Seine Stimme wurde leiser.
„Vielleicht helfe ich Ihnen gar nicht so sehr, wie Sie glauben.“
Jana runzelte die Stirn.
„Vielleicht helfen Sie mir.“
Emma beugte sich vor.
„Sind Sie sehr einsam?“
„Emma“, murmelte Jana.
Matthias lächelte zum ersten Mal an diesem Abend richtig.
„Ja.“
„Sehr?“
„Sehr.“
Emma dachte nach.
Kinder brauchen für große Wahrheiten manchmal erstaunlich wenig Zeit.
„Dann können Sie doch mit uns Weihnachten feiern.“
Jana sah ihre Tochter an.
Dann Matthias.
„Emma meint es wirklich so.“
„Ich weiß.“
„Wenn Sie möchten …“
Jana zögerte.
„Sie haben uns gerade ein Dach über dem Kopf gegeben. Vielleicht können wir Ihnen wenigstens Gesellschaft geben.“
Matthias wollte zunächst ablehnen.
Aus Gewohnheit.
Dann hörte er Sabines Stimme in seinem Kopf.
Nächstes Jahr machen wir es anders.
Nur gab es mit Sabine kein nächstes Jahr mehr.
Mit diesen beiden vielleicht schon.
„Gern“, sagte er.
Zwei Stunden später saß einer der reichsten Männer der Stadt auf dem Teppich eines Hotelzimmers und aß gebratene Nudeln aus einer Pappschachtel.
Fast alle Restaurants hatten geschlossen.
Das einzige geöffnete kleine Lokal hatte nur noch wenige Gerichte.
Matthias hatte außerdem unterwegs einen kleinen Weihnachtsbaum gekauft.
Das Modell war schief.
Emma fand ihn perfekt.
Sie bastelte aus Hotelpapier Sterne und hängte sie an die Zweige.
Matthias hatte in einem Spätverkauf noch drei kleine Geschenke gefunden.
Ein Kinderbuch.
Buntstifte.
Einen roten Schal für Jana.
„Das ist zu viel“, sagte sie.
„Nein.“
„Sie sagen dauernd Nein, wenn ich widerspreche.“
„Berufskrankheit.“
Sie lachte.
Es war das erste Mal, dass Matthias sie lachen hörte.
Kurz vor Mitternacht schlief Emma neben ihm auf dem Sofa ein.
Der Stoffhase lag auf ihrem Bauch.
Jana saß auf dem Boden vor dem kleinen Baum.
„Sie vertraut Ihnen“, sagte sie.
Matthias blickte auf das Kind.
„Dabei kennt sie mich kaum.“
„Kinder merken manchmal schneller als Erwachsene, wem sie vertrauen können.“
Dann wurde Jana still.
„Danke.“
„Für das Hotel?“
„Für alles.“
Sie schluckte.
„Heute Morgen wusste ich nicht, wie wir die Nacht überstehen.“
Matthias betrachtete Emma.
„Und heute Morgen wusste ich nicht, warum ich überhaupt Weihnachten überstehen sollte.“
Jana sah ihn an.
„Dann war es vielleicht für uns beide ein guter Abend.“
Matthias dachte lange darüber nach.
„Vielleicht war es der erste gute seit drei Jahren.“
Der 27. Dezember kam.
Jana erschien pünktlich zum Vorstellungsgespräch.
Matthias mischte sich tatsächlich nicht ein.
Vier Tage später wurde sie eingestellt.
Nicht aus Mitleid.
Sondern weil sie gut war.
Sehr gut sogar.
Sie konnte zuhören.
Sie verstand Menschen.
Und nach allem, was sie erlebt hatte, geriet sie wegen keiner hektischen Besprechung mehr in Panik.
Matthias half ihr zunächst bei einer kleinen Wohnung.
Sie bestand darauf, die Miete später selbst zu bezahlen.
„Ich möchte wieder auf eigenen Beinen stehen.“
„Das sollen Sie.“
Auch ein gebrauchtes Auto organisierte er.
Nicht luxuriös.
„Sonst fahre ich es nicht“, hatte Jana gewarnt.
Mit den Monaten veränderte sich etwas.
Matthias besuchte Emma bei einer Schulaufführung.
Danach fragte sie:
„Kommst du nächstes Mal wieder?“
Er kam.
Er half ihr bei Mathematik, obwohl Jana behauptete, seine Erklärungen seien komplizierter als die Aufgaben.
Sie gingen in Museen.
In den Tierpark.
Im Sommer an einen kleinen See.
Matthias brachte Emma Fahrradfahren bei.
Er lief neben ihr her, bis ihm die Luft ausging.
„Nicht loslassen!“, rief sie.
„Ich halte dich!“
Irgendwann ließ er los.
Emma fuhr weiter.
Als sie es bemerkte, kreischte sie vor Freude.
Matthias stand keuchend auf dem Weg und weinte.
Niemand sah es.
Außer Jana.
Sie sagte nichts.
Auch das war Liebe, sollte Matthias später denken.
Zu wissen, wann man schweigen muss.
Natürlich war nicht alles leicht.
Jana trauerte um Daniel.
Matthias trauerte um Sabine.
Niemand versuchte, die Toten aus der Geschichte zu löschen.
Sie sprachen über sie.
Jana zeigte Matthias alte Fotos.
Daniel am Baggersee.
Daniel mit Emma auf den Schultern.
Matthias erzählte von Sabines furchtbaren ersten Weihnachtsplätzchen, die so hart geworden waren, dass er scherzhaft behauptet hatte, man könne damit Fenster einschlagen.
Sie lachten.
Manchmal weinten sie anschließend.
Doch langsam begriffen beide etwas.
Ein neues Glück bedeutet nicht, dass das alte bedeutungslos wird.
Das Herz ist kein Zimmer, in dem jemand ausziehen muss, bevor ein anderer eintreten darf.
Fast ein Jahr nach jenem Heiligabend gingen die drei gemeinsam essen.
Danach liefen sie durch einen Park.
Emma rannte voraus zu einem beleuchteten Brunnen.
Matthias blieb stehen.
„Jana.“
Sie drehte sich um.
„Was ist?“
Er nahm ihre Hand.
„Vor einem Jahr hatte ich alles.“
Jana lächelte leicht.
„Das klingt nach einem seltsamen Anfang.“
„Lass mich ausreden.“
Sie nickte.
„Ich hatte Geld. Eine Firma. Häuser. Menschen, die jeden meiner Termine kannten.“
Er sah zu Emma.
„Aber niemand wusste, wann ich nachts nicht schlafen konnte.“
Janas Hand schloss sich fester um seine.
„Dann seid ihr gekommen.“
„Matthias …“
„Ich weiß, dass Daniel immer Teil deines Lebens bleiben wird.“
Er atmete tief ein.
„Und Sabine bleibt Teil meines.“
Janas Augen wurden feucht.
„Aber ich liebe dich.“
Jetzt weinte sie.
„Und Emma liebe ich, als wäre sie meine eigene Tochter.“
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