„Die Art von Verstecken, bei der eine Frau zu Hause wartet?“
„Nein.“
„Schulden?“
„Nein.“
„Du bist heimlich Schlagersänger?“
Jonas musste lachen.
„Schlimmer.“
„Jetzt bin ich neugierig.“
Er sah zu seinen Töchtern.
„Ich wollte wissen, ob ich noch ein normaler Mensch bin, bevor jemand anderes entscheidet, was ich wert bin.“
Katharina schwieg.
Jonas hatte Angst vor diesem Schweigen.
Doch dann öffnete sie ihre Handtasche und zog eine kleine Karte heraus. In den Ecken waren bunte Sterne aufgedruckt.
Oben stand ihr Name.
Darunter die Adresse der Grundschule und „Klassenraum 12“.
Auf der Rückseite schrieb sie mit einem Kugelschreiber ihre private Nummer.
„Wenn du bereit bist, erzählst du mir den Rest“, sagte sie.
„Und wenn der Rest dir nicht gefällt?“
„Dann sage ich es dir.“
„Du bist sehr direkt.“
„Ich verbringe meine Tage mit Achtjährigen. Die merken sofort, wenn Erwachsene Unsinn reden.“
Mia kam zurück und zupfte an Katharinas Hand.
„Frau Hoppelmann mag dich.“
Katharina kniete sich erneut hin.
„Ist das sicher?“
„Sie entscheidet nicht schnell.“
„Dann fühle ich mich geehrt.“
Mia hielt sich das Kaninchen ans Ohr, als würde es flüstern.
Dann nickte sie ernst.
„Sie sagt, du darfst wiederkommen.“
Katharina sah zu Jonas hoch.
„Dann ist der wichtigste Teil wohl geklärt.“
Jonas rief sie zwei Tage später an.
Er saß in seinem Arbeitszimmer, obwohl er an diesem Abend keine Arbeit erledigte. Auf dem Schreibtisch lagen drei Verträge, ein Stapel Berichte und Katharinas Karte.
Er hatte ihre Nummer bestimmt zwanzigmal betrachtet.
Unten im Haus hörte er die Mädchen streiten, weil beide zuerst Zähne putzen wollten, nachdem sie sonst jeden Abend darum kämpften, nicht anfangen zu müssen.
Jonas wählte.
Katharina meldete sich nach dem dritten Klingeln.
„Hallo?“
„Hier ist Jonas.“
„Der Mann mit den zwei Aufpasserinnen.“
„Genau der.“
„Und mit den überraschend sympathischen Turnschuhen.“
Er sah auf seine Füße.
Er trug dieselben.
„Ich muss dir etwas sagen.“
„Das dachte ich mir.“
Jonas sprach seinen vollständigen Namen aus.
Dann nannte er seine Firma nicht. Er erklärte nur, dass er sie gegründet hatte. Dass ihm ein großer Teil davon gehörte. Dass sein Vermögen öffentlich geschätzt wurde und dass fremde Menschen deshalb glaubten, bereits alles über ihn zu wissen.
Am anderen Ende blieb es still.
Drei Sekunden.
Vielleicht vier.
Jonas kannte diese Pause.
Es war der Augenblick, in dem sich in den Köpfen der Menschen etwas verschob.
Die alte Wohnung wurde zu einem Haus.
Der normale Wagen zu einer Garage voller Autos.
Aus einem Mann wurde eine Zahl.
„Du bist dieser Jonas Winter“, sagte Katharina schließlich.
„Ja.“
„Ich habe deinen Namen schon gehört.“
„Das überrascht mich nicht.“
„Meine Kollegin liest ständig Wirtschaftsnachrichten. Ich meistens nur die Überschriften.“
Jonas wartete.
„Bist du wütend?“, fragte er.
„Noch nicht.“
„Enttäuscht?“
„Ein bisschen.“
Sein Herz sank.
„Weil ich Geld habe?“
„Nein. Weil du dachtest, ich müsse erst geprüft werden.“
Der Satz saß.
Jonas lehnte sich im Stuhl zurück.
„Es tut mir leid.“
„Ich verstehe, warum du es getan hast“, sagte Katharina. „Aber verstehen und gutheißen sind nicht dasselbe.“
„Das weiß ich.“
„Haben die Mädchen es gewusst?“
„Natürlich.“
„Dann war ich also die Einzige am Tisch, die nicht alle Regeln kannte.“
„Ja.“
Wieder schwieg sie.
Im Flur hörte Jonas nackte Kinderfüße.
Die Tür öffnete sich einen Spalt, und Mia schob Frau Hoppelmann hindurch. Offenbar war das Kaninchen zur moralischen Unterstützung geschickt worden.
Jonas hob es auf seinen Schoß.
„Katharina“, sagte er, „ich habe in den letzten Jahren zu viele Menschen kennengelernt, die anders mit mir gesprochen haben, sobald sie wussten, was ich besitze.“
„Das glaube ich dir.“
„Ich wollte einen Abend, an dem niemand mich nach meinem Geld beurteilt.“
„Und dafür hast du mich beurteilt, bevor du mich kanntest.“
Jonas schloss die Augen.
„Ja.“
Es war unangenehm.
Aber es war wahr.
„Ich bin nicht gut darin, jemandem zu vertrauen“, sagte er.
„Das habe ich gemerkt.“
„Trotzdem möchte ich dich wiedersehen.“
Katharina atmete hörbar aus.
„Die Schuhe waren wirklich sympathisch.“
Jonas musste lachen, obwohl ihm nicht danach war.
„Die sind tatsächlich alt.“
„Und der Hauswein?“
„Den trinke ich wirklich gern.“
„Die Mädchen?“
„Das Beste an mir.“
„Das hatte ich bereits verstanden.“
Ihre Stimme wurde weicher.
„Diese beiden haben schon einen Menschen verloren, der für sie die ganze Welt war. Ich werde nicht in ihr Leben spazieren, große Versprechen machen und wieder verschwinden.“
Jonas strich über das schiefe Ohr des Kaninchens.
„Das will ich auch nicht.“
„Wenn daraus etwas wird, dann langsam.“
„Ja.“
„Ehrlich.“
„Ja.“
„Und richtig. Nicht perfekt. Aber richtig.“
Jonas schluckte.
„Genau das.“
„Dann beginnen wir heute neu“, sagte Katharina. „Mit der wahren Version.“
Das zweite Treffen fand nicht in einem Restaurant statt.
Katharina bestand auf einem Spaziergang durch einen kleinen Tierpark am Stadtrand. Sie brachte belegte Brote in einer Dose mit.
Jonas erschien wieder in den alten Turnschuhen.
Dieses Mal trug er seine Uhr.
Katharina sah kurz darauf und sagte nur: „Ganz schön schwer.“
„Ich kann sie abnehmen.“
„Warum? Sie gehört doch zu dir.“
Dieser Satz begleitete Jonas den ganzen Tag.
Sie musste nicht so tun, als gäbe es sein Geld nicht.
Sie musste nur verstehen, dass es nicht alles war.
In den folgenden Wochen sahen sie sich vorsichtig.
Manchmal zu zweit.
Oft mit den Mädchen.
Katharina kam an einem Samstag zum Abendessen und erlebte, wie Jonas seine berühmte Nudelsauce ruinierte.
Sie öffnete den Kühlschrank, fand Eier, Kartoffeln und eine halbe Zwiebel und machte daraus Bratkartoffeln.
„Das ist ein Essen für schlechte Zeiten“, sagte Jonas.
„Meine Mutter nannte es Monatsende.“
Seine Mutter hatte genau dasselbe gesagt.
Sie saßen in der Küche, obwohl im großen Esszimmer eine Tafel für zwölf Personen stand.
Katharina zog die Schuhe aus.
Mia legte den Kopf auf ihren Schoß.
Lena erklärte ihr, dass die Bratkartoffeln sieben von zehn Punkten verdienten, aber nur wegen der Zwiebeln.
Jonas beobachtete die drei und erschrak über die Hoffnung, die in ihm aufstieg.
Hoffnung war nach Annas Tod gefährlich geworden.
Wer hoffte, konnte wieder verlieren.
Eines Abends zeigte Katharina ihm ihre kleine Mietwohnung.
Zwei Zimmer, eine enge Küche und ein Balkon, auf dem in alten Töpfen Kräuter wuchsen.
Jonas mochte sie sofort.
An der Wand hingen Kinderzeichnungen aus mehr als zwanzig Berufsjahren. Auf einem Regal standen Bücher, Fotos ihrer Eltern und eine Keramikschale mit einem Sprung.
„Die könntest du ersetzen“, sagte Jonas.
Katharina sah ihn an.
„Sie war von meiner Großmutter.“
„Dann natürlich nicht.“
„Der Sprung gehört dazu.“
Jonas strich über die geklebte Stelle.
„Du wirfst Dinge nicht schnell weg, oder?“
„Menschen auch nicht.“
Es dauerte vier Monate, bis Katharina zum ersten Mal bei ihm übernachtete.
Die Mädchen waren bei ihrer Großmutter.
Jonas hatte vorher frische Bettwäsche aufgezogen, Kerzen aufgestellt und das Schlafzimmer so ordentlich gemacht, als käme eine Prüfungskommission.
Katharina sah sich um und begann zu lachen.
„Was ist?“
„Hier sieht es aus wie in einem Möbelkatalog.“
„Ist das schlecht?“
„Nein. Nur ein bisschen so, als dürfte man nichts anfassen.“
Sie nahm eine der Zierkissen vom Bett und warf es auf den Boden.
Jonas starrte es an.
Dann warf er das zweite hinterher.
Später lagen sie nebeneinander im Dunkeln.
Jonas erzählte ihr von Anna.
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