Der Unterschied war, dass sie auch auf die Antworten wartete.
Mia erzählte zehn Minuten lang die Geschichte von Frau Hoppelmann.
Das Kaninchen war früher ihrer Mutter gehört worden. Zumindest behauptete Mia das.
Tatsächlich hatte ihre Mutter es auf einem Flohmarkt gekauft, als die Zwillinge drei Jahre alt gewesen waren. Das linke Ohr war bereits damals schief gewesen.
„Mama sagte, gerade Ohren seien langweilig“, erklärte Mia.
Katharina nickte.
„Da hatte sie vermutlich recht.“
„Mama hatte meistens recht“, sagte Lena.
Am Tisch wurde es still.
Jonas kannte diesen Moment.
Er kam oft, wenn die Mädchen ihre Mutter erwähnten.
Er kannte die hektischen Reaktionen anderer Erwachsener. Das schnelle Wechseln des Themas. Die traurigen Augen. Das übertriebene Mitgefühl.
Manche Menschen legten sogar die Hand auf seine Schulter, als müsste er ihnen im nächsten Moment beweisen, dass er noch funktionierte.
Katharina tat nichts davon.
Sie sah Lena einfach an.
„Sie klingt nach jemandem, bei dem man sich sicher fühlen konnte.“
Lena strich mit einem Finger über den Rand ihres Glases.
„Konnte man.“
„Das glaube ich dir.“
Mehr sagte Katharina nicht.
Keine leere Floskel.
Kein „Die Zeit heilt alle Wunden“.
Jonas hasste diesen Satz.
Die Zeit heilte nicht alles.
Sie brachte einem nur bei, wie man um die offene Stelle herumlebte.
Seine Frau Anna war mit sechsundvierzig gestorben.
Nicht plötzlich.
Das wäre vielleicht leichter zu erklären gewesen.
Es hatte Krankenhäuser gegeben, Untersuchungen, hoffnungsvolle Wochen und Nächte, in denen Jonas neben ihrem Bett gesessen und so getan hatte, als glaubte er noch an die nächsten Weihnachten.
Die Mädchen waren damals sechs gewesen.
Alt genug, um zu verstehen, dass etwas nicht stimmte.
Zu jung, um zu begreifen, warum ihre Mutter eines Morgens nicht mehr nach Hause kam.
Nach der Beerdigung hatte Jonas funktioniert.
Er hatte Brotdosen gepackt, Haare geflochten und gelernt, dass Buntwäsche nicht automatisch bei sechzig Grad sauberer wurde.
Er hatte Elternabende besucht und Geschäftsberichte gelesen.
Er hatte nachts Verträge unterschrieben, während Frau Hoppelmann neben seinem Laptop saß, weil Mia ohne das Kaninchen nicht einschlafen konnte.
Menschen hatten ihn stark genannt.
Er hatte sich nie stark gefühlt.
Er hatte nur keine Wahl gehabt.
Katharina schien das zu verstehen, ohne dass er es aussprechen musste.
Nach dem Hauptgericht holte Lena einen kleinen Block aus ihrem Rucksack.
„Papa sagt, Sie können nicht gut Pferde zeichnen.“
Jonas hob abwehrend die Hände.
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Doch. Du hast gesagt, Katharina findet Pferdebeine schwierig.“
Katharina nahm den Bleistift.
„Das stimmt leider.“
„Die meisten Erwachsenen zeichnen Pferde falsch“, sagte Lena. „Die Beine sind nicht einfach vier Stöcke.“
„Dann brauche ich Unterricht.“
Lena rückte näher an sie heran.
Sie zeigte ihr, wo das Knie saß, wie sich die Hinterbeine bogen und warum ein Pferdekopf nicht wie ein langer Schuh aussehen durfte.
Katharina hörte aufmerksam zu.
Sie zeichnete ein Tier, das eher einem müden Hund auf Stelzen ähnelte.
Lena betrachtete es lange.
„Für einen ersten Versuch ist es nicht schlimm.“
Aus Lenas Mund war das ein Ritterschlag.
Beim Nachtisch teilten sie sich warmen Apfelkuchen und Vanilleeis.
Mia fütterte Frau Hoppelmann mit einem unsichtbaren Löffel.
Jonas beobachtete Katharina.
Unter dem Tisch war eine Laufmasche in ihrer Strumpfhose. Am Ärmel ihrer Bluse befand sich ein kleiner heller Fleck, vermutlich Kreide.
Sie versuchte nicht, jünger zu wirken.
Sie entschuldigte sich nicht für die feinen Linien um ihre Augen.
Als sie lachte, legte sie die Hand auf den Bauch.
Jonas hatte lange Menschen gekannt, die jedes Wort kontrollierten.
Katharina wirkte, als hätte sie irgendwann beschlossen, dass dafür das Leben zu kurz war.
„Und du?“, fragte sie plötzlich.
„Was ist mit mir?“
„Du hast viel über die Mädchen erzählt. Über deinen Freund Martin. Über verbrannte Pfannkuchen. Aber fast nichts über dich.“
Jonas nahm einen Schluck Wein.
„Ich arbeite viel.“
„Das ist keine Persönlichkeit.“
„Für manche Menschen schon.“
„Für dich auch?“
Die Frage traf ihn unerwartet.
Er schaute zum Fenster hinaus.
Auf der Straße schob ein älterer Mann langsam ein Fahrrad vorbei. Auf dem Gepäckträger war eine Kiste befestigt, aus der Lauchstangen ragten.
Ein völlig gewöhnlicher Dienstagabend.
Jonas beneidete den Mann für einen Augenblick.
„Ich weiß es nicht“, sagte er.
Katharina wartete.
Sie füllte die Stille nicht.
Also sprach Jonas weiter.
„Meine Arbeit war lange das, woran ich mich festgehalten habe. Erst, weil wir das Geld brauchten. Später, weil ich beweisen wollte, dass ich mehr kann, als alle dachten.“
„Und danach?“
„Danach lief alles von allein. Zumindest von außen.“
„Von innen nicht?“
Jonas sah sie an.
„Von innen selten.“
Katharina strich eine Haarsträhne hinter ihr Ohr.
„Das klingt anstrengend.“
Es war eine einfache Antwort.
Gerade deshalb berührte sie ihn.
Die meisten Menschen sagten, er müsse stolz sein.
Oder dankbar.
Oder glücklich.
Als dürfte ein Mann mit Geld keine Müdigkeit empfinden. Keine Angst. Keine Einsamkeit.
Katharina nannte es anstrengend.
Und plötzlich fühlte Jonas sich gesehen.
Nicht bewundert.
Nicht bewertet.
Gesehen.
Als die Rechnung kam, griff Jonas automatisch danach.
Katharina legte ihre Hand darauf.
„Wir teilen.“
„Ich habe euch eingeladen.“
„Du hast mich eingeladen. Die Mehrheit hat sich selbst eingeladen.“
„Dann zahle ich für drei.“
„Und ich für zwei.“
„Frau Hoppelmann hat keinen Geldbeutel“, sagte Mia.
„Typisch“, murmelte Katharina. „Erst groß bestellen und dann kein Geld dabeihaben.“
Die Mädchen kicherten.
Jonas bezahlte schließlich, nachdem Katharina ihm das Versprechen abgenommen hatte, beim nächsten Mal den Kaffee übernehmen zu dürfen.
Beim nächsten Mal.
Die Worte blieben zwischen ihnen stehen.
Keiner nahm sie zurück.
Draußen war es bereits dunkel.
Über dem Eingang hing eine gelbe Lampe, in deren Licht winzige Insekten kreisten. Die Straße war ruhig, nur aus der Ferne drang das Rumpeln einer Straßenbahn herüber.
Mia hielt Katharinas Hand.
Jonas wusste nicht, wann das passiert war.
Lena ging neben ihm und trug Frau Hoppelmann unter dem Arm.
Niemand schien sich verabschieden zu wollen.
„Das war ein wirklich schöner Abend“, sagte Katharina.
Jonas nickte.
„Ja.“
Das Wort klang zu klein.
Er versuchte es noch einmal.
„Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so einen Abend hatte.“
Katharina betrachtete ihn.
Nicht misstrauisch.
Eher aufmerksam.
„Darf ich dir etwas Ehrliches sagen?“
„Bitte.“
„Du wirkst nicht wie ein Mann, der nur irgendwas mit Firmen und Computern macht.“
Jonas spürte, wie sein Nacken steif wurde.
„Wie wirke ich denn?“
„Wie jemand, der jedes Wort prüft, bevor er es sagt. Als könnte eine falsche Silbe etwas Großes kaputtmachen.“
Die Mädchen waren einige Schritte vorausgelaufen.
Mia erklärte Frau Hoppelmann die Straßenverkehrsregeln.
Katharina senkte die Stimme.
„Bist du einfach nur sehr privat? Oder versteckst du etwas?“
Jonas hätte lügen können.
Ein letztes Mal.
Er hätte sagen können, er sei geschieden. Er hätte seinen Beruf weiter kleinreden können. Er hätte diesen Abend mit nach Hause nehmen und ihn dort wie eine schöne Erinnerung verschließen können.
Stattdessen sagte er: „Beides.“
Katharina verschränkte die Arme nicht.
Sie ging auch nicht zurück.
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