Daneben ein Zettel.
Sie schulden mir nichts. Essen Sie heute etwas Warmes.
Miriam nahm das Taxigeld.
Die Visitenkarte ließ sie liegen.
Vier Tage lang dachte sie nicht mehr an ihn.
Zumindest redete sie sich das ein.
Dann sah sie ihn bei einer kostenlosen Gesundheitsaktion in einem Gemeindezentrum in Neukölln wieder.
Miriam überprüfte dort nach ihrer Schicht Blutdruck und Blutzucker von Menschen, die sich eine reguläre Untersuchung kaum leisten konnten.
Konrad stand im Hintergrund.
Kein Fahrer. Keine Begleitung. Keine Fotografen.
Er beobachtete, wie Miriam einem verwitweten Rentner half, dessen Hände so stark zitterten, dass er sein Hemd nicht zuknöpfen konnte.
Sie kniete vor ihm, schloss geduldig jeden Knopf und hörte sich anschließend zum dritten Mal die Geschichte von seiner verstorbenen Frau an.
Als der Mann gegangen war, trat Konrad näher.
„Sie arbeiten freiwillig, nachdem Sie schon den ganzen Tag im Krankenhaus waren?“
„Menschen werden nicht nur zu Bürozeiten krank.“
„Sie könnten auch einmal an sich selbst denken.“
„Das sagen meistens Leute, die genug Zeit und Geld dafür haben.“
Konrad nahm die Bemerkung hin.
„Meine Mutter hat mich früher zu solchen Veranstaltungen mitgenommen.“
Miriam sah ihn an.
„Deshalb finanzieren Sie das hier?“
„Unter anderem.“
„Dann wussten Sie, dass ich hier bin.“
„Nein.“
„Zufall?“
„Offenbar.“
Sie verschränkte die Arme.
„Sie wirken nicht wie ein Mann, dem viel zufällig passiert.“
Diesmal lächelte er deutlich.
„Kaffee?“
„Ich trinke keinen teuren Kaffee, bei dem man den Namen der Bohne kennen muss.“
„Die Maschine hier macht nur dünnen Filterkaffee.“
„Dann vielleicht.“
Aus einem Kaffee wurden zwei Stunden.
Sie saßen in einer Bäckerei, die noch Holztische aus den achtziger Jahren hatte. Konrad erzählte nichts über Geld. Miriam fragte nicht nach Unternehmen.
Sie sprachen über schlaflose Nächte, Krankenhausessen und Bücher, die sie nie beendet hatten.
Konrad mochte alte Kriminalromane.
Miriam hörte heimlich Schlager aus ihrer Kindheit, wenn sie ihre Wohnung putzte.
Er gestand, dass er keine Zimmerpflanze länger als drei Monate am Leben halten konnte.
Sie gab zu, dass sie nicht Fahrrad fahren konnte, obwohl sie in Deutschland aufgewachsen war.
„Meine Mutter hatte Angst, dass ich stürze“, sagte sie.
„Meine hatte Angst, dass ich zu schnell erwachsen werde.“
„Hat sie recht behalten?“
Konrad sah in seine Tasse.
„Ja.“
Von da an begegneten sie sich häufiger.
Vielleicht zufällig.
Vielleicht nicht.
Manchmal wartete er nach ihrer Schicht mit zwei Bechern Kakao vor dem Krankenhaus. Manchmal saßen sie in einem kleinen Imbiss und teilten sich Pommes. Einmal fuhren sie an einen See, obwohl es regnete, und blieben einfach im Auto sitzen.
Konrad fragte beiläufig, welche Schokolade Miriam mochte.
Wochen später lag genau diese Sorte in seiner Küche.
Er merkte sich, dass sie kalte Füße bekam, dass sie Fencheltee hasste und dass sie bei traurigen Filmen behauptete, nur wegen der trockenen Heizungsluft zu weinen.
Miriam lernte, dass Konrad sonntags das alte Foto seiner Mutter abstaubte.
Sie lernte, dass er seinen Vater seit fast zwanzig Jahren nicht gesehen hatte.
Und sie lernte, dass ein Mann alles besitzen konnte und trotzdem nicht wusste, wie man jemanden um eine Umarmung bat.
Konrad war zwölf gewesen, als seine Mutter starb.
Sie hatte in einem kleinen Krankenhaus am Rand von Leipzig gearbeitet. Nach der deutschen Wiedervereinigung waren viele Stationen umgebaut, zusammengelegt oder geschlossen worden.
Seine Mutter hatte immer mehr Schichten übernommen.
Sie half früheren Kollegen bei Anträgen, brachte älteren Patienten Medikamente und nahm manchmal Lebensmittel mit zu Familien, die sich schämten, um Unterstützung zu bitten.
Dann kam die Diagnose.
Krebs.
Schnell und gnadenlos.
Sein Vater, ein ehrgeiziger Geschäftsmann, konnte mit Krankheit und Trauer nichts anfangen. Nach der Beerdigung schickte er Konrad auf ein Internat.
„Dort lernst du Disziplin“, hatte er gesagt.
Konrad lernte etwas anderes.
Er lernte, nicht mehr zu weinen.
Er lernte, niemals zu fragen, ob jemand blieb.
Er lernte, dass Geld viele Türen öffnete, aber keine einzige verschlossene Erinnerung.
Mit dreißig war er reich.
Mit vierzig war er gefürchtet.
Mit fünfzig war er allein.
Als er Miriam an jener Bushaltestelle gesehen hatte, trug sie fast dieselbe weiße Pflegejacke wie seine Mutter auf dem alten Foto.
Deshalb hatte er angehalten.
Doch das erzählte er ihr lange nicht.
Stattdessen begann er, heimlich Dinge zu verändern.
Miriams Ausbildungskredit wurde plötzlich von einer anonymen Stiftung übernommen.
Das Krankenhaus erhielt eine großzügige Spende für die Versorgung Bedürftiger.
Im Pausenraum standen auf einmal neue Kaffeemaschinen, und für die Nachtschicht wurde warmes Essen geliefert.
Miriam ahnte nichts.
Konrad wollte keinen Dank.
Er wollte nur, dass sie nicht an derselben Erschöpfung zerbrach wie seine Mutter.
Doch Miriam arbeitete weiter.
Sie übernahm zusätzliche Dienste, wenn Kollegen ausfielen. Sie sprang ein, wenn jemand ein krankes Kind hatte. Sie sagte nie Nein, selbst wenn ihre Hände zitterten.
Eines Abends brach sie auf dem Krankenhausflur zusammen.
Als Konrad den Anruf erhielt, saß er gerade in einer Verhandlung über einen millionenschweren Firmenverkauf.
Er stand mitten im Satz auf.
„Wir unterbrechen.“
Ein Geschäftspartner protestierte.
Konrad nahm bereits seinen Mantel.
„Herr Falk, wir warten seit Monaten auf diesen Termin.“
„Dann können Sie noch einen Tag warten.“
Dreißig Minuten später saß er an Miriams Krankenbett.
Sie war blass. Eine Infusion tropfte in ihren Arm. Ihr Gesicht wirkte plötzlich viel jünger und zugleich erschreckend erschöpft.
Konrad nahm ihre kalte Hand.
So hatte seine Mutter früher seine Hände gehalten, wenn er Fieber hatte.
Zwei Stunden später öffnete Miriam die Augen.
„Was machen Sie hier?“
„Sie sind zusammengebrochen.“
„Das sehe ich.“
„Sie waren völlig dehydriert. Ihr Kreislauf ist entgleist. Sie haben seit gestern kaum gegessen.“
Miriam versuchte sich aufzurichten.
„Es geht schon wieder.“
Konrad sprang auf.
„Nein, es geht nicht schon wieder!“
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