Zehn Jahre lang kam dieser riesige Mann mit seinem Rottweiler jeden Freitag in meine Bäckerei – am Tag meiner Krebsdiagnose erzählte er mir, was mein verstorbener Mann ihm auf dem Sterbebett abverlangt hatte.
Meine Hände zitterten so stark, dass ich den Klebestreifen zweimal schief auf das Schild drückte.
GESCHÄFTSAUFGABE.
Darunter hatte ich mit Kugelschreiber geschrieben:
Bäckerei abzugeben.
Ich stand hinter der alten Holztheke, die mein Mann Joachim vor fast vierzig Jahren selbst gebaut hatte, und starrte auf diese Worte.
Es fühlte sich an, als hätte ich nicht nur einen Laden zum Verkauf angeboten.
Sondern mein ganzes Leben.
Ich heiße Christa Bernau, bin 67 Jahre alt und habe mehr als vier Jahrzehnte in dieser kleinen Bäckerei am Rand von Kassel verbracht.
Am Abend zuvor hatte mir mein Arzt gesagt, dass der Tumor bösartig war.
Aggressiv.
Die Behandlung müsse schnell beginnen.
Operation, Medikamente, mehrere Monate, in denen niemand sagen konnte, wie belastbar ich sein würde.
Der Arzt hatte viel erklärt.
Ich hatte kaum etwas davon behalten.
Nur einen Satz.
„Frau Bernau, Sie müssen jetzt an sich denken.“
An mich.
Das war etwas, das ich seit Joachims Tod vor zwölf Jahren nicht mehr besonders gut konnte.
Ich hatte keine Kinder.
Meine Schwester war längst verstorben, meine wenigen Verwandten lebten weit entfernt.
Und die Bäckerei hatte ich seit Jahren praktisch allein geführt.
Natürlich hätte meine Krankenversicherung den größten Teil der medizinisch notwendigen Behandlung übernommen.
Aber davon bezahlte niemand die laufenden Kosten meines Ladens.
Die Pacht.
Strom.
Versicherungen.
Lieferungen.
Eine Vertretung.
Und wenn ich monatelang ausfiel, würde irgendwann niemand mehr durch diese Tür kommen.
Also hatte ich am Morgen die Entscheidung getroffen.
Verkaufen.
Schließen.
Joachims Lebenswerk aufgeben.
Ich drückte gerade das Schild gegen die Scheibe, als hinter mir die kleine Glocke über der Eingangstür klingelte.
Dann hörte ich schwere Schritte.
Langsam.
Gleichmäßig.
Dazu das tiefe Atmen eines großen Hundes.
Ich musste mich nicht umdrehen.
Es war Malte.
Seit fast zehn Jahren kam er jeden Freitag gegen halb zehn.
Immer allein.
Immer mit Bero.
Malte war Anfang vierzig, fast zwei Meter groß und so breit gebaut, dass er in meiner kleinen Bäckerei manchmal aussah, als würde er den ganzen Raum ausfüllen.
Seine Arme waren tätowiert.
Über einer Augenbraue verlief eine alte Narbe.
Er trug meistens Arbeitsschuhe, dunkle Hosen und eine abgenutzte Jacke.
Viele Menschen wechselten auf dem Gehweg die Seite, wenn sie ihn sahen.
Vor allem wegen Bero.
Bero war ein Rottweiler mit einem gewaltigen Kopf, breiter Brust und dunklen Augen.
Ein Hund, bei dem Fremde automatisch einen Schritt zurückgingen.
Bei mir hatte er seit Jahren denselben Ablauf.
Er kam herein.
Schnupperte einmal Richtung Backstube.
Legte sich neben die Theke.
Und wartete darauf, dass ich so tat, als hätte ich zufällig einen kleinen Hundekeks ohne Zucker übrig.
„Na, ihr zwei“, sagte ich, ohne mich umzudrehen.
Meine Stimme klang falsch.
Malte antwortete nicht.
Ich hörte nur, wie seine Schritte stoppten.
Dann sagte er:
„Christa.“
Er nannte mich sonst immer Frau Bernau.
Ich drehte mich langsam um.
Sein Blick hing am Schild.
„Was soll das?“
Ich versuchte zu lächeln.
Es gelang mir nicht.
„Ich höre auf.“
Er runzelte die Stirn.
„Warum?“
Ich sah auf meine Hände.
Dann sagte ich es einfach.
„Ich habe Krebs.“
Bero hob sofort den Kopf.
Malte bewegte sich keinen Zentimeter.
„Seit wann wissen Sie das?“
„Seit gestern.“
„Und deswegen wollen Sie verkaufen?“
„Deswegen muss ich verkaufen.“
Meine Stimme wurde lauter, als ich wollte.
„Ich kann doch nicht morgens um vier hier stehen, wenn ich gleichzeitig im Krankenhaus behandelt werde. Ich kann niemanden einstellen. Ich habe keine Rücklagen für Monate. Und ich weiß nicht einmal, wie ich mich nach der Operation fühlen werde.“
Malte starrte mich an.
In seinem Gesicht bewegte sich etwas.
Nicht Mitleid.
Etwas Tieferes.
Ich setzte mich auf den kleinen Hocker hinter der Kasse.
„Joachim hätte das gehasst“, sagte ich.
Dieser Satz tat mehr weh als alles andere.
Joachim.
Mein Mann.
Mein bester Freund.
Der sturste Mensch, den ich je gekannt hatte.
Er konnte vier Uhr morgens in einer heißen Backstube stehen und trotzdem behaupten, er hätte den schönsten Beruf der Welt.
Aber die Bäckerei war nur ein Teil von ihm gewesen.
Der andere Teil gehörte Menschen, die sonst kaum jemand sehen wollte.
Jahrelang hatte Joachim seine freien Nachmittage in einer Betreuungseinrichtung für Jugendliche verbracht, die große Schwierigkeiten hinter sich hatten.
Manche waren häufig von der Schule geflogen.
Andere hatten Ärger mit Behörden oder waren wegen Gewaltdelikten aufgefallen.
Joachim interessierte das wenig.
Er sagte immer:
„Ein Mensch ist mehr als das Schlimmste, was er getan hat.“
Gemeinsam mit Betreuern hatte er ein Projekt aufgebaut.
Die Jugendlichen kümmerten sich um schwer vermittelbare Hunde aus Tierheimen und Pflegestellen.
Keine Show.
Keine Heldengeschichten.
Einfach füttern.
Spazieren gehen.
Trainieren.
Geduld lernen.
Verantwortung übernehmen.
Joachim glaubte, dass ein junger Mensch, der plötzlich für ein anderes Lebewesen verantwortlich war, manchmal zum ersten Mal begriff, dass er selbst ebenfalls etwas wert sein konnte.
Nach Joachims Tod hatte ich mit diesem Teil seines Lebens kaum noch Kontakt gehabt.
Nicht weil er mir egal gewesen wäre.
Ich konnte es einfach nicht.
Jedes Gesicht aus jener Zeit erinnerte mich zu sehr an ihn.
Also arbeitete ich.
Sechs Tage die Woche.
Manchmal sieben.
Wenn die Backstube nach Hefeteig, Kaffee und warmem Apfel roch, konnte ich mir einreden, Joachim sei nur kurz im Keller.
Malte trat näher.
„Sie wollen wirklich alles aufgeben?“
Ich nickte.
„Was bleibt mir denn anderes übrig?“
Er sah mich lange an.
Dann blickte er nach draußen.
Erst jetzt bemerkte ich, dass auf dem Gehweg Menschen standen.
Bestimmt zwanzig.
Männer.
Frauen.
Jüngere und ältere.
Ein Mann trug Arbeitskleidung.
Eine Frau einen schlichten Hosenanzug.
Ein anderer hatte noch eine Warnweste über dem Pullover.
Und fast jeder hielt eine Hundeleine.
Ein Schäferhund saß neben einem Mann mit grauen Haaren.
Ein kleiner Terrier zitterte vor Aufregung.
Ein brauner Mischling lehnte sich gegen das Bein seiner Besitzerin.
Ich stand auf.
„Was ist denn da draußen los?“
Malte antwortete nicht.
Stattdessen ging er zu Bero.
Er kniete sich hin und öffnete das breite Lederhalsband des Hundes.
Bero blieb ruhig sitzen.
Malte nahm das Halsband in beide Hände und legte es auf meine Theke.
„Drehen Sie es um.“
„Was?“
„Bitte.“
Ich nahm das Leder.
Auf der Innenseite befand sich eine kleine Metallplatte.
Sie war so angebracht, dass man sie von außen nicht sehen konnte.
Darauf standen nur wenige Worte.
Für Joachim.
Du hast uns beide gerettet.
Ich las den Satz zweimal.
Dann ein drittes Mal.
„Was bedeutet das?“
Malte setzte beide Hände auf die Theke.
Plötzlich sah dieser riesige Mann aus, als müsste er sich irgendwo festhalten.
„Ich kannte Ihren Mann.“
Mein Herz machte einen Sprung.
„Was?“
„Nicht aus der Bäckerei.“
Er atmete tief ein.
„Aus der Einrichtung.“
Ich starrte ihn an.
Malte senkte den Blick.
„Ich war siebzehn.“
Dann erzählte er mir eine Geschichte, von der ich zwölf Jahre lang nichts gewusst hatte.
Er sei damals wütend auf alles gewesen.
Auf seine Familie.
Auf Lehrer.
Auf Behörden.
Vor allem auf sich selbst.
Er habe ständig Streit gesucht, Regeln gebrochen und jeden Menschen weggestoßen, der ihm helfen wollte.
„Ich war überzeugt, dass sowieso jeder schlecht von mir dachte“, sagte er.
„Also habe ich mich irgendwann genauso verhalten.“
Dann kam Joachim.
Nicht mit einer Predigt.
Nicht mit Fragen.
Er stellte einfach eine Transportbox auf den Boden.
Darin saß eine junge Rottweilerhündin.
Dünn.
Vernarbt.
Ängstlich.
Sie war aus schlimmer Haltung gekommen und hatte kaum Vertrauen zu Menschen.
„Er sagte zu mir: ,Du hältst dich für hoffnungslos? Der Hund hier hält Menschen für hoffnungslos. Vielleicht könnt ihr euch gegenseitig eines Besseren belehren.‘“
Trotz meiner Tränen musste ich lachen.
Das klang tatsächlich nach Joachim.
Malte lächelte kurz.
„Ich wollte zuerst nichts mit ihr zu tun haben.“
Doch Joachim blieb hartnäckig.
Malte lernte, die Hündin zu füttern.
Mit ihr ruhig zu sprechen.
Nicht an der Leine zu reißen.
Nicht laut zu werden, wenn sie Angst bekam.
Wochen wurden zu Monaten.
Die Hündin begann, ihm zu vertrauen.
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