Sie blieb stehen, als sie Henrik sah.
„Sabine?“
„Mama, das ist Henrik.“
„Aha.“
„Lina hat ihn eingeladen.“
Die ältere Frau sah erst Lina an.
Dann Henrik.
Dann wieder Sabine.
„Natürlich hat sie das.“
„Er war allein“, erklärte Lina.
„Natürlich war er das.“
Henrik räusperte sich.
„Frohe Weihnachten.“
Die Frau kam näher.
„Erika Berger.“
Sie schüttelte ihm die Hand.
„Und falls Sie irgendeinen Unsinn machen, müssen Sie wissen, dass ich seit vierzig Jahren schwere Bräter aus Gusseisen hebe.“
„Mama!“
Henrik nickte.
„Verstanden.“
Erika lächelte plötzlich.
„Gut. Dann Jacke aus. Das Essen wird kalt.“
Henrik hing seinen teuren Mantel an einen Haken zwischen eine pinkfarbene Kinderjacke und Erikas alten Wollmantel.
Es war das erste Mal seit Jahren, dass ihm sein Mantel lächerlich vorkam.
Am Tisch gab es keine Platzkarten.
Keine Stoffservietten.
Keine Menschen, die darauf warteten, dass der wichtigste Gast zuerst sprach.
Lina erzählte während des Essens ununterbrochen.
Über den Kindergarten.
Über Bruno.
Über einen Jungen, der behauptet hatte, der Weihnachtsmann besitze ein Motorrad.
Erika widersprach energisch.
„Bei den Straßenverhältnissen? Niemals.“
Sabine schob ihrer Tochter Gemüse auf den Teller.
Lina schob es unauffällig wieder zur Seite.
„Ich sehe das“, sagte Sabine.
„Was?“
Henrik biss sich auf die Lippe, um nicht zu lachen.
Der Braten war an den Rändern etwas trocken.
Die Kartoffeln waren großartig.
Erika bestand darauf, dass dies an Muskat und echter Butter liege.
„Mit diesen modernen Ersatzsachen kann man mir wegbleiben.“
„Mama.“
„Ich sage ja nur.“
Es war das beste Weihnachtsessen, das Henrik seit langer Zeit gegessen hatte.
Nicht wegen des Essens.
Wegen der Geräusche.
Besteck auf Tellern.
Lachen.
Lina, die dreimal gleichzeitig erzählen wollte.
Erika, die dazwischenredete.
Sabine, die so tat, als würde sie sich darüber ärgern.
Henrik erinnerte sich plötzlich daran, wie Weihnachten früher bei seinen Eltern gewesen war.
Sein Vater hatte jedes Jahr dieselbe Schallplatte aufgelegt.
Seine Mutter hatte zu viel gekocht.
Und spätestens um acht hatte irgendjemand gesagt:
„Das nächste Jahr machen wir es einfacher.“
Sie hatten es nie einfacher gemacht.
Damals hatte Henrik diese Rituale langweilig gefunden.
Heute hätte er viel dafür gegeben, noch einmal dabei zu sitzen.
„Also“, sagte Erika plötzlich.
„Was machen Sie beruflich?“
„Mama.“
„Was denn? Der Mann sitzt an unserem Tisch. Ich möchte wissen, wer meinen Apfelkuchen isst.“
Henrik legte die Gabel hin.
„Ich leite ein Softwareunternehmen.“
„Groß?“
„Relativ.“
Sabine sah ihn an.
„Relativ bedeutet bei Männern meistens groß.“
Henrik lächelte.
„Etwas über zweihundert Mitarbeiter.“
Erika pfiff leise durch die Zähne.
„Und trotzdem saßen Sie allein vor einem Café?“
Sabine wollte etwas sagen.
Henrik hob die Hand.
„Die Frage ist berechtigt.“
Erika lehnte sich zurück.
„Zu viel gearbeitet?“
Henrik sah sie überrascht an.
„Woher wissen Sie das?“
„Ich bin 72. Irgendwann wiederholen sich die Geschichten.“
Sabine stöhnte.
„Mama.“
„Ist doch wahr.“
Erika sah Henrik direkt an.
„Manche Männer verlieren ihre Familie an Alkohol. Manche an andere Frauen. Und manche verlieren sie an ihren Schreibtisch und merken es erst, wenn keiner mehr anruft.“
Henrik schwieg.
Lina sah von einem Erwachsenen zum anderen.
„Haben Sie Ihre Familie verloren?“
„Ein bisschen.“
„Kann man sie wiederfinden?“
Henrik wollte automatisch sagen, dass Erwachsene Dinge manchmal nicht reparieren könnten.
Doch Erika kam ihm zuvor.
„Man kann nicht alles zurückholen.“
Dann sah sie Henrik an.
„Aber solange man lebt, kann man noch entscheiden, was man mit dem Rest macht.“
Henrik spürte einen Druck hinter den Augen.
Er nahm einen Schluck Wasser.
„Ich habe sehr lange gedacht, Erfolg wäre dasselbe wie ein gutes Leben.“
Erika nickte.
„Das denken viele.“
„Ich habe ein Unternehmen aufgebaut.“
„Auch nicht schlecht.“
„Aber irgendwie habe ich vergessen, daneben ein Leben aufzubauen.“
Erika sagte nichts.
Sabine ebenfalls nicht.
Nur Lina legte ihre kleine Hand auf Henriks Unterarm.
„Jetzt sind Sie ja hier.“
Mehr sagte sie nicht.
Und genau deshalb traf es ihn.
Nach dem Essen räumten sie gemeinsam ab.
Henrik wollte helfen.
Erika drückte ihm ein Geschirrtuch in die Hand.
„Dann beweisen Sie mal, ob ein Geschäftsführer Teller abtrocknen kann.“
„Ich werde mein Bestes geben.“
„Das sagen Leute immer, wenn sie keine Ahnung haben.“
Sabine lachte.
Später saßen sie im Wohnzimmer.
Auf dem Fernseher lief ein alter Weihnachtsfilm.
Lina bestand darauf, dass Henrik den Sessel bekam.
„Das ist eigentlich Omas Platz.“
Erika sah empört aus.
„Ach, plötzlich?“
„Nur heute.“
Sabine brachte Tee und gekaufte Plätzchen.
„Ich hatte diese Woche Spätschichten“, erklärte sie. „Für Selbstbacken war keine Zeit.“
Henrik nahm eines.
„Schmeckt ausgezeichnet.“
„Sie müssen nicht höflich sein.“
„Bin ich nicht.“
Sabine arbeitete als Pflegefachkraft in einem größeren Krankenhaus.
Über die Feiertage fehlten Kollegen.
Dazu kam Lina.
Die Miete.
Das Auto, das immer dann kaputtging, wenn das Konto ohnehin leer war.
Linas Vater überwies unregelmäßig Geld und meldete sich noch unregelmäßiger.
Sabine erzählte es ohne Bitterkeit.
Fast.
Henrik hörte trotzdem, wie viel Müdigkeit zwischen ihren Sätzen lag.
„Sie machen das alles allein?“
„Meine Mutter hilft.“
Erika hob die Teetasse.
„Und beschwert sich dabei.“
„Sehr gründlich.“
„Sonst merkt ihr Jungen doch gar nicht, was man für euch tut.“
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