Der reiche Geschäftsmann saß Heiligabend völlig allein – dann zeigte ein kleines Mädchen auf ihn

Lina kletterte irgendwann neben Henrik auf den Sessel.

Dann lehnte sie sich an ihn.

Eine halbe Stunde später war sie eingeschlafen.

Bruno lag zwischen ihnen.

Henrik bewegte sich nicht.

Er wusste nicht, weshalb.

Vielleicht weil er Angst hatte, diesen Augenblick zu zerstören.

Er blickte auf das schlafende Kind.

Wann hatte sich zuletzt jemand so selbstverständlich an ihn gelehnt?

Nicht weil er etwas entscheiden sollte.

Nicht weil jemand eine Unterschrift brauchte.

Nicht weil seine Anwesenheit Einfluss, Geld oder Vorteile bedeutete.

Einfach nur, weil er da war.

Sabine bemerkte seinen Blick.

„Ich kann sie ins Bett bringen.“

„Lassen Sie sie.“

Henriks Stimme war leiser als beabsichtigt.

„Es ist schön.“

Nach dem Film brachte Sabine Lina schließlich ins Schlafzimmer.

Erika verabschiedete sich wenig später.

„Ich gehe schlafen.“

Dann zeigte sie auf Henrik.

„Und Sie kommen wieder.“

Henrik lächelte.

„Ist das eine Einladung?“

„Nein. Eine Anweisung.“

Als sie verschwunden war, saßen Henrik und Sabine allein im Wohnzimmer.

Die Baumbeleuchtung spiegelte sich in der Fensterscheibe.

„Ich hoffe, Sie bereuen es nicht“, sagte Sabine.

„Was?“

„Mitgekommen zu sein.“

Henrik sah sich um.

Die abgestoßene Ecke am Couchtisch.

Die Kinderzeichnung am Kühlschrank.

Den schiefen Stern.

„Nein.“

Er überlegte kurz.

„Ich glaube, ich habe heute erst verstanden, wie leer meine Wohnung ist.“

Sabine lächelte traurig.

„Manchmal ist eine kleine Wohnung weniger leer als eine große.“

Henrik sah sie an.

„Sie haben mich eingeladen, obwohl Sie mich nicht kannten.“

„Eigentlich war das Lina.“

„Sie hätten Nein sagen können.“

„Das hätte ich vermutlich auch getan.“

„Warum haben Sie es nicht?“

Sabine schwieg lange.

„Weil mein Vater nach dem Tod meiner Mutter einmal Weihnachten allein verbringen wollte.“

Henrik wartete.

„Er sagte immer, es mache ihm nichts aus. Er sei müde. Er wolle seine Ruhe.“

Sie strich mit dem Finger über den Rand ihrer Tasse.

„Später hat er mir erzählt, dass es das einsamste Weihnachten seines Lebens gewesen sei.“

Sabine sah Henrik an.

„Seitdem glaube ich Menschen nicht mehr sofort, wenn sie sagen, Alleinsein mache ihnen nichts aus.“

Henrik schluckte.

„Mir macht es etwas aus.“

„Das dachte ich mir.“

Zum ersten Mal seit langer Zeit sagte Henrik einem fast fremden Menschen die Wahrheit.

Er erzählte von Claudia.

Von seinen Eltern.

Von den Freunden, denen er jahrelang abgesagt hatte.

Von seinem Vater, der ihm einmal gesagt hatte:

„Junge, am Ende kommt keiner zu deinem Geburtstag, nur weil du viel gearbeitet hast.“

Henrik hatte darüber gelacht.

Zwei Jahre später war sein Vater tot gewesen.

„Ich dachte immer, später wäre noch genug Zeit.“

Sabine nickte.

„Das denken wir alle.“

„Und wenn nicht?“

„Dann muss man mit der Zeit anfangen, die noch da ist.“

Als Henrik kurz vor Mitternacht ging, stand Lina plötzlich verschlafen im Flur.

Ihre Haare waren zerzaust.

Bruno hing unter ihrem Arm.

„Gehen Sie schon?“

„Ja.“

„Kommen Sie morgen wieder?“

Henrik sah zu Sabine.

Sabine hob leicht die Schultern.

„Wenn du möchtest.“

„Möchte ich.“

Henrik kniete sich vor Lina.

„Dann komme ich.“

„Versprochen?“

Er zögerte keine Sekunde.

„Versprochen.“

In seiner Wohnung stellte Henrik später kein Licht an.

Die Stadt leuchtete durch die großen Fenster.

Seine Möbel sahen aus wie aus einem Katalog.

Kein Kratzer.

Kein Spielzeug auf dem Boden.

Keine Jacke über einer Stuhllehne.

Keine alte Schallplatte.

Kein schiefer Stern.

Henrik stand lange mitten im Wohnzimmer.

Zum ersten Mal empfand er nicht Stolz.

Sondern Trauer.

Am nächsten Morgen ging er einkaufen.

Nicht sein Assistent.

Nicht irgendein Mitarbeiter.

Er selbst.

Für Erika fand er einen warmen Wollschal.

Für Sabine ein hochwertiges Erste-Hilfe-Set und einen Gutschein für ein kleines Restaurant, nachdem ihm einfiel, dass praktische Menschen manchmal ebenfalls einen Abend ohne Pflichten verdient hatten.

Für Lina kaufte er Bücher.

Und einen kleinen Stoffhasen.

Als Gesellschaft für Bruno.

Beim Essen sagte Sabine:

„Das ist viel zu viel.“

Henrik antwortete:

„Nein.“

„Henrik.“

„Gestern haben Sie mir etwas gegeben, das ich nicht kaufen kann. Dagegen ist das hier wenig.“

Lina interessierte sich sowieso weniger für die Geschenke als für die Tatsache, dass er tatsächlich wiedergekommen war.

„Ich wusste es!“

Sie rannte ihm entgegen.

„Ich habe Oma gesagt, Sie halten Ihr Versprechen.“

Erika rief aus der Küche:

„Ich habe nie etwas anderes behauptet!“

Es blieb nicht bei diesen zwei Tagen.

Henrik kam wieder.

Erst zwei Wochen später.

Dann öfter.

Manchmal brachte er Essen mit.

Manchmal kam er mit leeren Händen.

Sabine sagte irgendwann:

„Die Besuche ohne Geschenke gefallen mir besser.“

Henrik verstand.

Er begann, Lina vorzulesen.

Er saß bei ihren kleinen Aufführungen im Kindergarten zwischen Eltern und Großeltern und klatschte vermutlich zu laut.

Er half Erika, einen wackelnden Schrank zu reparieren.

Er brachte dabei die Tür schief an.

Erika betrachtete das Ergebnis.

„Software können Sie hoffentlich besser.“

Henrik lachte.

Im Frühjahr lud Sabine ihn zu einem Spaziergang ein.

Ohne Lina.

Ohne Erika.

Zum ersten Mal bemerkte Henrik, wie nervös er war.

Sie gingen später essen.

Henrik legte sein Telefon ausgeschaltet in die Jackentasche.

Nicht lautlos.

Ausgeschaltet.

Sabine bemerkte es.

„Geschäftsführer dürfen das?“

„Ich lerne.“

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