Er schwieg.
Das war offenbar Antwort genug.
„Ich habe mit 27 beschlossen, erst Karriere zu machen“, sagte Helena.
„Mit 32 dachte ich, für Familie sei später noch genug Zeit. Mit 38 war mein Vater krank und ich habe mehr Verantwortung übernommen. Mit 44 habe ich mir eingeredet, ich hätte mich bewusst gegen Kinder entschieden.“
Sie zog die Handschuhe aus und betrachtete ihre Hände.
„Irgendwann hört man auf, sich selbst Fragen zu stellen, wenn man Angst vor den Antworten hat.“
Martin sah sie lange an.
„Und heute?“
„Heute bin ich 52 geworden.“
Sie lächelte bitter.
„Heute Morgen stand ich in meiner Küche, habe Kaffee für eine Person gekocht und plötzlich gedacht: Wenn alles so weitergeht, sieht mein 62. Geburtstag genauso aus. Und mein 72. vielleicht auch.“
Martin nickte langsam.
„Das verstehe ich besser, als Sie glauben.“
Er erzählte von seiner Frau Katharina.
Sie war vor zweieinhalb Jahren an Krebs gestorben.
Leni war damals drei gewesen.
Martin arbeitete als Softwareentwickler für ein großes Unternehmen. Seit Katharinas Tod versuchte er gleichzeitig Vater, Mutter, Ernährer, Koch, Vorleser, Krankenpfleger und Tröster zu sein.
„Ich kriege sie morgens angezogen“, sagte er.
„Meistens.“
Leni hob einen Finger.
„Manchmal mit zwei verschiedenen Socken.“
„Die sieht man in den Schuhen nicht.“
„Im Kindergarten schon.“
Helena lachte.
Martin ebenfalls.
Dann wurde er wieder ernst.
„Ich versuche wirklich alles.“
„Das sieht man.“
Er schluckte.
„Aber manchmal reicht alles nicht.“
Dieser Satz blieb zwischen ihnen hängen.
Menschen ihrer Generation hatten gelernt, dass man funktionieren musste.
Arbeit erledigen.
Rechnungen bezahlen.
Zähne zusammenbeißen.
Nicht jammern.
Helenas Mutter hatte früher gesagt: „Von nichts kommt nichts.“
Ihr Vater: „Privates kann warten.“
Vielleicht, dachte Helena, hatten sie alle zu oft gehört, dass das Leben warten könne.
„Ich würde Leni nichts versprechen, was Sie nicht möchten“, sagte Helena.
„Aber wenn Sie sich irgendwann wohl damit fühlen… könnten wir uns wieder treffen.“
Martin sah überrascht auf.
„Sie meinen das ernst?“
„Ja.“
Helena selbst war darüber vielleicht am meisten erstaunt.
„Nicht gleich alleine. Wir könnten erst zu dritt etwas unternehmen. Und wenn irgendwann Vertrauen da ist… vielleicht einen Samstag.“
Leni hielt den Atem an.
Martin sah seine Tochter an.
Etwas in seinem Gesicht brach auf.
Nicht Misstrauen.
Eher Erschöpfung.
Und Hoffnung, die er sich offenbar lange verboten hatte.
„Ich müsste natürlich mehr über Sie wissen.“
„Unbedingt.“
Helena zog eine Visitenkarte aus der Handtasche und schrieb ihre private Nummer auf die Rückseite.
„Fragen Sie alles. Überprüfen Sie alles. Und wenn Ihr Gefühl Nein sagt, dann ist es Nein.“
Martin nahm die Karte.
Leni flüsterte:
„Mein Gefühl sagt Ja.“
„Dein Gefühl glaubt auch, Schokolade sei ein Abendessen.“
„Ist es manchmal.“
Drei Tage lang hörte Helena nichts.
Am vierten Abend klingelte ihr Telefon.
Martin.
Das Gespräch dauerte fast zwei Stunden.
Er stellte viele Fragen.
Helena beantwortete jede.
Am Ende vereinbarten sie, sich am folgenden Wochenende gemeinsam zu treffen.
Ein Café.
Ein Spaziergang.
Ein kleines Naturkundemuseum.
Ganz unspektakulär.
Für Helena fühlte es sich trotzdem größer an als manche Vertragsunterzeichnung ihres Lebens.
Nach drei gemeinsamen Treffen sagte Martin schließlich:
„Leni redet seit Wochen von nichts anderem.“
„Wovon?“
„Von ihrem Mama-Tag.“
Helena lächelte.
„Dann sollten wir das Versprechen wohl einlösen.“
Der erste Samstag begann um neun Uhr.
Helena stand zehn Minuten zu früh vor Martins Wohnung.
Sie hatte in der Nacht kaum geschlafen.
Im Vorstand konnte sie Entscheidungen treffen, die Hunderte Arbeitsplätze betrafen.
Doch vor der Frage, ob eine Sechsjährige ihren geplanten Ausflug langweilig finden könnte, hatte sie echte Angst.
Die Tür ging auf.
Leni stand vollständig angezogen im Flur.
Brauner Mantel.
Rucksack.
Herr Brumm unter dem Arm.
„Du bist gekommen!“
Helena kniete sich hin.
„Natürlich.“
„Papa hat gesagt, du kommst bestimmt.“
„Dann hatte dein Papa recht.“
Martin stand hinter seiner Tochter.
„Das passiert selten. Bitte erzählen Sie das niemandem.“
Der Tag verlief völlig anders als Helena geplant hatte.
Das Frühstück im Café funktionierte noch.
Im Museum wollte Leni allerdings nicht die Ausstellung sehen, die Helena sorgfältig ausgewählt hatte.
Sie verbrachte 40 Minuten vor einem alten präparierten Dachs.
Dann fragte sie 19-mal, warum Dachse nachts wach seien.
Später bestand sie darauf, jede Treppe selbst zu zählen.
Beim Mittagessen verschüttete sie Apfelschorle über Helenas cremefarbene Bluse.
Helena sah auf den Fleck.
Früher hätte sie sich geärgert.
Stattdessen begann sie zu lachen.
Leni blickte erschrocken.
„Bist du böse?“
„Nein.“
„Aber deine Bluse.“
Helena betrachtete das klebrige Muster.
„Die hat schon schlimmere Vorstandssitzungen überlebt.“
Am Nachmittag gingen sie Kakao trinken.
Als die Tasse vor Leni stand, wurde das Mädchen plötzlich still.
„Mama hat früher Kakao mit mir getrunken.“
Helena sagte nichts.
Leni fuhr mit dem Finger über den Tassenrand.
„Bevor sie sehr krank war.“
„Vermisst du sie gerade?“
Leni nickte.
Helena rückte nicht sofort näher.
Sie wusste nicht, was richtig war.
Dann streckte Leni ihre Hand über den Tisch.
Helena nahm sie.
„Ich will nicht deine Mama ersetzen“, sagte sie.
Leni blickte auf.
„Geht auch gar nicht.“
„Gut.“
„Aber Papa sagt, dass im Herzen mehrere Leute Platz haben.“
Helena musste schlucken.
„Dein Papa sagt manchmal sehr kluge Sachen.“
„Manchmal.“
Leni nahm einen Schluck.
Dann fragte sie:
„Hast du mich schon lieb?“
Helena hätte ausweichen können.
Erwachsene tun das gern, wenn Kinder Fragen stellen, für die es keine vernünftige Antwort gibt.
Doch sie sagte die Wahrheit.
„Ein bisschen sehr.“
Leni lächelte.
Aus einem Samstag im Monat wurden zwei.
Dann fast jeder Samstag.
Helena begann Dinge zu tun, die ihr früher unmöglich erschienen waren.
Sie verließ freitags manchmal um 17 Uhr das Büro.
Sie delegierte Aufgaben.
Sie schaltete während gemeinsamer Ausflüge ihr Diensthandy aus.
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






