fast zwei Stunden.
Über Bücher, die man mit zwanzig liebt und mit fünfzig nicht mehr erträgt. Über unsere Eltern. Über den Geruch alter Klassenzimmer. Über Sonntage, an denen früher die Geschäfte geschlossen waren und man sich noch gegenseitig besuchte, statt Nachrichten zu schicken.
Martin fragte nicht nach meinem fehlenden Ehering.
Er fragte nicht, warum meine Mutter bei mir wohnte.
Er fragte auch nicht, warum ich manchmal mitten im Satz verstummte, sobald es persönlich wurde.
Als wir aufstanden, sagte er nur: „Es war schön, Sie kennenzulernen. Ich hoffe, der Rest Ihres Tages bleibt ruhig.“
Kein Versuch, mich zu umarmen. Keine Forderung nach einem zweiten Treffen. Keine einstudierte Schmeichelei.
Auf dem Heimweg erwischte ich mich dabei, wie ich lächelte.
Meine Mutter lief neben mir und tat fünf Minuten lang so, als hätte sie nichts bemerkt.
Dann sagte sie: „Der Mantel ist wirklich schlimm.“
„Mama.“
„Aber die Augen sind anständig.“
„Seit wann erkennt man Anstand an den Augen?“
„Seit man alt genug ist, um sich nicht mehr von Zähnen blenden zu lassen.“
In den folgenden Wochen begegnete ich Martin immer wieder im Café Lindenblatt.
Manchmal saß er bereits dort, wenn ich kam. Manchmal erschien er erst später mit einem gebrauchten Buch unter dem Arm. Er schrieb in ein abgegriffenes Notizheft, dessen Einband mit Klebeband zusammengehalten wurde.
Zuerst hielt ich es für Zufall.
Beim fünften Mal fragte ich: „Verfolgen Sie mich?“
Er schaute über den Rand seines Buches.
„Ich war zuerst hier.“
„Das ist keine Antwort.“
„Dann lautet die Antwort: nur an Tagen, die mit einem Buchstaben enden.“
Ich musste lachen.
Bald saßen wir nicht mehr an getrennten Tischen.
Er trank seinen Kaffee schwarz. Ich blieb beim Kamillentee. Manchmal tauschten wir Bücher, manchmal schwiegen wir eine Stunde lang, ohne dass es sich unangenehm anfühlte.
Eines Nachmittags platzte eine Regenfront über der Innenstadt. Mein Schirm knickte beim ersten Windstoß um, und der Bus hatte zwanzig Minuten Verspätung.
Martin stand plötzlich hinter mir.
„Sie sehen aus, als könnten Sie ein kleines Wunder gebrauchen.“
Er hielt mir seinen Schirm hin.
„Und Sie?“
„Ich bin nicht aus Zucker.“
„Sie sind fast sechzig.“
„Achtundfünfzig. Das ist ein bedeutender Unterschied.“
Bevor ich widersprechen konnte, drückte er mir den Schirm in die Hand und ging durch den Regen davon. Als ich ihm nachsah, klebte sein Mantel schon nach wenigen Metern am Rücken.
Zwei Tage später war die lockere Latte im Gartenzaun meiner Mutter repariert.
Seit Monaten hatte Helga mich gebeten, einen Handwerker zu rufen. Ich hatte es immer wieder vergessen.
Im Briefkasten lag ein Zettel.
„Schrauben ersetzt. Der Zaun hält noch ein paar Jahre. Die Rosen bitte trotzdem zurückschneiden.“
Keine Unterschrift.
Als ich Martin darauf ansprach, hob er die Schultern.
„Ich war in der Nähe.“
„Sie wohnen am anderen Ende der Stadt.“
„Dann war die Nähe etwas großzügiger ausgelegt.“
Meine Mutter mochte ihn von diesem Moment an.
Nicht wegen des Zauns, wie sie behauptete. Sondern weil er vor dem Bohren gefragt hatte, ob hinter der Latte ein Vogelnest sei.
An unserer Schule lief im Herbst eine Büchersammlung. Viele Kinder bei uns hatten zu Hause kaum eigene Bücher. Einige teilten sich mit Geschwistern sogar einen Schreibtisch.
Ich erwähnte die Aktion beiläufig.
Am Samstag erschien Martin in Jeans, kariertem Hemd und mit vier schweren Kartons.
„Gebrauchte Bücher“, sagte er. „Aber keine kaputten.“
Er trug Kisten, sortierte Romane und setzte sich später zu Cem, einem stillen Jungen aus meiner siebten Klasse, der seit einer Stunde vor demselben Regal stand.
„Du musst nicht das dickste nehmen“, hörte ich Martin sagen. „Das beste Buch ist das, das du wirklich aufschlägst.“
Cem entschied sich für einen schmalen Abenteuerroman.
Als Martin gehen wollte, steckte der Junge ihm einen Zettel zu. Darauf stand nur: „Danke, dass Sie mich nicht ausgelacht haben.“
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