Die Bernhardinerhündin lag auf dem überfluteten Gully – erst als wir drei leise Schreie hörten, verstanden wir, warum sie uns nicht heranließ.
„Nehmt den Hund da weg, sonst können wir den Deckel nicht öffnen!“
Ich stand bis zu den Knöcheln im braunen Wasser, beide Hände am Schachthaken. Neben mir versuchte meine Kollegin Jana, eine völlig durchnässte Bernhardinerhündin vom Gullydeckel zu locken.
Die Hündin bewegte sich keinen Zentimeter.
Sie lag mit ihrem ganzen Gewicht auf dem Eisen.
Dann hob sie eine Vorderpfote.
Klonk.
Klonk.
Klonk.
Drei Schläge.
Danach presste sie ihr linkes Ohr gegen den Deckel.
„Hat sie gerade absichtlich geklopft?“, fragte Jana.
Ich hätte beinahe gelacht.
Nach achtzehn Jahren beim städtischen Entwässerungsdienst glaubte ich nicht mehr an Wunder. Ich hatte Ratten aus Schächten geholt, Fahrräder, Einkaufswagen, Matratzen und einmal sogar einen alten Küchentisch.
Aber noch nie hatte ich einen Hund gesehen, der sich so verhielt.
Die Hündin schlug wieder dreimal auf das Eisen.
Dann verstummte sie.
Meine Kollegin Sabine, die normalerweise bei Einsätzen mit Tieren half, kniete sich neben sie und legte zwei Finger auf den Deckel.
Wir warteten.
Das Wasser rauschte am Bordstein vorbei.
Dann riss Sabine ihre Hand zurück.
„Da unten ist etwas.“
Wir stellten den Motor unseres Fahrzeugs ab.
Plötzlich hörte ich es auch.
Ein dünnes Fiepen.
Dann noch eins.
Und ein drittes, weiter entfernt.
Die Bernhardinerhündin sprang auf.
Sie watete einige Meter bergab zu einem Straßeneinlauf, kratzte zweimal über den Beton und lief anschließend zurück zum ersten Schacht.
Damals glaubten wir alle dasselbe.
Welpen.
Ihre Welpen.
Doch schon wenige Minuten später passte diese Erklärung nicht mehr.
Die Hündin hatte keine Anzeichen dafür, dass sie säugte.
Und als Jana zweimal scharf pfiff, damit die Kollegen am anderen Ende der Kreuzung aufmerksam wurden, stand der Hund sofort auf, ging ungefähr einen Meter zur Seite und setzte sich.
Ganz ruhig.
Als hätte jemand ihr genau das beigebracht.
Wir öffneten den ersten Deckel.
Braunes Wasser schoss darunter hindurch.
Die Hündin rannte los.
Nicht weg.
Bergab.
Wir folgten ihr.
Am dritten Schacht ließ sie sich plötzlich flach auf den Boden fallen.
Jana leuchtete durch den schmalen Spalt.
Für einen winzigen Moment erschien eine schwarze Hundenase.
Dann verschwand sie wieder unter Wasser.
Wir rissen den Deckel auf.
Zwei kleine Welpen hatten sich an einer Halterung im Rohr verkeilt. Einer war schwarz, der andere braun. Ihre Körper wurden vom Wasser hin und her geschlagen.
Ein dritter Welpe fehlte.
Die Hündin wusste es offenbar sofort.
Während wir versuchten, die beiden Kleinen herauszuholen, lief sie bereits weiter.
Sie bog in eine schmale Zufahrt hinter einem alten Lagergebäude ein und blieb über einem Ablauf stehen, der laut unseren digitalen Plänen überhaupt nicht mit dieser Leitung verbunden sein sollte.
„Das kann nicht sein“, sagte ich.
Aber der Hund presste wieder sein Ohr auf das Metall.
Später erfuhren wir, dass die Leitung bei Bauarbeiten Jahrzehnte zuvor verändert worden war. Der alte Plan war nie vollständig aktualisiert worden.
Die Hündin brauchte keinen Plan.
Sie hörte etwas.
Oder roch etwas.
Vielleicht beides.
Jana ließ eine kleine Kamera in den Schacht hinunter.
Auf dem Bildschirm sahen wir fast nur schmutziges Wasser.
Dann tauchte etwas Helles auf.
Der dritte Welpe.
Cremefarben, mit einem dunkleren Ohr.
Er hing an einer Rohrverbindung fest und verschwand alle paar Sekunden vollständig unter der Oberfläche.
Ein Mensch konnte dort nicht hinein.
Das Rohr war viel zu eng.
Wir versuchten es mit einer Schlinge.
Daneben stand die Bernhardinerhündin und beobachtete jede Bewegung.
Beim ersten Versuch verfehlten wir den Welpen.
Beim zweiten rutschte das Seil über seinen Rücken.
Da gab die große Hündin drei kurze, ungewöhnlich hohe Laute von sich.
Der Welpe bewegte die Pfote.
Jana sah es.
Sie führte die Schlinge ein Stück nach rechts.
Diesmal saß sie.
Wir zogen.
Der Welpe schlug gegen die Rohrwand, verschwand noch einmal im Wasser und kam direkt unter der Öffnung wieder hoch.
Jana griff hinunter.
Ich hielt Jana.
Ein Kollege hielt mich.
Dann lag der kleine Körper auf dem Asphalt.
Regungslos.
Die Bernhardinerhündin war sofort bei ihm.
Sie leckte zweimal über sein Gesicht, schob ihre Nase unter sein Kinn und trat anschließend zurück.
Nicht hektisch.
Nicht aggressiv.
Sie machte Platz.
Sabine begann sofort mit der Wiederbelebung.
Wir starrten auf den kleinen Brustkorb.
Zehn Sekunden.
Zwanzig.
Dann kam ein schwacher Atemzug.
Der Welpe hustete Wasser.
Die große Hündin setzte sich so plötzlich hin, dass es aussah, als hätten ihre Beine nachgegeben.
Doch danach lief sie noch einmal zu jedem geöffneten Schacht.
Sie hörte.
Wartete.
Prüfte.
Erst als sie alle Stellen kontrolliert hatte, kehrte sie zu den drei Welpen zurück.
Da begriff ich zum ersten Mal, dass wir es nicht mit einem gewöhnlichen Streuner zu tun hatten.
In der Tierarztpraxis bekam sie vorläufig den Namen „Mama“.
Es schien selbstverständlich.
Sie hatte drei Welpen beschützt, deren Bewegungen unter der Straße verfolgt und sich geweigert, sie zurückzulassen.
Doch die Untersuchung brachte etwas Überraschendes.
„Sie kann nicht ihre Mutter sein“, sagte die Tierärztin.
„Sicher?“
„Ganz sicher.“
Die Hündin war ungefähr sieben Jahre alt.
Sie war deutlich zu dünn.
Ihre Pfoten waren wund.
Unter dem Fell an der Schulter verlief eine alte Narbe.
Und sie war seit Jahren kastriert.
Die drei Welpen waren nicht ihre Jungen.
Trotzdem hatte sie für sie ihr Leben riskiert.
Am Hals hing noch ein Stück orangefarbenes Gurtband.
Zuerst hatten wir es für einen kaputten Halsriemen gehalten.
Die Tierärztin sah genauer hin.
„Das war einmal ein Geschirr.“
Eine Seite war sauber durchtrennt.
Die andere ausgefranst.
Noch am selben Abend bekamen wir Aufnahmen einer Überwachungskamera aus einem Lebensmittelgeschäft in der Nähe.
Was darauf zu sehen war, ließ den Raum still werden.
Elf Nächte vor dem Unwetter tauchte die Bernhardinerhündin erstmals hinter dem Lagergebäude auf.
Im Maul trug sie eine zerdrückte Schale mit Essensresten.
Sie legte sie neben den Ablauf.
Dann wartete sie.
Nach einigen Minuten kroch eine kleine gestromte Hündin aus einem Loch am Zaun.
Sie war dünn.
Und eindeutig eine säugende Mutter.
Die Bernhardinerhündin ließ sie fressen.
In der nächsten Nacht kam sie wieder.
Und in der nächsten.
Nach einigen Tagen erschienen drei Welpen hinter dem Gitter.
Die große Hündin beschnupperte jeden einzelnen.
Dann blieb die Mutterhündin plötzlich weg.
Wir fanden später heraus, dass sie zwei Straßen entfernt von einem Lieferwagen angefahren worden war. Sie hatte überlebt und befand sich bereits in tierärztlicher Behandlung.
Die Welpen wusste dort niemand.
Die Bernhardinerhündin offenbar schon.
Sie kam weiterhin jede Nacht.
Sie brachte Futter.
Auf einer Aufnahme sah man sogar, wie sie Fleisch von einem Knochen zog und nur das weiche Stück durch das Gitter schob.
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