Der Pitbull nahm dem tauben Bernhardiner immer dasselbe Spielzeug weg bis wir den wahren Grund verstanden

Dreiundzwanzig Menschen sahen nur einen Pitbull, der einem tauben Bernhardiner ständig dasselbe Spielzeug wegnahm, bis unser ältester Hausmeister begriff, was der Hund wirklich tat.

„Nimm ihm das Ding endlich weg.“

Ich hatte meine Hand schon am Gitter, als Reinhard Nolte hinter mir seinen Putzeimer stehen ließ.

Er sah nicht Kuno an.

Er sah auf den Boden.

„Wartet mal“, sagte er.

Reinhard war 68, hatte zwei künstliche Knie und arbeitete seit vierzehn Jahren als Hausmeister in unserem kleinen städtischen Tierheim am Rand von Kassel.

Wenn irgendwo ein Rohr klapperte oder eine Tür klemmte, wusste er meistens schon warum, bevor jemand überhaupt Werkzeug geholt hatte.

An diesem Abend stand Kuno mit einem blauen Spielball im Maul vor mir.

Kuno war ein kräftiger, grau-weißer Pitbull-Mischling.

Hinter ihm lag Bosco, ein riesiger Bernhardiner.

Bosco war taub.

Völlig taub.

Der Ball vibrierte in Kunos Maul.

Eigentlich sollte er sich unregelmäßig bewegen, damit Hunde ihm hinterherjagten. Doch Kuno spielte nie damit.

Er nahm ihn nur Bosco weg.

Immer wieder.

Ein Ehepaar, das gerade einen anderen Hund kennenlernen wollte, hatte es gesehen.

„Der Kleine dominiert den Großen“, sagte der Mann.

Ich dachte damals dasselbe.

Wir hatten bereits zwei Notizen in Kunos Akte.

Entfernt Spielzeug des anderen Hundes.

Möglicherweise Ressourcenverhalten.

Kuno ließ den Ball fallen.

Er rollte unter Boscos erhöhte Liege.

Der Motor sprang an.

Das Metallgestell begann ganz leicht zu zittern.

Bosco erstarrte.

Seine Vorderpfoten rutschten auseinander.

Er zog den Kopf zurück.

Kuno wurde sofort unruhig.

Und Reinhard hob langsam einen Fuß.

„Spürt ihr das?“

Ich schüttelte den Kopf.

Reinhard stellte seinen Arbeitsschuh flach auf den Beton.

Dann ging er in die Knie und legte drei Finger auf den Boden.

„Der Bernhardiner spürt das.“

In diesem Moment vibrierte der Ball erneut.

Bosco drückte sich mit dem Bauch auf den Beton, als würde der Boden unter ihm plötzlich nachgeben.

Kuno schob die Nase durch das Gitter und gab einen kurzen, tiefen Laut von sich.

„Ball raus“, sagte Reinhard.

Unser Kollege Sven zögerte.

„Aber Kuno muss doch lernen, dass ihm nicht alles gehört.“

Reinhard sah ihn an.

„Ich rede nicht von Kuno.“

Wir holten den Ball heraus.

Sobald Sven ihn auf ein Regal legte, hörte Kuno auf zu laufen.

Er ging zu Bosco.

Berührte mit der Nase dessen Vorderpfote.

Dann schlug er zweimal mit seiner rechten Pfote auf den Boden.

Klack.

Klack.

Bosco atmete aus.

Seine Zehen entspannten sich.

Er legte seinen schweren Kopf auf Kunos Rücken.

Niemand sagte etwas.

„Habt ihr ihm das beigebracht?“, fragte Reinhard.

„Nein.“

„Sein alter Besitzer?“

„Keine Ahnung.“

Die beiden Hunde waren neun Tage zuvor gemeinsam zu uns gekommen.

Ihr Besitzer, der 73-jährige Werner Albrecht, hatte einen schweren Schlaganfall erlitten. Sanitäter hatten die Tiere vorübergehend zu uns gebracht, weil niemand wusste, ob Werner jemals wieder allein nach Hause zurückkehren würde.

Auf dem Zettel, den sie mitgebracht hatten, standen nur wenige Informationen.

Medikamente.

Impfungen.

Und ein handgeschriebener Satz:

Der große Hund ist taub. Bitte nicht trennen.

Wir hatten diesen Satz für eine emotionale Bitte gehalten.

Jetzt klang er plötzlich wie eine Warnung.

Noch in derselben Nacht sah ich mir die Aufnahmen unserer Überwachungskameras an.

Kuno interessierte sich kaum für anderes Spielzeug.

Seile ließ er liegen.

Bälle ließ er liegen.

Kauknochen ebenfalls.

Nur diesen blauen vibrierenden Ball nahm er Bosco immer weg.

Aber etwas anderes war noch merkwürdiger.

Jeden Abend, fast zur selben Zeit, ging Kuno unter Boscos Liege.

Er schnupperte am Boden.

Kontrollierte die vier Metallfüße.

Dann kam er zurück.

Berührte Boscos Pfote.

Und schlug zweimal auf den Boden.

Ich rief die Notfallnummer aus den Unterlagen an.

Nach mehreren Versuchen erreichte ich schließlich Werners Nichte Petra.

Als ich ihr von den zwei Schlägen erzählte, wurde sie still.

„Bitte trennt die Hunde nicht“, sagte sie.

„Warum macht Kuno das?“

Wieder Schweigen.

Dann sagte sie:

„Die zwei Schläge bedeuten: Alles ist sicher.“

Am nächsten Nachmittag erzählte sie uns die ganze Geschichte.

Werner hatte selbst seit einem Arbeitsunfall in jungen Jahren stark eingeschränkt gehört.

Deshalb hatte er zu Hause viele Dinge über Licht, Berührung und Vibration geregelt.

Bosco war taub geboren worden.

Werner hatte ihm einfache Signale beigebracht.

Ein leichtes Schleifen mit dem Fuß bedeutete: Schau zu mir.

Drei kräftige Tritte bedeuteten: Komm sofort.

Und zwei sanfte Schläge auf den Boden bedeuteten:

Ruhe. Alles ist vorbei.

Kuno hatte diese Signale nie offiziell gelernt.

Er hatte nur zugesehen.

Doch warum machte der vibrierende Ball Bosco solche Angst?

Darauf wollte Petra am Telefon zunächst nicht antworten.

Am nächsten Tag durften wir mit Werner per Video sprechen.

Er konnte nach dem Schlaganfall kaum reden, aber seine rechte Hand funktionierte.

Petra saß neben ihm und half uns, seine Gesten zu verstehen.

Als Kuno Werner auf dem Bildschirm sah, stellte er sofort die Ohren auf.

Bosco reagierte erst, als Kuno näher an das Tablet ging.

Werner hob zwei Finger.

Kuno setzte sich.

Dann fragte ich nach dem vibrierenden Spielzeug.

Werner schloss die Augen.

Er formte langsam ein Wort mit den Händen.

Keller.

Petra erklärte.

Etwa anderthalb Jahre zuvor war im Haus ein alter Warmwasserspeicher beschädigt worden.

Bevor Wasser austrat, hatte das Gerät heftig gegen den Boden geschlagen.

Werner hatte die Vibration durch seine Schuhe gespürt.

Bosco lag damals unten im Kellerbereich.

Ein Regal war umgestürzt und hatte einen Teil des Weges versperrt.

Wasser lief über den Boden.

Rohre schlugen.

Der Boden vibrierte.

Bosco konnte Werner nicht hören.

Und durch das Chaos konnte er seine Handzeichen nicht sehen.

Kuno war oben gewesen.

Als Werner die Kellertür öffnete, lief Kuno an ihm vorbei.

Er quetschte sich zwischen Geländer und umgestürzten Brettern hindurch.

Wenig später kam er wieder hoch.

Bosco folgte ihm.

Seit diesem Abend reagierte der Bernhardiner auf starke, unregelmäßige Vibrationen.

Eine schleudernde Waschmaschine.

Ein Gerät, das auf harten Boden fiel.

Ein schwerer Wagen mit unrundem Rad.

Werner hatte gelernt, solche Dinge möglichst schnell zu stoppen oder auf Teppiche zu stellen.

Danach ging er zu Bosco.

Berührte seine Pfote.

Zweimal auf den Boden.

Alles sicher.

Kuno sah ihm jahrelang dabei zu.

Irgendwann begann er, es selbst zu tun.

Einmal fiel Werner ein vibrierendes Handy auf die Holzdielen.

Bevor Werner sich bücken konnte, nahm Kuno es ins Maul, trug es auf den Teppich und kam zurück.

Pfote berühren.

Klack.

Klack.

Von da an wiederholte er dieses Muster.

Die Ursache finden.

Die Vibration entfernen.

Zu Bosco zurückgehen.

Berührung.

Zwei Schläge.

Bleiben.

Der blaue Spielball war für Kuno kein Spielzeug.

Er war ein Alarm.

Und wir hatten beinahe einen Hund bestraft, weil er seinen Freund beschützen wollte.

Wir entfernten den Ball.

Unter Boscos Liege kamen dicke Gummimatten.

Die Waschmaschine im Nebenraum bekam neue Dämpfer.

Einige Tage später schlief Bosco erstmals eine ganze Nacht ruhig.

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