Beim Blind Date hielt sie ihn für mittellos – dann erschien sein wahres Gesicht im Fernsehen

Martin faltete ihn sorgfältig und legte ihn in sein Notizbuch.

Eine Kollegin stieß mich mit dem Ellenbogen an.

„Wer ist das?“

„Ein Bekannter.“

„Der Bekannte sieht dich an, als wärst du der letzte warme Platz im Winter.“

„Übertreib nicht.“

„Und du siehst aus, als würdest du hoffen, dass er sich setzt.“

Ich antwortete nicht.

Zu Hause dachte ich an die kleinen Dinge.

Den Schirm. Den Zaun. Die Bücher. Den Kaffee für den Mann vor der Buchhandlung.

Es waren keine großen Gesten. Kein Schmuck, keine Wochenendreise, kein Strauß mit einer Karte voller Versprechen.

Aber Martin war da.

In meinem Alter wusste ich, dass Anwesenheit oft wertvoller war als Leidenschaft. Leidenschaft konnte verschwinden, sobald es unbequem wurde. Anwesenheit zeigte sich, wenn jemand eine lockere Schraube bemerkte und blieb, bis der Zaun wieder stand.

Als ich im November mit Fieber im Bett lag, rief Martin zum ersten Mal an.

„Sie klangen gestern heiser.“

„Ich bin erkältet.“

„Haben Sie etwas gegessen?“

„Ich bin zweiundfünfzig, Martin.“

„Das war keine Altersfrage.“

Eine halbe Stunde später klingelte es.

Er stand vor der Tür, in einer Hand eine Thermoskanne, in der anderen eine Tüte aus der Apotheke.

„Kartoffelsuppe“, sagte er. „Meine Mutter hielt sie für ein Heilmittel gegen alles. Einschließlich schlechter Laune.“

Mein Haar war ungewaschen, die Nase rot, der alte Bademantel voller Hundehaare. Basko, mein neunjähriger Labrador, stand neben mir und wedelte so heftig, als sei ein verlorener Sohn heimgekehrt.

Martin verzog keine Miene.

Er stellte die Suppe in die Küche, füllte eine Schale und legte mir eine Decke über die Beine. Als er meine Stirn berühren wollte, zuckte ich zurück.

Sofort nahm er die Hand weg.

„Entschuldigung.“

„Nein. Ich … ich bin nur nicht daran gewöhnt.“

Er nickte, ohne eine Erklärung zu verlangen.

„Ich sitze draußen auf der Bank. Falls Ihnen schwindelig wird, rufen Sie.“

„Sie müssen nicht warten.“

„Ich weiß.“

Er wartete trotzdem.

Eine Stunde später sah ich durch das Fenster, wie er auf der Bank eingenickt war. Basko lag mit dem Kopf auf seinem Schuh.

Ich kochte Ingwertee, zog meinen Mantel über den Bademantel und setzte mich zu ihm.

„Das ist kein besonders würdevoller Anblick“, sagte ich.

Martin öffnete die Augen.

„Welcher Teil? Der Bademantel oder mein Schnarchen?“

„Beides.“

Wir tranken schweigend.

Später ging ich in mein Schlafzimmer und öffnete auf dem Telefon ein Foto, das ich seit fast einem Jahr nicht mehr angesehen hatte.

Ralf im dunklen Anzug. Ich im Brautkleid. Unsere Gesichter voller Zuversicht, die im Rückblick beinahe schmerzhaft naiv wirkte.

Ich löschte das Bild.

Nicht, weil Martin vor meiner Tür saß.

Sondern weil ich plötzlich verstand, dass die Vergangenheit längst keinen Platz mehr brauchte. Ich hatte ihr nur aus Gewohnheit einen freigehalten.

Martin sprach weiterhin kaum über seine Arbeit.

„Ich unterstütze Schulen“, sagte er.

„Wie genau?“

„Ich sitze in zu vielen Besprechungen und versuche, dass am Ende wenigstens etwas Vernünftiges herauskommt.“

Manchmal verschwand er für zwei oder drei Tage. Dann erklärte er, er müsse zu einer Sitzung nach Berlin oder zu einem Schulprojekt in ein kleines Dorf.

Er reiste mit der Bahn, trug denselben Mantel und kam stets mit einem neuen gebrauchten Buch zurück.

Ich nahm an, dass er bei einer Stiftung angestellt war. Vielleicht als Sachbearbeiter, vielleicht als Projektleiter.

Geld schien er nicht viel zu haben.

Einmal zahlte ich den Kaffee, weil er lange nach seinem Portemonnaie suchte. Ein anderes Mal sah ich, wie er die Speisekarte studierte und schließlich nur ein Brötchen bestellte.

Es störte mich nicht.

Meine Mutter dagegen begann, Fragen zu stellen.

„Hat er eine Wohnung?“

„Natürlich.“

„Hast du sie gesehen?“

„Nein.“

„Familie? Schulden? Unterhaltspflichten?“

„Mama, ich überprüfe keinen Kreditantrag.“

Sie legte die Wäsche zusammen und seufzte.

„Du bist einmal auf einen Mann hereingefallen, der zu viel gezeigt hat. Fall jetzt nicht auf einen herein, der zu wenig zeigt.“

Der Satz blieb hängen.

Trotzdem wollte ich Martin nicht bedrängen. Vertrauen, das hatte ich gelernt, entstand nicht durch Verhöre. Es wuchs langsam, wenn Worte und Taten lange genug zusammenpassten.

An einem Samstag gingen wir über den Wochenmarkt.

Es roch nach gebrannten Mandeln, Käse und feuchtem Laub. Vor einem Schreibwarenladen entdeckte ich Cem. Der Riemen seines Rucksacks war gerissen, und er hielt die Tasche an die Brust gedrückt, damit nichts herausfiel.

Er winkte mir verlegen zu und lief weiter.

Martin hatte es ebenfalls gesehen.

Zehn Minuten später sagte er: „Ich muss kurz etwas erledigen.“

Am Montag lag im Sekretariat ein neuer Rucksack.

Kein Absender. Nur ein kleiner Zettel.

„Für jemanden, der mehr trägt als Schulbücher.“

Cem weinte nicht. Aber den ganzen Vormittag strich er immer wieder über den festen Stoff, als könne er kaum glauben, dass etwas nur ihm gehörte.

Nachmittags hing ein Dankesbrief am Schwarzen Brett.

„An den unbekannten Menschen. Danke, dass Sie mich gesehen haben.“

Ich fotografierte den Brief und schickte ihn Martin.

Er antwortete nur mit einem Punkt.

Als wir uns am Abend trafen, fragte ich: „Warum sagen Sie nie, wenn Sie etwas Gutes tun?“

„Weil es dann plötzlich um mich gehen würde.“

„Vielleicht möchte jemand Danke sagen.“

„Dann soll er später jemand anderem helfen.“

Ich sah ihn lange an.

Er war kein Mann ohne Stolz. Aber sein Stolz brauchte kein Publikum.

Auf einer Parkbank sagte ich eines Tages: „Wenn ich irgendwann wieder an Liebe glauben sollte, dann nur mit jemandem wie Ihnen.“

Martin drehte sich langsam zu mir.

Ich blickte auf meinen Kaffeebecher.

„Mit jemandem, der nicht wichtig aussehen muss, um wichtig zu sein.“

Er sagte lange nichts.

Dann fragte er: „Und wenn dieser jemand Angst hätte, Ihnen die ganze Wahrheit zu zeigen?“

Ich dachte an meine eigene Vergangenheit.

„Angst verstehe ich. Lügen nicht.“

Sein Blick veränderte sich.

Nur für einen Augenblick.

Danach sprach er über ein Eichhörnchen, das unter der Bank nach Krümeln suchte.

Ich hätte nachfragen sollen.

Am Donnerstagabend saß ich mit Klausuren auf dem Sofa. Der Fernseher lief leise im Hintergrund, weil das Haus ohne Geräusche zu groß wirkte.

Meine Mutter schlief bereits. Basko schnarchte unter dem Tisch.

Dann hörte ich Martins Stimme.

Nicht leise und vorsichtig wie im Café.

Fest. Ruhig. Selbstverständlich.

Ich sah auf.

Er stand auf einer Bühne in einem dunklen Anzug. Hinter ihm hing das Banner eines bundesweiten Bildungsforums.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.

Nach oben scrollen