Eine Sechsjährige fragte die erfolgreiche Verlegerin, ob sie für einen Tag ihre Mama sein könne – und veränderte damit drei einsame Leben für immer
„Entschuldigung… sind Sie traurig?“
Helena Bergmann hob den Blick von ihrem Handy.
Vor ihr stand ein kleines Mädchen in einem viel zu großen braunen Wintermantel. Unter der gestrickten Mütze quollen helle Haare hervor, die offenbar irgendwann am Morgen zu einem Zopf gebunden worden waren und inzwischen in alle Richtungen standen.
In der linken Hand hielt sie einen abgewetzten Stoffbären.
Helena brauchte einen Moment, bis sie begriff, dass die Frage wirklich ihr galt.
„Wie kommst du darauf?“
Das Mädchen zuckte mit den Schultern.
„Sie schauen so wie mein Papa manchmal.“
„Wie schaut dein Papa denn?“
Das Kind dachte kurz nach.
„Als hätte er einen schweren Einkaufskorb, den keiner sieht.“
Helena starrte sie an.
Von all den Menschen, mit denen sie an diesem Tag gesprochen hatte – Abteilungsleiter, Anwälte, Redakteure, zwei Vorstände und ihre Assistentin –, war ausgerechnet dieses fremde Kind die erste Person, die etwas bemerkt hatte.
Helena war 52 Jahre alt und seit drei Jahren Geschäftsführerin eines großen deutschen Medienhauses, das ihr Vater über Jahrzehnte aufgebaut hatte.
Sie hatte ein schönes Haus am Stadtrand von Hannover.
Ein ordentliches Depot.
Einen Dienstwagen.
Einen Kleiderschrank voller Sachen, die sie sich mit 25 niemals hätte leisten können.
Und kaum jemanden, den sie sonntags anrufen konnte, ohne vorher überlegen zu müssen, ob sie störte.
An diesem Tag hatte sie Geburtstag.
Am Morgen hatte ihre Assistentin einen Blumenstrauß auf den Schreibtisch gestellt. Die Karte war von „der gesamten Belegschaft“ unterschrieben gewesen.
Mittags hatte die Geschäftsleitung ihr gratuliert.
Nachmittags sollte es Kuchen im Konferenzraum geben.
Niemand hatte sie gefragt, was sie am Abend machte.
Wahrscheinlich, weil alle davon ausgingen, dass eine Frau wie Helena Bergmann selbstverständlich Pläne hatte.
Sie hatte keine.
Deshalb saß sie jetzt während ihrer Mittagspause auf einer kalten Parkbank, obwohl im Büro ein beheizter Besprechungsraum auf sie wartete.
„Manchmal bin ich traurig“, sagte Helena schließlich.
Das Mädchen nickte, als wäre das eine völlig vernünftige Antwort.
„Ich auch.“
Dann setzte es sich einfach neben sie.
Helena hätte normalerweise sofort reagiert.
Wo waren die Eltern?
Warum sprach dieses Kind Fremde an?
Doch etwas an der Selbstverständlichkeit des Mädchens nahm ihr den Wind aus den Segeln.
„Wie heißt du?“
„Leni.“
Sie hob den Bären hoch.
„Und das ist Herr Brumm.“
Helena musste lächeln.
„Sehr erfreut, Herr Brumm.“
Leni lächelte nicht.
„Meine Mama ist tot.“
Der Satz kam so unvermittelt, dass Helena der Atem stockte.
„Oh.“
Mehr brachte sie zunächst nicht heraus.
Leni strich über das ausgefranste Ohr des Bären.
„Papa sagt, sie ist jetzt irgendwo, wo es ihr nicht mehr weh tut.“
Helena sah zu dem Kind hinunter.
„Das tut mir sehr leid.“
„Mir auch.“
Wieder diese erschreckend sachliche Stimme.
Als hätte Leni diesen Satz schon hundertmal gesagt und trotzdem jedes einzelne Mal gehofft, dass er irgendwann weniger weh tun würde.
„Bist du mit deinem Papa hier?“
Leni zeigte quer über den Weg.
Auf einer Bank etwa dreißig Meter entfernt saß ein Mann und telefonierte. Anfang vierzig vielleicht. Dunkle Jacke, Jeans, ungekämmte Haare.
Er hatte die Ellenbogen auf die Knie gestützt und rieb sich während des Gesprächs immer wieder über die Stirn.
Selbst auf die Entfernung wirkte er müde.
„Er arbeitet“, sagte Leni.
„Heute ist Samstag.“
„Er arbeitet immer.“
Sie sagte es nicht vorwurfsvoll.
Genau das traf Helena am meisten.
„Er muss viel machen, weil wir nur zu zweit sind.“
Helena kannte diesen Ton.
Kinder lernen erstaunlich früh, ihre Eltern zu entschuldigen.
Sie hatte das selbst getan.
Ihr Vater hatte früher Weihnachtsfeiern, Schulaufführungen und später sogar ihren Universitätsabschluss verpasst.
„Das Unternehmen schläft nicht“, hatte er immer gesagt.
Helena hatte diesen Satz gehasst.
Jahrzehnte später benutzte sie ihn selbst.
Plötzlich drehte sich Leni zu ihr.
„Haben Sie Kinder?“
„Nein.“
„Einen Mann?“
Helena lachte leise.
„Auch nicht.“
Leni runzelte die Stirn.
„Aber wer wartet dann zu Hause auf Sie?“
Die Frage traf tiefer, als sie sollte.
Helena schaute auf ihr Telefon.
27 ungelesene Nachrichten.
Fünf Termine für den Nachmittag.
Drei Anrufe in Abwesenheit.
Und niemand wartete zu Hause.
„Niemand“, sagte sie.
Leni dachte lange darüber nach.
Dann fragte sie:
„Kann ich einen Tag mit Ihnen verbringen?“
Helena glaubte zunächst, sie hätte sich verhört.
„Wie bitte?“
„Nur einen.“
Leni zog die Schultern hoch.
„Sie könnten meine Mama für einen Tag sein.“
Helena sagte nichts.
„Nicht richtig“, fügte Leni schnell hinzu. „Meine richtige Mama bleibt meine Mama. Für immer. Papa sagt das auch.“
Sie sah Helena mit großen Augen an.
„Aber vielleicht könnten wir Sachen machen, die Mamas und Mädchen machen.“
Helena spürte, wie sich etwas in ihrer Brust zusammenzog.
„Was für Sachen?“
„Haare flechten.“
Leni zählte an den Fingern ab.
„Kakao trinken. In Geschäfte gehen und Sachen anschauen, ohne unbedingt was zu kaufen. Kekse backen. Vielleicht mir zeigen, wie man diese Haarspangen reinmacht, ohne dass alles wieder rausfällt.“
Dann senkte sie die Stimme.
„Papa versucht es.“
Ein winziges Lächeln erschien.
„Aber seine Zöpfe sehen aus wie Kartoffelsäcke.“
Helena lachte.
Zum ersten Mal an diesem Tag wirklich.
Leni lachte mit.
Dann wurde das Kind wieder ernst.
„Bitte.“
Helena blickte zu Lenis Vater.
Natürlich konnte sie nicht einfach mit einem fremden Kind verschwinden.
„Wir fragen zuerst deinen Papa.“
Lenis Gesicht leuchtete auf.
„Wirklich?“
„Wir fragen ihn.“
Leni sprang auf und griff nach Helenas Hand.
Helena erschrak fast darüber, wie selbstverständlich sich diese kleine Hand in ihre legte.
Warm.
Vertrauensvoll.
Als hätten sie sich nicht erst vor zehn Minuten kennengelernt.
Als sie näher an die andere Bank kamen, hörte Helena die Stimme des Mannes.
„Ich verstehe die Deadline.“
Pause.
„Nein, ich sage nicht, dass ich das Projekt nicht fertigstelle.“
Er fuhr sich durchs Haar.
„Ich sage nur, dass ich nicht jeden Tag bis zehn Uhr abends erreichbar sein kann. Ich habe eine sechsjährige Tochter.“
Wieder Pause.
Sein Gesicht verhärtete sich.
„Meine Frau ist tot. Nein, das ist keine neue Information.“
Helena blieb automatisch stehen.
Leni zog weiter.
„Papa!“
Der Mann sah hoch.
„Ich rufe zurück.“
Er legte auf und stand sofort auf.
„Leni, Schatz. Ich habe dir doch gesagt, du sollst keine fremden Leute ansprechen.“
„Sie ist nicht fremd.“
„Leni.“
„Sie heißt Helena.“
Der Mann blickte Helena entschuldigend an.
„Es tut mir leid. Sie ist manchmal ein bisschen…“
„Direkt?“
Er lächelte müde.
„Das trifft es.“
Helena streckte ihm die Hand hin.
„Helena Bergmann.“
„Martin Keller.“
Sein Händedruck war fest, aber zurückhaltend.
„Ihre Tochter hat mir eine ungewöhnliche Frage gestellt.“
Martin sah sofort alarmiert aus.
„Was für eine Frage?“
Leni platzte heraus:
„Ob Helena einen Tag meine Mama sein kann.“
Martin schloss kurz die Augen.
„Leni.“
„Nur zum Üben.“
„Man übt keine Mama.“
„Papa!“
Helena konnte nicht anders, sie musste wieder lächeln.
Martin wirkte, als wüsste er nicht, ob er im Boden versinken oder lachen sollte.
„Es tut mir wirklich leid.“
„Muss es nicht.“
„Doch.“
Er kniete sich vor seine Tochter.
„Du kannst nicht einfach fremde Frauen fragen, ob sie deine Mama sein wollen.“
Leni deutete auf Helena.
„Sie ist auch einsam.“
Martin erstarrte.
Helena ebenfalls.
„Leni!“
„Ist doch wahr.“
Das Mädchen blickte zwischen den Erwachsenen hin und her.
„Und wir sind auch einsam. Vielleicht sind drei Einsame zusammen weniger einsam.“
Martin öffnete den Mund.
Schloss ihn wieder.
Helena hätte vor einer Stunde noch behauptet, dass sie für jede Situation eine Antwort hätte.
Sie verhandelte Verträge über Millionenbeträge.
Sie sprach vor Hunderten Mitarbeitern.
Sie konnte eine Vorstandssitzung führen, ohne auch nur einmal auf ihre Notizen zu schauen.
Aber auf diesen Satz hatte sie keine Antwort.
Drei Einsame zusammen sind vielleicht weniger einsam.
Schließlich sagte Martin:
„Setzen wir uns wenigstens.“
Sie nahmen auf der Bank Platz.
Leni saß zwischen ihnen und hielt ihren Bären auf dem Schoß.
Helena erzählte Martin, wer sie war.
Nicht in allen Einzelheiten.
Nur genug.
Sie erklärte, dass sie ein Medienunternehmen leitete, dass sie allein lebte und dass dieser Tag ausgerechnet ihr Geburtstag war.
„Dann müssen Sie doch feiern“, sagte Martin.
Helena schüttelte den Kopf.
„Mit wem?“
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