Der alte Bernhardiner trug jeden Morgen denselben einohrigen Stoffhasen zur Tür – am Tag seines Abschieds standen plötzlich zwei silberne Krücken vor unserem Gartentor.
„Oskar schafft es nicht mehr“, sagte mein Mann Stefan.
Unser vierzehnjähriger Bernhardiner lag vor der Haustür. Zwischen seinen Vorderpfoten klemmte ein abgewetzter Stoffhase, dem ein Ohr fehlte.
Ich wusste, dass Stefan recht hatte.
Oskar fraß kaum noch. Seine Hüften versagten immer häufiger. Sein Herz war schwach, und bei einer Untersuchung hatte unsere Tierärztin eine große Veränderung nahe seiner Leber entdeckt.
Eine Operation hätte ihm wahrscheinlich keine gute Zeit mehr geschenkt.
Also hatten wir uns für palliative Betreuung entschieden.
Schmerzmittel. Ruhe. Gutes Futter, solange er es wollte.
Und irgendwann die Entscheidung, vor der sich jeder Mensch fürchtet, der ein Tier liebt.
Ich heiße Petra Noll, bin 44 und arbeite in einer kardiologischen Praxis bei Kassel. Jeden Tag sehe ich Menschen, die auf Zahlen schauen und hoffen, dass Zahlen ihnen sagen, wann sie loslassen müssen.
Bei Oskar machte ich genau dasselbe.
Ich zählte seine Atemzüge.
Ich schrieb auf, wie viel er fraß.
Ich beobachtete, wie oft er noch allein aufstehen konnte.
Unser sechzehnjähriger Sohn Malte führte sogar ein kleines Heft darüber.
Stefan hatte sein Arbeitszimmer ins Erdgeschoss verlegt und schlief inzwischen oft auf dem Sofa neben Oskars Körbchen.
Doch seit einigen Tagen geschah etwas, das wir falsch verstanden.
Jeden Morgen nahm Oskar den alten Stoffhasen aus seinem Bett.
Dann schleppte er ihn zur Haustür.
Dort wartete er.
Stundenlang.
Wir dachten, der Hase sei für Oskar eine Art Abschiedsgegenstand.
Er hatte das Spielzeug schon besessen, bevor er zu uns gekommen war.
Malte wusch es vorsichtig im Waschbecken. Stefan nähte eine offene Stelle am Bauch zu. Ich legte den Hasen abends neben Oskar.
Am nächsten Morgen trug er ihn wieder zur Tür.
Immer wieder.
An jenem Montag konnte Oskar nicht mehr allein aufstehen.
Seine Hinterbeine gaben sofort nach.
Er verweigerte Huhn, Käse und sogar die Leberpaste, für die er früher jeden Anstand vergessen hätte.
Ich rief unsere Tierärztin, Frau Dr. Neumann, an.
Sie konnte gegen elf Uhr kommen.
Niemand sagte das Wort.
Trotzdem wussten wir alle, warum sie kommen sollte.
Malte setzte sich neben Oskar und legte seine Stirn gegen seinen breiten Hals.
Stefan holte seine Lieblingsdecke.
Ich stand mitten im Flur und versuchte, nicht auf die Uhr zu sehen.
Dann hob Oskar plötzlich den Kopf.
Er zog sich mit den Vorderpfoten nach vorn.
Zentimeter für Zentimeter.
Bis zum Stoffhasen.
Er nahm ihn ins Maul.
„Oskar, lass doch“, flüsterte Malte.
Doch Oskar kroch weiter.
Bis zur Haustür.
Stefan öffnete sie.
Oskar blieb liegen und sah nach draußen.
Nicht zu uns.
Nicht in den Garten.
Er blickte zum Haus schräg gegenüber.
Um 10.15 Uhr bewegte sich sein Schwanz.
Einmal.
Vor unserem Gartentor stand Jule.
Sie war zehn Jahre alt und trug eine violette Jacke. Unter ihrer Hose zeichneten sich Schienen an beiden Beinen ab. In den Händen hielt sie zwei silberne Unterarmgehstützen.
Ihre Mutter Gundula blieb einige Schritte hinter ihr.
„Heute nicht“, rief ich.
Jule ignorierte mich.
Stütze.
Fuß.
Stütze.
Fuß.
Sie bewegte sich langsam auf unser Tor zu.
Oskar beobachtete jeden Schritt.
Dann stemmte sich dieser Hund, der am Morgen nicht einmal zum Wassernapf gekommen war, plötzlich hoch.
Malte griff nach seinem Tragegurt.
Jule schüttelte den Kopf.
„Lass ihn erst versuchen.“
Oskar machte einen Schritt.
Jule setzte eine Stütze nach vorn.
Oskar blieb stehen.
Jule blieb stehen.
Dann gingen beide weiter.
Nach wenigen Metern knickten Oskars Hinterbeine ein.
Jule ließ sich vorsichtig zwischen ihre Stützen auf die Knie sinken.
Oskar kroch zu ihr.
Nicht zu mir.
Nicht zu Stefan.
Zu Jule.
Und dann legte er den einohrigen Stoffhasen in ihren Schoß.
Da verstand ich noch immer nichts.
Die Wahrheit begann fast ein Jahr früher.
Wir hatten Oskar im April aus einem kleinen Tierheim außerhalb von Kassel geholt.
Eigentlich wollten wir nur alte Decken und Futter abgeben.
Stefan hatte vorher ausdrücklich gesagt:
„Wir nehmen keinen Hund mit.“
Oskar saß im letzten Bereich für ältere Tiere.
Ein riesiger Bernhardiner mit weißer Brust, rostbraunen Ohren und Pfoten, die aussahen wie kleine Teller.
Auf seinem Zettel stand, dass seine Besitzerin in eine Pflegeeinrichtung ziehen musste.
Sie hatte Oskar seit seiner Welpenzeit gehabt.
Mitnehmen hatte sie ihn nicht können.
Den Stoffhasen hatte sie ihm dagelassen.
Oskar stand nicht auf, als wir seinen Zwinger betraten.
Malte setzte sich einfach auf die Bank.
Nach weniger als einer Minute erhob Oskar sich, ging zu ihm und legte sich quer über seine Schuhe.
Für Oskar war damit offenbar alles entschieden.
Zu Hause entwickelte er schnell feste Gewohnheiten.
Er mochte Brotkrusten.
Er mochte kalte Fliesen.
Und er hörte unser Gartentor früher als jeder andere.
Genau dieses Tor wurde wichtig, als Jule auftauchte.
Jule wohnte mit ihrer Mutter schräg gegenüber.
Durch eine Bewegungsstörung waren ihre Beinmuskeln stark angespannt. Kurze Strecken konnte sie mit Unterarmgehstützen schaffen, aber jeder Schritt kostete Kraft und Konzentration.
Beim ersten Treffen blieb sie außerhalb unseres Zauns.
„Springt der?“, fragte sie.
Malte sah Oskar an.
„Der springt nicht. Der ist froh, wenn er steht.“
Jule lachte.
Sie streckte einen Finger durch den Zaun.
Oskar setzte sich.
Am nächsten Tag kam sie wieder.
Sie brauchte fast zehn Minuten vom Tor bis zu unserer Terrasse.
Oskar lief neben ihr.
Langsam.
Sehr langsam.
Und genau deshalb funktionierte es.
Wenn Jule anhielt, hielt Oskar an.
Wenn Oskar eine Hinterpfote nachzog, wartete Jule.
Keiner behandelte den anderen wie jemanden, der bemitleidet werden musste.
Im Winter musste Jule an beiden Beinen operiert werden.
Danach begann die anstrengende Rehabilitation.
Oskar wurde zur gleichen Zeit schwächer.
Seine Hüften machten ihm immer mehr Probleme.
So trafen sich zwei Lebewesen, deren Körper plötzlich nicht mehr so gehorchten wie früher.
Eines Tages fand Jule den alten Stoffhasen in unserem Wäschekorb.
Sie drückte ihn.
Der kaputte Quietscher gab einen dünnen Ton von sich.
Oskar stand auf.
Jule drückte noch einmal.
Oskar machte einen Schritt.
Von diesem Tag an wurde der Hase Teil ihres Rituals.
Jule legte ihn ein paar Meter entfernt auf den Boden.
Oskar sollte zu ihr gehen.
Danach lief Jule dieselbe Strecke zurück, während Oskar beim Hasen wartete.
Es war keine medizinische Methode.
Es war einfach ihr Spiel.
Doch beide machten Fortschritte.
An manchen Tagen mehr.
An manchen Tagen fast gar nicht.
Wenn Jule stolperte, blieb Oskar stehen.
Wenn Oskar sich hinlegte, setzte Jule sich dazu.
Einmal warf sie frustriert eine ihrer Stützen ins Gras.
Oskar legte seine Pfote darauf.
„Die brauche ich noch“, schimpfte sie.
Er nahm die Pfote erst weg, als sie die Stütze wieder aufhob.
Jule lachte Tränen.
Dann kam Oskars Diagnose.
Die Tierärztin erklärte uns, dass wir keine Krankheit mehr besiegen würden.
Wir könnten nur dafür sorgen, dass seine letzten Wochen noch ihm gehörten.
Malte begann sein Heft.
Essen.
Atmung.
Schlaf.
Schmerzen.
Aufstehen.
Was wir zunächst nicht notierten, war Jule.
Dabei veränderte sie alles.
An Tagen, an denen sie kam, fraß Oskar deutlich besser.
Er stand häufiger auf.
Kurz vor ihrer üblichen Besuchszeit hob er den Kopf und lauschte.
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